„AufderSuche ist auf dem Weg“

Willkommen in unserem Forum : Bitte stellt euch zuerst bitte kurz im Vorstellungsbereich vor, damit wir sehen können, wer sich unter Onlineselbsthilfegruppe anschließen möchte. Unsere Onlineselbsthilfegruppe ist weiterhin in zwei Bereiche unterteilt. Einmal der offene Bereich und einmal der geschützter Bereich. Nach der Vorstellung könnt ihr dann für die offenen Bereiche freigeschaltet werden. Die geschützten Bereiche sind für Mitglieder gedacht, die sich hier langfristig und intensiv mit ihrem Leben auseinandersetzen möchten. Um aufgenommen zu werden, solltest du dich zuerst Vorstellen und später hier dich bewerben und um Aufnahme bitten. Der Austausch lebt von der Ernsthaftigkeit und der Aktivität mit der die User ihr jeweiliges Problem angehen . Deshalb haben wir dieses Verfahren gewählt, wir werden dann im Team entscheiden. Wir wünschen euch einen guten und hilfreichen Austausch bei und mit uns.
  • Gestern Abend hatte ich nach langer Zeit mal wieder das Bild vom letzten Moment, dass ich meinen Vater lebend sah, vor Augen. Er stand im erleuchten Hauseingang, ich saß im Auto, in dem ich gleich von ihm weggefahren wurde. Ich wollte mich nicht von ihm verabschieden, weil ich böse auf ihn war. Immer hatte er zugegeben, wieder getrunken zu haben, wenn ich ihn darauf ansprach. Er hatte zwar immer versucht, es zu verheimlichen, aber ich hatte sehr feine Antennen dafür, wenn’s wieder soweit war. Ich musste ihn nur ansehen und wusste es instinktiv. Bislang hatte er es dann immer zugegeben und das war irgendwie in Ordnung für mich, weil er ehrlich zu mir war. Wir hatten ein ganz besonderes Band zueinander. Er war meine Insel, mein Held. Es war furchtbar, wenn er wieder abstürzte, denn dann gab es für mich keinen Halt - meine Mutter empfand ich da schon lange nicht mehr als Halt, ich wusste um ihre Sorgen, ihre Ängste - sie hatte sich mir anvertraut - und ich hatte sie oft genug vor meinem unter Alkoholeinfluss bedrohlichen, gewalttätigen Vater beschützt. Er war nur für sie bedrohlich und ihr gegenüber gewalttätig, meiner kleineren Schwester und mir gegenüber nie.


    Jenem letzten Abend ging voraus, dass er mir gegenüber zum ersten Mal leugnete, etwas genommen zu haben. Ich vermute, dass es eine ordentliche Portion Distra war. Er wurde sogar sehr ärgerlich, vielleicht sogar wütend auf mich und sagte so etwas wie: „Willst du mich beleidigen?“ Ich war zutiefst enttäuscht von ihm und verletzt, weil ich fühlte und wusste, dass er log. Jene Zeit war irgendwie schlimmer als jemals zuvor. Ich ahnte, dass es auf eine Katastrophe zusteuerte, ich wusste irgendwie, dass das nur mit Tod enden konnte und in nicht ferner Zukunft eintreten würde. Innerlich vibrierte ich. Ich sehnte herbei, das das aufhörte und ich fürchtete mich davor und ich schämte mir für mein Sehnen.


    Am nächsten Morgen wurde ich geweckt und mir mitgeteilt, dass mein Vater tot war.

    Ich weiß noch gut, was ich gefühlt habe, was ich getan habe und habe ganz klare Bilder vor Augen.

    Ich stürmte nach draußen in den Garten, schrie in den Himmel, fühlte Erleichterung, dass es vorbei war, fühlte eine unheimliche Ruhe in mir und fühlte Fassungslosigkeit, dass die Welt sich einfach so weiterdrehte, nicht unterging, nicht einmal Notiz nahm.


    Er war in der Nacht mit dem Taxi gekommen und hatte sich das Auto abgeholt. Auf dem Heimweg zu unserem Haus, in dem er lebte, war er erst in einen kleinen Graben gefahren und dann, als er diesen verlassen hatte und quer auf der Straße stand, mit einem entgegenkommenden Bus zusammengeprallt. Er starb aufgrund schwerer Kopfverletzungen noch am Unfallort. Wie es dem Busfahrer ergangen ist, weiß ich nicht, in den Nachrichten las ich später nur vom Tod meines Vaters. Er wurde nur 43 Jahre alt.


