Wie läuft eine Alkoholentgiftung?

  • Hier im Forum wird oft gefragt, wie eine Alkoholentgiftung vonstatten geht.
    Aus meinen eigenen Erfahrungen möchte ich mal erläutern, wie ich eine stationäre Entgiftung im Krankenhaus erlebt habe.
    Ich habe ( leider ) sehr viele Entgiftungen gemacht, die teilweise unnötig waren, weil ich eh nicht aufhören wollte, aber die letzten zwei Jahre vor meiner Nüchternheit, war das auch anders und ich hatte den festen Willen, nach der Entgiftung auch keinen Alkohol mehr zu trinken. Das ich doch wieder getrunken hab, steht auf einen anderem Blatt.


    Im Jahre 1996, als ich nach einem einjährigem Aufenthalt in einer Selbsthilfewohngemeinschaft, wieder mal der Meinung war, es alleine zu schaffen, verließ ich diese Wohngemeinschaft und habe auch gleich wieder angefangen zu trinken.
    In dem Obdachlosenheim, dass mir das Sozialamt zugewiesen hatte, wohnte ich und trank.
    Das ging natürlich nur ein paar Wochen gut, weil mein Körper eh schon fertig war und ich nach dem einen Jahr Nüchternheit auch gleich wieder bei der alten Menge war.


    Glücklicherweise war ich im Suff auch sehr streitsüchtig und wurde eines Tages zusammengeschlagen, was mich ins Krankenhaus brachte. Dort versorgte man mich und am zweiten oder dritten Tag kam eine Psychologe des Krankenhauses und unterhielt sich mit mir über mein weiteres Leben. Ich war in diesem Krankenhaus schon bekannt, weil ich dort öfter schon übernächtigt hatte.
    Zum Ende des Gesprächs machte er mir den Vorschlag, mich auf die Entgiftungsstation zu verlegen, wo ich eine dreiwöchige Entgiftung machen sollte. Ich willigte ein, weil ich eh nicht wusste wohin.


    Der erste Tag der Alkoholentgiftung


    So richtig vom ersten Tag konnte man ja nicht sprechen, denn ich war ja schon auf der anderen Station ohne Alkohol und unter ärztlicher Aufsicht gezittert.
    Als ich auf die Entgiftungsstation kam, ging es mir aber körperlich noch nicht besser. Ich zitterte immer noch und konnte auch kaum alleine laufen. Ich wurde dem Arzt vorgestellt, der mir auch gleich Medikamente verordnete, damit ich den Entzug sicher abschließen konnte.
    Ich wurde dann einem Zimmer zugeteilt, wo es noch drei andere Betten gab, aber keiner der Patienten war da. Ich hatte ja kaum Sachen, weil ich aus dem Obdachlosenheim nichts mitgenommen hatte und auch kaum was hatte, was ich hätte mitnehmen können.
    So legte ich die Handtücher, die ich vom Krankenhaus bekommen hatte, in den Schrank und setzte mich auf das Bett.
    Meine Überlegungen waren auf das vergangene nüchterne Jahr gerichtet und warum ich nun schon wieder in einem Krankenhaus gelandet bin. Ich wollte endlich leben und nahm mir fest vor, diesmal alles anders und richtig zu machen.


    Dann wurde ich zum essen gerufen. Ich hatte zwar keinen Hunger, aber ich ging in den Speisesaal, weil ich auch die Örtlichkeiten erkunden wollte. Als ich mich an den Tisch setzte, wo noch keiner saß, schaute ich mich um. Ich kannte das Alles schon, denn wieder saßen an einem großen Tisch eine Gruppe, wo ich aus den Gesprächen heraushörte, dass sie wie ich, genauso solche Dauerpatienten waren, die immer wieder hierher kamen. An den anderen Tischen saßen immer nur zwei, drei Patienten, die sich über normale Dinge des Lebens unterhielten.
    Aus meinen früheren Krankenhausaufenthalten wusste ich, dass es jetzt zu einer Entscheidung kommen musste, welchen Patienten ich mich anschloss. Entweder gleich zu der großen Gruppe, wo ich früher immer gewesen bin, wo aber schon im Vorfeld klar war, dass ich mich dann wieder nicht auf die Entgiftung einlassen würde oder halt zu ein paar wenigen Patienten, die immer als Außenseiter von mir früher angesehen waren, denn solche Patienten waren oft zum ersten mal und meistens auch zum einzigsten mal hier.
    Mir wurde die Entscheidung abgenommen, als sich plötzlich ein junger Mann an meinen Tisch setzte. Ich kannte ihn nicht und er schien auch hier niemanden zu kennen, der sah sich vorsichtig um. Wir unterhielten uns etwas und wie sich herausstellte, war er zum ersten mal in einer Alkoholentgiftung. Das ich schon öfter eine Entgiftung gemacht hatte, ignorierte er, denn er kante sich nicht aus.


    Nach dem Mittag fand eine sogenannte „große Gruppe“ statt, wo sich alle Patienten im Speiseraum in einem Kreis setzten. Die Neuen sollten sich vorstellen. Der junge Mann und ich waren die einzigsten beiden Neuen an diesem Tag.
    Ich hörte zu, was er sagte und da für ihm alles neu war, schämte er sich wohl auch etwas, denn seine Sätze kamen eher zögerlich heraus.
    Dann war ich an der Reihe.
    Wieder gingen meine Gedanken der Frage nach, wie ich mich positionieren sollte. Sollte ich den Coolen machen, der alles kennt und nichts nötig hat oder sollte ich mich darauf besinnen, diesmal an mich zu denken, um endlich ein anderes und besseres Leben führen zu können?


