sich selbst vertrauen

  • hallo karsten


    wie kann ich mir denn sicher sein das ich nie wieder trinke? ich weiß es ehrlich gesagt nicht, ich hoffe es und tue alles in meiner macht stehende dafür das ich nie wieder trinke.
    sicher kann ich mir dabei leider nicht sein.
    trotzdem würde ich sagen das ich selbstvertrauen zu mir habe, auch was meine trockenheit angeht. doch auch ich bin nur ein glas vom rückall entfernt, wie wir alle.
    grüße
    NNGNeo

  • Zitat

    Wie weit kann man sich aber selbst vertrauen?


    Ist das nicht vielleicht auch eine grundsätzliche Frage ? Konnte man sich denn mal selbst vertrauen, VOR der Sucht beispielsweise?
    Selbstvertrauen wird meiner Meinung nach in der Kindheit aufgebaut, und da haben auch die Eltern einen sehr großen Einfluss drauf.
    Ich hatte eine relativ schöne Kindheit, verlässliche und auch liebevolle Eltern, und meine Eltern ließen uns Kindern auch viele Freiheiten.
    So konnten mein Geschwister und ich ein recht gesundes Selbstvertrauen aufbauen, so schätze ich das jedenfalls ein.
    Ich vertraue mir also grundsätzlich schon.


    Aber... in meiner nassen Phase meiner Krankheit brach das alles nach und nach weg. Da traute ich mir am Ende selbst nicht mehr.
    Wie denn auch... wenn ich mir selbst immer wieder versprach, nicht so viel zu trinken oder gar nicht mehr zu trinken, das aber nie
    einhalten konnte?
    Das ich wirklich alkoholkrank geworden bin, war mir zu diesem Zeitpunkt auch noch gar nicht wirklich klar.
    Ich verstand es selbst nicht, warum ich nicht aufhören konnte zu trinken, ich sah das als persönliches Versagen meinerseits.
    Erst später, als ich wirklich verstand, das ich eine Krankheit habe, konnte ich vieles einordnen und verstehen, was mir passiert ist und warum
    ich allein nicht mehr diesen Teufelskreis entkommen konnte.


    Nach dem Entzug war erstmal kein großes Selbstvertrauen mehr da. Denn ich wußte, das viele rückfällig werden, auch wenn ich die genauen
    Zahlen (glücklichersweise !) nicht kannte, das hätte mich wohl noch mutloser werden lassen.
    Ich fragte mich, wie soll ich es denn schaffen, wenn es so viele andere auch nicht schaffen?
    Und ich war auch lange Zeit sehr unsicher... erst als ich das erste trockene Jahr hinter mir hatte, keimte das erste Mal leichte Hoffnung auf,
    das ich es vielleicht doch schaffen kann, dauerhaft trocken bleiben zu können.
    Dieses Gefühl verfestigte sich mit den trockenen Jahren immer mehr.
    Ich blieb trocken, trotz persönlicher Krisen, einschneidenen Trennungen und Tod von geliebten Menschen und was einen noch so schwer durchschütteln kann.
    Saufen war für mich in all diesen schwierigen Zeiten trotzdem keine Option mehr.
    Denn mir war 100% klar, was passieren würde, wenn ich auch nur einen Schluck Alkohol trinken würde.
    Ich hatte nie Gedanken, das ich wieder "kontrolliert" trinken könnte.
    Warum sollte ich was können, was andere Alkoholiker auch nicht können ? So vermessen war ich nie.
    Und heute würde ich es auch gar nicht mehr wollen, selbst wenn ich es könnte.


    So ist also mein Selbstvertrauen in den Jahren der Trockenheit langsam wieder gewachsen.
    Heute erlaube ich es mir einfach, mir wieder selbst zu vertrauen, auch mit meiner Krankheit.
    Denn es wäre auch kein Leben für mich, wenn ich immer Angst vor einem Rückfall haben müßte und mich nie sicher fühlen dürfte.
    Und so ist es auch nicht im mir innendrin.
    Ich fühle mich sicher, auch wenn ich weiß, das auch ich nicht 100% vor einem Rückfall gefeit bin.
    Auch wenn sich das widersprüchlich anhören mag, ist es trotzdem so.


    Und man kann ja auch einiges FÜR seine Trockenheit tun, so ganz spontane Rückfälle sind ja wohl eher selten.
    Es ist mir auch egal, das ich nun schon über 16 Jahre trocken bin... ich reflektiere mich immer noch selbst, wie es mir innendrin so geht, auch
    in Bezug auf Alk.
    Das ist auch kein aufwändiger Akt für mich, sondern eher etwas gewohntes, was darum auch relativ schnell geht.


