Beiträge von Doro

    Was natürlich an dem Begriff "Schuld" wirklich dumm ist, ist, dass er einen zu runterziehen kann.

    Wenn ich mir vorstelle, dass mein Mann irgendwann nochmal aus seinem Dauer-Wahn erwacht, dann wird er wohl schrecklich von seinen Schuldgefühlen erdrückt werden (und zwar vor allem der Schuld sich selbst gegenüber). Das möchte ich auch nicht. Ich will doch nur, dass er aufhört mit dem Sch...
    Und ich wäre die letzte, die ihm dann noch ewig Vorwürfe machen würde über das, was er angerichtet hat. Ich hab kein Pferdegedächtnis und ich bin immer sehr schnell dabei, wenn es darum geht, den großen Schwamm rauszuholen und wieder bei Null anzufangen.
    (Bloß diese Beziehung will ich wirklich nicht mehr, dass hat nichts mit Schuld zu tun.)

    Es ist sicherlich absolut destruktiv, wenn man sich ewig mit der eigenen Schuld beschäftigt und dadurch lähmen lässt.
    Ich kenne dieses Gefühl Gott sei dank auch (noch?) nicht.

    Aber ich kenne auch ein destruktives Schlussstrich-Ziehen.
    Wenn man überhaupt nicht mehr weiß, wo man herkommt.
    Wenn Dankbarkeit zum Fremdwort wird.

    In anderen - politisch-historischen - Zusammenhängen käme hier kein Mensch auf die Idee, das Wort "Schuld" aus unserem Wortschatz zu streichen.
    Etwa, wenn ein ganzes Volk sich schuldig gemacht hat an einem anderen Volk.

    Ist nicht so einfach, da die Balance zu finden hin zu einer gesunden Verantwortung, die einen nicht erdrückt.

    Gruß
    Doro

    Hallo Pandora,

    aber in deiner Antwort selbst stecken doch schon wieder die Widersprüche!


    Zitat

    ich bin deshalb grundlegend zu der erkenntnis gekommen das niemand schuld hat an irgendetwas,doch jeder hat eine eigenverantwortung für sein leben.

    Bei dir hört es sich so an, als ob es also doch die Wahl gibt für den Suchtkranken.
    Für mich als Abhängige gibt es nicht die Wahl, ihn davon abzubringen, das sehe ich nach leidvoller Erfahrung ganz genauso.

    Wo für mich die Schuld ins Spiel kommt:
    Wenn ein Suchtkranker seine Wahlmöglichkeit, die er anscheinend doch hat, nicht wahrnimmt, dann zerstört er leider nicht nur sich selbst. Denn dann könnte man ja sagen: Gut, ist sein Leben, kann er wegschmeißen, wenn er will. Insofern keine Schuld, nur Verantwortung.

    Er trägt ja Verantwortung über sein Leben hinaus.
    Verursacht Kosten, lässt Kinder im Stich und und und.
    Und lädt also auch Schuld auf sich!

    Immer vorausgesetzt, dass er tatsächlich eine Wahl hat.

    Also, ich in meinem Hirn kann diesen Widerspruch nicht anders auflösen.
    Entweder er/sie hat eine Wahl, dann lädt er/sie auch Schuld auf sich, wenn er anderen (wie z.B. die eigenen Kinder) durch sein Suchtverhalten schadet.
    Oder er hat eben keine Wahl. So kommts mir nämlich fast vor, wenn ich mir meinen Mann angucke. Ich hab den EIndruck,. er hat keine Wahl, er muss einfach trinken. Als wäre er ferngesteuert und kann erst aufhören, wenn der in seinem Programm eingespeicherte Tiefpunkt erreicht ist.

    Und dann heißt es für mich, dass ich ihn nicht in seine Verantwortung entlassen kann, sondern dass er eigentlich gar kein mündiger Mensch mehr ist. Auch wenn diese Erkenntnis mir nicht wirklich etwas bringt.

    Gruß
    Doro

    ... und etwas weiter gedacht.