    Heute Nachmittag geht es weiter mit dem Bericht.
    Feedback kann natürlich gegeben werden :lol:


    Gruß
    Karsten

  • Fortsetzung


    Im Grunde hatte ich keine Angst vor Menschen zu sprechen, weil ich mich früher immer auf die scheinbar stärkere Seite geschlagen hatte, so dass mir der Beifall schon im Voraus sicher war, denn die andern sagten ja dann meist nichts.
    Diesmal aber war das anders. Ich wusste, wenn ich mich nun zu einem Leben ohne Alkohol bekennen würde, wäre ich auch einer der Außenseiter hier auf der Station.
    Est stellte ich mich kurz vor, immer mit einem Seitenblick auf die vermeintlich starke Gruppe, die alle rechts von mir gesessen haben. Ich konnte förmlich in ihren Gesichtern die Frage erkennen, was ich für einer war. Einer kannte mich sogar schon, weil ich schon mal mit ihm zusammen eine Entgiftung gemacht hatte.
    Zum Schluss meiner kurzen Ansprache sagte ich nur, dass mir das vergangene nüchterne Jahr sehr gefallen hat und ich wieder dort anknüpfen möchte.
    Diese Satz sagte alles aus und ich hatte mich nun positioniert.


    Der Rest der Gruppenstunde wurde über die ersten Tage nach der Entgiftung gesprochen.
    Wie nicht anders zu erwarten, sprachen nur die, die den Ablauf einer Entgiftung nicht so kannten. Die Patienten, die sich als die stärkere Gruppe betrachteten, sagte gar nichts oder machten Andeutungen, dass sie ja eh keine Chance haben, weil ihnen die Gesellschaft keine Chance mehr gab und andere Bemerkungen.
    Ich habe nichts weiter gesagt, sondern suchte nach meinen wirklichen Gefühlen, ob ich wirklich wieder nüchtern leben wollte. Ich hatte es zwar gesagt, aber waren das wirklich meine Ziele?


    Am Abend saß ich wieder alleine in dem Aufenthaltsraum. Dank der Tabletten ging es mir auch einigermaßen besser. Ich versuchte mich auf eine Zeitschrift zu konzentrieren, aber hörte unauffällig auf die Gespräche der anderen Patienten.
    Im Grunde konnte man die Themen zweier Richtungen zuordnen. Was sie genau gesagt haben, daran kann ich mich heute nicht mehr erinnern.
    Vier junge Männer sprachen von ihrem alten Leben in der Art, als wenn es ihnen gefallen hat und noch immer gefällt, auch wenn zwischendurch mal zu hören war, dass es da und da Ärger wegen ihrer Sauferei gab.
    An einem anderen Tisch saß ein Mann und eine Frau, die sich Gedanken darüber machten, was sie ihren Familien alles angetan haben und sich schämten.


    Ich wurde langsam Müde und ging mit auf das Zimmer, wo ich zwei der anderen Zimmerpatienten antraf. Sie sprachen kein Wort. Das ist mir noch in Erinnerung und weil ich auch nicht wusste, wie ich jetzt ein Gespräch anfangen sollte, legte ich mich auf das Bett und hing meinen Gedanken nach.


    Am nächsten Morgen beim Frühstück war alles so, wie es am vergangenen Abend aufgehört hatte. Die Gruppe hatte sich immer mehr angefreundet, weil sie eh der gleichen Meinung waren, wie ich selbst früher auch, dass alles keinen Sinn hat und man die Zeit hier nur absitzen wollte.
    Die anderen aßen zu weit oder zu dritt an den Tischen und redeten wenig. Ich setze mich an einen Tisch, wo schon zwei Patienten saßen und nahm mein Frühstück ein.
    Der Vormittag sollte dann dazu genutzt werden, die Stationsaufgaben wieder neu zu verteilen, was in einer sogenannten Organisationsgruppe besprochen werden sollte.
    Da es keine Angestellten, wie Küchenfrauen oder Reinigungskräfte auf der Station gab, mussten diese Aufgaben von den Patienten übernommen werden. Soweit ich mich erinnere, habe ich mich damals zum abwaschen freiwillig gemeldet, damit ich auch was zu tun hatte, denn irgendwie war es langweilig.
    Am ganzen Tag gab es nur wenig Abwechslung, was eigentlich auf die beiden Gruppenstunden, vormittags und nachmittags, dann die Medikamentenausgabe und ein gemeinsamer Spaziergang. An diesem Spaziergang durfte ich aber nicht dran teilnehmen, weil es erst nach einer Woche Klinikaufenthalt erlaubt war.
    Sonst hatte man den ganzen Tag mit sich zu tun, Kaffee trinken und quatschen.
    Einmal die Woche gab es noch ein Psychologengespräch und einen Besuchsnachmittag.
    Als die Aufgaben verteilt waren, wo sich viele zurückgehalten haben, versuchte ich eine Schwester anzusprechen, weil ich noch keine meiner privaten Anziehsachen hatte, die noch im Obdachlosenheim lagen. Sie versprach mir, sich darum zu kümmern und führte mich zu der stationseigenen Kleiderkammer, damit ich mir Sachen zum wechseln aussuchen konnte.
    Diese wusch ich dann per Hand in der Badewanne und ansonsten verging der Vormittag so dahin.
    Nach dem Essen, das mir auch langsam wieder richtig schmeckte, wusch ich ab und wartete auf die Gruppenstunde.
    Bisher hatte ich noch niemanden gefunden, mit dem ich mich richtig unterhalten konnte. Es wäre ein leichtes gewesen, einen oder mehrere aus der größeren Gruppe der Dauerpatienten anzusprechen, aber das wollte ich nicht.
    Diesmal wollte ich mein Leben in den Griff bekommen, auch wenn es wieder anders kommen sollte.

