Beiträge von Nachwuchsoptimist

    Hi Roa et al.,

    die Frage, die Du Dir stellst habe ich mir auch mal zwischendurch gestellt: Wie ist es, wenn jemand "nur" alle zwei Woche säuft? Oder der notorische Quartalssäufer? Im Prinzip ist müsste doch dann auf jedes Besäufnis ein Entzug folgen, oder?

    Ich habe schon selbst gemerkt, dass ich mir einen regelrechten Trinkrhythmus angewöhnt hatte. Allerdings hatte das mehr den Charakter eines Jetlags, also dass man in bestimmten Abständen und in bestimmten Situationen auf einmal an Konsum denkt. Allerdings habe ich das eher als mentale Herausforderung erlebt, nicht als körperliche. Vermutlich ist der Übergang da fließend, immerhin sind Synapsen ja gleichzeitig Zellmassen und Bewusstseinsproduzent.

    Weiß darüber jemand etwas mehr?


    Zitat von Roa

    (Irgendwie ironisch :roll: du hast zwar Recht, meine Eltern sind auch sehr klug und wunderbar im theoretischen Verständnis. Hat meine Mutter aber nicht vor der Alkoholabhängigkeit und meinen Vater nicht vor einer Art Co-abhängigkeit bewahrt.)


    Ansonsten hast Du natürlich völlig recht, dass ein theoretischer, rationaler Zugang keinerlei Schutz vor Abhängigkeit ist. So war es aber auch nicht gemeint, überhaupt nicht ironisch. Ich hoffe das war nicht zu missverständlich.

    Für mich war der Arztbesuch in erster Linie ein Eingeständnis. Ich glaube von selber hätte ich diesen Weg nicht eingeschlagen, weil ich keinen körperlichen Entzug zu befürchten hatte. Es war trotzdem wichtig, weil ich über die Suchtpraxis, an die ich mich gewendet hatte, direkt an einen Psychotherapeuten geraten bin, der mich in den letzten Monaten auf meinem Weg sehr erfolgreich begleitet hat.

    In einer Welt, die im Glauben an objektive Medizin und Krankheit lebt, ist der Arztbesuch schon allein aus subjektiven Akzeptanzgründen notwendiges Ritual. Die klinische Beichte kann daher als manifestierende Performance und als Initialisierung der therapeutischen Erlösung erlebt werden. Sie markiert den Nullpunkt in einer angsterfüllten Bewegung, die in die Fremde zu führen scheint. Das Arztgespräch bietet insofern Orientierung und bringt als strukturierendes Ereignis Sicherheit und Zuversicht hervor.

    Und natürlich ist die Beratung bei der Wahl unterschiedlicher Therapieformen sehr hilfreich. Oft geht es schließlich auch um Zeit, von der man mit pragmatischen Handlungsanweisungen viel sparen kann.

    Ein Arztbesuch schadet jedenfalls nicht, mir fällt kein Grund dagegen ein. Ich spreche eigentlich wirklich gerne mit Ärzten, fällt mir gerade auf. Auch die Ärzte in meinem Freundekreis schätze ich sehr. Viele von ihnen sind sehr kluge und vielseitige Menschen. In einem einem Arztgespräch lässt sich immer etwas lernen.

    Zitat von Die Dania

    vielleicht hat das was mit dem zusammenhang zwischen bayern und bier zu tun...


    Ich habe auch den Eindruck, dass die Bayern Bier in erster Linie als Lebensmittel sehen. Das macht es natürlich für sie nicht leichter, jemanden zu verstehen, der Alkohol grundsätzlich ablehnt. Meine Freundin ist Münchenerin und hat es auch wirklich lange nicht begriffen. :roll:

    Es ist aber tatsächlich nicht Dein Problem, sondern ihrs.

    Hi Dania, schön dass Du schreibst!

    Ich habe selber die letzten 12 Jahre in Clubs verbracht, und kann absolut verstehen, was Du meinst. Es ist schon heftig, wenn man auch einmal mitbekommt, was am Wochenende um einen herum so abläuft. Seit ich vor etwas über einem halben Jahr auf die nüchterne Seite gewechselt habe, gehe ich zwar auch noch ab und zu auf eine Party, aber dann sehr gezielt zu den Künstlern, die mir wirklich was bedeuten. Ich denke dieses Aussieben ist ganz natürlich.

    Zitat von DieDania

    nun ist es ja so, dass die meisten in meinem alter ausser party machen und saufen keinen richtigen lebensinhalt haben, leider.


