Hallo Jörg,
ich habe nich den gesamten Thread gelesen, mein Eindruck ist auch, dass das Wesentliche schon gesagt wurde. Da ich ein ähnliches Trinkmuster hatte, wie Du es bei Deiner Freundin beschreibst, und da das alles bei mir noch nicht so lange her ist, weill ich trotzdem noch kurz meine Erfahrung ergänzen.
Zitat von joebo
Mich würde interessieren, wie weit die eine oder andere gesunken ist, bis sie zu dem Entschluss kam, sich Hilfe zu suchen, sind da Unterschiede zwischen Männern und Frauen bzw. jung und älter?
Ich habe mir zum ersten Mal Hilfe geholt, als ich 26/27 Jahre alt war. Eigentlich lief bei mir alles immer ganz gut an der Oberfläche, aber ich habe immer wieder Abstürze erlebt, die mir selber am nächsten Tag unangenehm waren. Und einmal war hab ich dann jemand mit nach Hause genommen, und am nächsten Tag wusste ich nichtmal mehr in welchem Club ich die Kleine aufgelesen hatte. Richtig peinlich. Das war der erste Punkt, an dem ich dachte: Shit, das geht so nicht weiter. Ging dann aber nach ein par Wochen doch wieder weiter. Da muss ich so 25 gewesen sein. Ich habe seitdem ein bisschen drauf geachtet, aber nicht wirklich was geändert. Erst etwa 2 Jahre später gab es wieder einen Vorfall, wo ich mich am nächsten Tag richtig schlecht gefühlt habe (damit meine ich nichtmal die körperlichen Alarmsignalen) , und meine damalige Freundin auch "not very amused" war. Ich habe daraufhin beschlossen etwas zu unternehmen, und war für ein paar Wochen in einer psychologisch geleiteten Gruppe. Das hat mir schon was gebracht, und ich war danach für einige Monate alkoholfrei. Ich glaube aber heute, dass ich es damals nicht ausschließlich für mich gemacht habe, sondern auch, um meiner Freundin damals zu gefallen. Nach der Trennung hat es nur ein paar Wochen gedauert bis ich wieder im alten Rhythmus getrunken habe.
Was ich damit nur sage will: Es ist richtig und wichtig zum Ausdruck zu bringen, dass Dich ihr Trinkverhalten ernsthaft stört. Das hast Du ja ausch schon deutlich gemacht. Für mich war das damals zumindest ein Impuls, wenn auch kein ausreichender. Trotzdem war es eine Vorstufe zu meiner heutigen Einsicht, die notwendig war.
Bei mir ging es dann nochmal 2 Jahre weiter mit Alkohol und Drogen wie vorher, aber ich bin keineswegs völlig "tief gesunken" wie das oft beschrieben wird. Ich glaube die meisten Abhängigen können lange, lange sehr unauffällig sein. Ich habe sogar viel erreicht in der Zeit, habe keine Freunde verprellt, keinen Job verloren, kein Studium geschmissen, keine Beziehung geschrottet. Ich habe sogar meine aktuelle Freundin ziemlich betrunken auf einer Party kennengelernt, worüber ich immer noch seh froh bin. Aber ich habe dann letztes Jahr gemerkt, dass mein Trinkverhalten mich immer wieder in riskante Situationen bringt, und dass es ein Frage der Zeit ist, bis ich mich selber mal richtig Ärger einhandel. Ich habe nichtmal täglich getrunken, und unter der Woche auch ganz normal, höchstens 1-2 Drinks. Meistens gar nichts. Aber es war für mich normal, zweimal im Monat loszuziehen und mir nach allen Regeln der Kunst die Kante zu geben - bis ich es grade noch so nach Hause schafft. Das machen viele so, ich habe oft den Eindruck gehabt, dass es ALLE so machen. Gerade heute morgen als ich um 8 Uhr joggen war, waren die Straßen noch voll von berauschten Partypeoples. Das hätte ich vor einem Jahr noch seien können.
Ich erzähle das nur, um dir einen Vergleich zu bieten. Alkoholmisbrauch und Alkoholismus gehen im wahrsten Sinne fließend in einander über. Nach dem was Du von Deiner Freundin erzählst, trinkt sie schon deutlich mehr als ich es getan habe. Ganz sicher sollte sie Hilfe für sich in Anspruch nehmen. Aber: da muss sie wirklich selber drauf kommen. Sie zu überreden bringt nichts, sie muss selber die Aktive sein. Du kannst sie nur auf ihr Problem hinweisen, vor allem aber musst Du für Dich die Konsequenzen daraus ziehe, die Dir richtig erscheinen.
Es ist schwer vorherzusehen wie der Weg Deiner Freundin danach weiterverläuft. Es hängt von extrem vielen Faktoren ab, wann sie sich eingestehen kann, dass es so nicht weitergehen kann oder soll. Nach dem was ich hier so lesen, bin ich geradezu ein Softie, der schon vergleichsweise früh angefangen hat, sich Sorgen zu machen und daraus Konsequenen zu ziehen. Ich habe jetzt seit 7,5 Monaten keine Rauschmittel mehr konsumiert, und muss gestehen, dass mir das nicht immer leicht gefallen ist. Auch wenn ich keinen körperlichen Entzug erlebt habe, ich weiß jetzt, dass ich mich über die Jahre in eine starke psychische Abhängigkeit begeben hatte, mit der ich mich auch noch eine ganze Weile auseinadersetzen werde. Grundvorraussetzung dafür ist natürlich völlige Abstinenz. Für mich war entscheidend zu verstehen, dass alle hier mal so angefangen haben wie ich. Je früher man den Absprung schafft, desto besser. Allerdings ist der Richtungswechsel schon auf meinem Abhängigkeitsniveau nicht nebenbei passiert. Ich habe einiges dafür getan, weil ich es so will.
Du kannst nur einen Impuls geben, und Deine Sicht auch in ihrem Freundeskreis mal darstellen. Vielleicht bleibt ja was hängen. Mehr kannst Du leider nicht erwarten. Trotzdem ist jeder Impuls wichtig.