  • Am Nachmittag war dann wieder Gruppenstunde, wo alle zusammen im Kreis gesessen haben.
    Wie ich aus anderen Entgiftungen kannte, wartete ich auf die Ansage des Gruppenthemas, aber keiner sagte was. Der Arzt, der mit in der Runde saß, schaute nur stumm auf sein Papier, das er vor sich hatte.
    Nach etwa zehn Minuten begannen sich die ersten Patienten untereinander zu unterhalten, so das ein allgemeines Gemurmel zu hören war.
    Nach weiteren zehn Minuten sah der Arzt auf und fragte einen der sich unterhaltenden Patienten, was er gerade gesagt hat. Dieser verstummte und schaute nur. Nach einer nochmaligen Aufforderung durch den Arzt, kam etwas wie, „was passiert denn hier jetzt nun?“


    Was mir noch in Erinnerung ist, wollte er der Arzt genau auf das hinaus. Das Thema entwickelte sich dann in die Richtung, dass man selbst etwas tun muss und nicht darauf warten darf, dass andere Menschen etwas für einen tun.
    Ich weiß nicht mehr, warum es so ein Anfangsthema war, aber vielleicht wurde das von Woche zu Woche, wenn neue Patienten kamen wiederholt. Es war ja Dienstag und ich war am Montag auf die Entgiftungsstation verlegt worden.
    Die ganze Gruppe teilte sich der Meinung bzw. Sichtweise nach, in zwei Gruppen auf. Die eine Gruppe war der Ansicht, dass sich erst mal die äußeren Umstände ändern müsste, da man ja sonst kein Leben ohne Alkoholkonsum führen kann, wenn überall Alkohol angeboten wird. Also wieder das Gesellschaftsthema der Schuldzuweisung.
    Die andere Gruppe, die aber weniger sagte, war sich schon bewusst, dass man mit den Gegebenheiten leben muss und nur selbst an seinen Leben etwas ändern kann.


    Aus meinen bisherigen Entgiftungen kannte ich es nicht, aber das lag vielleicht auch daran, dass ich mich bisher nie auf die Gedanken der Entgiftung eingelassen hatte, denn das Gruppenthema wurde von einigen Patienten auch nach dem Abendbrot noch diskutiert. Allerdings nicht von denen, die nach einer Schuldfrage suchten oder sie in der Gesellschaft zu finden geglaubt hatten, sondern von den anderen Patienten, die sich langsam auch zusammen gefunden hatten und nicht mehr einzeln rumsaßen. Ich hatte mich zu ihnen gesetzt und auch ab und an meine Meinung gesagt.

  • Hallo Karsten,


    und pardon, daß ich hier deine interessante Erzählung kurz unterbreche.


    Ich muß hier zu deinen letzten Zeilen einfach mal schreiben, wie wichtig das auch in meiner stationären Therapie für mich war, daß mein Therapeut nicht einfach von sich aus begann, meinen Alkoholismus zu behandeln, sondern "er mich kommen ließ".


    Ich war anfangs auch einer jener Gruppe, die meinte, na, wer beginnt denn jetzt mit der Therapie, dem Thema oder auch: Wird hier denn nichts für den Patienten (dem Alkoholiker) getan?


    Speziell auch in den Einzeltherapiestunden hielt er, mein Therapeut, es so und ich bekam immer wieder seitenlange Fragebögen zum Ausfüllen, mir war das äußerst lästig, aber, Zeit hatte ich ja. Mein Zimmerkollege und andere Mitpatienten nahmen diese Zettel nicht sehr ernst.


    Ich dachte mir damals manchmal, na, hoffentlich habe ich hier nicht einen schlechten Therapeuten gefunden, der tut ja nichts für einen.


    Ich aber füllte diese Zettel, soweit´s ging, nach besten Wissen aus, und in der nächsten Therapiestunde wurde darauf eingegangen.


    Sie beinhalteten Fragen unter anderem über meine Vergangenheit, Kindheit, derzeitiges Lebensumfeld, Eltern, .....


    Dies waren, so weiß ich das jetzt, die ersten "Fußstapfen" für mein "neues" Leben.



    Fazit:


    Jetzt, ein paar Jahre später, weiß ich, daß das der für mich richtige Therapeut, bzw. die richtige Behandlung damals war, um vom Alk loszukommen.


    Und noch etwas sah ich mit der Zeit:
    Es ist wahrscheinlich gar nicht so wichtig, wer dieser Therapeut ist, oder wie gut er ist.
    Weitaus wichtiger ist es, wie ernst man die Sache selber nimmt, und inwieweit man bereit ist, für ein künftiges Leben ohne Alk an sich zu arbeiten.


    Danke nochmal für deine Zeilen und den Anstoß zu diesem Thema ...



    klarerkopf

  • Hallo Klarerkopf,


    kein Problem, ich hatte ja oben reingeschrieben, dass Feedback gerne hier reingeschrieben werden kann :lol:


    Fortsetzung:


    An diesem Abend hatte ich ein sehr interessantes Gespräch mit einen der Patienten.
    Ich kann mich nicht mehr genau an den genauen Wortlaut erinnern, ist ja auch schon ein paar Jahre her, aber es ging darum, was man sich uns seiner Familie alles angetan hat mit dem trinken.
    Ich selbst hatte damals schon meine Familie verloren, weil keiner aus meiner Familie noch daran glaubte, dass ich je wieder die Kurve bekomme und ein normales Leben führen würde.
    Ähnlich war es auch bei diesem Patienten, der kurz vor einer Scheidung von seiner Frau stand, die ihm ein Ultimatum gestellt hat, wodurch er überhaupt nur zu dieser Entgiftung ins Krankenhaus ging. Er wollte ihr zeigen, dass er etwas für sich tut.


    Diese Überzeugung, etwas für sich tun zu müssen, reifte aber erst durch das Gruppengespräch am Nachmittag. Wie er mir anfänglich erzählte, wollte er es seiner Nochfrau beweisen, aber durch das Gruppenthema am Nachmittag wurde ihm bewusst, dass es egal ist, wie sich seine Frau entscheidet, denn davon sollte seine eventuelle neue Nüchternheit nicht abhängen.
    Ich sagte nicht viele, sondern hörte einfach nur zu, wie er laut dachte.
    Er hatte bisher noch nie versucht, wirklich mit dem Alkoholkonsum aufzuhören und war auch eher unter Druck hier in die Entgiftung gegangen.


