Um mich und in mir ist es ruhiger geworden. Ich habe angefangen ein Buch über Co-abhängigkeit zu lesen und fange an, mich mit dieser meiner Eigenschaft auseinander zu setzen.
Mit dem Begriff Coabhängigkeit habe ich vor dem Beginn des Lesens nur das Zusammenleben mit einem Abhängigen und die Auswirkungen auf mein Gefühlsleben, meine Verhalten und mein ICH verbunden. Nun sehe ich, dass da noch viel mehr hinter steckt. Verhaltensweisen, die schon vorher aufgetreten sind, dessen Ergebnisse ich aber nie auf mich bezogen habe oder aber die mir im tiefsten Inneren bewußt waren, aber die ich nie wahr haben wollte.
Warum bin ich so wie ich bin und warum sieht mein Leben aus wie es ist?
Es gibt gesunde innere Grenzen. Mir ist schon vorher aufgefallen, dass es mir schwer fällt, diese zu "verteidigen" und laut zu sagen "Nein, faß mich nicht an!" oder überhaupt dieses Wort "Nein" zu sagen, viel mir schon immer schwer. Früher habe ich gern geflirtet, habe aber mir nicht viele Gedanken über die Konsequenzen gemacht. Als ich merkte, der Gegenüber geht viel zu weit, war es eigentlich schon zu spät. Ich fand nicht die Kraft zu sagen "Hör hier auf! Das will ich nicht!" Zum Glück habe ich immer einen Gegenüber gehabt, der meine innere Anspannung dann gemerkt hat und nicht mehr weiter gegangen ist, sonst hätte noch viel mehr passieren können. Ich habe mich dann immer gefragt, steht auf meiner Stirn geschrieben "Ich bin leicht zu haben!"? Aber eigentlich konnte ich mir die Antwort da schon geben. Das mit den inneren Grenzen veranschaulicht es aber deutlich.
Ähnliches kann ich in meiner Beziehung wieder erkennen. Wenn man mein Partner mit mir schlafen wollte, dann habe ich mich ihm hingegeben, ob ich nun Lust hatte oder nicht. In einer Beziehung war es so, dass ich fast über mich ergehen lassen habe... ich konnte es nie genießen, hatte keinen Spaß daran, weil ich ihm nie gesagt habe, wie ich es mag.
Ich war immer bemüht, ihm ein gutes Gefühl zu geben.
Ich war immer ein Kind, das viele Freunde hatte, viel Spaß, viel gelacht. Jetzt bin ich still geworden, rede sehr leise und werde wütend, wenn mich die anderen beim wiederholten Male nicht verstehen. Ich will nicht sagen, dass ich ein schlechtes Elternhaus hatte, aber wenn ich einige Sachen in diesem Buch lese, über ein "intaktes Familienleben" und wie man sich Kindern gegenüber richtig verhält, dann wird mir einiges bewußt. Ich habe einen großen Bruder, der sich oft einen Spaß daraus gemacht hat, mir weh zu tun. Ich habe geweint und geschrien, und meine Eltern kamen genervt ins Zimmer und haben mir befohlen leise zu sein. Ich habe das schon immer als ungerecht empfunden, aber erst als meine Tante vor fünf Jahren mal zu mir meinte, dass sie meine Eltern nicht verstehen konnte, wie sie erlauben konnten, dass mein Bruder mit mir so umgeht, wurde es mir bewußt.
Eine andere Situation: Wenn ich mit meinen Freundinnen gespielt habe, öffnete sich die Tür und ein Elternteil sagte, ich wäre wieder die lauteste. Ich weiß, das hat mich beeinflußt. Ich habe kein gutes Verhältnis zu meinem Bruder, hege eine Art "Groll" schon mein Leben lang gegen ihn. Auch eine Eigenschaft von Co-abhängigen, dass sie Menschen gegenüber, die sie verletzt haben, rachegelüste hegen. Ich bin nun so erwachsen, dass ich ihm nicht schlechtes wünsche, aber ich werde mich auch nie gut mit ihm verstehen können.
Erst vor drei Jahren fing ich (mal von der Selbstfindungsphase in der Pubertät) an, mit meinen Eltern vernünftig zu diskutieren, mich zu trauen auch mal eine andere Meinung zu haben und sie zu äußern. Wenn ich mal von Fehlern sprach, die meine Eltern meiner Ansicht nach gemacht haben früher in der Erziehung, kam nur "Oh, sind wir so schlechte Eltern gewesen?" Und welches Kind will seinen Eltern direkt ins Gesicht sagen "Ja, das seid ihr!" Das waren immer die Momente, wo ich zurück gesteckt und nicht gesagt habe, was ich denke. Das gleiche passiert mir in meiner Beziehung. Ich sage nicht immer was ich denke, um den anderen nicht zu verletzen, um ihn in Sicherheit zu wiegen, dass ich hinter ihm stehe. Aber ganz oft bin ich anderer Ansicht. Wenn ich jetzt mal anfange, meine Meinung dazu zu äußern und etwas in Frage zu stellen, dann ist das neu für ihn und es endet im Streit.
Ich glaube wir Co-abhängige haben das Talent uns für den Partner zu verbiegen. Am Anfang einer Beziehung geht das vielleicht noch gut, weil wir es auf das Verliebtsein schieben und denken, das macht doch jede Frau für ihren Mann. Aber irgendwann hat man eigentlich keine Lust mehr alles zu machen, merkt, dass man sich verändert hat und will es wieder rückgängig machen. Wir können das aber nicht, weil der Partner uns nur so kennt und wenn er die Wirklichkeit sieht, geht er vielleicht. Was ist der Ausweg aus dieser Misere?
Ich glaube aber, durch das neue Bewußsein dieser Eigenschaften öffnet sich für mich die Tür, etwas zu ändern.
Ich werde fleißig weiter lesen!
Ganz liebe Grüße,
Euer Blaubärchen