    Mal angenommen, er ist also willenlos der Sucht, die ja Krankheit ist, ausgeliefert, ist es dann nicht völlig falsch, davon zu sprechen, dass er sich "für den Alkohol" entschieden hat oder dass man ihm/ihr "seine/ihre Verantwortung" zurückgeben sollte?
    Ist es denn dann nicht so, dass man einfach nur aus praktischen Erwägungen eine Zwangsbehandlung sein lässt, weil sie eben keinen Erfolg verspricht, so lange noch nicht der Tiefpunkt erreicht ist? In Wirklichkeit ist also der suchtkranke bereits durch seine Sucht entmündigt? Bloß, bis ihn die Gesellschaft entmündigt, ist es dann eben noch ein langer Weg.

    Ich würde übrigens auch nie davon sprechen, dass ein Alki schuld an seiner Sucht ist. Aber vielleicht doch schuld daran, dass er sich nicht behandeln lässt?

    Versteht ihr den Widerspruch, den ich erkenne?

    Gruß
    Doro

    Ich respektiere eure geballte Anti-Schuld-Kampagne hier und ich kann auch nachvollziehen, dass Schuldgefühle sehr viel Schaden anrichten können.

    Aber so richtig raffen tu ich das ganze noch nicht.
    "Schuld" ist ja schließlich ein ganz normales Wort.

    Aber eine Frage habe ich noch:
    Hat ein Mensch, der suchtkrank ist, die Wahl, sich für eine Behandlung zu entscheiden? Oder ist er willenlos der Sucht ausgeliefert?

    Liebe Grüße
    Doro

    Zitat

    Schuld ist für mich wenn ich etwas absichtlich, vorsätzlich getan habe.

    Elocin, wenn du z.B. einen Verkehrsunfall verursachst, weil du einfach nicht aufmerksam genug warst, bist du doch auch schuld, obwohl du es nicht absichtlich gemacht hast!

    Wenn dir beim Abwaschen einer 100-Euro-Porzellankanne runterfällt, bist du schuld, wenn sie kaputt ist, auch wenn es ein Versehen war.

    Und in beiden Fällen wäre klar: Wir stehen zu unserer Schuld, ohne uns deshalb gleich minderwertig zu fühlen. Wir zahlen den Schaden, passen in Zukunft besser auf und gut ist.

    So leicht gehts bei dieser Co-Abhängigkeitsgeschichte natürlich nicht.
    Aber vielleicht kann ich z.B. jetzt, da ich sehe, was ich damals nicht so gut gemacht habe, einfach anders damit umgehen. Versuchen, es jetzt besser zu machen. Und im Gespräch mit denjenigen, die mir damals schon gesagt haben, was richtig ist, zugeben, dass sie Recht hatten.

    Leider gibt es Fehler, die man immer und immer wieder macht.

    Doro

    Hallo an alle,

    also, mir geht es nicht darum, den Begriff "Schuld", mit dem ihr anscheinend große Probleme habt, auf Biegen oder Brechen am Leben zu erhalten. Ich kann ihn auch gerne in "Verantwortung" oder "Anteile" auswechseln. Ich hab grad versucht, ihn so zu definieren, dass er eben nicht diesen negativen Beigeschmack hat, aber das scheint mir missglückt zu sein. Das finde ich ein bisschen schade. Das ist genauso wie mit dem Begriff "Demut", der hat auch so einen negativen Touch, nur weil er kirchlich geprägt und vielleicht missbräuchlich verwendet ist. Demut und Schuld bringen die Dinge für mich total auf den Punkt. Dinge, die mich weiterbringen.
    Demut heißt für mich: Ich wende mich den Dingen zu, die ich beeinflussen kann. Ich kümmer mich um meinen Kram. Ich überschätze mich nicht. Ich akzeptiere meine Grenzen.
    Schuld heißt für mich: Ich stelle mich den Dingen, die ich selbst verzapft habe. Ich schiebe eben grade nicht ab, sondern ich traue mich ohne Panik oder ohne Ablenkmanöver und ganz ruhig hinzuschauen, wo meine Schwächen und Fehler sind und auch, wo ich vielleicht anderen geschadet habe. Aber das heißt doch nicht, dass ich dort Dinge als meine Schuld annehmen muss, die nicht meine Schuld sind!