    LG Sunshine

  • Hallo Karsten,


    ich bin so einer. Ich kann nicht ausschließen, dass ich irgendwann sterbe, aber hier und heute, jetzt, ist das nicht möglich, da möchte ich mir auch jetzt keine Gedanken drum machen, sonst könnte ich die Zeilen nicht schreiben. Sorry, es ist natürlich möglich, aber wenig wahrscheinlich.


    Meine Zellen sind nicht aktiv um zu sterben, die haben die Aufgabe zu leben, bis sie nicht mehr sind. Alle zusammen ergeben ein Kaltblut und das musste sich irgendwann nicht mehr 24h mit Prävention beschäftigen, das war dann alles wieder so wie sein sollte.


    Ich kann mir nicht vorstellen, dass mein Organismus es zulässt, dass ich mir diese Giftstoffe nochmals verabreiche.


    Es gibt keinen Grund an meiner Trockenheit und an mir zu zweifeln. Warum sollte ich trocken werden, um an mir zu zweifeln? Das ist doch sinnlos. Irgendwann muss ich mein Selbstvertrauen auch wieder annehmen dürfen.


    LG Karl

    Sie standen dar und fragten sich warum und nur einer meinte: warum nicht.

  • Hallo Karsten,


    wenn ich sicher wäre, (z.B. dass ich nie wieder trinke), dann brauche ich kein Vertrauen, denn dann habe ich ja Gewissheit. Vertrauen hängt bei mir mit mit Ungewissheit zusammen. Genau da, wo ich nicht sicher bin, brauche ich Vertrauen.


    Das baue ich langsam auf in den letzten Jahren. Das fällt mir nicht leicht, weder das Vertrauen in mich selbst noch das Vertrauen in andere. Vermutlich geht es über den Weg, Erfahrungen zu machen. Mich einlassen, trotz Angst oder Ungewissheit.


    In Bezug auf meine Trockenheit vertraue ich mir. Das ist ein gutes, sicheres Gefühl, aber es bedeutet eben nicht, dass ich sicher wäre, nie wieder zu trinken.


    Gruß, Thalia

  • Hallo Karsten,


    natürlich will ich bis zum Schluss trocken und clean bleiben, ob ich es schaffe?
    Weiß ich nicht. Momentan vertraue ich mir wieder, hatte aber vor ein/zwei Monaten
    einen Hänger, da habe ich mir nicht mehr vertraut. Am 9 November bin ich 11 Jahre trocken,
    habe es aber nicht alleine geschafft, meine Familie, Freunde und die SHg, haben mich unterstützt.
    Es gibt Zeiten da bin ich Stark und fühle mich Sicher, es gibt aber auch nicht so gute Zeiten,
    da bin ich mir nicht Sicher. Geht es mir schlecht, hole ich Hilfe und nehme sie an.
    Wie lange ich noch trocken bleibe steht in den Sternen.
    Am liebsten bis zum Lebensende, vielleicht schaffe ich das, lasse es auf mich zukommen.


    Grüße kossi

  • Hallo,


    über das Trinken kann ich nichts sagen.
    Mir hat nur sehr gut gefallen, was Thalia über Vertrauen geschrieben hat.
    Es ist wahr und treffend beschrieben:



    wenn ich sicher wäre, (z.B. dass ich nie wieder trinke), dann brauche ich kein Vertrauen, denn dann habe ich ja Gewissheit. Vertrauen hängt bei mir mit mit Ungewissheit zusammen. Genau da, wo ich nicht sicher bin, brauche ich Vertrauen.


    Das baue ich langsam auf in den letzten Jahren. Das fällt mir nicht leicht, weder das Vertrauen in mich selbst noch das Vertrauen in andere. Vermutlich geht es über den Weg, Erfahrungen zu machen. Mich einlassen, trotz Angst oder Ungewissheit.


    So ist es bei mir auch, allgemein bei Vertrauen. Diese Ungewissheit ist sehr schwierig für mich, in der Co-Abhängigkeit und außerhalb davon. Ich denke dieses Vertrauen in sich selbst und in andere ist essentiell. Es beschäftigt mich sehr.
    Es fehlt mir und fällt mir schwer.
    Langsam komme ich voran.
    Es ist gut daran wieder erinnert zu werden.
    Danke Thalia für deine Worte.


    Alles Liebe,
    sorra

  • Bei mir sind es jetzt dann erst 9 Monate und ich traue mir da nicht 100% über den Weg. Aber mit Achtsamkeit und Vorsicht bin ich bisher ganz gut zu Recht gekommen. Ob man sich überhaupt irgendwann sicher sein kann nie wieder was zu trinken? Ich denke nicht. Aber ich denke es wird einfacher und man kann sich mit der Zeit mehr vertrauen, aber eben nicht zu 100%.