    Das alles ist nun 33 Jahre her, ich war 15 Jahre alt damals. Eigentlich müsste man doch erwarten, dass über 30 Jahre genug sind, um das Ganze zu verarbeiten und zur Ruhe zu kommen. Nein, über 30 Jahre sind nicht genug. Ich empfinde gelegentlich das, was damals geschehen ist, wie einen Bumerang. Ich arbeite schon sehr, sehr lang daran, das Geschehene zu verarbeiten, immer wieder mal mit therapeutischer Hilfe und für eine Weile ist dann wieder Ruhe in mir. Doch immer wieder bricht die Wunde wieder auf und alles ist so klar und präsent vor mir, als wenn es vor Kurzem erst geschehen wäre.


    Diesmal, so mein sagt mir mein inneres Gefühl, habe ich eine reele Chance, die Wunde dauerhafter heilen zu können. Ich habe ein Wissen wie nie zuvor, ich habe innere Unterstützer wie nie zuvor und ich fühle den starken Wunsch und die Kraft, mich einer intensiven Therapie zu stellen.


    Dass ich so weit gekommen bin, habe ich tatsächlich dem Austausch in diesem Forum zu verdanken, sowohl meiner eigenen Aktivität in den Antworten für andere, als auch den Impulsen anderer auf meine eigenen Fäden.

  • Für manches sind 33 Jahre nicht genug.

    Du warst damals erst 15.
    Und es geht ja nicht nur um den Todestag, sondern um das, was dem jahrelang voraus ging.

    Das hast du alles als Kind irgendwohin gepackt und da ist es ja noch.

    Etwas gut wegpacken ist eine gute Lösung gewesen.

    Und wenn jetzt Wundversorgung und Verbandswechsel dran ist, dann ist das jetzt dran, das freut mich für dich.

    Du machst das gut. Ein Schritt nach dem anderen.

    You can't wait until life isn't hard anymore before you decide to be happy.

    - Nightbirde

  • Liebe Linde und Mitleser,

    meine Erfahrungen bestätigen das, was du schreibst.

    Nein, es geht nicht nur um den Todestag, da sind auch noch all die anderen Termine, Weihnachten ist noch am schlimmsten, und da ist tatsächlich noch alles andere, was in den Jahren zuvor geschehen ist. Ich habe so klare Erinnerungen daran.


    Gestern kam wieder mal so eine hoch. Es war die von einem Abend, an dem ich alleine mit meinem Vater im Haus war. Meine Mutter war zu einem Gruppentreffen der Anonymen Alkoholiker gefahren, weil sie das unbedingt für sich brauchte. Sie (und auch ich) glaubte, dass er so voll mit Tabletten war, dass er durchschlafen würde.

    Wir haben uns getäuscht. Er wurde wach, schaffte es irgendwie die Treppe runter und ich hatte damit zu tun, ihn zu beaufsichtigen. Das Essen aß er mit Händen aus dem Topf und es fiel ihm wieder aus dem Mund raus. Als er sich auf die untersten Stufen der Treppe setzen wollte, bekam er das irgendwie nicht hin, sondern rutschte immer wieder die Stufen runter. Und ich sollte ihm das andere Medikament mit dem widerlichen Geruch geben (Paraldexxx). Und und und. Weitere Details erspare ich euch und mir hier.


    Ich hab mich deswegen gestern wieder mit dem Begriff „Trauma“ beschäftigt. Ich hatte ein gutes Erklär-Video gefunden, in dem der Unterschied zwischen „Krise“ und „Trauma“ erklärt wurde. Ist diese Krise, die ich an jenem Abend erlebt habe, zum Trauma für mich geworden? - Nach dem, was ich über den Unterschied erfahren habe, ist es das nicht, auch wenn mich diese Erinnerung immer mal wieder beschäftigt.

    Ich habe jene Krise gut gelöst und vom Prinzip ist es eigentlich nur noch eine Erinnerung an ein Erlebnis, das vergangen ist.


    Wundversorgung und Verbandswechsel: Vielleicht würde es sich lohnen, nochmals genau auf die Gefühle zu schauen, die ich an jenem Abend gefühlt habe oder hätte fühlen sollen, ich weiß es nicht.