    Dazu kann ich nur sagen: Das ändert sich bei manchen auch bis 30 nicht. Und bei manchen auch nicht bis 90.
    Oder, mal anders betrachtet: Das was ich für inhaltlich wertvoll halte unterscheidetich gravierend von dem Leben, das viele meiner Bekannten leben. Es ist eine persönliche Präferenz, nicht mehr und nicht weniger. Insofern braucht man auch gegenseitig kein Mitleid haben. (Interessanterweise scheinen sowohl cleane Abhängige manchmal die druffen Abhängigen zu bemitleiden, als auch andersherum die rauschigen Partypeoples die cleanen Abhängigen. Ist mir mal so aufgefallen.)

    Allgemein scheinst Du aber schon ganz gut Dein Ding durchzuziehen. Echt beachtlich! Ich glaube in jedem Alter sieht sich der angehende Trockene verschiedenen Herasuforderungen gegenüber. Mit 20 sind die sozialen Strukturen noch sehr durchlässig, man selber und auch die Gleichaltrigen sind noch viel flexibler, was es auch leichter macht das Umfeld neu aufzubauen. Andererseits, und das ist was Du offenbar gerade erlebst, verhalten sich viele in Deine Alter noch sehr verantwortungsscheu, nehmen vieles nicht besonders ernst. Man ist jung, das Leben ist endlos. Die wenigsten haben Erfahrungen mit wirklich lebensbedrohlichen Krankheiten oder kennen sich mit Sucht aus, und ich würde es zum Teil darauf zurückführen, dass es manchen schwer fällt sich vorzustellen, was Dich bewegt, wenn Du Dich distanziert. Es ist einfach kein Konsens, gehört nicht zum Allgemeinverständlichen.

    Für Dich bedeutet es, dass Du in vielen Situationen mit Deiner Perspektive scheinbar allein stehst. Das kann frustrierend sein, und vor allem einsam. Aber mit der Zeit wirst Du Leute kennenlernen, die aus den unterschiedlichsten Gründen drogenfrei leben. Das braucht etwas Geduld. Aber das gute ist, dass diese Leute in der Regel sehr interessante und Menschen sind, die genau wie Du ihren eigenen Weg gehen, und ihre eigene Perspektive entwickelt haben. Ich sehe darin eine große Chance. Denn was der breite Mob denkt, weiß ich schon.


    Ein schönes Wochenende!

    Hallo Jörg,

    ich habe nich den gesamten Thread gelesen, mein Eindruck ist auch, dass das Wesentliche schon gesagt wurde. Da ich ein ähnliches Trinkmuster hatte, wie Du es bei Deiner Freundin beschreibst, und da das alles bei mir noch nicht so lange her ist, weill ich trotzdem noch kurz meine Erfahrung ergänzen.

    Zitat von joebo

    Mich würde interessieren, wie weit die eine oder andere gesunken ist, bis sie zu dem Entschluss kam, sich Hilfe zu suchen, sind da Unterschiede zwischen Männern und Frauen bzw. jung und älter?

    Ich habe mir zum ersten Mal Hilfe geholt, als ich 26/27 Jahre alt war. Eigentlich lief bei mir alles immer ganz gut an der Oberfläche, aber ich habe immer wieder Abstürze erlebt, die mir selber am nächsten Tag unangenehm waren. Und einmal war hab ich dann jemand mit nach Hause genommen, und am nächsten Tag wusste ich nichtmal mehr in welchem Club ich die Kleine aufgelesen hatte. Richtig peinlich. Das war der erste Punkt, an dem ich dachte: Shit, das geht so nicht weiter. Ging dann aber nach ein par Wochen doch wieder weiter. Da muss ich so 25 gewesen sein. Ich habe seitdem ein bisschen drauf geachtet, aber nicht wirklich was geändert. Erst etwa 2 Jahre später gab es wieder einen Vorfall, wo ich mich am nächsten Tag richtig schlecht gefühlt habe (damit meine ich nichtmal die körperlichen Alarmsignalen) , und meine damalige Freundin auch "not very amused" war. Ich habe daraufhin beschlossen etwas zu unternehmen, und war für ein paar Wochen in einer psychologisch geleiteten Gruppe. Das hat mir schon was gebracht, und ich war danach für einige Monate alkoholfrei. Ich glaube aber heute, dass ich es damals nicht ausschließlich für mich gemacht habe, sondern auch, um meiner Freundin damals zu gefallen. Nach der Trennung hat es nur ein paar Wochen gedauert bis ich wieder im alten Rhythmus getrunken habe.
    Was ich damit nur sage will: Es ist richtig und wichtig zum Ausdruck zu bringen, dass Dich ihr Trinkverhalten ernsthaft stört. Das hast Du ja ausch schon deutlich gemacht. Für mich war das damals zumindest ein Impuls, wenn auch kein ausreichender. Trotzdem war es eine Vorstufe zu meiner heutigen Einsicht, die notwendig war.