    Das Gespräch des Arztes hatte ihn die Worte seiner Frau vor Augen geführt, weil er von ihr auch immer wissen wollte, wie oder was er denn verändern sollte, damit sie bei ihm blieb. Irgendwie war ihm wohl heute klargeworden, dass er nicht für andere Menschen, egal wie diese sich verhalten oder was sie machen, nüchtern werden konnte, sondern es selbst für sich tun musste.
    Die letzte Frage, die er einfach so in den Raum warf, irritierte mich. Sie lautete: „Möchte ich denn überhaupt aufhören?“
    Danach stand er einfach auf und verließ den Raum.
    Ich weiß noch, wie diese Frage auch mein Innerstes erreichte.
    Wollte ich überhaupt ein Leben ohne Alkohol?

  • Abends lag ich dann in meinem Bett und überlegte, wie ich mir meine Zukunft vorstellte.
    Ich versuchte mir meine momentane Situation vor Augen zu halten.
    Diese bestand darin, dass ich obdachlos war, nicht wusste wohin, wenn ich hier aus dem Krankenhaus musste. Ins Obdachlosenheim, wo ich die Schlägerei hatte, wollte und konnte ich ja nicht zurück.
    Des weiteren sah mein Leben auch sonst nicht rosig aus. Keine Arbeit, viele Schulden und ich hatte auch niemanden mehr, der mich unterstütze. Zum Teil war oder besser gesagt, war ich auch schuld daran, denn ich habe alle Menschen in meinem Umfeld verletzt und enttäuscht.
    Sicherlich ist der Alkoholismus eine Krankheit, aber das weiß ich. Aber für viele Menschen aus meinem Umfeld damals, war das Vorschieben der Krankheit nur eine faule Ausrede.
    Kurz gesagt, meine Situation sah mies aus und ich hatte auch keine Zukunftsperspektive.


    Dies alles machte es mir natürlich nicht leichter, mich auf die Gespräche der Ärzte und Psychologen einzulassen. Früher bei meinen anderen Entgiftungen hatte ich das auch eher für Sprüche gehalten, so nach dem Motto, die haben gut reden, die kennen meine Probleme nicht.


    Der Patient, mit dem ich mich vor ein paar Stunden unterhalten hatte, ging mir nicht aus den Kopf. Meine Einstellung zu ihm veränderte sich aber, denn ich fertigte sein Gerede mit jammern ab, denn er hatte ja schließlich noch Frau und Familie, auch wenn das momentan auf der Kippe stand.


    Über meine Gedanke schließ ich ein, wachte aber damit wieder auf. Am Frühstück nahm ich an einen lehren Tisch platz, weil ich alleine sein wollte. Neidisch hörte ich die Dauerpatienten reden, die sich schon ihre nächsten Partys überlegten. Sie hatten ihr Leben scheinbar irgendwie im Griff, hatten ein Zuhause, bekamen ihre Lebensorganisation wenigstens soweit hin, dass sie wohl immer ungestört trinken konnten.


    Heute Vormittag war ja wieder Gruppenstunde, aber es waren mehrere kleine Gruppen eingeteilt, wie auf dem Zettel an der Wand stand. Ich schaute auf die Namen und wenn ich die Personen richtig zuordnen konnte, war es wirklich gemischt, was die Motivation der Patienten zur Entgiftung betraf.


    Ich trank meinen Kaffee, rauchte eine dazu und plötzlich hatte ich einen Gedanken, den ich als Alternative aufgriff. Entweder würde man mir helfen, einen Weg aus meiner momentanen Lebenssituation zu finden, oder ich würde eben nach der Zeit hier wieder saufen. Ich redete mir ein, so wäre ich ja nicht schuld, dass dies hier alles eh nichts bringen würde.
    Aus heutiger Sicht, weiß ich, dass ich nur einen Grund suchte, wieder trinken zu können.


    Ich holte mir einen Zettel und schrieb mir auf, was ich alles in der Gruppe ansprechen wollte. Der Arzt hatte ja schließlich gesagt, man muss sein Leben selbst in die Hand nehmen.
    Als die Gruppenstunde dann begann, meldete ich mich auch gleich zu Wort und fing an, meine Lebenssituation zu schildern.
    Einige Patienten murmelten etwas und andere Patienten hörten zu.
    Als ich fertig war, sagte keiner was. Ich schaute den Arzt an und wartete auf eine Antwort.


    Er machte sich aber nur Notizen und als damit fertig war, sprach er einen anderen Patienten aus der Gruppe an, wie es bei ihm aussehe. Ich war verdutzt und irgendwie enttäuscht.
    Noch drei Patienten erzählten von ihrer Situation und dann war die Stunde rum.


    Wütend und bestätigt in meiner Einstellung, dass mir eh keiner helfen kann, wollte ich den Raum verlassen. Der Arzt nahm mich aber beiseite. Er sagte, dass er es sehr gut fand, wie ich meine Probleme aufgezählt habe und nach Lösungen suche. Das ich Lösungen von ihm haben wollte, hatte er wohl nicht bemerkt.
    Er gab mir einen Zettel mit einer Hausnummer, das Krankenhaus war noch Hausnummern sortiert, wo oben drauf stand, dass sich in diesem Haus der Sozialdienst befindet. Dort sollte ich mir einen Termin geben lassen.
    Verwirrt, aber wieder etwas zuversichtlicher, bedankte ich mich und verließ den Raum.

  • Fortsetzung:


    Die nächsten zwei Tage machte ich mir viele Gedanken, wie es mit mir weiter gehen sollte.
    Wollte ich nach dem Krankenhausaufenthalt wieder in irgendein anderes Obdachlosenheim oder mir mal zur Abwechslung eine Wohnung vom Sozialamt geben lassen, damit ich da in Ruhe trinken konnte?
    Ich hatte sehr viel Angst vor der Zukunft, was auch viel eine Rolle spielte, dass ich noch nie ernsthaft versucht hatte, wirklich vom Alkohol wegzukommen. Hatte ich mal eine normale Meldeadresse, kamen gleich die Gläubiger, denen ich Geld schuldete, wo ich eh keinen Ausweg sah, da man rauszukommen.
    Bisher war meine Devise, dass ich diese Gedanken durch den ersten Alkohol wegspülte und dann eh nicht mehr aufhören konnte zu trinken. Die fehlenden Zukunftsperspektiven gaben mir immer die Entschuldigung vor mir selbst, wieder anfangen zu müssen mit dem trinken. Da die Alkoholsucht dann eh ihren Lauf nahm, war mir dann auch alles immer egal. Ich brauchte nur eine Ausrede, um das erste Glas wieder trinken zu können.
    Irgendwie baute ich mir schon wieder ein Lügengerüst auf, wo ich nach Gründen suchte, dass eh alles keinen Sinn macht.
    Da der Zettel vom Arzt auf meinen Nachttisch lag, ich ihn immer wieder sah, schaffte ich es aber nicht, mir einzureden, dass ich eben trinken muss. Der Zettel sollte der neue Weg sein?