    Zitat

    Schuld, allein das Wort macht mir Bauchweh, denn dies versuchten bei mir schon ganz andere, Religionsgemeinschaften, alkoholabhängige Expartner, meine Mutter, Exfreundinnen. Bei näherer Betrachtung kann ich keine Legitimation für den Begriff *Schuld* erkennen, denn ich habe immer die Wahl, ob nun als Betroffene oder als Beobachter, Angehöriger, Co-Abhängiger, die Verantwortung für mein Leben zu übernehmen. Schuld hat etwas Negatives, etwas Abwertendes, etwas, was mich immer und immer wieder in die Knie zwingt. Und diese Zeit ist für mich glücklicherweise endlich vorbei....

    Ich respektiere das natürlich, wenn dieser Begriff in euch sowas auslöst.
    Aber vielleicht könnt ihr auch respektieren, dass es nicht für alle Menschen dasselbe bedeutet.
    Für mich ist Schuld ganz und gar nicht etwas von außen Zugeschobenes, sondern etwas, was ALLE MENSCHEN haben, weil wir eben Schwächen haben und Fehler machen. Und darin liegt auch wieder das Entlastende. Und jeder Mensch soll sich um seine eigenen Fehler kümmern, denke ich, darin liegt der Witz der Sache. Schuld suchen bei sich selbst, aber natürlich nur die Schuld, die auch wirklich meine eigene ist. Den Dreck im eigenen Garten aufräumen, nicht beim Nachbarn. Insofern ist es genau dasselbe wie Verantwortung, aber Verantwortung und Anteile gelten eben auch für positive Dinge.

    Ich frage mich einfach, opersönlich kann damit mehr anfangen, von Schuld zu sprechen, als von "Anteilen", weil es mir aufrichtiger und ehrlicher erscheint: Ja, ich hab damals nicht klug gehandelt. Zwar aus guten Motiven heraus, aber es war falsch. Und obwohl ich es besser hätte wissen können. Insofern schuldhaft.

    Seufz, aber es ist einfach so: Ist ein Begriff erstmal belastet, kann man sich noch so ne Mühe geben, sich zu erklären, dann hört einem keiner mehr so richtig zu.

    Also, ich formuliere es nochmal ohne "Schuld", meine Anteile in dieser co-Geschichte, soweit ich es bis jetzt und auf die Schnelle sehen kann:

    Ich gebe mir KEINE Verantwortung dafür, dass er überhaupt trinkt. Meine Erfahrung mit ihm: Egal was ich mache, seine Sucht führt ein Eigenleben, das ich nicht beeinflussen kann. Das habe ich eigentlich schon vor langer Zeit, fast von Anfang an, eingesehen. Ich hab nie geglaubt, dass er wegen mir trinkt.

    Ich sehe meine Verantwortung aus heutiger Sicht darin, dass ich versuchte, ihn auf meine Weise zu retten, obwohl mir andere Menschen davon abgeraten haben, und zwar exakt mit der Begründung, die ich auch hier im Forum lese und die ich nun durch eigene Erfahrung bestätigt finde: Hilfe durch Nichthilfe.
    Ich habe damals überheblich reagiert auf Menschen, die einfach schlauer waren als ich. War sozusagen beratungsresistent.
    Wenn ich damals mehr auf andere gehört hätte, wär ich nicht so verwickelt worden in alles. Und ich habe damit eine ganze Reihe von Leuten, z.B. meine Eltern, mit reingezogen und habe auch versucht, sie mit-verantwortlich zu machen.

    All das bekomme ich jetzt gespiegelt von seiner Anwältin, die grade dasselbe mit ihm versucht wie ich damals.

    Auf der anderen Seite ist es so schwer, etwas zu leben, was man nicht selbst erfahren hat.
    Man macht eben Fehler, die irgendwie dann auch wieder fast unvermeidbar sind, weil man einfach noch nicht so weit ist innerlich.

    Grüße
    Doro

    Wenn ich so weiter drüber nachdenke, komme ich dazu, dass es eigentlich nicht darum geht zu fragen: Wer ist schuld?
    Sondern: Was daran ist MEINE Schuld?

