Hallo Ihr Lieben,
Ganz lieben Dank für Eure lieben, tröstenden und auch zum nachdenken anregenden Worte.
In der Trauer um meine Mutter und da mein Schatz immer noch einen großen Platz in meinem Leben einnimmt, habe ich angefangen ganz tief in meine Kindheitserinnerungen zu graben.
Mein Bruder hat mir vor kurzem erzählt, ich bin geboren, um die Ehe meiner Eltern zu retten!
Das habe ich so bis jetzt noch nicht gewusst. Ich bin ein sogenannter Nachkömmling. In dem Jahr, als ich geboren wurde, hatte mein großer Bruder Jugendweihe. Auf dem Foto zur Jugendweihefeier, bin ich als kleines winziges Etwas zu sehen. Meine Mama hatte mich auf den einen Arm, in der anderen Hand hatte sie die Kaffeekanne. Ich fand meine Mama immer unheimlich hübsch. In meiner Phantasie war sie eine Zigeunerin mit schwarzem Haar. Sie hat auch Karten gelegt für andere und die Zukunft sah bei ihr immer rosig aus.
Wenn ich mir heute alte Bilder von ihr anschaue, hatte sie immer irgendwie einen traurigen Blick um die Augen. Es gibt eigentlich nur wenige Bilder, wo sie richtig fröhlich ist. Ich liebe meine Mutter sehr, aber irgendwie mache ich ihr auch Vorwürfe! Sie hatte so eine Art, alles wusste und konnte sie besser und für alles und jeden hatte sie immer eine Entschuldigung oder Begründung. Ich habe sie immer sanft erlebt, wenn ich so zurückdenke, eigentlich kann ich mir gar nicht vorstellen, wie es ist, wenn meine Mama wütend ist, oder sogar rumbrüllt. Wenn sie etwas erreichen wollte, hat sie sich immer ein wenig dümmer gestellt, als sie in Wirklichkeit ist. Sie hatte eine ganz besondere Art und Weise Mensche zu manipulieren bzw. jemanden ein schlechtes Gewissen zu machen und sie hatte dieses MonaLisaLächeln, immer hilfsbereit und für jeden ein offenes Ohr. Weinen habe ich sie selten gesehen. Ich denke, sie hat oft immer nur alles runter geschluckt und hat nach außen die Tapfere Frau gezeigt und sie hat mir immer eine heile Welt vorgespielt.
Ich kann mich erinnern, als ich größer war, haben wir beide fast jeden Abend im Bad „Frauengespräche“ geführt bzw. ich habe ihr von meinem Liebeskummer, meine großen und kleinen Freuden, alles was der Tag so gebracht hat, erzählt. Sie hat mir zugehört und mir auch Ratschläge gegeben und ich fand es immer sehr schön, diese Zweisamkeit, wo uns niemand störte.
Mein Vater war zu dieser Zeit dann meistens schon im Bett. Ihn habe ich eigentlich immer nur arbeitend erlebt. Oder er war im Keller, in der Garage oder im Garten. Mein Vater war Diabetiker und musste sich morgens und abends Insulin spritzen und er war sehr Launisch und manchmal auch Jähzornig. Wenn mein Vater gut drauf war, waren wir auch gut drauf, war er schlecht drauf, dann bin ich ihm lieber aus dem Weg gegangen. Meine Mutter sagte immer, diese schlechte Laune liegt an seinem hohen Blutzucker und ich soll ihn nicht noch mehr aufregen, damit der Zucker nicht noch mehr steigt.
So richtig trinken habe ich meinen Vater nie gesehen, oder ich habe es verdrängt, denn eigentlich durfte er als Diabetiker ja keinen Alkohol trinken. Mein großer Bruder hat mir jetzt erzählt, dass unser Vater im Keller heimlich getrunken hat. Mein Bruder wusste wo die Flasche stand und meine Mutter hatte es, glaube ich, auch gewusst, denn als mein Vater sich eigentlich das rauchen abgewöhnt hatte, habe ich irgendwann bemerkt, er raucht heimlich. Ich hatte meine Mutter darauf angesprochen und sie sagte mit, sie weiß das schon lange, aber wenn sie meinen Vater deswegen Vorhaltungen machen würde, würde er wieder richtig anfangen mit rauchen. Ihr ist es lieber, er raucht heimlich und deswegen nicht mehr so viel. Ich habe dies überhaupt nicht verstanden, aber was sollte ich machen, ich war erst 14 oder 13.