    Wenn ich heute drauf gucke, habe ich sehr viel Mitgefühl für dieses 14- oder 15-jährige Mädchen und ich traure um meinen Vater, der sich zugrunde gerichtet hat.


    Ja, Wundversorgung und Verbandswechsel. Ich wünschte, dass es nicht nötig wäre, aber es ist gut, dass es sowas gibt. Mir gefällt das Bild.

  • Liebe AufderSuche,


    Du kennst mich ja schon aus meiner Vorstellung und dem Threat und nun lasse auch ich dir einige Worte da. Als EKA kenne ich die Gefühle, die du da beschreibst.

    Eigentlich müsste man doch erwarten, dass über 30 Jahre genug sind, um das Ganze zu verarbeiten und zur Ruhe zu kommen.

    Ich bin beim Lesen direkt über diesen Satz hier gestolpert und dachte direkt "Nein! Bei Heilung gibt es keine Timeline, bis wann man was verarbeitet hat. Heilung verläuft nicht linear, sondern mal hoch, mal runter, zurück und im zickzack. Und manchmal kommen plötzlich Erinnerungen und Gefühle hoch, von denen man denkt, man hätte sie längst verarbeitet. Und dann muss man halt nochmal ran, es nochmal durchfühlen bis man einen Schritt weiter ist. Ich glaube, es ist ganz wichtig, da nicht die Geduld mit sich selbst zu verlieren. Es gibt einem ja niemand eine Anleitung "How to come to terms with your past" :D


    Ich hab mich deswegen gestern wieder mit dem Begriff „Trauma“ beschäftigt. Ich hatte ein gutes Erklär-Video gefunden, in dem der Unterschied zwischen „Krise“ und „Trauma“ erklärt wurde. Ist diese Krise, die ich an jenem Abend erlebt habe, zum Trauma für mich geworden?

    Ich glaube, letzten Endes sind diese Definitionen von "Krise" und "Trauma" doch egal. Vielleicht war dieses eine Erlebnis nicht traumatisch, aber alle Erlebnisse zusammengenommen schon. Ich habe mich schon lange vor meiner Therapie gefragt, ob meine Kindheit traumatisch war. Mein Überleben war in dieser Zeit niemals bedroht und entspricht somit gar nicht der Definition. Doch als meine Therapeutin mich fragte, ob es traumatisch gewesen sei, wusste ich: Ja, genau so fühlt es sich für mich an. Vielleicht nicht die einzelnen, schrecklichen Situationen, aber alles zusammengenommen: ja! Wenn sich der Begriff also gut für dich anfühlt, verwende ihn ruhig. Und ich denke, es ist nie verkehrt, solche Situationen nochmal "durchzufühlen".

  • Liebe Ktnnlos,

    hab ganz lieben Dank für deine einfühlsamen Worte! ☺️


    Ich bin beim Lesen direkt über diesen Satz hier gestolpert und dachte direkt "Nein! Bei Heilung gibt es keine Timeline, bis wann man was verarbeitet hat. Heilung verläuft nicht linear, sondern mal hoch, mal runter, zurück und im zickzack. Und manchmal kommen plötzlich Erinnerungen und Gefühle hoch, von denen man denkt, man hätte sie längst verarbeitet. Und dann muss man halt nochmal ran, es nochmal durchfühlen bis man einen Schritt weiter ist. Ich glaube, es ist ganz wichtig, da nicht die Geduld mit sich selbst zu verlieren. Es gibt einem ja niemand eine Anleitung "How to come to terms with your past" :D

    Was du beschreibst, entspricht auch meinen Erfahrungen. Linear läuft da gar nix bei mir. Manchmal denke ich: „Jetzt ist endlich gut, nu bin ich durch.“ Und dann tritt irgendetwas ein und es scheint wieder von vorne loszugehen.


    Es geht nicht wirklich von vorne los, das hab ich inzwischen schon lernen dürfen und ich hab auch schon einige Bewältigungsstrategien mehr erworben, als ich gelernt hatte.

    Auch Geduld habe ich in den letzten Jahren gelernt.


    Was das „nochmal ran“ betrifft, so versuche ich das demnächst mit professioneller Hilfe. Alleine komme ich da nicht mehr weiter.