    Es liegt ein riesiger Haufen Schuld da. Oder Verantwortung kann mans auch nennen.
    Und es muss darum zu gehen, das zu finden, was man selbst zu verantworten hat und da ranzugehen. Und die Schuld der anderen können wir denen getrost zuschieben und brauchen uns nicht weiter drum zu kümmern.

    Nicht den eigenen Schuldberg übersehen, indem man auf den vielleicht höheren Schuldberg der anderen schielt, aber auch nicht rübergrapschen, um Schuld zu übernehmen, die mir nicht gehört.

    Doro

    Die Schuldfrage ist eine sehr interessante Frage, finde ich.

    Variante 1: Eigentlich ist niemand wirklich schuld. Mein armer Mann hat sich seine Sucht bestimmt nicht ausgesucht und dass er nichts dagegen unternimmt, ist wiederum Symptom seiner Sucht. Und ich hab mir meine Situation auch nicht ausgesucht, ich bin verstrickt worden als co und ich hab meine Vorprägungen, die das ermöglicht haben.

    Variante 1 gefällt mir nicht.
    Alle sind entlastet, niemand hat mehr einen freien Willen.
    Ich bin so, weil ich so geprägt bin. Und dass ich nichts unternehme dagegen, ist wiederum Teil der Krankheit.
    Wir alles sind mehr oder weniger willenlose Marionetten unserer psychischen Konstitution und wenn wir nicht das Glück haben, dass das Schicksal uns an einen Tiefpunkt führt, den wiederum wir auch nicht selbst bestimmen, dann kommen wir da nie wieder raus.

    Ich bin nach einigem Nachdenken zu einer 2. Variante gekommen, die mir besser gefällt: Ich habe Fehler und insofern auch Schuld. Nennen wir es Schwächen. Und er hat auch Fehler und Schwächen. Und seine Hauptschuld sehe ich darin, dass er einfach nicht einsieht, dass er es alleine nicht mehr schafft. Dass er so verbohrt ist.
    Und meine Schuld?
    Da fällt mir ne Menge ein, wenn ich drüber nachdenke.
    Ich bin nicht direkt Schuld daran, dass er trinkt.
    Aber ich ´bin sehr wohl von Anfang an gewarnt worden, dass es falsch ist, ihm helfen zu wollen. Ich habe aber mit Selbstüberschätzung reagiert. Die alle kennen ihn nicht, nur ich kenne ihn wirklich.
    Alles das, was ich mühsam nach bitteren Jahren selbst herausgefunden habe, haben mir Menschen schon von Anfang an gesagt. Und zwar Menschen, die selbst alkoholkranke Partner oder Bekannte hatten, die genau wussten, wovon sie sprachen. Aber ich dachte: NEIN, ich liebe ihn, ich weiß es besser, und so weiter. Die ganze Überheblichkeitsmasche. Nicht böse gemeint, aber doch fatal.
    Hätte es im Leben meines Mannes niemanden gegeben, der ihm auf diese falsche Weise geholfen hätte, vielleicht wäre sein Leidensweg viel kürzer ausgefallen. So habe ich erstmal jahrelang ihm ein angenehmes Sucht-Dasein ermöglicht. Nicht aus böser Absicht natürlich, aber das spielt bei Schuld nicht immer eine Rolle.

    Auch die Gesellschaft hat natürlich Schuld. Wieso gibt es überhaupt noch Alkohol, Alkoholwerbung usw.? Dass ein Verbot vielleicht noch keine völlige Lösung wäre, steht auf einem anderen Blatt.
    Bei Heroin argumentiert ja auch niemand so.

    Ich finde auch, dass es viel mehr Aufklärung geben müsste über Co-Abhängigkeit und über Helfen durch Nicht-Helfen.
    Dass man einfach nichts tun kann, das begreifen die wenigsten.

    Und ich finde auch, dass die Rechtslage teilweise unlogisch ist. EInerseits ist man unter Alkoholeinfluss vermindert schuldfähig, das Trinken an sich ist aber völlig straffrei. Das find ich idiotisch. ich finde, es müsste schon strafbar sein, wenn jemand sich so weit besäuft, dass er keine Kontrolle mehr hat. Oder er müsste eben für seine Taten im Rausch voll zur Verantwortung gezogen werden. Eins von beidem.

