Brainstorming - Artikel "Meine Eltern trinken!"

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  • Hallo,

    hier können wir Ideen und Textbausteine sammeln für einen Artikel, der sich speziell an EKAs wendet!

    (EK bzw. EKA = Erwachsene Kinder von alkoholkranken Eltern)


    - Wie ist es in einer Alkoholikerfamilie aufzuwachsen?

    - Scham, Schuldgefühle und die vertauschte Verantwortung...

    - Ist es ein Unterschied, ob die Mutter oder der Vater trinkt?

    - Bin ich selber suchtgefährdet?

    - Werde ich automatisch co-abhängig?

    - Wie kann ich mich aus der vorgelebten Suchtstruktur lösen?

    - Was ist später, wenn die trinkenden Eltern alt und krank werden?



    Thema: "Meine Eltern trinken!"

    You can't wait until life isn't hard anymore before you decide to be happy.

    - Nightbirde

  • Je nachdem, wie ausgeprägt sich die Alkoholkrankheit in einer Familie zeigt, lernt man als Kind schon sehr früh, für die Eltern Verantwortung zu übernehmen. Es kommt u.U. sogar zu einer Art Rollentausch. Nicht das Kind und seine Bedürfnisse stehen im Mittelpunkt der Familie, sondern die Befindlichkeiten der Eltern und die Sorge um sie. Das Kind übernimmt die Rolle, die eigentlich seine Eltern übernehmen sollten, es fühlt sich für seine Eltern verantwortlich und übernimmt nach Möglichkeit auch Verantwortung.


    Einmal hab ich meinem Vater beim Entzug helfen wollen und geglaubt, wenn ich nur stark genug bin und er mich genug liebt, dann schaffen wir das. Er hat ein paar Stunden ausgehalten, wir haben viel miteinander geredet, dann aber verlangte er sein Bier, das ich für ihn versteckt hatte, zurück. Ich musste es ihm schließlich geben, da er mächtig Druck machte. Da hatte meinen ersten kleinen Nervenzusammenbruch. Ich war verzweifelt, dass ich nicht stark genug war und dass er mich nicht genug liebte. Da war ich etwa 13 Jahre alt.


    Ich habe mich auch mehrfach vor meine Mutter gestellt, wenn mein Vater unter Alkoholeinfluss aggressiv war.


    Ich hab schon sehr früh ein sehr feines Gespür für die Stimmungslage zuhause entwickelt und mich entsprechend verhalten. Ich hab auch geglaubt, die Stimmungslage positiv oder negativ beeinflussen zu können.


    Sehr viel Energie floss in die Aufrechterhaltung einer Fassade nach außen. Außenstehende und eventuell auch Oma und Opa, Onkel und Tante sollen nicht mitbekommen, was zuhause los ist. Dazu war ich teilweise auch zum Lügen gezwungen.

    Hab ich doch mal beispielsweise meiner Oma von meinem Kummer erzählt, ging das für mich nach hinten los, weil diese mit meiner Mutter gesprochen hat und ihr Vorhaltungen gemacht hat. Darauf bekam ich Ärger mit meiner Mutter. So lernte ich, nicht mehr mit anderen über meinen Kummer zu sprechen.


    Sehr viel Energie floss in das Hoffen, wenn mein Vater wieder trocken zu werden versuchte. Sein Scheitern und erneutes Trinken stürzte uns alle in Verzweiflung. Es begann ein Kreislauf und ich wurde wachsam und achtete auf Zeichen, wann‘s wieder los ging.


    Bei uns gab‘s auch wechselnde Koalitionen. Mal waren wir ganz auf der Seite meiner Mutter, mal ganz auf der meines Vaters. Ich hab das als sehr anstrengend und aufreibend empfunden.


    Als besonders schlimm hab ich das Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit empfunden, der Situation einfach nicht entkommen zu können, in ihr gefangen zu sein, sie irgendwie aushalten zu müssen.


    Wenn wieder kein Geld da war für Essen oder Kleidung, fühlten wir Existenznöte. Natürlich fiel ich in meiner Klasse in solchen Fällen durch meine Kleidung auf.

    Allgemein fiel ich dort auf, weil ich anders und irgendwie reifer war als meine Mitschülerinnen und Mitschüler.


    Abgesehen von einem überaus ausgeprägten Verantwortungsgefühl, den Gefühlen von Ohnmacht und Hilflosigkeit begleitet mich schon mein ganzes Leben lang das Gefühl der Scham. Scham aus einer dysfunktionalen Familie zu entstammen, Scham, nicht gut genug zu sein, Scham, wenn ich einen Fehler mache, wenn ich etwas übersehen habe, und so weiter. Ich hab mich sehr um die Aufrechterhaltung einer Fassade bemüht und mich geschämt, wenn ich dazu gerade nicht in der Lage war.


    Mein ganzes Leben lang habe ich mich nach Sicherheit gesehnt.


