Hallo, liebe Jule,
vor rund 2 Monaten habe ich das damalige gemeinsam angemietete Haus verlassen und lebe nun alleine. Seit genau dem Moment gibt es Bedrohungen ohne Ende.
Der letzte Polizeieinsatz war hier SEK-mässig mit Belagerung, Staatsanwalttelefonat ect. als die Beamten nahmen das nicht auf die leichte Schulter versuchten auch in sein Haus zu gelangen. Ich denke das saß. Vermutlich aber nicht auf Dauer.
Nur Jule, es geht um die Grenzen! Es geht darum, dass irgendwo stop sein muss. Irgenwo ist der Punkt, wo asoziales Verhalten an den Tag tritt. Ein Verhalten, welches mich schädigt und welches ich nicht unbegrenzt über mich ergehen lasse. Mir - und auch den Polizeibeamten - ist die Gefahr bewußt, dass jede Anzeige noch mehr Eskalation mit sich bringt. Deshalb wurde der Vorfall aktenkundig, nicht aber als Anzeige behandelt, die Beamten haben jedoch versichert, dass es weitere Kontrollen und Besuche geben wird.
Jule - an der Stelle auch Olive - ich denke verdammt gut zu wissen was diese Angst ist und wie sie in mein Leben eingreifen kann. Aber ich selber bin dafür verantwortlich mir eine gewisse Sicherheit zu schaffen, die auf lange Sicht vielleicht einmal Ruhe vermitteln kann. Nur dulden macht mich kleiner, schutzloser und ängstlicher.
Ja, liebe Jule, die Frage danach ob ein nasser Trinker spürt was er tut kann uns wirklich nur jemand beantworten, der das selber aktiv als Gefühl spürte in seiner "Trinkerzeit".
Aber ich kann Dir sagen was ich denke, für mich und meine eskalierte Situation:
Ich glaube nicht dass mein Gegenüber überhaupt noch klar in der Lage ist Recht und Unrecht trennen zu können. Ich denke auch nicht, daß er sich darüber im Klaren ist, dass er die Schuld nur bei anderen und nicht bei sich selber sucht - denn mit dieser Erkenntnis müsste ja etwas geändert werden - eventuell sogar das Trinken aufgegeben werden.
Jule - auch ich trage meinen Teil an der Eskalation bei. Ich bin geblieben! Ich habe die Beziehung viele Jahre geführt und als Co sein Deckmäntelchen gewahrt. Ich war so naiv und ging nicht davon aus, dass auf einen Schlag alles extrem wird. Ich dachte immer ich habe mich im Griff und sehe was um mich herum passiert. Nicht einkalkuliert habe ich drei Todesfälle, die wohl einen Super-Mega-Gau ausgelöst haben und innerhalb von Tagen eine Eskalation ohne Ende.
Ich versuche an mir zu arbeiten und mich vor dem Ertrinken zu retten. Versuche also auch meine Beteiligung für mich aufzudecken. Wie soll das der Gegenseite gelingen wenn keine Einsicht in die Abhängigkeit da ist? Auch meinem Gegenüber ist alles egal wenn er getrunken hat - und ich denke, es gibt keinen Tag, an dem er nicht getrunken hat in den letzten Jahren. Aber nun muß ich sagen stop(p)! Mit Hilfe von Polizei oder Rechtsanwalt.
Jule, ich weiß an manchen Tagen nicht wie ich diese Wut und diesen Hass verkraften kann. Wie ich ein normales Leben versuchen kann weiter zu führen mich um einen Job zu bemühen ect. Ich muss täglich zum Tierarzt weil eines meiner Tiere vermutlich sterben muss. Es ist der Horror genau um diese Zeit das Haus alleine verlassen zu müssen. Aber ich muss durch! Ich bin verantwortlich für mein Tier. Ich bin verantwortlich dafür, dass ich Bewerbungen abschicke und zu den Terminen fahre.
Er wird dann von Polizei oder Rechtsanwalt zur Verantwortung gezogen wenn er das unterbindet oder stört. Es ist die Hölle! Gestern lag ich da mit dem sterbenden Tier im Arm und fragte mich wofür ich kämpfe und wie lange ich das überhaupt noch kann.
Ich weiß es nicht, aber ich weiß, dass ich kämpfen will und es weiterhin versuche. Meine Wahrnehmung realisiert Gefahr und Überlebenswillen. Was seine Wahrnehmung noch ankommen lässt, liebe Jule, das lassen wir mal dahin gestellt sein. Denn wir können nicht in die Gefühle und Gedanken derer vordringen, deren Deckmäntelchen von ihnen gezogen wurde und die vielleicht nun vom Alltag und seinen Anforderungen überrollt werden.
Deshalb liebe Jule, solltest Du auch auf nichts verzichten, was Dir zusteht und in Deinem weiteren Leben noch wichtig sein kann. Kein Verzicht Deinerseits garantiert Dir Ruhr! Ich kann Dir nur aus meinem Fall sagen, es fand immer weitere, abstrusere Themen um zu versuchen mich unter Druck zu setzen. Hätte ich ein Thema nach seinem Willen und Druck und Drohungen erledigt, stünde das nächste an.
Ich wollte nicht hören auf meinen Verstand - nun muss ich fühlen! Auch ich weiß ganz ehrlich nicht, ob ich das alles überstehe, meine Kraft ist am Ende. Aber sie reicht noch für den Notruf!
Du sprichst von Deinem schlechten Gewissen.... Nun ja, das widerum habe ich in keiner Form. Ich denke, spätestens ab dem Moment wo keine normale Kommunikation möglich ist und Gewalt ins Leben tritt dann geht es um reinen Selbstschutz.
Ja, wir sind noch gebunden - wir sind noch unter Druck solange wir nicht stark genug sind, diesem Druck gegenüber zu treten. Ich hatte gestern ein 30 minütiges Gespräch mit der Telekom weil an meinen Namen seine offenen Rechnungen bzw. Drohung der Telefonsperrung kam. Das Konto gibt es nicht mehr, von mir hat die Telekom weder einen Auftrag noch eine Ermächtigung vom Lastschrifteinzug. Aber wieder 30 Minuten, die mich komplett in die Situation zurück brachten. Wieder 30 Minuten, in denen ich es erlaubte, dass ich mich genervt fühlte.
Aber das wird weniger, so hoffe ich! Jeder Vorgang, der geklärt ist, bringt micht etwas weiter weg. Ja, ich bin fremdbestimmt - ja es geht mir schlecht dabei und ja ich versuche dagegen etwas zu tun. Nein, ich weiß noch nicht ob ich es schaffe.....
Lieben Gruß und viel Kraft wünscht Dir
Dagmar