Hallo, lieber Deenoerder,
Deine Geschichte ist alles andere als schön und belastend bis zum Siedepunkt.
Für mich war die Lügerei ein furchtbares Problem. Vor allen Dingen erscheint es für mich jetzt so, als habe das in mir bewirkt dass ich meiner eigenen Wahrnehmung nicht mehr trauen konnte. So oft Lapalien oder Dinge, die gar keine Rolle spielten. Dieses "ich muss mal kurz weg" das sind Dinge, die mir im Nachhinein noch schlimmer aufstoßen als in der Situation selber, wo ich schon innerlich die Fäuste ballte. Wie lange hat es gedauert bis mir auffiel, dass die Frage "brauchen wir was vom einkaufen" keinesfalls dem Einkaufen diente sondern einfach dazu noch anderes als Sprit auf das Laufband der Kasse legen zu können. Dieses ständige in Zweifel ziehen ob Wahrheit oder nicht - dieses Wissen des nicht vertrauens, hat mich sehr schwer belastet.
Was Du schreibst mit den Vorhaltungen und Schuldzuweisungen geht für mich in eine ähnliche Richtung. Klar, irgendwann war ich in der Lage zu begreifen dass diese Schuld beim anderen zu suchen reine Verteidigung ist. Bis dahin aber zog ich mir diese viel zu großen Schuhe an. Wie lange habe ich für mich gebraucht - und schaffe es noch immer nicht so ganz - zu begreifen: der Betreffende ist zu krank um sich seiner Beteiligung zu stellen.
Trost, Rücksichtnahme und Rückhalt - also die volle Co-Erwartung, oder? Sei da für mich, schütze mich und trage meine Verantwortung. Was ich so traurig an Deiner Geschichte finde ist die Tatsache, dass eine Möglichkeit der Therapie ins Haus steht, aber scheinbar von ihrer Seite noch gar nicht realisiert wurde was wirklich läuft.
Ich kann da nur versuchen an mich selber zu denken, da ich auch erst aufgewacht bin als ich Schaden genommen habe und das beim Suchtkranken auch hoffen. Aber es scheint so gut zu gelingen die Schuld auf andere zu verlagern um sich dadurch selber nicht betrachten zu müssen. Vielleicht auch Mechanismen, die ein Leben lang praktiziert wurden, die nicht einmal mehr bewußt sind.
Weißt Du Deenoerder, oft habe ich mich gefragt, Therapie, Krankheitseinsicht oder was auch immer - aber welche Vorschädigungen wurden schon durch den Missbrauch am Hirn bewirkt, dass es überhaupt noch möglich ist (selbst mit dem Willen) alles das zu ändern und neu zu lernen?
Es gab ein paar Punkte, da habe ich vorbehaltlos vertraut weil lt. Worten für uns beide selbe Moralvorstellungen galten. Ob das jemals der Fall war weiß ich nicht - denn nur durch den Alk werden die sich ja wohl kaum verändert haben.
Ich für mich stelle in Frage, ob ich jemals wieder eine Beziehung führen kann, in der in Vertrauen - ebenso vorbehaltlos - geben kann. Davon abgesehen, dass Partnerschaft das letzte ist, was ich mir derzeit vorstellen könnte, habe ich derzeit das Gefühl dass ich dazu nicht einmal mehr in langer Zeit fähig sein werde.
Da gibt es zum einen die Angst wieder in ein co-abhängiges Muster verstrickt zu werden und es ebenso wenig zu bemerken wie in der Vergangenheit und zum zweiten die noch lange nicht ver- und bearbeiteten Dinge, von denen ich nicht weiß ob ich in der Lage bin sie irgendwann "nur als Erfahrung" verbuchen zu können.
Du gehst meines Erachtens klasse mit den Lügen um, es wirkt so, als würde bei Dir der Verstand arbeiten können, was bei mir lange nicht der Fall war. Ich wurde gefühlsmässig verletzt und war lange, eigentlich bis zum Ende der Beziehung, gar nicht in der Lage die Lügen zu erkennen. Wie kommst Du gefühlsmässig mit dem klar, was da gerade um Dich herum läuft? Wie kannst Du schlafen oder Dich einfach als Mensch fühlen wenn Du dieses schlimme Krankheitsbild immer sehen musst? Ich war da total von den Socken, weil ich einfach nicht glauben konnte was ich sah. Ich dachte wirklich lange Zeit ich bin einfach nur in einem schlechten Horrorfilm, das kann doch alles gar nicht wahr sein.
Ich denke da sehr an Elocins Worte: "Jetzt komme ich gern nach Hause denn ich fühle mich dort wohl und alles ist so wie ich es möchte."
Ich selber konnte nicht damit umgehen immer wieder neue Geschehnisse miterleben zu dürfen. Ich bin nicht flexibel genug um mich von einer Laune auf die andere einzustellen. Ich war auch nicht in der Lage mich abzugrenzen von den Dingen wie leere Flaschen rumstehen lassen, Geschirr nicht weg zu räumen, Wäsche über Wochen nicht einzuräumen ect. Obwohl das Dinge sind, die mich nichts angehen, weil jeder für sich selber zuständig ist, so machte es mich rasend. Darüber geredet habe ich nicht mehr, weil es keinen Sinn hatte, aber es hat mich belastet.
Jetzt nunmehr kann ich nur mir selber auf die Füße treten wenn mir etwas im Weg rumliegt. Manchmal sehr, sehr ungewohnt. Ich frage mich nämlich auch, ob ich nicht oft bei dieser Schlamperei des Partners meine inneren Wutgefühle ausgelebt habe? Habe ich es vielleicht ebenso gemacht wie ein Suchtabhängiger? Andere dafür verantwortlich gemacht dass es mir nicht gut geht weil eben Unordnung und so???
Ein heftiger Weg - wenn ich mir Deine Geschichte durchlese, dann finde ich sie sehr, sehr belastend. Ich wünsche Dir alle denkbare Kraft, dass Du für Dich so stark bleiben kannst und Deinen Weg gehen kannst.
Lieben Gruß von Dagmar