    Bei mir ging es dann nochmal 2 Jahre weiter mit Alkohol und Drogen wie vorher, aber ich bin keineswegs völlig "tief gesunken" wie das oft beschrieben wird. Ich glaube die meisten Abhängigen können lange, lange sehr unauffällig sein. Ich habe sogar viel erreicht in der Zeit, habe keine Freunde verprellt, keinen Job verloren, kein Studium geschmissen, keine Beziehung geschrottet. Ich habe sogar meine aktuelle Freundin ziemlich betrunken auf einer Party kennengelernt, worüber ich immer noch seh froh bin. Aber ich habe dann letztes Jahr gemerkt, dass mein Trinkverhalten mich immer wieder in riskante Situationen bringt, und dass es ein Frage der Zeit ist, bis ich mich selber mal richtig Ärger einhandel. Ich habe nichtmal täglich getrunken, und unter der Woche auch ganz normal, höchstens 1-2 Drinks. Meistens gar nichts. Aber es war für mich normal, zweimal im Monat loszuziehen und mir nach allen Regeln der Kunst die Kante zu geben - bis ich es grade noch so nach Hause schafft. Das machen viele so, ich habe oft den Eindruck gehabt, dass es ALLE so machen. Gerade heute morgen als ich um 8 Uhr joggen war, waren die Straßen noch voll von berauschten Partypeoples. Das hätte ich vor einem Jahr noch seien können.

    Ich erzähle das nur, um dir einen Vergleich zu bieten. Alkoholmisbrauch und Alkoholismus gehen im wahrsten Sinne fließend in einander über. Nach dem was Du von Deiner Freundin erzählst, trinkt sie schon deutlich mehr als ich es getan habe. Ganz sicher sollte sie Hilfe für sich in Anspruch nehmen. Aber: da muss sie wirklich selber drauf kommen. Sie zu überreden bringt nichts, sie muss selber die Aktive sein. Du kannst sie nur auf ihr Problem hinweisen, vor allem aber musst Du für Dich die Konsequenzen daraus ziehe, die Dir richtig erscheinen.

    Es ist schwer vorherzusehen wie der Weg Deiner Freundin danach weiterverläuft. Es hängt von extrem vielen Faktoren ab, wann sie sich eingestehen kann, dass es so nicht weitergehen kann oder soll. Nach dem was ich hier so lesen, bin ich geradezu ein Softie, der schon vergleichsweise früh angefangen hat, sich Sorgen zu machen und daraus Konsequenen zu ziehen. Ich habe jetzt seit 7,5 Monaten keine Rauschmittel mehr konsumiert, und muss gestehen, dass mir das nicht immer leicht gefallen ist. Auch wenn ich keinen körperlichen Entzug erlebt habe, ich weiß jetzt, dass ich mich über die Jahre in eine starke psychische Abhängigkeit begeben hatte, mit der ich mich auch noch eine ganze Weile auseinadersetzen werde. Grundvorraussetzung dafür ist natürlich völlige Abstinenz. Für mich war entscheidend zu verstehen, dass alle hier mal so angefangen haben wie ich. Je früher man den Absprung schafft, desto besser. Allerdings ist der Richtungswechsel schon auf meinem Abhängigkeitsniveau nicht nebenbei passiert. Ich habe einiges dafür getan, weil ich es so will.

    Du kannst nur einen Impuls geben, und Deine Sicht auch in ihrem Freundeskreis mal darstellen. Vielleicht bleibt ja was hängen. Mehr kannst Du leider nicht erwarten. Trotzdem ist jeder Impuls wichtig.

    Hi Patience, danke für Dein Feedback. Ich weiß, dass es kaum möglich war darauf zu antworten. *g* Wenn ich es jetzt nochmal lese, kommt es mir ziemlich wirr oder zumindest viel auf einmal vor. Und ich rechne es Dir hoch an, dass Du trotzdem schreibst.

    Zitat von patience

    Dieses Misstrauen oder diese Unsicherheit in Bezug auf meine Gefühle kenne ich gut. Lange kam es mir sogar so vor, als sei ich nüchtern komplett emotionslos. Alkohol oder der Kick des Verliebtseins hingegen vermittelten ganz intensive, berauschende Emotionen


    Wir scheinen da tatsächlich ein paar Dinge gemein zu haben.

