Hallo Desperates,
bevor ich endlich ins Bett gehe, auch von mir nochmal einen zweiten Gruß.
Mir geht es immer so, und ein bisschen lese ich das auch bei fuego raus, dass mich das total berührt, wenn Leute noch so ganz am Anfang einer Beziehung zu einem Alkoholkranken stehen.
Dann bekomme ich irgendwie den Wunsch, solche Menschen wie dich zu schützen vor dem, was da kommt.
Denn eins ist sicher, egal ob er aufhört oder nicht: Es ist ein schwerer Weg an der Seite eines Alkoholkranken. Es ist eine absolut schwere Krankheit!
Dich davor bewahren - Das kann ich natürlich nicht. Ich kenne weder dich noch deinen Freund wirklich und kann nicht in eure Zukunft schauen. Und es ist natürlich deine Entscheidung, was du tust. Und ich habe auch Respekt vor der Liebe, will niemandem eine Trennung einreden. Aber vom Verstand her betrachtet... 
Ich sehe mich selbst darin, wie ich war, vor 16 Jahren, als ich meinen jetzigen Mann kennen lernte. Ich wusste, dass er alkoholkrank war. Ich hätte am Anfang nie gedacht, dass ich nach 16 Jahren mich immer noch mit diesem Alkoholproblem rumschlagen müsste. Aber ich wollte es irgendwie unbedingt ausprobieren mit ihm, weil da auch so viel Nähe zu ihm war.
Und ich dachte, ich schaffe den Absprung, wenn er nicht aufhört.
Aber es war dann unglaublich schwer für mich, weil ich plötzlich das Gefühl hatte, ihn jämmerlich im Stich zu lassen.
Immer wieder habe ich mir eingebildet, seine Sucht irgendwie positiv beeinflussen zu können. Bin auch mit ihm zusammengezogen, weil ich irgendwie dachte, das würde ihn stabiliseren, ich könnte ihm ein Heim bieten, so dass er sich besser fühlt. Ich dachte lange Zeit, wenn seine Probleme, die er hatte, gelöst wären, dann würde sein Trinkgrund wegfallen. Ich war so sehr auf dem Holzweg! Die Sucht führt ein Eigenleben! Ich hatte keinen wirklichen Einfluss, immer nur scheinbar und vorübergehend.
Dann hatte ich mich nach 7 Jahren endlich getrennt, ein paar Jahre später war er trocken (nachdem er wirklich sozial und körperlich total am Ende war) und dann hatten wir tatsächlich 5 trockene Jahre zusammen und jetzt - nach einem Rückfall - bin ich wieder mit meinem Latein am Ende. Hab mich getrennt oder er sich von mir oder wie auch immer. Er ist da eingestiegen, wo er aufgehört hat und man kann kein vernünftiges Wort mehr mit ihm reden. Derselbe Mann, der noch vor 3 Monaten ein normales Leben führte, der belastbar und verlässlich war, jetzt ist er wieder ein Schatten seiner selbst. Und ich sitze schon wieder da und habe ein schlechtes Gewissen. Nach 16 Jahren kaum schlauer geworden.
Mein Mann war selten so betrunken, dass man es ihm direkt angemerkt hat. Also mit torkeln, lallen oder so, eigentlich fast nie.
Trotzdem war er irgendwann so weit, dass seine Leber fast versagte. (Die hat sich allerdings während seiner Trockenheit erholt.)
Er hat manchmal auch eine Woche oder so (scheinbar jedenfalls) nichts getrunken und ich war total verwirrt.
Was mich auch regelmäßig wieder verwirrt und wovon du auch berichtest: Mal steht er zu seiner Krankheit, jedenfalls halbwegs, und dann streitet er ab, überhaupt ein Problem zu haben.
Neulich hat er mir sogar Verleumdung unterstellt, als ich davon sprach, und drohte mir mit einer Strafanzeige.
Ich denke, was du im Augenblick tun kannst, ist, deine Sinne zu schärfen, indem du dich hier im Forum oder auch anderswo (Drogenberatungsstelle, Selbsthilfegruppen) gut informierst. Dann kannst du sein Reden und Verhalten auch besser einschätzen.
Z.B. dass es nichts mit dir zu tun hat.
Wenn er nicht "für dich" aufhört, hat das nichts mit eurer LIebe zu tun, auch das habe ich damals nie begriffen und begreife es erst jetzt.
Mein Mann zerstört jetzt gerade ALLES, was ihm einst, als er trocken war, lieb und teuer war: nicht nur Ehe und Familie, auch seinen heiß geliebten Beruf, seine Einkommensmöglichkeit, alles.
Und nicht, weil ihm all das nicht sehr wichtig ist, sondern weil diese Sucht bei ihm einfach so extrem stark ist und er trotzdem nicht über seinen Schatten springen kann, sich Hilfe zu holen.
Ich habe früher immer gedacht, mein Mann hätte irgendwie ein Problem mit der Wahrheit, weil er so viel gelogen hat. Nein, das war seine Krankheit.
Als er trocken war, hatte ich das Problem plötzlich nicht mehr.
Also: Bleib dran am Thema, dieses Forum hier ist echt ne gute Informationsquelle, aber du kannst dir darüber hinaus ja noch Hilfe holen.
Ich wünsche dir von Herzen alles Gute,
deine Doro
die jetzt endlich ins Bett sollte. 