    Ist es nicht absurd, dass jemand, der ein paar Ohrringe im Laden stiehlt, zur Verantwortung gezogen wird, mein Mann aber ungebremst unsere Existenzgrundlage verjubeln kann? Und ich noch fürchten muss, für ihn Unterhalt zu zahlen, weil er ja krank ist?

    Es gibt so viel Schuld, da muss man nur die AUgen aufmachen.

    Es ist feige zu sagen, niemand ist schuld.

    Doro

    Hallo Julchen, also ich würd mich natürlich freuen, wenn du auch im geschlossenen Bereich bei mir lesen könntest.

    Es hat so alles seine Vor- und Nachteile. Ich finde es ein bisschen mühsam, die Sachen, die ich im geschlossenen Bereich schreibe, nun auch noch im offenen Bereich zu schreiben. Und wenn man erstmal im geschlossenen ist, fängt man plötzlich an drüber nachzudenken: Was schreibe ich jetzt eher quasi-öffentlich? Vor dem Wechsel war mir das total egal. Und deshalb habe ich jetzt nicht alles, was bei mir passiert, in dem offenen Bereich berichtet.

    Andererseits gehts mir so: Im offenen kommt teilweise mehr Resonanz, da sind mehr Leute unterwegs sozusagen. Aber auch mehr Leute, die dann wieder weg sind und man hört nichts mehr von ihnen.
    Also in meinem Tagebuch in der geschlossenen kanns schon mal sein, dass ich schreibe und schreibe und niemand antwortet. Das ist ja auch ok, ich antworte auch nicht ständig bei anderen, aber das ist einfach so.

    Aber allein, dass es diesen geschlossenen Bereich gibt, macht einen natürlich neugierig, wenn man nicht dazugehört. Das ging mir ganz genauso. Ich hatte das Gefühl, ich will jetzt tiefer dranbleiben und deshalb muss ich in die "geschlossene".

    Na ja, wie gesagt, würd mich freuen, aber ich finde, du solltest dich auch nicht unter Druck setzen. So weit ich weiß, aber das werden die Moderatoren dir bestimmt gleich sagen, zahlt man immer nur für drei Monate?

    Liebe Grüße
    Doro

    Liebe Kiddo,

    ich kenne dieses Gefühl des Ausgelaugtseins so gut.
    Diese verbalen Angriffe können einen echt fertig machen.
    Aber es hilft nichts, du musst jetzt einfach die Zähne zusammenbeißen und: weiter weiter weiter.
    Die Gefühle sagen: Ich will einfach nur noch meine Ruhe, ich will gerettet werden.
    Aber das geht eben nicht. Nur mit Tapferkeit kommt man da weiter, jedenfalls in dieser akuten Phase, solange du ihm noch so ausgeliefert bist.

    Diese Schuldzuweisungen sind so unglaublich, aber es ist eben wirklich seine Krankheit. Mein Mann macht das ganz genauso: ICH bin die Hexe, die an allem Schuld ist. Total lächerlich, wenn man es vernünftig und objektiv betrachtet.
    Er weiß wahrscheinlich selbst ganz genau, dass er und nur er an allem schuld ist. Aber mit dieser Wahrheit kann er nicht oder will er nicht leben, also lenkt er wieder alles von sich weg. Außerdem hat er dann gleich wieder einen Grund weiterzutrinken, weils ihm ja so schlecht geht. Sowas von typisch, liest man ja bei allen hier im Forum. Mir hilft das sehr, zu wissen, dass es einfach ein Krankheitssymptom ist.
    Wie Punkte bei Masern.

    Aber man muss praktisch ständig sich selbst ins Gewissen reden, wie es wirklich ist.

    Mit der Wohnung scheints du ja schon ne Entscheidung getroffen zu haben.
    Ich denke auch, dass es der einfachere Weg ist, sich selbst was Neues zu suchen, wenn es geht. Und wenn du schreibst, dass dir die Wohnung eigentlich zu teuer ist...
    Vielleicht bekommst du was Günstigeres und die Umzugskosten damit wieder rein.