    Ich habe am Dienstag nochmal alles beim Psycho rausgelassen, und das war ganz gut. Seitdem bin ich wieder ein bisschen weiter mit mir. Ich weiß was Du meinst mit dem "sich im Moment fühlen". Das sehe ich auch so. Trotzdem bin ich noch sehr misstrauisch, weil ich auch weiß, wie schnell meine Ungeduld und meine Gier die Oberhand gewinnen können. Das werde ich noch eine Weile bewusst steuern müssen, sonst bin ich sofort wie der da wo ich angefangen habe. Trotzdem bin ich eigentlich ganz froh, weil ich den Eindruck habe, dass ich langsam des Pudels Kern in den Blick beckomme. Das allein reicht zwar noch lange nicht, aber es kommt mir immerhin nicht mehr so dämonisch vor. :twisted:

    Ebenfalls ein schönes Wochenende!

    Vielen Dank für die vielen netten Kommentare. Schon verblüffend, dass meine Darstellung anscheinend besonders die Co's anspricht. Muss wohl an meinem Hang zu Reflexion liegen. Wenn das für irgendjemanden außer mir interessant ist, freut mich das natürlich.

    Heute schreibe ich, weil ich mich mal wieder echt mies fühle. Und normalerweise hilft schreiben fast so gut wie schreien.

    Eigentlich war das Wochenende sehr schön, ich war Freitag auf einer großen Geburtstagsfeier und habe mich dort dank exzellenter Musik und wohl auch wegen der hübschen Menschinnen mal wieder prächtig amüsiert. Alkohol stand für die wenigsten im Vordergrund, und auch bei mir am der Gedanke eigentlich gar nicht auf. Und auch gestern war ich dann noch zu einem Abendessen bei Freunden eingeladen, wieder alles toll, hab mich blendend unterhalten, mein Bruder war auch dabei. Schöne Menschen alles.

    Jetzt kommt der unbequeme Teil, der mich gerade beschäftigt: Heute habe ich zweimal mit meiner Freundin telefoniert. Sie ist zur Zeit nicht in der Stadt und kümmert sich um ihre Angelegenheiten. Das sind keine sehr angenehmen Dinge, die sie gerade erlebt und entsprechend sucht sie bei mir Rückhalt und Unterstützung. Ich habe das glaube ich schon mal angedeutet, Krankheitsfall in der Familie. Jedenfalls merke ich, dass ich Ihre Erwartungen nicht, oder zumindest nicht vollständig, erfüllen kann. Wir diskutieren das jetzt seit etwa 3 Monaten, an der Situation ändert es aber nichts. Ich bin mit mir beschäftigt, sie mit sich. Beide wissen wir das, aber es ist echt frustrierend, und heute hat das erste Gespräch dazu geführt, dass sie mir Vorwürfe gemacht hat, und ich ein schlechtes Gewissen hatte. Beim zweiten Gespräch hat sie sich entschuldigt und wir sind wieder auf dem Status quo, der als solcher eben ziemlich unbefriedigend ist.
    Ich habe das Gefühl, dass wir ein Spiel auf Zeit spielen: Falls wir es schaffen den Status quo aufrechtzuerhaten, bis jeder von uns beiden mit seinen Befindlichkeiten klarkommt, könnte es irgendwann vielleicht wieder eine erfüllende Beziehung werde, zumal eine vertiefte Beziehung, weil wir dann echt eine schwierige Zeit gemeinsam bewältigt hätten. Ich denke, dass das durchaus ein Qualitätsmerkmal sein kann. Bisher habe ich bei meinen Beziehungen immer schnell gekniffen, wenn es anstrengend wurde. Das will ich heute nicht mehr, weil ich sonst nur immer wieder dasselbe erlebe, eine nette Zeit ohne große Bedeutung. An viele meiner ehemaligen Beziehungen und Affären kann ich mich kaum noch errinnern. So soll es nicht weitergehen. Und irgendwie schäme ich mich jetzt sogar dafür, dass ich mich das Wochenende so oberflächlich amüsiert habe.