  • Guten Abend,


    ich bin seit 19 Monaten nüchtern und bin mir sicher, niemals wieder Alkohol zu trinken. Es ist nicht so, dass der Alkoholmissbrauch gänzlich unlogisch war - auch nicht aus heutiger Sicht, dennoch habe ich nur noch Verachtung dafür übrig.


    Grüße

  • Hallo Karsten,


    Die Alkoholkrankheit (Sucht) hebelt Vertrauen aus. Ich kann nur temporär vertrauen, mich sicher fühlen. Ich war mir zu oft im Leben sicher, das etwas nicht eintrifft aber das Leben lehrte mich etwas anderes. Es gibt auch keine Sicherheit in der Sucht. Egal ob Nass oder Trocken. Es gibt nur ein Gefühl einer Sicherheit.


    Gruß Hartmut

  • Hallo,


    Zitat

    und bin mir sicher, niemals wieder Alkohol zu trinken


    @Hull: Was gibt dir die unumstößliche Gewissheit, niemals wieder zu trinken? Ich bin der Meinung, wer als Süchtiger die Wörter "sicher niemals wieder" verwendet, der belügt sich selbst bzw. muss aufpassen, die Demut vor der Krankheit nicht zu verlieren.


    Grüße
    Karamasow

  • Hallo Kamarasow,


    das ist für mich nachvollziehbar, aber ich habe keine Demut.


    Für mich ist es genau umgekehrt. Jeder Mensch hat es selbst in der Hand und ich stehe zu 100 % hinter der Nüchternheit, somit bleiben also genau 0 % für etwas anderes als die Nüchternheit.


    Ein anderer Benutzer hat in der gleichen Diskussion einmal die Frage gestellt, zu wie viel Prozent die Personen hier an einen Rückfall glauben. Diese Frage hat bezeichnenderweise niemand beantwortet.


    Grüße

  • Ich denke Demut ist ein guter Ratgeber, um diese 100% auch einhalten zu können.


    Du schreibst, dass du nur Verachtung für den Alkoholmissbrauch übrig hast. An der Stelle war ich auch schonmal. Weit bevor ich überhaupt irgendetwas getrunken habe. Für mich war die Verachtung des Alkohols demnach nur eine Momentaufnahme. Es wird wieder andere Momente im Leben durch innere oder äußere Impulse geben. Man verändert sich stetig. Gut möglich, dass dann deine, im Moment sattelfeste, Logik später temporär durcheinander kommt.


    Apropos Logik: Süchtige - du und ich - agieren nicht in jeder Situation logisch. Die Krankheit und dessen Verlauf ist nur bedingt logisch. Weshalb ist dann eine logische Betrachtung des Sachverhalts ein richtiger Ansatz? Zumal derjenige, der behauptet den Sachverhalt logisch bewerten zu können, nicht vollumfänglich dazu imstande ist.


    Um den Faden wieder zum Thema zu finden: Ich bin der Meinung, Selbstvertrauen (so wie es sunshine beschreibt) und "sich selbst vertrauen" sind zwei unterschiedliche paar Schuhe. Es gibt Alkoholiker die strotzen nach außen hin nur so vor Selbstvertrauen. Ich erinnere da nur an den user Vollwaise (ob er noch kontrolliert trinkt?). Den Grad des Selbstvertrauens würde ich demnach nicht als Maß dafür nehmen, wie gut ein Mensch mit der Krankheit umgehen kann. Sich selbst zu vertrauen ist für mich das Agieren in schwachen oder ungünstigen Momenten. Beispielsweise, man ist nach Jahren der Abstinenz auf einer Feier und greift in einer passenden Situation nicht zum Wein oder zum Bier, weil man andernfalls sich selbst und seine Bemühung verraten würde. Ich würde das "sich selbst vertrauen" auch mit einer Beziehung zu einem anderen Menschen gleichsetzen wollen. Man vertraut beispielsweise dem Partner, dass er nicht bei der nächstbesten Gelegenheit fremdgeht. Das definiert für mich den Begriff "sich selbst vertrauen" besser und so würde ich Karstens Eingangsbeitrag auch verstehen. Und um seine Frage zu beantworten, ob man sich selbst vertrauen könne? Ich hoffe, ja. (Während mein Naivitätsfilter schreit: "In der Geschichte der Menschheit ist man noch nie Fremdgegangen und der Mensch hat auch noch nie sich selbst verraten oder seine Selbstachtung verloren.")


    Gruß
    Karamasow

  • Hallo


    wenn ich zu 100% ausschließen würde, nicht wieder rückfällig zu werden, verharmlose ich die Krankheit, was wiederum ein Bestandteil der Krankheit ist. Ein Teufelskreis 😉


    Ich hatte mir auch in den nassen Jahren vertraut, als ich sagte „Morgen mache ich mal eine Pause“. Klappte das nicht, war das Schönreden wieder an der Reihe, was wiederum auch eine Verharmlosung ist.