    Ich hatte mir auch beim Sozialdienst einen Termin geben lassen, der aber erst am Montag war. Meine Gedanken waren geteilt. Irgendwie hoffte ich, dass auch der Sozialdienst mir nicht helfen konnte und ich dadurch wieder bestärkt würde, wieder trinken zu können. Auf der anderen Seite malte ich mir eine neue Wohnung aus, wo ich zufrieden leben konnte.
    Das Wochenende kam. In den Tagen hatte ich viel mit den anderen Patienten gesprochen und war auch ab und an mal geneigt, wir die Gespräche der Gruppe anzuhören, die sich eh schon entscheiden hatten, ihr Leben nicht zu ändern.
    Das bemerkte auch eine Stationsschwester, die mich bei einer Medikamentenausgabe ansprach. Noch bekam ich Medikamente, auch wenn es schon langsam weniger wurden. Körperlich ging es mir schon besser.
    Die Stationsschwester fragte auch gleich direkt, warum ich mich zu den Patienten hingezogen fühlte, die sie schon von vielen Aufenthalten hier kannte, also auch wusste, dass sie nicht die richtige Motivation hatten.
    Einen weiteren Satz von ihr, weiß ich noch heute.


    Geht es ihnen schon wieder zu gut, dass sie alles vergessen haben?


    Obwohl ich sonst mit dieser Schwester nichts zu tun hatte, hatte sie mich wohl durchschaut und meine veränderten Gedanken bemerkt. Hatte sie mich beobachtet oder warum sprach sie gerade mich an?


    Ertappt aber auch nachdenklich, sah ich sie an und suchte nach hochtrabenden Wörtern, die sie überzeugen sollten, dass es mir gut geht und ich auf den richtigen Weg bin.


    Die Wochenendtage versuchte ich mich von allen abzukapseln. Es war eh nur ein Bereitschaftsarzt da, die Schwestern und sonst überließ man die Patienten am Wochenende sich selbst. Da ich immer noch nicht die Station verlassen durfte, also auch nicht mit den Anderen spazieren gehen durfte, verbrachte ich viel Zeit auf dem Zimmer, alleine.


    Wieder wanderten meine Gedanken von der einen Möglichkeit zur anderen Möglichkeit.
    Ich versuchte mir fest einzureden, dass ich die Chance am Montag beim Sozialdienst ernsthaft ergreifen würde, aber wenn die mir auch nicht helfen können, wieder trinken würde.


    Das Frühstück am Montag morgen schmeckte nicht, denn ich war bei meinen Gedanken woanders.
    Heute sollte die Entscheidung fallen, die ich mir selbst auferlegte, um wieder einen Grund zum trinken zu haben.

  • Weiter gehts:


    Zu allem Übel war heute auch der erste Tag, an dem ich keine Medikamente mehr bekommen habe, was meine Stimmung auch nicht verbesserte. Kaum was gegessen, ging ich mit der Kaffeetasse in den Garten, um dort noch einmal über alles nachzudenken.


    Was wollte ich in meinem Leben erreichen?


    Grundsätzlich malte ich mir eine eigene Wohnung aus, eine schöne Arbeit, wo ich ausreichend Geld verdienen würde. Hilfe bei der Schuldenregulierung.
    Kurz gesagt, ich erhoffte mir von dem Gespräch beim Sozialdienst alles, was ich selbst die ganzen Jahre nicht auf die Reihe bekommen hatte. Meine Ansprüche waren sehr hoch.


    Aus heutiger Sicht denke ich, dass ich so eine hohe Anspruchshaltung hatte lag da drin, dass ich im Geheimen hoffte, dass es eh nicht zu realisieren ist und ich dann mein Leben weiter führen konnte, wie bisher, also auch wieder trinken konnte.


    Mit gemischten Gefühlen begab ich mich zu dem Haus, dass innerhalb des Krankenhauses lag. Natürlich durfte ich nicht alleine dort hin gehen, auch wenn ich heute schon eine Woche im Krankenhaus war. Deshalb begleitete mich ein Pfleger, der dann aber draußen wartete.


    Ich klopfte an die Zimmertür und trat in ein großes Büro ein, wo eine Frau, etwa in meinem Alter, hinter einem Schreibtisch saß. Sie bat mir einen Stuhl an und fragte auch gleich, was sie für mich tun könne.
    In Gedanken hatte ich meine Forderungen ( ja ich wollte damals etwas ) schon formuliert, aber als ich so direkt gefragt wurde, fing ich einfach an, meine derzeitige Situation zu erzählen.
    Zusammengefasst, so weit ich mich erinnere, gab es einen Unterschied. Ich sagte nicht, was ich mir für meine Zukunft wünschte, sondern wie es im Moment aussah und dass es so nicht weiter gehen kann.
    Sie machte sich Notizen und stellte auch ein paar Fragen, die aber komischerweise in die Richtung gingen, dass ich erzählen sollte, was ich mir wünschte. Sicherlich wollte sie mich provozieren, aber ich ging nicht drauf ein, obwohl es doch ursprünglich mein Ziel war.
    Sie hätte mir eh nicht alle Probleme beseitigen können, also hätte ich wieder einen Grund zum trinken.


    Als ich fertig war und sie auch keine Fragen mehr hatte, holte sie eine Akte aus dem Regal. Ich konnte nicht lesen, was da drauf oder drin stand, aber plötzlich fragte sie mich, ob ich mich denn in der Lage sehen würde, alleine zu wohnen und nüchtern zu bleiben. Sollte ich doch eine eigene Wohnung bekommen?