    Allerdings stelle ich mir auch immer wieder die Frage, wie lange ich den schwierigen Zustand meiner Beziehung noch aushalten will. Kann sein, dass sich die Situation meiner Freundin in den nächsten paar Jahren nicht großartig ändert, und ich merke jetzt schon, wie empfänglich ich für weiblichen Zuspruch geworden bin. Es fühlt sich wie Verzicht an, an einem Wochenende wie diesem, an zwei Abenden hintereinander allein nach Hause zu gehen. Es führt mir zum einen vor Augen, wie unbefriedigend die Beziehung zu meiner Freundin zur Zeit ist, aber andererseits erkenne ich darin auch genau dieselbe Gier, die mich bei meinen Drogen- und Alkoholexzessen immer angetrieben hat. Wohl ein narzistisches Prinzip: Ich will mich gut fühlen, indem ich Drogen oder Zuneigung konsumiere. Lange Zeit hielt ich dieses Leben für sehr angenehm oder zumindest abwechsulngsreich. Aber wie schon beschrieben, ich will diesen Kreislauf, der ins Leere läuft, unterbrechen. Und wenn ich das so analysiere und reflektiere fühle ich mich an Tagen wie heute mies, weil ich das Gefühl habe, meinen eigenen Grundsätzen nicht standhalten zu können. Oder weil ich meine Sehnsüchte nicht als Sehnsüchte, sondern als Unzufriedenheit erlebe.
    Dabei finde ich es gerade sehr schwierig zu unterscheide, welche meiner emotionalen und sexuellen Bedürfnisse legitim sind. Ein Leben ohne Alkohol ist eine Sache, aber die Vorstellung eines Lebens ohne Nähe, und ohne zum Teil durchaus irrationale Bedürfnisse fällt mir schwer. Sicher ist das gerade nur eine notwendige Phase, aber ich muss gestehen keine sehr angenehme. Es ist kein Spaß, wenn man den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen nicht trauen kann.

    Ich glaube das sprengt hier doch irgendwie den Rahmen. Ich bin froh, dass ich am Dienstag einen Termin beim Therapeuten hab. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, falls jemand bis hierhin gelesen hat. Und sorry falls Thema verfehlt. Immerhin passt es zum Topic des Threads. Ich habe für mich geschrieben. Und jetzt, wo ich es so in der Vorschau betrachte, bin ich tatsächlich wieder etwas klarer und muss wahrscheinlich doch nicht den ganzen Abend Morrissey hören. Das sollte Grund genug sein. *g*

    Einen schönen Abend allerseits!

    Heute habe ich mal wieder einiges hier gelesen, unter anderem einen Apfelsaftthread, und daraufhin auch den Thread von dessen Autor. Ich schreibe das nicht nur deshalb, damit ich mal wieder auf der ersten Seite auftauche, sondern auch weil mir die Diskussionen dort mich an meine inneren Dispute erinnert haben. Außerdem bin ich heute genau seit 7 Monaten alkoholfrei. Nach dieser ganzen Zeit habe ich, wenn ich ehrlich bin, für mich noch nicht endgültig geklärt, was ich eigentlich will: Ist das jetzt einfach eine "Trinkpause", oder will ich konsequent ein rauschfreies Leben leben?

    Ich kann mich noch gut an die Reaktionen einzelner Mitglieder hier erinnern, als ich im April im Vorstellungsbereich dazugestoßen bin. Inzwischen verstehe ich warum das so war. Und insofern vermeide ich es auch solche "nassen" Gedanken hier zu äußern. Trotzdem muss ich gestehen, dass mir gerade die Beiträge von Foren-Teilnehmern, die noch nicht so richtig trocken sind, immer wieder interessante Denkanstöße geben, weil sie mir vor Augen führen, wie die Sucht funktioniert. Bei anderen fallen einem manche Sachen leichter auf als bei sich selbst.

    Ich vermute daher stark, dass die Langzeittrockenen hier genau wissen, dass ich noch auf der Kippe stehe. Ich möchte mich daher an dieser Stelle mal ausdrücklich für dieses Duldung bedanken, denn eigentlich ist das Forum ja nicht dafür für Halbherzige gedacht. Viele werden die Gedanken, die ich gerade äußere, als Rumeiern, letztendlich als nasses Denken abhaken. Ich glaube auch nicht, dass ich schon richtig trocken bin. Aber ich denke, dass allein dieses Einsicht schon ein Schritt in die richtige Richtung ist, die ich auch weiterhin verfolgen will.

    Jeder hat seine Geschwindigkeit und meine ist sicher langsam, weil ich mir immer schwer damit getan habe Rat anzunehmen. Ich tue es doch. Und dass das richtig ist, daran zweifel ich nicht. Meine Fortschritte sind vielleicht Trippelschritte. Aber meine Geduld und meine Zuversicht weisen mir den Weg wie Katzenaugen auf einer dunklen Landstraße. Und wie bei jeder Nachtfahrt weiß ich genau, dass bald wieder die Sonne aufgeht. Auch bei Schrittgeschwindigkeit. Wenn ich beim Autofahren nicht gut sehen kann, fahr ich langsam. Das gibt mir Zeit, um Fehler zu korrigieren: Wenn ich vom Weg abkomme, kann ich dagegensteuern.

