Ich bin sehr müde. Mein Kopf arbeitet unentwegt und das hält mich vom Schlafen ab. Erst mein Körper zwingt mich dazu. Und schlafe ich, dann suchen mich Träume heim, die wiederum mein Kopf mir schickt. Ich pendle hin und her zwischen wohlwollend empfundener Liebe, meiner inneren Unruhe und einer depressiven Glaubenskrise. Warte, was wohl kommen mag, darunter. Kann die Ängste spüren und doch nicht so genau hinsehen, denn ich fürchte, ich werde hinab gesogen in die tiefe Dunkelheit meiner Seele. Deswegen sitze ich hier und traue mich oft nicht einmal, mich umzudrehen und über meinen Tellerrand zu schauen. Vielleicht rutsche ich nach innen von dem Tellerrand, auf dem ich gerade sitze, und ersticke in der dicken Suppe, denn das darin schwimmen funktioniert nicht, weil die Brocken darin zu grob und mächtig sind und ich immer wieder daran stoße.
Wenn ich zurück denke an mein Kind-Sein (das gelingt mir mittlerweile wieder): ich bin schon immer wie ich bin. Schon immer fungiere ich als Stehauf-Männchen, mittlerweile Stehauf-Frauchen und mein Kopf bewegt sich automatisch bejahend von oben nach unten, wie ein Wackel-Dackel auf der Rücksitzbank, wenngleich er dies nicht will, aber jede noch so kleine Erschütterung zwingt ihn dazu. "Have you ever seen hate in the eyes of a little child?" - fragte mich vor Kurzem meine Freundin. Ich kann mich nicht erinnern, wann der Hass begann. Ich kann mich nur erinnern, wie früh die Verwunderung in meinen Kopf zog. Verwunderung darüber, dass die Erwachsenen sich so schwer tun mit dem Leben und der Liebe. Dass Erwachsene nicht in der Lage sind, ihre Probleme zu lösen, weil sie nicht in Lösungen denken können, sondern sich in emotionalen Kreisen verirren.
Ich lernte nie, was es bedeutet, für sich selbst einzustehen. Ich lernte nie die Wichtigkeit des Wortes Nein. Ich lernte nie die Bedeutung von Reden oder Streiten. Mich lehrte Niemand was Grenzen sind. Sie wurden mir nur immer wieder übergestülpt in Form von Stille, Ängsten, Wut, Traurigkeit. Mich lehrte Niemand, was offene Strukturen sind. Ich war schon immer allein, denn es war Niemand da, der mich anhörte, mir glaubte, mich festhielt oder losließ. Immer wieder suchte ich Auswege aus den Dilemmas. Versuchte Mut zu geben, provozierte ohne dass es auffiel, verschwand um nicht auch noch zur Belastung zu werden und gab irgendwann auf, so zu tun, als hätte ich ein gut funktionierendes System unter mir. Wenn man als Antworten immer Lügen bekommen, hat man irgendwann keine Fragen mehr.
Als ich mit 21 meinen damaligen Freund kennen lernte, erlebte ich zum ersten Mal in meinem Leben einen starken Menschen. Ich musste plötzlich selbst nicht mehr stark sein oder so tun, als ob. Es ergab alles ein Sinn. Ich gab alles ab und er übernahm die Führung. Ich gab mich nicht mehr der eigenen Verwirrung hin. Ich glaubte an ihn, seine Führung und seine Ansichten. Ich dachte nicht mehr. Ich sah die Welt mit seinen Augen, denn das fühlte sich so viel besser an, als die Welt mit meinen Augen sehen zu müssen. Ich lernte viel an seiner Seite. Wurde über die Jahre erwachsener an seiner Seite und machte seins zu meinem. Ich sog ihn so in mich ein, dass ich nicht mitbekam, dass seine starke Fassade ebenfalls bröckelte und er den Halt in sich bereits vor vielen Jahren wieder verloren hatte.