    Natürlich nicht, wie sich dann zeigte. Sie gab mir eine Broschüre, auf der auf der Titelseite drei Menschen zu sehen waren, die lachten. Hier habe ich etwas für sie, sagte sie dann. Ich möchte mir das durch den Kopf gehen lassen und sie morgen wieder aufsuchen.
    Unschlüssig saß ich weiter vor ihr, aber sie sagte nichts mehr und so verabschiedete ich mich und verließ das Büro.

  • und ich möchte wissen,
    ob es für dich sehr schwerr ist,
    das alles aufzuschreiben(nochmal zu durchleben)
    ich machte das ganze einmal handschriftlich,
    in einer psychatrie(mein leben aufgeschrieben)
    dauerte eine ganze nacht,vor allem die schicksalsschläge niederzuschreiben.
    waren was ,weiss ich wie viele dina4 seiten,
    geschrieben mit vielen trännen

  • Hallo pueblo,


    schwer?
    Nein nicht wirklich.
    Auf der einen Seite bin ich natürlich nachdenklich, dass ich so viele Anläufe gebraucht habe, aber auf der anderen Seite bin ich dankbar, dass mich meine Alkoholsucht bis zur Obdachlosigkeit gebracht hat.


    Dankbar deshalb, weil ich es hinter mir habe ud heute meine Nüchternheit zu schätzen weiß.


    Gruß
    Karsten

  • Vor dem Haus sah ich mir das Deckblatt noch einmal an und erkannte nun, dass es sich um eine Broschüre der Diakonie handelte, die über das Leben von trockenen Alkoholikern in einer Wohngemeinschaft berichtete.
    Etwas enttäuscht schob ich das Heftchen in die Tasche. Ich hatte mir ja selbst ein Ultimatum gestellt, nach dem Motto, wenn die mir kein ordentlichen Leben bescheren können, trinke ich wieder.
    Was sollte ich in einer Wohngemeinschaft. Irgendwie verglich das mit dem Obdachlosenheim, wo ich ja herkam. Es wäre keine eigene Wohnung, von Arbeit ganz zu schweigen und vor allem, ich müsste mich wieder anderen Menschen unterordnen.


    Auf der einen Seite war ich zwar enttäuscht, aber auf der anderen Seite hatte ich erkannt, dass es für mich eben kein anderes Leben geben wird, als weiter zu trinken.
    Mit diesen Gedanken, die Entgiftung hier noch abzusetzen, denn immerhin war es warm und es gab genug zu essen, machte ich mich wieder auf den Weg zur Entgiftungsstation.


    Im Aufenthaltsraum angekommen, begab ich mich diesmal zu drei Patienten, die diese Entgiftung hier auch nicht ernst nahmen, denn mein Entschluss stand fest, hier würde ich mich nur wieder für die nächste Runde fitt machen. Diese drei Patienten unterhielten sich gerade über ihre Saufeskapaden, die sie so erlebt hatten.
    Als ich mich zu ihnen setzen wollte, verstummte das Gespräch und sie schauten mich misstrauisch an. Ich nahm ihnen das nicht übel, hatte ich mich doch die vergangene Woche eher distanzierend ihnen gegenüber verhalten und vor allem, hatte ich bisher ganz andere Ziele als sie.
    Sie fragten mich, aber wo ich gewesen war und darauf hin nahm ich die Broschüre aus der Tasche und zeigte sie ihnen. Ich wollte eine Bestätigung, dass diese Wohngemeinschaft Mist war und von wen hätte ich diese Bestätigung besser bekommen können, als von diesen Patienten, die eh nicht mit dem trinken aufhören wollten.
    Ich brauchte auch nicht lange warten und sie fingen an, sich über den Inhalt der Broschüre lustig zu machen. Ich hörte ihnen zu, aber meine Gedanken waren irgendwie anders, als die Ihrigen. Um so mehr sie über die darin enthaltenen Informationen herzogen, umso unsicher wurde mein Entschluss, nach der Entgiftung wieder dort hin zu gehen, wo ich her kam, in ein normales Obdachlosenheim.
    Was sie als negativ ansehen, wie zum Beispiel der geregelte Tagesablauf, der in dem Heft beschrieben wurde, war eigentlich genau das, wonach ich mich sehnte. Auch das Lachen der Männer auf dem Deckblatt sah ich positiv, im Gegensatz zu den anderen.


    Bei der bald darauf folgenden Gruppenstunde setzte ich mich in den Kreis der Gruppe, wo die drei Patienten von eben integriert waren. Ich wollte allen, vor allem dem Arzt damit zeigen, dass ich mich entschieden habe und der Sozialdienst mir nicht geholfen hatte, jedenfalls nicht so, wie ich es gewünscht hatte.
    Als der Arzt den Raum dann betrat, sah ich mich an, merkte wo ich saß schaute dann in die ganze Runde. Immer wieder richtete er sein Blick auf mich, aber ich hielt seinem Blick stand, denn in meinen Augen hatte er mich enttäuscht. Mir war klar, niemand konnte oder wollte mir helfen und der Arzt machte eh nur seinen Job.
    Das heutige Thema war für mich uninteressant, denn es ging um die Unterstützung der Familie, wenn das nüchterne Leben nach der Entgiftung begann.
    Zum einen hatte ich keine Familie und zum anderen stand für mich fest, es wird kein nüchternes Leben für mich geben.
    Nach ca. einer halben Stunde wechselte das Thema und es wurde über den Zeitfaktor gesprochen. Im Grunde ging es darum, dass niemand erwarten sollte, dass nach dem Krankenhausaufenthalt alles so weiter gehen würde, wie bisher, nur das man eben nicht mehr trinken würde.
    Ich hörte Worte, wie Geduld, Lebensaufbau, Lebensumstellung und Vertrauen.
    Im Grunde genommen alles Dinge, die ich nicht wirklich kannte und in meinem bisherigen Leben auch nicht vorkamen. Bisher lebte ich in den Tag hinein, Planung gab es nicht und vertraut habe ich eh niemanden. Ich wurde ja grad erst wieder enttäuscht, denn anstatt Wohnung und Arbeit bekam ich eine Broschüre, wo ich wieder in ein Obdachlosenheim sollte. Das Wort Lebensumstellung war für mich wie ein Hohn in diesem Zusammenhang.


