Liebe Einsam 999,
für mich brach eine Welt zusammen, als ich nicht nur den Job durch Rationalisierungsmassnahmen verlore sondern mein Ex von jetzt auf nachher komplett abstürzte. Mein Leben war im Eimer - ausser meinem spärlichen Leben (und auch das war nicht sicher durch Aussagen wie "ich brenne das Haus ab").
Um Macht zu beweisen kündigte er Telefon und Internetanschluss, und das zu einer Zeit, wo das Haus in dem Kuhkaff von Mauern umzingelt war wegen Abbrucharbeiten. Ich war isoliert. Das zeigte mir dass es keinen Respekt und keine Würde gibt, die ich bekomme.
Ich hatte nichts mehr und alles verloren - was gab es jetzt noch wirklich in den Sand zu setzen? Nun gab es für mich die Frage will ich mich weiterhin meiner Trauer hingeben oder will ich versuchen zu leben? Will ich weiterhin meine Gefühle und meine Gesundheit davon abhängig machen, wie der Expartner drauf ist und wie hoch sein Konsum ist?
Oder besinne ich mich meiner selbst und starte? Ich habe mich für einen Neustart entschieden, denn schlimmer hätte es nicht kommen können, als es zuvor war - schon gemessen an der gesundheitlichen Situation.
Es kostete Mut, ich hatte Angst ohne Ende, Trauer und Schmerz, fühlte mich alleine und verlassen und am Arsch der Welt. Wegen ihm hatte ich Familie und Freunde 120 km von mir entfernt gelassen.
Heute, 4 Monate später,
bin ich vielleicht so weit zu sagen, "schön, dass ich hierher gezogen bin".
Ich habe ein wunderschönes Häuschen, nette Vermieter, die Menschen hier im Ort sind offen und entgegenkommend, ich lebe frei im Grünen, weit und breit alleine, dennoch aber die Hauptstraße 50 m entfernt. Ein Brunnen vor dem Haus - meine Tiere, die sich wohlfühlen.
Und ab 7.1. wieder einen Job. Einen, der toll sein dürfte, in dem ich aber unter dem Existenzminimum verdiene? Und?! Dann muss ich eben versuchen irgendwie durchzukommen, evtl. Wohngeld beantragen und und und. Aber ich lebe und fühle mich glücklich. Ich bin arm wie eine Kirchenmaus und reich am Glück noch zu leben, und nun für mich Glück leben zu können.
Ich erfreue mich an meinen Freundschaften, die erst jetzt so intensiv wurden weil ich um Hilfe bat und sie mir gegeben wurde. Vieles waren am Anfang oberflächliche Kontakte, die jetzt zu wahren Freundschaften wurden. Aber ich musste sagen "Bitte hilf mir".
Ich freue mich an den Müllmännern, die so lieb waren meine Marke nicht abzureissen und ich sie mehrfach verwenden konnte. Sie haben mir so geholfen. Über ein Trinkgeld haben die sich ebenso gefreut wie ich mich über die Marke - beide Seiten also hatten eine kleine Freude.
Ich erfreue mich an meinem Holzofen, in dem mein Weihnachtsgebäck gebacken wird. Mein Bad ist ausserhalb der Wohnung und kalt. Und dennoch: ich freue mich darüber, dass ich mein eigenes Bad habe, welches ich so wieder antreffe wie ich es verlassen habe.
Meine Gesundheit ist komplett wieder hergestellt, meine Power noch nicht, aber das wird noch kommen. Darüber bin ich glücklich.
Ob man an Gott oder Gutes glaubt - ob man an Schutzengel glaubt oder nicht.... alle waren für mich da als ich den ersten Schritt ging - einen Schritt von dem ich nicht wusste ob ich ihn schaffe. Schutzengel mussten bei mir wohl Sonderschichten gefahren sein. Ich will Dir was sagen, liebe Einsam: das letzte Jahr war der Horror! Dennoch im Gegenzug kam soviel Glück und Hilfe von außen, wie ich es in 46 Lebensjahren noch nicht erlebt hatte.
Dazu war notwendig zu sagen:
Ich will leben - Ich will an meinem Glück arbeiten und ich benötige Hilfe.
Ich drücke Dir die Daumen, dass die Kraft durch die Geburt des Enkels Dir die Power gibt für Dich ein neues Leben aufzubauen, in welchem auch der kleine Erdenbürger geschützt bei Dir sein darf.
Lieben Gruß von Dagmar