    Ich heiße Nachwuchsoptimist, weil ich wachsen will. Und weil ich weiß, dass es nur ein Richtung gibt.

    Zitat von patience

    Obwohl wir uns sehr gut verstanden. Irgendwie konnte ich aber einfach keine richtige Liebe mehr empfinden. Noch nicht einmal zu mir selbst.


    Das ist bei mir auch ein bisschen so. Aber ich hoffe noch, dass wir es schaffen können. Ich habe schon so viele Beziehungen in den Sand gesetzt, aber diesmal hatte ich von Anfang an den Eindruck, dass wir eine richtige gemeinsame Basis haben. Die Zeit wird es zeigen.

    Ich bin erstmal ganz zufrieden mit mir selber, und das reicht mir für den Augenblick. Ich denke, dass ich mir erstmal die Chance gebe, selber zu einem festen Stand zu kommen, und von dort kann ich dann versuchen mein Beziehung zur Welt neu zu entwickeln. Leider muss ich dadurch einige Leute auf Standy-by stellen, aber ich sehe im Moment keine andere Möglichkeit.

    Disziplin ist schon ein großes Thema bei mir. Zweispältig, wie Du schon richtig bemerkt hast. Mal gucken.

    Ich melde mich auch mal wieder.

    Eigentlich bin ich wohl jeden zweiten Tag zumindest mal kurz hier im Forum, um zu sehen was sich hier tut. Und oft finde ich auch etwas neues zum lesen. Mit dem Schreiben halte ich mich wie Ihr wisst ziemlich zurück. Liegt vielleicht auch daran, dass ich mich ganz solide fühle.

    Sogar meine Beziehung sehe ich nicht mehr ganz so kritisch, seitdem ich mich selber etwas stabilisiert habe, auch wenn ich noch Zweifel habe. Meine Freundin beschwert sich immer mal wieder darüber, dass ich meine Grenzen recht eng ziehe. Sie war es gewohnt, dass ich mich mehr in ihre Strukturen füge. Das will ich jetzt nicht mehr, und für sie ist das natürlich erstmal ein Affront, dass ich das jetzt immer weniger mache. Vermutlich pendel ich auch grade etwas ins andere Extrem und bin etwas zu egozentrisch. Aber ich fühle mich ganz wohl dabei, und ich habe keine Zweifel daran, dass dieser kleine Egotrip überfällig war.

    Deshalb habe ich mir jetzt auch drei Monate freigenommen. So kann ich endlich mal die Abschlussarbeit für mein Erststudium schreiben. Nachdem das Zweitstudium ja inzwischen längst durch ist, wird es irgendwie Zeit. Es fühlt sich großartig an, weiter aufzuräumen und sich mal auf eine einzige Sache zu konzentrieren. Multitasking wird echt voll überbewertet.
    Da ich die letzten Jarhre frei gearbeitet habe, kann ich meine Zeit glücklicherweise selber einteilen. Ist zwar stretegisch jetzt vielleicht nicht sooo schlau, weil nächstes Jahr die Finanzkrise auch in meinem Bereich richtig ankommen wird, aber was soll's. Wenn die Jobs mau sind, hätte ich auch noch zwei-drei andere Ideen, um mir die Zeit zu vertreiben.

    Wir werden es erleben. Ich geh jetzt erstmal ins Bett. Gute Nacht allerseits!

    Hi Erdling, ich bin ja mit meinem halben Jahr Abstinenz noch viel frischer hier dabei als Du und normalerweise halte ich mich deshalb lieber zurück mit Kommentaren.

    Aber ich kann gut nachvollziehen, dass Dich das beschäftigt. Wir sind in einem ähnlichen Alter, und Beziehungen sind nicht mehr nur einfach so zum Spaß da. Zwar ist es bei mir natürlich anders, aber auch ich habe Probleme in meiner Beziehung seit ich ohne Alkohol und Drogen lebe. Aus eben dem Grund, den Spedi genannt hat: Ich habe mich verändert, aber meine Freundin nicht.

    Ich habe für mich erstmal die Entscheidung getroffen geduldig zu sein, und auch meine Freundin hat inzwischen eingesehen, dass es ok ist, eine schwierige Zeit zu erleben. Mit den Zweifeln an einer Beziehung zu leben ist manchmal notwendig, aber natürlich ist es nicht leicht. Ich denken es muss eine Perspektive erkennbar sein, dass sich was ändert. Sonst bleibt als Konsequenz nur eine Trennung. Solche Entscheidungen sind immer eine Gratwanderung, und jeder ist anders was seine Kompromissbereitschaft angeht.

