Liebe Gesche,
vielen Dank für Deine guten Wünsche, ich hoffe auch mal, dass ich dann eine andere Basis habe oder finde. Ich denke aber schon, weil es auffällig ist, wie anders die Leute mit mir - und ich mit ihnen - umgehe.
Schau, Dein Mann verweigert die Aussprache weil Du "bekloppt" bist. Das ist viel einfacher und weniger entlarvend als wenn das tatsächliche Thema wirklich auf den Tisch kommt. Wer weiß, vielleicht ahnt er schon dass sein Trinkverhalten nicht normal ist? Aber sich das ganze bewußt anzuhören bedarf einer gewissen Einsicht, die nicht alle Abhängigen haben.
Gesche, mach Dich frei vom "wenn ich mich anders verhalten hätte". Wir alle sind nicht fehlerfrei und Beziehungen sind nicht leicht zu führen. Es gibt aber tausend andere Wege mit Problemen fertig zu werden, die nicht Alk oder Sucht heißen.
Für mich bedeutet dir Flucht in Alk oder Drogen, also Substanzen, immer dass diese als Selbstmedikation eingesetzt werden. Vielleicht nicht am Anfang, aber irgendwann verspürt der Trinkende wohl Erleichterung oder Wohlfühlgefühl. Ab da wird das Suchtmittel (wie bei uns) der Begleiter. Vielleicht will der Trinkende (wie wir) beweisen dass er/sie noch alles im Griff hat?
Ich dachte auch, ich werde nicht fertig mit der Veränderung der Person, die ich einmal als liebenswert empfunden hatte. Der Mensch mit Geduld und Entgegenkommen gegenüber anderen Menschen wurde eine tickende Zeitbombe. Er wurde immer aggressiver und unzufriedener. Wie auch ich Gesche, in seiner Nähe, es steckte nämlich an.
Viel zu spät - aber noch so schnell, dass ich meine ureigenen Hobbies und Vorlieben hatte - bin ich ausgestiegen. Ich konnte meine Interessen mitnehmen, die Dinge, die mir etwas bedeuten: Garten, Botanik, Tiere, Freunde und viele Kleinigkeiten.
Genau diese Dinge konnte mein Expartner nicht mehr empfinden. Erst lange nach dem Ende der Beziehung habe ich registgriert dass es bei ihm "Glück" nicht sichtbar gab. Er war sich wohl selber nicht grün, oder der Stoffwechsel spielte verrückt, oder oder oder.... Ganz viele Möglichkeiten - aber für mich dadurch nur ein: rennen, was das Zeug hält, bevor ich ähnlich missgestimmt werde.
Mein Hausarzt sagte mal, es sind so und so immer die anderen schuld. Die sozialen Kontakte waren bei mir andere als bei meinem Expartner, gemeinsame Freunde gab es nicht. Während es sich bei ihm eben auch um Menschen handelte, die mal gerne ein Gläschen tranken, so ist natürlich auch logisch, dass sich der Freundeskreis immer mehr voneinander weg entwickelt, der Süchtige oftmals (gilt auch für uns Co) in der Einsamkeit gefangen ist und sich selber isoliert.
Ja, der Verfall ist entsetzlich anzusehen! Aber es geht uns nichts an! Es ist die Entscheidung des Trinkenden zu sagen ich will den Alk und die damit verbundenen Änderungen der Person. Genau wie wir sagen können ich will die Beziehung nicht mehr, die sich so verändert hat. Wir - wie auch der Trinkende - sind verpflichtet Verantwortung nur für uns selber zu tragen. Schwer einzusehen, denn Menschen sind eine Solidargemeinschaft und sollten sich helfen - wohl kommen wir auch deshalb so schwer aus unserer Rolle heraus.....
Aber ich muss mich vor die Gesellschaft stellen und meine Energien erhalten, um der Gesellschaft dann etwas zukommen lassen zu können. Die Suchtbeziehung hat meine Ladestation ganz schön geschwächt 
Schau Gesche, ich bin raus aus der Beziehung, dennoch bewegen mich manche Gedanken und Fragen, dazu waren 10 Jahre eine zu lange Zeit um einfach einen Cut zu machen.
Aber ich sehe was jetzt mein Leben ist, ich sehe meine veränderte Optik, meine farbenfrohe Kleidung und meine Psyche, die langsam ruhiger wird. Angstgefühl weichen (denn auch die waren sehr ausgeprägt, von Jahr zu Jahr mehr, vielleicht auch hier eine gegenseitige Steigerung der Ängste).
Verarbeiten, liebe Gesche, können wir das wohl alles nur mit Zeit und dem Bewußtsein, wir sind weder schuld, noch hätten wir etwas ändern können.
Liebe Gesche, ich dachte damals mein Leben ist vorbei und es viel mir alles andere als leicht in und an den Neustart zu gehen. Aber jetzt bemerke ich - mit fast 50 - das Leben beginnt erst.
Halt Dich wacker,
lieben Gruß von Dagmar