    Solche Aussagen sich zu 100% sicher zu sein nehme ich für mich auch nicht ernst. Sowas kommt bei mir in die Schublade „Stammtischgeschwätz“


    Gruß Hartmut


  • Solche Aussagen sich zu 100% sicher zu sein nehme ich für mich auch nicht ernst. Sowas kommt bei mir in die Schublade „Stammtischgeschwätz“


    Danke Hartmut, Du hast es auf den Punkt gebracht.


    Ich verspreche niemand, dass ich nie wieder was trinke. Das kann ich leider nicht ausschließen.


    Dennoch bin ich zuversichtlich, was meine Abstinenz anbelangt. Ich wähne mich auf einem guten Weg, behalte aber die Augen offen. Insoweit bringe ich das nötige Selbstbewusstsein mit. Ob das auf Vertrauen zu mir selbst fußt, habe ich noch nicht ergründet. Warum nicht? Weil es mir nichts bringt.


    Gruß
    Carl Friedrich

  • In dem Moment, in dem ich sagen kann dass ich nie wieder Alkohol trinke, hätte ich den Alkohol im Griff. Leider ist es umgekehrt, sonst wäre ich nicht hier.


    Dass Selbstbewusstsein, dass ich momentan nichts trinken muss, fas habe ich. Aber wer weiß schon welche Situation er irgendwann meistern muss, wie es ihm irgendwann geht und ob er alles trocken durchstehen kann?


    Dass ich nie wieder trinke, davon bin ich vor einigen Jahren fest ausgegangen. Nach heftigem Alkoholmissbrauch in der Jugend hatte ich eingesehen nicht kontrolliert trinken zu können und nach fruchtlosem kontrolliertem trinken ganz auf Alkohol verzichtet. Nach ein paar Jahren war der Alkohol soweit weg, dass ich nie darüber nachgedacht hatte und in dieser Zeit hätte ich nicht gedacht dass ich je wieder was trinke. Hätte man irgendjemanden aus meinem Umfeld befragt hätte er das so bestätigt.
    Als mich meine damalige Freundin dann nach 8 jahren so unerwartet verlassen hat und ich nichtmal wusste wieso hab ich von einem auf dem anderen Tag angefangen heftig viel zu trinken, einfach um zu vergessen. Und dann ging es los und zwar schlimmer als je zuvor. Und mir war schlichtweg alles egal, ich hab jegliche hobbys und Interessen abgelegt und mich nur noch dem Alkohol hingegeben. Von daher kann ich sagen, ich kann mir erst sicher sein nie wieder Alkohol zu trinken, sobald ich auf dem Sterbebett liege.

  • Du schreibst, dass du nur Verachtung für den Alkoholmissbrauch übrig hast. An der Stelle war ich auch schonmal. Weit bevor ich überhaupt irgendetwas getrunken habe.


    Hallo Kamarasow,


    inwiefern korreliert diese Erfahrung dann? Ich stehe doch nicht am Anfang, eher am Ende, an dem nur noch zwei Möglichkeiten übrig blieben.


    Grüße


  • Von daher kann ich sagen, ich kann mir erst sicher sein nie wieder Alkohol zu trinken, sobald ich auf dem Sterbebett liege.


    Hallo!


    Wer weiß, vielleicht überkommt einen auf dem Sterbebett doch noch mal der Wusch, ein letztes Glas als eine Art "Henkersmahlzeit" :wink:
    zu konsumieren.


    Gruß
    Carl Friedrich

  • Hallo Carl Friedrich ,


    Zitat

    Wer weiß, vielleicht überkommt einen auf dem Sterbebett doch noch mal der Wusch, ein letztes Glas als eine Art "Henkersmahlzeit" :wink:
    zu konsumieren.

    Das habe ich selbst im engsten Familienkreis erlebt. Zwar nicht im Sterbebett aber soweit ohne Hoffnung vom Krebs zerfressen. Da kam der Wunsch nach einem Glas Wein. Das war der Patient ca 5 Jahren trocken. Unabhängig davon was der Sterbende noch gebracht hätte. Die stillgelegte Sucht sucht eben solche Situationen aus und nicht der rational denkende trockene Alkoholiker.


    Gruß Hartmut


  • inwiefern korreliert diese Erfahrung dann? Ich stehe doch nicht am Anfang, eher am Ende, an dem nur noch zwei Möglichkeiten übrig blieben.


    Guten Morgen,
    dies sollte als Beispiel dienen, dass du als Mensch - über die Lebenszeit betrachtet - Dinge nicht identisch bewertest. Ein trockener Alkoholiker steht auch nicht am Ende. Für uns geht es wieder neu los.


    Karamasow

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