    Ich wünsch dir ganz viel Kraft, halt durch.
    Deine Doro

    Zitat

    Aber meinst du, dass alle Alkoholiker damit glücklich sind?

    Nein, ganz und gar nicht. Er ist total unglücklich, das steht fest.
    Aber irgendwie denkt man doch, wenn es jemandem gut geht, dann lässt er sich nicht so fallen, sondern tut was.
    Es war so verrückt: Äußerlich wurde alles immer besser und innerlich verfiel er wieder dieser Krankheit. Hatte vielleicht gar nichts miteinander zu tun. Oder gerade doch. Ich könnt jetzt ewig drüber grübeln, wie das genau zusammenhängt, aber dann bin ich wieder bei ihm.
    Wer sowieso nie begreifen, wie er tickt, und wills auch nicht mehr.
    Ich weiß, wie ICH ticke, und ich kann Glück besser annehmen als er, glaube ich.

    Gute Nacht,
    Doro

    Wo ich das jetzt so lese, was ich geschrieben habe und du geantwortet hast, da kommt mir mein Verhalten ja schon wieder reichlich co-bescheuert vor:
    Hast völlig Recht: Ich selbst hätte einer Person wie mir selbst gegenüber auch nicht so genau gewusst, wie ich mich verhalten sollte, und womöglich hätte ich mitleidig geguckt.

    Wie dumm es da von mir ist, meine Selbstwahrnehmung anzuzweifeln, weil ANDERE finden, dass mein Zustand bedauernswert ist.
    Objektiv ist er ja auch echt nicht so toll: Mann säuft und nervt, Kinder klein, allein in der Fremde, mehr Arbeit als man schaffen kann, völlig ungewisse Zukunft.
    (Schluchz, her mit den Taschentüchern, schneuz).
    Also, da muss man einfach mitleidig gucken, wenn man ein Herz hat.

    Aber ich steck eben drin und ICH bin diejenige, die ganz alleine ihre Gefühle beurteilen kann und deshalb ist es idiotisch, da von außen Zweifel erzeugen zu lassen.

    Und bei dir scheints ja so ähnlich zu sein. Du selbst findest es gar nicht sooo schlimm mit dem knappen Geld, dann ist es auch nicht so schlimm für dich, auch wenn man von außen vielleicht sagt: Die Ärmste!

    In was für ner Situation man steckt, ist das eine, wie man sich dabei fühlt, ist wohl das andere. Es ist nicht immer so, wie man von außen vielleicht erwarten würde.

    Ich komm ja auch immer noch nicht drüber weg, dass mein lieber Mann sich ausgerechnet zu dem Zeitpunkt dem Alkohol zugewandt hat, als es ihm wirklich echt super ging, äußerlich gesehen. Gestern Abend stand ich bei uns im Garten. Die Wolken zogen im Affentempo über den Himmel, es roch gut, die Luft war herrlich. Ich stand auf meinem eigenen Grund und Boden, Haus und Grundstück haben wir ja kurz vor dem ganzen Mist mit dem Rückfall gekauft. Wir hätten es uns beide mit den Kids soooooo schön hier machen können. Alles war genau so, wie er immer wollte. Sogar der Abstand zu meiner Urfamilie (die ihm immer zu nah dran waren) stimmt mit 500 km!
    Ich kriegs echt nicht in mein Hirn, dass er das weggeschmissen hat! Dass er nicht glücklich war!
    Es macht mich nicht mehr so traurig, aber es ist einfach total verrückt.

    So, das war meine leicht abschweifende Selbstreflexion hier in deinem Thread, Tschuldige, ich geh schon wieder und mach auch die Tür zu.

    Liebe Grüße
    Doro

    Hallo Bigbee,

    ich finds bewundernswert, wie du anscheinend dein Leben meisterst.
    Bin ja nun notgedrungen seit meiner Trennung von meinem Mann vor einigen MOnaten auch alleinerziehend (mit zwei kleinen Söhnen, 1 und 3) und berufstätig und ich hoffe sehr, dass ich auch mal sagen kann: wir sind ein starkes Team.