    Eifersucht ist ja ein klares Zeichen von Unsicherheit. Ich könnte mir vorstellen, dass Dein Aufblühen im trockenen Leben, Dein neugewonnenes Selbstbewusstsein und Deine neue Energie die "Machtverteilung" in Eurer Partnerschaft ziemlich aufgemischt hat. Das kann einen eher ängstlichen Menschen, der sich vorher mit einem Süchtigen arrangiert hatte, schwer verunsichern. Denn der Süchtige fordert von sich selbst keine endgültige Verbindlichkeit, und kann daher auch von seinem Gegenüber diese Klarheit nicht einfordern. Ein fauler Kompromiss, den ich viel zu häufig eingegangen bin, in "Beziehungen", an die ich mich heute zum Teil kaum noch erinnern kann.

    Nur ein paar Gedanken. Die Erde ist mein Lieblingsplanet. Ich wünsche Dir alles Gute!

    Hi Patience, danke der Nachfrage!

    Ja, es geht weiter. Ich habe gerade etwas Stress im Job, habe da eine falsche Entscheidung getroffen. Das ist unangenehm, aber alles noch im Rahmen. Einfach ein bisschen peinlich.

    Im Prinzip weiterhin trip-trap.

    Habe ein paar neue Laufschuhe und bin bisher recht regelmäßig damit unterwegs. Muskelkateralarm. Ansonsten versuche ich mich so gu es geht auf mich selber zu konzetrieren, was mir nicht immer leicht fällt weil ich immer neugierig bin neue Leute und Dinge kennenzulernen. Und da kann es schon mal sein, dass ich mich ein bisschen verzettel. Andererseits macht es mir auch Spaß, und zu einem gewissen Grad brauche ich das einfach.

    Soweit der Stand.

    Ich hoffe bei Dir geht es auch voran!

    Mir ist gerade aufgefallen, dass Parfüm ja eigentlich fast reiner Alkohol ist.
    Und überhaupt enthalten viele Kosmetikprodukte Alkohol.

    Da ich Kosmetik nicht im Geringsten mit meinem Trinkverhalten assoziiere,
    werde ich alles auch weiterhin so benutzen wie gehabt. Das ist wahrscheinlich
    eine Typenfrage.

    Würde mich mal interessieren wie das andere hier handhaben.
    Gar kein Parfüm, Nagellackentferner oder Aftershave?

    Ja, kleine Schritte, das sit wohl das Thema. War die letzte Zeit extrem beschäftigt, daher keine Posts von mir. Alles geht so seinen Gang, und ich beobachte. Da es mir eigentlich ganz gut geht, bin ich auch wieder geduldiger geworden. Es geht voran, das ist die Hauptsache.


    Zitat

    Warum fällt dir die Vorstellung von einem Leben als "Otto Normalverbraucher" schwer?


    Das ist eine gute Frage. Ich glaube Größenwahn kann auch sehr produktiv sein. Ich weiß jedenfalls, dass mich am Ende ein Haus im Grünen und 1,37 Kinder nicht interessieren. Der Weg, den ich gerade einschlage, ist ein anderer. Und ich weiß einfach noch nicht wohin er führt. Kleine Schritte. Tripp, trapp. Nüchtern geht es dabei natürlich viel klarer und zielstrebiger voran.
    An profane Tatsachen und Realität will ich trotzdem nicht glauben. Aber für sich selber verbindliche Regeln aufzubauen, die mir ein neues Panorama ermöglichen, das halte ich für wichtig. Ob sich am Ende Zufriedenheit einstellt bleibt ein Experiment. Das ist wohl auch eine Frage des Typs.

    Zitat

    dass sie weiß, dass du nur für dich und für sonst niemand trocken werden willst


    Sowieso. Aber sie versteht einfach nicht, warum ich es mache. Sie mochte mich auch betrunken, sagt sie. Risikofreudiger, unberrechenbarer und mehr im Hier-und-jetzt sei ich gewesen. Es war prekär, aber von allen toleriert, was ich gemacht habe. Und sie hält es für überzogenen Kontrollwahn was ich jetzt mache. Naja, inzwischen hat sie es akzeptiert und stört sich nicht mehr besonders daran, wenn ich auch bei feierlichen Anlässen mit Mineralwasser anstoße. Es ist mein Leben, und ich weiß, dass es so richtig ist.

    Egal, ich muss jetzt wieder ins Bett. Gute Nacht allerseits!

