Tag 50
Hallo Allerseits,
Seit meiner Abstinenz bin ich täglich mit Ängsten konfrontiert. Es ist wirklich so, als würde ich mich neu kennen lernen. Ich bin überzeugt davon, dass ein Teil meiner körperlich–psychischen Symptome – täglich Nebel im Kopf (ich kann die Uhr danach stellen, eine halbe Stunde nach dem Aufstehen)– eine Hinterlassenschaft meines Alkoholmissbrauchs ist. "Klappe zu, Affe tot" so würde ich mein Trinkmotto der Vergangenheit beschreiben. Meist habe ich aus Gewohnheit zur Beruhigung getrunken, sehr oft und viel, wenn bei mir Gefühle hochkamen, wenn ich mit meiner eigenen Gefühlswelt konfrontiert war, die ich einfach nicht mehr ertragen wollte bzw. mit der ich keinen Umgang finden konnte. Das lerne ich jetzt langsam. Es ist anstrengend, aber auch sehr spannend.
Vergangene Woche hatte ich ein eigenartiges Phänomen. Der tägliche Nebel im Kopf hat sich mit einer Migräne-Attacke quasi entladen. Ich kann mich nicht erinnern, je Migräne gehabt zu haben. Die Tage danach hatte ich keinen Nebel mehr, keine Desorientierung, Benommenheit, sondern war klar im Kopf mit Kopfschmerzen, Nachhall der Migräne.
Gestern dann tauchte der Nebel im Kopf wieder auf, mitten im Tun. Ich konnte das dann relativ schnell als Ängste identifizieren, konkret, Angst davor, jetzt am Oster-Sonntag auf meine Schwiegermutter zu treffen. Die Angst kroch schon nachts in Form von Alpträumen in mir hoch.
Die Mutter meines Mannes ist in ihrer Familie sehr bestimmend. Sie macht alles und bestimmt alles. Die Männer lassen sie machen, es ist bequem und O-Ton meines Mannes: es läuft eh immer so, wie sie es will, Widerstand bringt nichts. Als ich zu dieser Familie kam (2. Ehe bei beiden), war ich dann die Ansprechpartnerin der Mutter am Tisch. Da redet nur die Mutter und die Männer (Vater schwerhörig, Sohn keinen Bock) schweigen. Die Mutter erzählt Stories aus ihrer Familie, ihrem Bekanntenkreis, da war ich immer bereit, einfach zuzuhören, ein wenig mit Fragen darauf einzugehen, gleichzeitig hat es mich jetzt auch nicht wahnsinnig interessiert. Ich kenne die Leute nicht, von denen Sie spricht. Sie macht sich nicht die Mühe, etwas Kontext zu den Stories hinzuzufügen, damit ich das als Außenstehender auch verstehe. Sie spricht zwar mich an, gemeint sind aber Ihr Mann und ihr Sohn, die eben schweigen. Wenn ich eigene Themen setze, ist sie kurz interessiert, beendet dann meist ruckartig die Konversation und geht wieder auf Ihre Themen zurück.
Schon vor langer Zeit wehre ich mich innerlich dagegen, weiterhin diese Familiendynamik als Durchlaufkanister oder praktischer Outpost zu stützen, während ich mir vorgaukle, dass das nett und freundlich von mir sei.
Ich muss mir mit seinen Schwiegereltern nicht in den Armen liegen, natürlich ist eine Nähe da durch meinen Mann, den ich liebe, und es ist für mich theoretisch in Ordnung, Zaungast des Familientheaters, das mir hier vorgeführt wird, zu sein.
Prinzipiell muss ich einfach damit umgehen, dass sie sich nicht für mich interessiert. Ihr Motto empfinde ich so: ich bin halt die Frau ihres einzigen Sohnes, muss sie irgendwie damit klar kommen. Mein Gott habe ich mir Gedanken gemacht, wie anstrengend es für sie wohl sein muss, sich mit den jeweiligen Schwiegertöchtern ihres einzigen Sohnes herumzuplagen. Gleichzeitig ist es für sie ganz angenehm über mich eine Konversation mit Ihrem Mann und ihrem Sohn herzustellen. Auch ,was Entscheidungen in der Familie betrifft, Erbschaft etc., werde ich dann angesprochen, was man da machen kann. Da werde ich mich in Zukunft tunlichst raushalten, keine Ratschläge anbieten, zumal sie dann Anwandlungen hatte, ich solle in irgendetwas mit investieren, ein Objekt, was sie und ihr Mann aussuchen würden.
Lange Rede kurzer Sinn: die Abstinenz zwingt mich, bei solchen Situationen mein Runterschlucken zu identifizieren, meiner Angst und mir selbst Raum zu geben. In der Tat gestern konnte ich das Familientheater wirklich einfach beobachten und habe nur in den Momenten eingegriffen, als meine Schwiegermutter mir gegenüber „übergriffig“ wurde. Da war gar kein Platz für Alkohol, das war alles viel zu spannend für mich.
Sie bestimmte, wo wir im Restaurant sitzen, war dann unzufrieden damit. Mitten im Essen neuer Tisch, da dann auch wieder unzufrieden. Dann wollte sie die Bestellung für alle übernehmen, während die Serviererin die Einzelbestellungen bei jedem abgefragt hat. Ich konnte ihre ständigen Fragen, was ich denn nun esse oder, ob ich etwas mit ihr teilen möchte und sie das dann bestellt einfach an mir abperlen lassen und habe bei der Serviererin direkt bestellt. Nichts einfacher als das, denke ich jetzt, früher habe ich da schnell den Fokus verloren und versucht, es ihr „Recht“ zu machen, anstatt bei mir zu bleiben.
Mein Essen und das Essen meines Mannes kamen zuerst. Sie wollte, dass wir sofort anfangen mit dem Essen und hat sich, während Sie fragte, ob Sie bei mir probieren könnte, gleich mal an meinem Teller bedient. Ich habe das etwas perplex beobachtet, jedoch darauf bestanden, zu warten, bis sie und ihr Mann ihr Essen bekommen. Sie hat mich dann mehrfach angesprochen, ich müsse jetzt mit dem Essen anfangen, worauf ich entgegnete, ich möchte gerne warten, bis alle Essen da sind, das sei für mich ein Ritual der Wertschätzung. Zudem fehlte bei mir noch das Besteck. Da war Sie dann etwas konsterniert.
Ca. 5 Minuten später lobte sie mich dann dafür, dass ich mit dem Essen warten wollte. Da musste ich innerlich lachen, es war schon wieder der Versuch von ihr, die Kontrolle zu übernehmen.
Nochmal: lange Rede kurzer Sinn bzw. der Teufel sitzt im Detail. Ich habe die Dynamik meiner Schwiegerfamilie einfach als Film ablaufen lassen, meinen Film, Empathie vorerst mit meinen eigenen Gefühlen und Bedürfnissen und nicht prioritär mit den vermeintlichen Wünschen der Beteiligten empfunden. Und es gibt einen wesentlichen Grund, weshalb ich Teil dieses Theaters bin, nämlich, weil ich meinen Mann liebe und das teile ich mit meinen Schwiegereltern. Aber, es war eben wie gesagt mein Film, der Film meiner Schwiegermutter ist ein anderer.
Es ist dieser scheinbar kleine Perspektivwechsel, der sich zunehmend bei mir einstellt, dadurch, dass ich nicht in der täglichen "Wiege" Alkohol verharre.
Ich wünsche Euch Allen einen schönen Feiertag und ebenso spannende Familienessen.
Iphigenie