Wenn wir auf Geburtstagsfeiern der Familie waren, wurde immer sehr viel getrunken. Mein Vater und meine Onkels haben dann immer jeder eine Flasche Schnaps getrunken, das war normal. Ich war ja noch klein und habe dann immer den lustigen Gesprächen der Erwachsenen gelauscht bis ich irgendwann auf einem Sessel eingeschlafen bin. Auf dem Nachhauseweg war mein Vater dann eigentlich immer ecklig zu meiner Mama, aber meine Mama hat sich nicht mit ihm gestritten, sondern versucht ihn zu beruhigen bis er im Bette war. Ich habe mir dann auch nie getraut irgendwas zu sagen, sondern war mucksmäuschen stille!
An meinen Vater kann ich mich kaum richtig erinnern, aber als meine Mama mal zur Kur oder im Krankenhaus war, hatte er mich geschlagen. Ich weiß noch, ich war noch im Kindergarten und hatte dort einen Freund, Rainer. Der wohnte 3 Blöcke in unserer Straße entfernt und wir wollten zusammen spielen. Mein Vater hat gesagt, ich soll am Haus bleiben und ich bin aber zu meinem Freund gegangen und habe die Zeit verspielt. Als ich wieder nach hause kam, dreckig und glücklich, hat mein Vater mit mir geschimpft und mich dann einfach übers Knie gelegt und mir den Hintern versolen. Die Sonne hatte noch durchs Fenster geschienen!
Als ich Kind war, hatte Ich eigentlich oft Angst und Respekt vor meinen Vater. Wir haben am Tisch gesessen und gegessen und keiner hat gesprochen, das war mir unangenehm und ich hatte immer das Gefühl irgendwas erzählen zu müssen, dass die Stimmung nicht so gedrückt war. Oder wir haben im Wohnzimmer gegessen zum Abendbrot und keine durfte Reden, weil im Fernseher die Nachrichten kamen. Es wurde auch immer nur das geguckt, was mein Vater wollte und wenn er in seinem Sessel eingeschlafen war, durfte auch keiner umschalten, weil er ja aufwachen könnte und dann hat er sich aufgeregt.
Ich hatte Angst im Dunkeln einzuschlafen. Es musste immer die Tür ein Spalt offen sein! Selbst heute ist das noch so. Ich habe eigentlich noch sehr lange, ich ging schon zur Schule, im Schlafzimmer meiner Eltern geschlafen.
Meine Eltern haben beide gearbeitet und mussten immer früh raus. Wenn ich krank war, bin ich alleine zu Hause geblieben und meine Mama hat mir immer Tee gekocht und ich habe im Bett mit meinen kleinen Puppen und den Holztierzoo gespielt. In meiner Phantasie habe ich mir eine Welt zusammengebastelt. Es gab immer die Guten und die Bösen! Ich hatte Angst alleine in der Wohnung zu bleiben und habe auf jedes Geräusch geachtet und dann ist mir immer ganz schlecht geworden. Ich hatte auch nachts oft Angst, dass Krieg kommt und wenn die Hubschrauber über unseren Häuserblock geflogen sind bin ich fast unter meiner Decke gestorben. Ich habe mir dann immer vorgestellt, wie es ist unten im Kohlenkeller zu leben und die Kartoffenmiete war mein Bett... da war ich dann in Sicherheit.
Eines Nachts bin ich aufgewacht und die Nachttischlampe meiner Mama war an. Viele Leute und Ein Arzt waren da und ich hatte Angst. Meine Mama hat mich dann an ihr Bett gerufen und mir gesagt, dass ich immer artig sein soll und hören muss, wenn mein Papa was sagt. Sie lag in ihrem Bett und war ganz weis und schwach, dieses Bild sehe ich heute noch vor mir. Sie hatte einen Herzinfarkt und seitdem hatte ich immer irgendwie Angst um meine Mama, dass sie stirbt und ich alleine bin!
In der Schule war ich immer eine gute Schülerin und das Lernen viel mir leicht und hat mir Spaß gemacht. Einmal, ich glaube es war in der vierten Klasse, habe ich auf dem Halbjahreszeugnis in Betragen eine 3 zu stehen gehabt. Ich hatte solche Angst nach Hause zu gehen. Meiner Mutter habe ich dann das Zeugnis gezeigt und sie hat bei meinem Vater dann ein gutes Wort für mich eingelegt. Aber ich musste versprechen, dass ich zum Schuljahresende wieder mindestens eine 2 auf dem Zeugnis hatte, ansonsten wollten meine Eltern ohne mich in den Urlaub an die Ostsee fahren und ich sollte dann in den Sommerferien solange ins Kinderheim. Vielleicht wollten sie mir ja auch nur Angst einjagen, aber Ich habe ihnen geglaubt und am Ende des Schuljahres hatte ich wieder meine gute Zensur und dürfte mit.