    Ich bin mir nicht sicher, ob das, was ich geschrieben habe, in diesem Brainstorming so erwünscht ist. Wenn’s nicht passt, bitte einfach entfernen. So jedenfalls habe ich das Aufwachsen in einer Alkolikerfamilie wahrgenommen.

  • Liebe AufderSuche,


    du teilst ja deine eigenen Erfahrungen mit und das ist gut und okay so. Mal sehen, bestimmt kommen noch mehr Berichte, ich denke, daraus kann man dann eine gewisse Regelmäßigkeit der Gefühle, Empfindungen und Erfahrungen von Kindern aus Alkoholikerfamilien sehen. Und das ist der Sinn der Sache. Dass Menschen, die hier ankommen, sich wiedererkennen in diesen Dingen und dadurch merken, dass sie nicht alleine so sind, nicht falsch sind in ihren Gefühlen. Sondern dass es leider Bestandteil in Familien ist, in der ein Elternteil oder beide trinken.


    LG
    Aurora

  • Bin ich selbst suchtgefährdet? - Ich selbst definitiv. Ich habe zwar Alkohol als abschreckend erlebt, bin aber später, als ich in Kreisen war, in denen Alkohol trinken als normal und „ungefährlich“ galt, der beruhigenden, lösenden, enthemmenden Wirkung des Alkohols verfallen. Alkohol als etwas, das Druck von einem nimmt, sich für einen Moment entspannt fühlen lässt.

    Und da ist diese Leere, die ich geneigt war, mit allem Möglichen zu füllen.


    Die Gefahr Co-abhängig zu werden, sehe ich ebenfalls. Wenn man seinen Vater oder seine Mutter schon nicht retten konnte, kann man als Erwachsener vielleicht seinen Partner oder seine Partnerin retten. Verantwortung zu übernehmen, hat man ja von klein auf verinnerlicht.

    Dazu kommt nach meiner Beobachtung auch, dass ich zum Beispiel bei meinem Partner eine Sicherheit gefunden zu haben glaube, die unbedingt beschützt werden muss. Glücklicherweise ist mein Partner ein ziemlich stabiler Mensch und kein Alkoholiker oder sonst wie Abhängiger.

    Erst, als ich begriffen habe, dass ich nur für mich allein verantwortlich bin und Verantwortung abgeben konnte, wurde ich frei.

  • Für wichtig halte ich, darauf hinzuweisen, dass das Kind unbewusst in diese Verantwortung hineinwächst.

    Ab dem Zeitpunkt, an dem Kinder das Prinzip von Ursache und Wirkung kennengelernt haben, lernen sie und glauben sie, dass sie mit ihrem Verhalten das Wohlbefinden von Eltern beeinflussen können. Bsp.: Wenn ich mein selbst Bett mache, wenn ich mein Zimmer selbst aufräume, dann freuen sich meine Eltern.


    Dass sie allerdings eine Aufgabe übernehmen, die sie vollkommen überfordert, ja überfordern muss, ist ihnen nicht bewusst.


    Zudem befinden sie sich in einer Abhängigkeit zu den Eltern, der sie sich nicht entziehen können, sie sind also gewissermaßen gezwungen, für ihre Eltern zu sorgen, damit es ihnen selbst gut geht.

  • Wie kann ich mich aus der vorgelebten Suchtstruktur lösen?


    Ein Hauptpunkt ist, denke ich, sich bewusst zu werden, dass ich Verantwortung letztlich nur für mich selbst und für mein eigenes Leben übernehmen kann. Ja, dass es sogar wichtig ist, für mich selbst zu sorgen und dass das ok ist.

    Ich bin nicht für meine Eltern verantwortlich, sondern diese sind erwachsene Menschen, die ihre eigenen Entscheidungen treffen und getroffen haben.


    Das bedeutet u.U. auch, sich gegen die Eltern abgrenzen zu müssen, räumliche Distanz einzunehmen und aushalten zu müssen, dass die Eltern nicht für sich selbst sorgen oder zu wenig.

  • Ich wohne in einem Mehrgenerationshaus mit meinen alkoholabhängigen Eltern zusammen. Es ist oft sehr sehr schwer sich abzugrenzen. Ich achte mehr darauf, dass meine Kinder keinen Schaden nehmen, als auf mich selbst zu achten. Ich habe die Sucht erst vor einigen Jahren bewusst erlebt, obwohl Alkohol seit meiner Kindheit immer schon präsent war. Im Nachhinein wird einem das alles erst wirklich bewusst. Ich war immer schon ein Mensch, der sich nach anderen richtet, es ist jetzt noch so, dass ich es es allen recht machen möchte und nur sehr selten hinterfrage was ich eigentlich will. Meist geht es mir gut, wenn es den Menschen um mich herum gut geht. Ich kann es gar nicht gut ertragen, wenn mir jemand böse ist oder mich spüren lässt, dass er mich nicht mag. Seit ich meinen Mann und die Kinder habe, werde ich aber immer stärker, allerdings eher in Bezug auf das Verteidigen meiner Liebsten und weniger mich selbst. Aber das ist ja auch schon mal ein Anfang.

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