Mensch, ist das ein komisches Gefühl
zu wissen man/frau hat sich wohl nicht getäuscht in den Empfindungen rund um den Alkohol. Wie lange habe ich mich gefragt - und vor allen Dingen wie oft - beurteile ich etwas falsch? Kann ich die Realität vielleicht nicht richtig einschätzen? Habe ich eine Mücke zu einem Elefanten gemacht?
Wenn ich mir vorstelle, ich wäre nicht ausgezogen, ich hätte nicht als bankrottes Wesen den Umzug gewagt, was wäre auf mich zugekommen? Schon ohne schwerwiegende Probleme war unser Zusammenleben während der Trennungszeit ein Machtkampf und ein Wutreservoir ohne Ende.
Mittlerweile verlangen Strombeauftragte die Adresse seines Vermieters, vermutlich weil Ablesungen bzw. Zahlungen nicht ordnungsgemäß erfolgen.
Scheinbar habe ich mich also nicht getäuscht in meinen Vermutungen. Die Kinder der früheren Nachbarschaft haben heute mit mir telefoniert und mir erzählt, dass alle drei Tage eine "neue Kiste Bier" anrollte, sichtbar. Dinge, die mich damals belasteten, von denen ich mich fragte ob ich den Konsum überdimensioniere. Ich hätte das nicht verkraftet, diese Mengen sehen zu müssen. Ganz zu schweigen von den Dingen, die vielleicht danach passiert wären...
Mein Gefühl, von dem ich dachte, ich projeziere nur etwas schlechtes um mich selber zu beruhigen, schien mich auch im Bereich Auto/Wartung nicht getäuscht zu haben: da wo alle die Jahre zuvor eine handwerkliche Umsicht herrschte ist das Fahrzeug nicht mehr farbereit und hat eine riesige Öllache verursacht, die nicht beseitigt wurde.
Was mich beruhigt ist die Tatsache, daß er wohl ein Haus gefunden habe, welches er derzeit renovieren würde. Dieses Haus liegt wohl entfernt somit sind einfach mehr km zwischen uns, was mir dann ein besseres Gefühl geben wird.
Ich selber habe mir und meinen Gefühlen und Vermutungen sehr mißtraut, einfach weil ich befangen und gefangen war. Noch immer bin ich aus allen diesen Dingen nicht entwachsen und habe für mich noch sehr zu knabbern. Aber ich spüre während mein Kamin vor sich hinknistert und das Bügeleisen im Hintergrund schon wieder nach "Beschäftigung" schreit, daß ich den einzig richtigen Weg gegangen bin.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich diese Steigerungen noch verkraftet hätte ohne Schaden zu nehmen. So oft habe ich gelesen "sucht verläuft uniform" so richtig verstanden habe ich es noch nicht, aber ich beginne zu begreifen dass ich als Co-Abhängige ebenso in einem Suchtkreislauf drin bin wie der Abhängige.
Während ich mein Suchtmittel mit aller Gewalt aus meinem Leben schiebe und den Kontakt vermeide, vertieft er seinen Kontakt zum Suchtmittel. Da wo ich versuche, mich u. a. hier, in Form einer Selbsthilfegruppe, wieder selber am Schopf hoch zu ziehen, so weitet sich eine unbehandelte bzw. ignorierte Sucht scheinbar noch aus und zieht tatsächlich Kreise.
Ich hätte es nicht gedacht ... komisch, ich dachte jetzt erst recht : ein normales unauffälliges und glückliches Leben mit unsichtbarem Alkoholkonsum, damit wenigstens die Fassade bestehen bleibt, so wie es alle die Jahr zuvor funktionierte.
Habe ich alle die Jahre diese Fassade ganz wesentlich mit neuer Farbe versehen? Auf mich wirkt es gerade so, als würde mit jedem neuen Raum, der langsam seine Möbel erhält, wieder ein Stück Leben in mich kehren. Ich habe mich meiner Sucht "unterworfen" und begriffen dass ich nichts ändern kann sondern nur trauern und mein Leben in eigene Hände nehmen. Während meine Räume, mein Haus des Lebens mit der Sucht, langsam (m)ein zuhause wird erlebe ich auf der anderen Seite wie Sucht tatsächlich alles zu zerstören scheint.
Ein sehr eigenartiges Gefühl - keines, welches mir Genugtuung gibt - viel mehr Traurigkeit, dass Ihr wohl auch in diesem Punkt rechtet hattet: Sucht ist uniform ... vielleicht verstehe ich das irgendwann einmal richtig.
Lieben Gruß von Dagmar