    Hallo Spanijoggel, liebes Forum

    gestern war ich den ganzen Tag draußen, und das war auch sehr schön. Aber ich habe gerade mal wieder etwas hier gestöbert und wie immer auch etwas gelernt.

    Bei einem Spaziergnag habe ich gestern meine Freundin nochmal konfrontiert und ihr gesagt, dass es mir wirklich nicht leicht fällt, dass ich sie um Nachsicht bitte, weil ich im Moment keine große Hilfe für sie sein kann (ihr Vater ist seit Monaten schwer krank, und das ist für sie echt hart), aber dass die Therapie und mein Entzug und die damit verbundene Umstellung trotzdem jetzt sein muss, weil es sonst auch nicht besser wird. Ich glaube, inzwischen hat sie auch einigermaßen verstanden, dass mir das wichtig ist.

    Bei den meisten Leuten hier lese ich ja immer, dass die Partner der Abhängigen diese zu einer Therapie drängen, oder es zumindest begrüßen würden, wenn sie ihre Probleme angehen. Bei mir ist das ein bisschen anders: Ich habe jetzt den Deal, dass ich nicht mehr mit dem Thema "Leben ohne Alkohol" ankommen soll, und sie mich im Gegenzug mit den Geschichten von ihrem Vater verschont.
    Das klingt jetzt wahrscheinlich ein bisschen bescheuert, erstens dass wir versuchen unsere Probleme so gegeneinander aufzurechnen, und zweitens dass wir uns mit dieser Absprache auch gegenseitig von unserem Gefühlsleben ausschließen. Aber andererseits haben wir so vielleicht die Chance, die Beziehung mal wieder ein bisschen positiver zu erleben und nicht so sehr als Konkurrenz des Leids. Mal sehen wie es wird, muss man ja nicht mit aller Konsequenz durchziehen.

    Zumindest habe ich seit letzter Woche ein paar ganz gute Tage gehabt, und dass ich echt mal was Neues.

    Was mir etwas komisch vorkommt ist, dass ich immernoch oft zwischen totalen Selbstzweifeln und Größenwahn pendel, die Vorstellung von einem Leben als Ottonormalverbraucher fällt mir echt schwer: Alle Zukunftvisionen für mein Leben scheinen extrem glamourös und kommen mir außerdem wie unumstößliche Realität vor. Ich habe zwar Angst vor mir selbst, aber eher in dem Sinn, dass ich froh bin, dass es noch viel zu erreichen gibt. Und irgendwie scheint mir da Vorsicht geboten, denn diese Art von Gier, Übermut und Entgrenztheit kenne ich aus den Nächten, in denen ich nicht genug bekommen konnte.

    Aber das ist mal nur ein Gedanke von vielen, und ich muss jetzt echt in die Heia.


    Gute Nacht

    Hi Elisabetha,

    ich halte mich hier normalerweise zurück, weil ich noch sehr unsicher bin was meine eigene Haltung angeht. Aber ich bin in der selben Phase, in der Du jetzt steckst. 5 Monate keinen Alk, keine Drogen. Und es geht mir oft echt mies, weil ich es zu selten schaffe richtig abzuschalten. Jedenfalls wollte ich nur sagen: du bist hier nicht allein mit dem Ausstieg aus der Feier-Szene in einer Freitag Nacht, in der auf den Straßen das alte Leben tobt.

    Gute Nacht.

    Hi Yvonne,

    danke für Deinen Kommentar. Ich weiß schon wie Du das meinst.
    Aber das scheint mir im Moment ganz und gar nicht das richtige in meiner Situation: es wäre schlicht feige, würde ich mich ganz auf mich selber konzentrieren.

    Ich habe mir in den letzten Monaten viel Zeit für mich genommen, und achte darauf, dass es mir einigermaßen gut geht. Aber alles andere wäre unfair und hätte auch nichts mit Eigenverantwortung zu tun.

    Wie gesagt, es ist nicht einfach die Balance zwischen den eigenen Bedürfnissen und denen des Partners zu halten, genausowenig übrigens wie zwischen dem Glück im Hier-und-jetzt und dem Glück am morgigen Tag. Eine radikale Verknappung auf "ich, sofort" ist für beide Bereiche "Lebenszeit" und "Mitmenschen" nicht zielführend. So sehe ich das jedenfalls.

    Vielleicht dauert mein Weg zur glücklichen Trockenheit dann etwas länger, aber immerhin muss ich so nicht das Vertrauen von Menschen enttäuschen, die mir wichtig sind. Meinst Du nicht?

    Einen schönen Tag allerseits!