Ich weiß so vieles nicht mehr aus meiner Kindheit und eigentlich hatte ich immer gedacht, es war eine schöne unbeschwerte Kindheit. Vielleicht ist es auch falsch, weiter zu graben, aber ich habe mich vor kurzen mit meiner Freundin unterhalten. Wir kennen uns schon aus der Schule und waren früher unzertrennlich. Sie meinte, sie hatte früher immer, wenn sie mich besucht hat, das Gefühl, bei uns Zuhause war alles irgendwie aufgesetzt und alles war immer problematischer als bei Ihr zu Hause. Wenn wir zum Beispiel zusammen raus spielen gehen wollten, musste ich meistens erst noch irgendwas im Haushalt helfen, oder mein Zimmer aufräumen. Alles war immer irgendwie an Bedingungen geknüpft. Sie hatte meine Mutter immer als liebe sanfte Frau in Erinnerung und mein Vater saß meistens in seinem Fernsehsessel und wenn ich dann endlich fertig war und raus wollte, rief mein Vater immer „Hast du nicht was vergessen?!“ Ich bin dann wieder zurück und zu ihm, hab ihn gedrückt und einen Kuss gegeben und dann erst dürfte ich raus! Ich kann mich daran überhaupt nicht mehr erinnern!!!
Aber an ein Erlebnis kann ich mich noch ganz gut erinnern. Ich war 19 Jahre habe gerade meine große Tochter geboren und habe immer noch bei meinen Eltern gewohnt. Von dem Vater habe ich mich nach der Geburt getrennt und meine Eltern haben versucht mich auf ihre ganz besondere Art und Weise zu unterstützen. Meine Mutter war wieder zur Kur und eines Abends habe ich meinen Vater im Wohnzimmer in seinem Sessel voll betrunken gefunden. Er weinte Rotzblasen und wollte nicht mehr Leben. Die angefangene Pulle Schnaps stand auf dem Tisch und ich spürte diese Angst, nicht um ihn, sondern um mein Baby und um mich. Ich habe versucht ihn vom Trinken abzuhalten und ihm zugehört, damit er sich beruhigt und er erzählte mir in seinem Suff, das ich nicht sein Kind bin und meine Mutter wohl gerade wieder fremdgeht. Für mich ist damals eine Welt zusammen gebrochen. Das ging so ein paar Tage, jeden Abend saufen nach der arbeit. Ich bin dann irgendwann zu meinen Bruder gefahren und habe ihn um Hilfe gebeten, aber er hat nur gesagt, dass er das schon kennt, und der Vater sich schon wieder beruhigen wird. Ich kam mir so hilflos und alleingelassen vor. Und eines Nachts ist mein Vater auf einmal einfach abgehauen und ich wusste nicht wohin, tut er sich jetzt wirklich was an. Nein, er ist zu meine Mutter gefahren und ein paar tage später ist er dann zusammen mit meiner Mutter wieder aufgetaucht. Ich habe meine Mutter darauf angesprochen, aber sie hat alles nur abgewiegelt und wieder mal mit der Zuckerkrankheit meines Vaters entschuldigt!
Mein Vater ist jetzt schon über 20 Jahre Tod. Er ist jämmerlich an Bauchspeicheldrüsenkrebs zu grunde gegangen und meine Mutter hat ihn bis zu seinem Ende zu Hause gepflegt. Sie hat mir erst am Abend vor seinem Tod gesagt, wie es wirklich um ihn steht. Bis dahin his es immer, er hat wegen seiner Diabetes ne Bauchspeicheldrüsenentzündung und mit der richtigen Diät wird das wieder. Ich habe es ihr sehr übel genommen, dass sie mich einfach so dumm gehalten hat, aber es war eben ihre Art, alles alleine durchstehen zu wollen, fast wie ein Märtyrer und natürlich nur zu meinem Besten. Sie hat meinen Vorwurf bis heute nicht verstanden!
Ich bin Mitte vierzig und stehe eigentlich mit beiden Beinen fest im Leben, jeder der mich kennt sagt, ich bin eine starke Frau.
Und jetzt sitze ich hier mit meinen Erinnerungen, die langsam immer mehr werden und ich spüre wieder diese unbestimmte Angst. Eine Angst, die man nicht beschreiben kann. Vielleicht habe ich Angst vor Nähe oder vorm alleine sein, vielleicht, dass ich so wie meine Mutter oder mein Vater werde, oder vielleicht sogar schon bin? Angst nicht zu wissen, was richtig oder falsch ist .. ich weiß es nicht! Ich weiss nur, daß ich manchmal nicht so stark bin, wie ich scheine!
Vielleicht klingt das ja auch alles sehr wirr, aber ich habe einfach frei von der Leber weg geschrieben und ich weiß nicht, wem ich das sonst so erzählen könnte, aber ich musste das einfach mal loswerden!
Lieben Dank fürs zuhören!