Wir klammerten uns aneinander fest, um uns immer wieder gegenseitig von einander wegzustoßen, denn wir waren beide nicht in der Lage, den anderen mit dem Respekt, den er verdiente, zu behandeln. Uns gegenseitig die Wärme zu geben, die wir brauchten oder die liebende Kraft anzunehmen, von der wir sie beim anderen vermuteten. Wir waren eins und zerstörten uns eins zu eins. Es gab nur eine Sache, die ich nicht verstand an ihm. War er überhaupt realistisch, dann war er negativ realistisch. Ich fragte mich oft, woher diese ganze Wut kam bei ihm. Warum er in allem ein Feindbild sah, was ihm begegnete. Warum er alles abschmetterte, was ihm hätte helfen können, ein glückliches Leben zu führen. Ich wunderte mich, denn diese Vorgehensweise "ich haue jede mir hingehaltene Hand" kam mich ziemlich anstrengend vor.
Ich empfand mich immer als positiv realistisch. Versuchte immer das Gute an der Sache zu betrachten. Gab jede helfende Hand, die ich hatte und nahm jede helfende Hand mit Kussmund an. Heute frage ich mich, ob ich überhaupt irgendwann mal realistisch war. Wenn man als Antwort immer nur eine Lüge bekommt, hat man irgendwann keine Fragen mehr. Diese Worte gelten sowohl für die Gegenwart als auch die Zukunft und vor allem gelten sie für einen selbst. Wohin träumte ich mich, damit es mir besser geht. Wohin verliere ich mich in meinen Träumen heute manchmal, damit ich auf meinem Tellerrand sitzen bleiben kann und weder in die Suppe hineinfalle, noch mich umdrehen muss um über meinen Tellerrand hinaus zu schauen. So stelle ich doch fest, dass diese Wut, die mich früher wundern ließ, in mir genauso die Tapete von meinen inneren Wänden reißt und diese Wände bröckeln.
Es ist mitnichten genauso anstrengend "ich haue jede mir hingehaltene Hand" zu spielen, wie "ich will jeder mir hingehaltenen Hand gefallen". Es ist wie immer, das Maß der Dinge zu finden. Denn, wo ich nun bei meiner Glaubenskrise ankomme, kann ich nicht jedem entsprechen und/oder nicht jeden mögen, muss ich Konsequenzen daraus ziehen und für mich einstehen, offene Strukturen wie Worte und Streit benutzen, Grenzen setzen, laut sein, Ängste, Wut und Traurigkeit überwinden und durch Anmut ersetzen. Mich mit jemand anderem als mit mir auseinandersetzen, der mich anhört, mir glaubt (oder auch nicht), mich festhält oder loslässt. Alles was ich in der Auseinandersetzung nie lernte und deswegen nicht in der Lage bin, freundlich aber bestimmt zu agieren oder zu reagieren, außer gefühlte Negativspuren zu hinterlassen und mir anstelle von Freunden Feinde zu hinterlassen.
Betrachtet man die Welt als Ganzes und bin ich (Mensch in Selbstverantwortung mein) Gott, dann trage ich auch Verantwortung für Geschehnisse in der Welt als Ganzes. Bin ich Mensch Gott, bin ich Mensch genauso Teufel. Mich vor Verantwortung drücken hab ich gelernt. Aber wenn ich löcherige Negativspuren hinterlasse, verschwindet damit nicht die Verantwortung. Und wenn ich mir das viele Gott-Sein zu Kopf gestiegen ist und Teufel-Sein alles ist, was ich gut kann, weil ich Negativgedanken hege und pflege wie einen Rosengarten, dann trage ich wohl auch Mit-Verantwortung, wenn “die Welt“ leidet bzw. leiden muss. Dann frage ich mich, wie weit geht diese „energetische“ Verantwortung. Wie groß ist meine „Schuld“ an der Welt, wie sie ist. Und wann fange ich an, paranoid zu werden und Psychosen zu entwickeln? Jetzt?
Grüße vom Tellerrand
kk.