    Die Gruppenstunde war dann zu ende und ich konnte danach zum ersten mal mit anderen Patienten zusammen in den Krankenhauspark spazieren gehen. Ich hielt mich etwas fern und hing meinen Gedanken nach. Nach zwei Stunden kamen wir wieder auf der Station an.
    Ich machte mir einen Kaffee, als ich plötzlich wieder den Arzt bemerkte. Er schaute zu mir rüber, sagte aber nichts und machte auch sonst keine Anstalten, dass ich eventuell zu ihm kommen sollte.


    Dann ging mir ein Satz aus der ersten Gruppenstunde durch den Kopf, in dem es darum ging, sich selbst zu helfen und nicht darauf zu warten, dass andere Menschen etwas für einen machen.


    War das Schweigen des Arztes darauf gemünzt, dass ich ihn ansprechen sollte, weil ich ja etwas wollte?

  • Hallo Karsten,


    ich würde es schade finden, wenn du deine Geschichte nicht mehr weiterführen würdest.


    Ich lese mit. & ich finde sehr viel interessantes dabei heraus.

    Die Mühen der Gebirge liegen hinter uns.
    Vor uns liegen die Mühen der Ebenen. (Bert Brecht) 8)

  • Hallo Dante,


    ich schreibe schon weiter, aber im Moment muss ich Prioritäten setzen.
    Der Tag hat nur 24 Stunden, wo ich arbeiten kann.


    In erster Linie muss ich aber auch dafür Sorgen, dass ich was zu essen auf dem Tisch habe. :lol:


    Hier ist es ja im Moment sehr ruhig. :lol:


    Gruß
    Karsten

  • Hallo Dante, hallo Karsten...


    bin auch mitten drin, im Geschehen der Geschichte... und bin gespannt wie es weiter ging, auch weil ich es eine sehr ermutigende Erzählung finde....


    Grüße


    Tom

    "Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu belassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert.” _ Albert Einstein _

  • Fortsetzung


    Die nächsten Tage verbrachte ich mit dem klaren Gedanken, die Entgiftung abzusitzen und dann wieder weiter zu machen, wie bisher. Ich sah keinen Sinn darin, von einem Obdachlosenheim in eine Wohngemeinschaft zu ziehen, was zu diesem Zeitpunkt für mich irgendwie das Gleiche war.
    Ich wollte ein Leben, wie es andere Menschen auch führten mit eigener Wohnung und einer Arbeit, wo ich gutes Geld verdienen würde.
    Zu meinen nassen Zeiten habe ich diese Menschen, die so ein Spießerleben führten, sogar oft beneidet, wenn ich abends durch die Strassen ging und die glücklichen Familien gesehen habe, die beleuchteten Fenster wo es warm gewesen sein muss und wo man nicht in eine Suppenküche gehen brauchte, wenn man Hunger hatte.
    So ein Leben wollte ich auch, aber sofort und nicht über eine neue Wohngemeinschaft, wo mir wieder gesagt werden würde, was ich zu tun oder zu lassen hätte.


    Ich hatte mich also entscheiden und auch einen Grund gefunden, warum bei mir alles ganz anders ist, mir eh niemand eine Chance gab und ich aus dem Kreislauf des Trinkens nicht rauskommen kann.


    Die Entgiftung sollte drei Wochen gehen, aber zwei Tage vor dem ende der zweiten Woche, als dem Freitag, musste ich zu dem Psychologen. Dieser fragte mich, wie es mir geht und wie es mit mir weiter gehen sollte. Er sprach auch davon, dass ihm aufgefallen war, dass ich mich verändert hatte in der letzten Woche, was er sehr bedauerte.
    Da ich den Psychologen mit seinem geschwollenen Gerde eh nicht leiden konnte, wollte ich mich auch nicht mit ihm über meine Gedanken und der Entscheidung, die ich für mich getroffen habe, unterhalten.
    So sagte ich das, was er wohl hören wollte. Ich erzählte ihm, dass ich es jetzt verstanden habe, mir Zeit geben muss, weil ein neues Leben nicht von heute auf morgen kommen kann und dass ich mich auf kleine Schritte einstellen muss, die mich dann ja irgendwann zu einem zufriedenen nüchternen Leben führen würden.
    Ob er mir meine Worte abnahm, konnte ich in seinem Gesichtausdruck nicht ablesen, aber ich erzählte immer weiter und war mir sicher, dass er genau das hören wollte und dann mit meiner Entwicklung auch zufrieden sein würde und ich meine Ruhe haben würde.


    Er ließ mich ausreden, ohne mich zu unterbrechen. Als ich fertig war, fragte er mich, welchen Zeitraum ich denn meinen würde, bis zu dem neuen Leben und ob ich es nicht viel schneller wünschte. Eigentlich waren das ja meine wahren Gedanken, aber ich merkte an seinem Ton, dass es ihm wohl genau darum ging, mich zu verunsichern.
    Entweder hatte er verstanden, dass ich ihm gerade ein Märchen erzählt hatte oder er wollte mich ermuntern, das ich an das festhalten sollte, was ich ihm gerade erzählt hatte, denn schon alleine durch die Wohngemeinschaft, würde schon ein Jahr vergehen, wenn ich die Broschüre richtig in Erinnerung hatte, bevor da überhaupt von einer eigenen Wohnung die Rede war. Das ganze Programm war ja darauf ausgerichtet, lange zusammen zu wohnen und dann langsam im Rahmen einer Betreuung ins eigene Leben entlassen zu werden.