    Du scheinst einfach gut im Leben zu stehen, sehr selbstständig.
    Wenn du dabei bleibst, kann dir doch auch so ne Beziehungskiste nix anhaben, oder irre ich mich? Ich meine, du musst natürlich wachsam sein und dass du hier ins Forum gehst, ist ja schon mal ein sehr guter Schritt, um dich nicht zu verlieren.

    Oder erwägst du ernsthaft eine Trennung? Weil du Angst hast, dass es schief gehen könnte?

    Was genau sind deine Gedanken dazu? Wo willst du hin?

    Und was wäre, wenn du dich immer mehr auf ihn einlässt und er rückfällig würde eines Tages? Könntest du das aushalten?

    Zu viele Fragen? :lol:

    Liebe Grüße
    Doro

    Liebes Julchen,

    was du ansprichst mit dem Mitleid, das find ich auch echt so ne Sache. Manchmal tu ich mir ja selbst auch leid, aber meistens fühle ich mich so ganz normal, mit Höhen und Tiefen, wie es so ist im Leben. Und oft bin ich auch sehr gut drauf. Und wenn dann jemand so guckt wie: Die ARme, die hat's echt schwer. Und ich fühl mich aber gar nicht so schlecht dran.
    Da fängt man an, an sich zu zweifeln.
    Rede ich mir das nur ein, dass es mir ganz gut geht, trotz allem?

    Ich finds für die Gesellschaft beschämend, dass Leute wie du völlig ohne eigene Schuld so knappsen müssen. Und dann noch mit Kindern, da läuft einfach was schief.

    LIebe Grüße
    Doro

    Hallo Vreni,

    Kopf hoch, ärger dich nicht. Rückschritte gehören leider dazu.
    Vielleicht hilft dir die Wut über solche Erlebnisse über ihn hinweg.
    Mir geht es so. Ich muss immer erst gewaltig von ihm eins im übertragenen Sinne in die Fresse bekommen, damit ichs kapiere, dass ich was Besseres verdient habe.
    Aber erstmal tut es einfach nur weh.

    Ich hätte gerne mal einen Arzt, der mir erklären kann, was der Alkohol da mit den Typen macht, dass sie solche Schweine werden teilweise. Oder waren sie schon so und sie sind nur enthemmt? Das kann ich mir irgendwie nicht richtig vorstellen.

    Sei auf ihn wütend, nicht auf dich.
    Liebe Grüße
    Doro

    Was steckt hinter meinen Knöpfe?

    Ist ne sehr hilfreiche Frage.

    Also definitiv der Wunsch, "gut" zu sein, "lieb" zu sein.
    Warum sonst sollte es mich so unruhig machen, wenn mir jemand vorwirft, ich sei egoistisch, oder es ginge mir besser als ihm.

    Manche Menschen ticken genau anders herum, für die ist das Schlimmste, wenn sie ihre eigenen Bedürfnisse eventuell runterschrauben müssen, selbstlos sein sollen, und sei es nur für einen Moment.
    Mein Mann ist so einer, auch im trockenen Zustand.
    Es machte ihn extrem unruhig, wenn er z.B. irgendwo schlecht bedient wurde, lange warten musste usw. Immer ganz schnell war er dabei, sich zu beschweren.
    Ich: genau umgekehrt. Beschweren? Oh Gott, bloß nicht, lieber ein versalzenes Schnitzel zum überteuerten Preis essen, als sich beschweren.

    Als ich schwanger war, hat er mich ständig als Vorwand benutzt, um bei jeder Gelegenheit Sonderrechte rauszuschlagen. Meine Frau ist schwanger, wir können nicht warten. Meine Frau ist schwanger, jetzt brauchen wir dies und das.
    Wenn jemand angerufen hat, den er grad nicht sprechen wollte: MEine Frau bekommt gleich ihr Kind. :lol::lol::lol:

    Ich hingegen hätte wohl noch unter der Geburt jeden erdenklichen Anruf beantwortet, nur um "lieb" und "gut" zu sein. :lol::lol::lol:

    Doro