Guten Morgen, liebe Paddy,
wir scheinen uns da recht ähnlich gefühlt zu haben in unserem Laufrad, das uns viel mehr Kraft abverlangte als wir hatten. Dennoch: wir liefen und liefen und liefen.... und fanden Entschuldigungen (gerade die schlimme Kindheit) und liefen noch schneller, damit er diese bösen Dinge vergessen kann.
Weißt Du, was mich interessieren würde? Ich bin sehr - viel zu schnell - mit meinem Partner über eine Fernbeziehung zusammen gekommen. Das was ich heute lebe - kennenlernen - war in der Form nicht der Fall. Nach einem halben Jahr zusammengezogen - weil ja die schlimme Entfernung für mich nicht aushaltbar war - um dann nach 10 Jahren aufzugeben.
Aber Paddy, vielleicht haben wir dadurch eine der größten Chancen erhalten, die Menschen bekommen können: Liebe als Liebe kennen zu lernen. Zumindest empfinde ich es so, in meinem jetzigen "neuen" Leben.
Anderer Wohnort - anderes Haus - meine geliebten Tiere, neuer Job und Menschen, die mich so annehmen wie ich bin: Nachbarn die Kürbisse oder Auberginen einfach nur vorbeibringen oder vor die Türe legen. Kollegen, die mich bereits nach ein paar Urlaubstagen vermissen und es mir sagen. Offene Freundschaft und Vertrauen die mir entgegengebracht werden ohne dass ich um sie kämpfen muss.
Seit ich alleine hier bin, was nicht immer einfach ist, wird mir soviel an Gefühlen zu Teil, was ich nicht bruchstückhaft in den 10 Jahren erlebt habe. Alles in meinem Hamsterrad hat mich abgehalten gutes zu spüren, selber nach außen zu leben und wirkliche offene Freundschaft wahr zu nehmen.
Jetzt, endlich, beginne ich bereit zu sein meinen Mitmenschen anders entgegen zu treten. Ich beginne mein Schubladen denken einzustellen. Ich beginne pur zu leben was ich fühle ohne mir zu überlegen ob ich damit anegge, nach fast einem Jahr beginne ich offen darüber zu reden was/wie/mit wem die ehemalige Beziehung war. Ich wollte alles verdrängen - vergessen - und dabei hätte ich mich (unbewußt) weiter isoliert um der Wahrheit niemals zu begegnen.
Ich muss nun umlernen, es ist schwer und ungewohnt aber das was ich nun kennenlerne ist etwas, um das ich scheinbar nicht kämpfen muss: angenommen zu sein, geschätzt zu sein und das auch gezeigt zu bekommen.
Paddy, ich denke, wir haben grausames durchlebt. Vielleicht aber dadurch die Chance nun alle die schönen und hellen Facetten des Lebens bewußt in uns aufnehmen zu dürfen. Gerade durch das Leid und durch die - immer noch gespürten - traurigen Gefühle aus der Zeit sind wir vielleicht in der Lage die jetzigen schönen Gefühle anders zu spüren.
Ich bin jetzt in der Lage zu sagen, ich bin müde, ich bin groggy, ich lege mich hin und ich habe halt nicht mehr Kraft - auch wenn ich noch etwas zu tun hätte. Früher, ja da habe ich mich durchgeschleppt um am Ende noch fertiger zu sein, etwas lieblos gemacht zu haben und dadurch selber die Lust an allem verloren zu haben.
Ich habe alles, was mein Potential ist mit Füßen getreten, weil es von den Launen eines anderen abhängig machen ließ. Ich habe mich und meine Charakereigenschaften - ob Stärke oder Schwäche - einem anderen vor die Füße geworfen um zu sagen "Ich bin Dein, mach damit was DU willst". Nunmehr schaffe ich es mich zu fragen, was ICH will, kann, darf, muss und bin auch in der Lage zu sagen "ich kann nicht".
"Ist Dir das auch wieder zuviel" so oft hörte ich es, so oft tat es weh, und so oft war es der Knopf, der wieder mein Hamsterrad in Gang setzte. Vielleicht war es mir zu viel .... vielleicht aber war ich nicht in der Lage es mir gegenüber zuzugeben....
Vielleicht.... liebe Paddy ... wird das nun alles anders.
Denn meine - und wohl auch Deine Energie - hat nun andere Wirkungsstätten. Orte, Menschen und Gefühle die wir anders wahr nehmen und auch anders darauf reagieren können.
Ich habe das große Glück erfahren dürfen zu spüren und zu sehen, wie bei Menschen die Augen funkeln wenn sie mich sehen, ein ganz inniges Lächeln in diesen Menschen kehrt und mein Herz dabei richtig warm wird. Ohne gegenseitige (Hilfe-)Leistungen - ohne Erwartungen, was tust Du mir und ich Dir dafür - einfach nur die Freude sich zu sehen und drei Takte zu reden.
Hätte ich jemals diese Gefühle - und stärkenden Energien - spüren (oder überhaupt auch nur beschreiben) können hätte ich nicht auch das Gegenteil erlebt??? Hätte ich dieses Funkeln sehen können, wenn ich nicht zuvor fale, eingefallene und leblose Augen hätte sehen müssen/können/dürfen???
Hätte ich Wertschätzung spüren können hätte ich nicht für mich zuvor das Gegenteil spüren müssen???
Ich glaube Paddy, eines bedingt das andere - nur der Lernweg von manchen (wie von mir) ist vielleicht ungleich härter von Menschen ohne einer Co-Abhängigkeit.
Ich beginne mehr und mehr meinem ehemaligen Partner dankbar zu sein durch den harten Lernweg, der mich fast das Leben gekostet hätte, endlich - reine - Liebe und Zuneigung zu spüren. OHne Erotik ohne Partnerschaft - einfach nur menschliche Zuneigung (die für mich Liebe ist - für mich persönlich ist Liebe den anderen so annehmen wie er ist, sich mit ihm auszutauschen und seine Meinung zu achten auch wenn icheine andre habe. Für mich ist Liebe den Respekt zu behalten auch wenn die Meinungen komplett anders sind).
Und Paddy, so wie ich spürte wie früher meine Energie destruktiv genutzt wurde, so erlebe ich heute wie sie anderen Menschen (Tieren) nutzen kann - wie mein Gegenstück und ich profitieren - voneinander - füreinander....
Lieben Gruß von Dagmar