    Irgendwie kam ich mir vor ( auch wenn diese Entgiftung keinen dauerhaften Erfolg hatte, ist mir das Gespräch noch heute in Erinnerung, weil es bis zum heutigen Tag das einzigste Mal war, dass ich mich ernsthaft mit einen Psychologen unterhalten hab. ), dass wir irgendwie ein Katz und Maus Spiel betrieben. Ich fühlte mich auf der einen Seite überlegen und auf der anderen Seite durchschaut, weil ich das Gefühl hatte, er glaubt mir kein Wort.


    Nach ca. dreißig Minuten, wo er mich immer wieder mit verschiedenen Fragen nach meinen Schritten, wie ich den mein neues Leben aufbauen möchte, fragte, griff er zum Telefon. Wie ich aus dem folgendem Gespräch hören konnte, erkundigte er sich ob ein neuer Mitbewohner ( also wahrscheinlich ich ) am Montag in die Wohngemeinschaft aufgenommen werden könnte. Mit einem Nicken beendete er das Gespräch.


    Dann sagte er mir, dass ich am Montag ( also doch schon nach zwei Wochen ) aus dem Krankenhaus entlassen werden würde, weil ihm meine Worte davon überzeugt hatten, dass ich soweit seih und ich auf dem richtigen Weg war und dann am Montag in die Wohngemeinschaft der Diakonie ziehen konnte.


    Plötzlich bekam ich Angst vor meiner eigenen Entscheidung. Ich hatte hier erzählt, was der Psychologe hören wollte und er hatte es mir abgenommen? Musste ich nun in zwei Tagen zu meiner Entscheidung stehen und wieder trinken?

  • Jetzt hatte ich nur noch zwei Tage und meine Entscheidung, dann doch wieder zu trinken, weil ich in allen keinen Sinn sah, weil es mir nicht schnell genug ging mit dem neunen Leben, kam wieder ins wanken.
    Am Samstag früh wachte ich sehr unausgeschlafen auf. Ich hatte die Nacht vom trinken geträumt, wo die Bilder der vergangenen Jahre drin vorkamen.
    Im Grunde genommen, war mir klar, wenn ich wieder anfangen würde zu trinken, würde sich alles wiederholen. Mit Hilfe des Krankenhauses und des Sozialdienstes, waren meine behördlichen Dinge wieder geregelt.
    Ich könnte am Montag zum Sozialamt gehen, würde da sicherlich wieder in ein Obdachlosenheim gesteckt werden und auch Hilfe zum Lebensunterhalt, als Geld, bekommen.
    Damit könnte ich wieder eine Woche ungestört trinken und ein Dach über den Kopf hätte ich auch.
    Die letzten Jahre habe ich immer so gedacht und mir über die Zeit danach keine Gedanken gemacht. Hauptsache die ersten Tage waren gesichert und die weitere Zeit würde sich schon irgendwie ergeben. Es gab immer eine Lösung. Krankenhäuser und Sozialdienste gab es genug und bisher wurde mir immer geholfen, mich wieder fitt zu machen.
    Alles war beim alten, aber irgendwas war dennoch anders.


    Ich hatte vorher noch nie was mit einem Psychologen zu tun gehabt. Vom Hörensagen wusste ich aber, dass man die angeblich nicht so leicht hinters Licht führen konnte. Ich glaubte aber es geschafft zu haben, denn meiner Meinung nach, hatte er mir meine Geschichte abgenommen. Ich würde ihm also nach meinem geplanten Rückfall, wenn ich es schaffen sollte, wieder hier in das Krankenhaus zu kommen, auch wieder eine Geschichte auftischen können, warum ich es nicht geschafft hatte, trocken zu werden.
    Mein Entschluss stand fest. Das Wochenende hier noch schön verleben und dann Montag mein altes Leben weiter führen.


    Erzählt habe ich niemanden von meinen Gedanken. Ich war eh misstrauisch und wusste auch aus früheren Krankenhausaufenthalten, dass man so was niemanden erzählen sollte. Die Patienten, die wirklich hier aufhören wollten, wären vielleicht zu den Ärzten oder Krankenschwestern gegangen und hätte mich verraten und dann wäre ich vielleicht noch am Wochenende rausgeflogen. Geld und Unterkunft würde ich aber erst am Montag erhalten können.
    Die anderen Patienten, die das hier eher locker sahen und keinen festen Wunsch zur dauerhaften Nüchternheit hatten, mit denen konnte ich auch nicht reden, denn die hätten es auch lautstark ausdiskutiert, so dass es jeder mitbekommen hätte.
    So sprach ich nicht viel und ging so meinen Gedanken nach. Ich suchte für mich selbst Gründe, warum alles so kommen müsste, obwohl ich auch wusste, spätestens nach einer Woche würde ich wieder vor der gleichen Situation stehen, wie zwei Wochen vorher, als ich hier eingeliefert wurde. Dennoch freute ich mich auf die eine Woche saufen.


    Am Montag früh hatte ich noch ein Abschlussgespräch mit dem Arzt, der mir noch mal die Adresse mit der Wohngemeinschaft gab und mir viel Erfolg wünschte. Das ich da eh nicht hingehen würde, war mir klar, aber ich sagte nichts.
    Vor dem Krankenhaus mit meiner kleinen Tasche in der Hand, wo meine wenigen Habseligkeiten drin waren, ging ich aber in die Richtung der Bushaltestelle. Nach drei Stationen musste ich aussteigen, denn da war das Sozialamt.
    Als der Busfahrer die Haltestelle ansagte, konnte ich aber nicht aufstehen. Ich blieb einfach sitzen und fuhr mit dem Bus weiter.
    Als ich die erneute Ansage des Busfahrers hörte, die den Namen Diakonie trug, stieg ich aus.


    Schlussbemerkung:
    Ich war dort fast ein Jahr in der Wohngemeinschaft und führte ein zufriedenes trockenes Leben. Leider hat mich meine damalige Überheblichkeit wieder zu meinen ursprünglichen Verhalten zurückgeführt und ich habe dann nach ca. 15 Monaten, als ich eine eigene Wohnung und Arbeit hatte, wieder getrunken.


    Hier endet der Bericht über einer meiner Entgiftungen.


    Gruß
    Karsten

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