    Ob mir das wirklich gut tut und ob die Therapeutin und ich überhaupt zusammenpassen, wird sich zeigen.

    Momentan bin mir gar nicht so sicher, ob ich wirklich an alles ran muss und wirklich nochmals durchfühlen muss oder ob ich nicht mehr daran arbeiten sollte, meine Bewältigungs-Strategien zu verbessern und meine Inneren Helfer aufzubauen.

    Nochmals durchfühlen zu müssen, macht mir derzeit ehrlich gesagt Angst.

    Die Therapeutin warnte mich auch davor, dass eine solche Therapie eventuell meine MS verschlimmern könnte. Das ist etwas, was ich ganz gewiss nicht will.

    Wenn die Therapeutin und ich also wirklich gemeinsam loslegen, werden wir das mit Augenmaß und entsprechender Vorsicht tun.


    Ich glaube, letzten Endes sind diese Definitionen von "Krise" und "Trauma" doch egal. Vielleicht war dieses eine Erlebnis nicht traumatisch, aber alle Erlebnisse zusammengenommen schon. Ich habe mich schon lange vor meiner Therapie gefragt, ob meine Kindheit traumatisch war. Mein Überleben war in dieser Zeit niemals bedroht und entspricht somit gar nicht der Definition. Doch als meine Therapeutin mich fragte, ob es traumatisch gewesen sei, wusste ich: Ja, genau so fühlt es sich für mich an. Vielleicht nicht die einzelnen, schrecklichen Situationen, aber alles zusammengenommen: ja! Wenn sich der Begriff also gut für dich anfühlt, verwende ihn ruhig.

    Ich mag mich selbst nicht aufspielen. Früher war es eigentlich immer so, dass andere wichtig waren, ich aber eher weniger.

    Instinktiv habe ich trotzdem immer wieder dafür gesorgt, dass ich überlebe.

    Ich bin damals nach dem Tod meines Vaters von zuhause weggegangen, um zu überleben. Wenn ich nur so getickt hätte, dass ich nicht wichtig bin, wäre ich geblieben, um mich um meine Mutter zu kümmern.

    Als ich im Herbst 2015 einfach nicht mehr konnte, bin ich in eine Klinik für Depressions-Erkrankte gegangen und war sogar bereit, Medikamente zu nehmen, gegen die ich mich eigentlich immer gewehrt habe. Ich bin nicht den Weg gegangen, der sich mir damals immer wieder aufdrängte, einfach so zu verschwinden, nicht mehr da zu sein.


    Ich möchte wissen, was mit mir ist, und ich sehne mich nach Heilung, deshalb habe ich mich auch mit diesen Begriffen beschäftigt. Unter die Diagnose von „Trauma“ falle ich meines Wissens nach nicht, auch wenn das, was ich erlebt habe, tatsächlich traumatisch war und mich tief geprägt hat. Ich habe keine Flashbacks, keine Dissoziationen.


    Was mir im Moment - es geht mir gerade wieder nicht so gut - hilft, ist, mir wie ein Mantra immer wieder vorzusagen, dass wir das Jahr 2021 haben.

    Und mir helfen im Moment auch - mal mehr, mal weniger - Sätze, die ich kürzlich in einem Resilienz-Training gelernt habe.

    Bsp.: Ich fühle mich klein/ habe Angst/ fühle mich überfordert, aber ich liebe und akzeptiere mich (ein klitzekleines bisschen) so, wie ich bin.


    Liebe Grüße

    AufderSuche

  • Und mir helfen im Moment auch - mal mehr, mal weniger - Sätze, die ich kürzlich in einem Resilienz-Training gelernt habe.

    Bsp.: Ich fühle mich klein/ habe Angst/ fühle mich überfordert, aber ich liebe und akzeptiere mich (ein klitzekleines bisschen) so, wie ich bin.

    Ich sehe gerade, dass ich (unbewusst ?) die Formulierung nicht richtig gewählt habe. Da gehört kein „aber“ hin, sondern in den ersten Teil des Satzes ein „auch“.

    Hab beim Lesen des Resilienz-Ratgebers heute morgen bemerkt, dass das einen Unterschied ausmacht. Es geht auch darum, den ersten Teil anzunehmen.

    Auch wenn ich mich gerade überfordert fühle, liebe und akzeptiere ich mich so, wie ich bin.“ fühlt sich anders, fühlt sich besser an.

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!