Vorneweg: Dagmar, ich hab dich doch gebeten, mir deinen Eindruck zu erklären.
Ich sag ja, meine Mutter hat sowas Ähnliches gestern gesagt und ich habe auch nicht richtig verstanden, wie sie das meint.
Also, ich denke, es stimmt, dass ich in den letzten Tagen wieder innerlich ganz schön viel mit ihm beschäftigt bin.
Das ist natürlich nicht gut, da muss ich die Kurve irgendwie kriegen.
Trotzdem, ich habe das Gefühl, irgendwie steh ich auf der Leitung und verstehe das Ganze noch nicht wirklich.
Tut mir leid, wenn ich jetzt ein bisschen dumm wirke oder uneinsichtig.
Aber ich will jetzt auch nicht einfach sagen: Ja ja, ich verstehe, wenn ich eigentlich es nicht so richtig verstehe.
Ette, ich versuche dir mal, die Fragen zu beantworten.
Also, die SAche mit dem Job. Da hängt natürlich ganz viel dran. Es ist nicht irgendein Job. Es ist eine Beamtenstelle, auf die er mit Studium und allem drum und dran seit Jahren hingearbeitet hat und extra deswegen bin ich mit ihm hierher gezogen, 500 km weit von da, wo ich vorher gewohnt habe. Und es war sein ganz großer Traum.
Und finanziell hängt natürlich auch sehr viel dran, für mich auch. Auch wenn ich mein eigenes Gehalt habe, aber ich muss schon befürchten, dass ich finanziell involviert werde, wenn er nix mehr hat.
Und für die Kinder wärs auch netter, wenn sie einen Vater hätten, der arbeitet.
Auf der anderen Seite: Klar, wenn er seine Krankheit nicht einsieht und sich nicht behandeln lässt, dann kann er diesen Job natürlich nicht ausüben. Dann ist es egal, was damit alles verloren geht, weil es eben so ist.
Aber er war bis Weihnachten absolut gut in der Lage den Job zu machen, eben bis zu seinem Rückfall. Es gab keine Klagen, hat man mir gesagt.
Und das alles nährt natürlich in mir die Vorstellung, man könnte ihn durch eine Zwangstherapie irgendwie wachrütteln.
Aber wie gesagt, diese Idee wird echt immer wieder an mich herangetragen und ich habs schon hundertmal verworfen, aber es lässt mir irgendwie keine Ruhe.
Was glaubt ihr denn, warum ich das tue.
Weil ich mein Leben allein nicht ertrage?
Aber das stimmt doch nicht, es geht mir gut ohne ihn.
Ach, ich schreibe und schreibe und habe immer mehr das Gefühl, dass ich euch nicht richtig verstehe.
Ette, du schreibst: Warum guckst du nicht hin?
Wo hin? Zu mir selbst? Was ist mit mir?
Ja, natürlich ist er mir noch nicht egal. Wie könnte er mir egal sein?
Was mache ich falsch?
Dass ich noch mit ihm spreche?
Dass ich noch nicht so abgeklärt bin, dass seine Worte mich noch treffen können, auch wenn ich vom Kopf her weiß, dass es seine Krankheit ist?
Ich hoffe, ihr stört euch nicht daran, dass ich so offen schreibe. Ich will mich damit auseinandersetzen, will verstehen.
Es kommt mir so vor, als ob ich in zwei Welten lebe:
Auf der einen Seite ist da die Co-Theorie-Welt. Da bin ich ganz cool und weiß, klar, er ist krank, es ist seine Verantwortung, ich leb mein Leben, ich lass es mir gut gehen, egal was mit ihm ist.
Und auf der anderen Seite sind ein Haufen Gefühle, die mir auch alle irgendwie total berechtigt erscheinen und die ich nicht einfach wegschließen kann. Dass ich es nicht will, dass er so abstürzt, dass ich es total bedauere, dass ich nicht verletzt werden will, dass ich mir Sorgen um seine und meine finanzielle Zukunft mache, dass er mir noch immer nicht egal ist.
Womit ihr natürlich alle miteinander unbestritten Recht habt:
ICH KANN NICHTS TUN.
Die Sache mit der Zwangseinweisung ist und bleibt eine idiotische Idee.
so, und jetzt ruft meine Gegenwart in Form meines dreijährigen Sohnes, der jetzt einkaufen gehen will.
Bis später,
seid mir nicht böse,
helft mir bitte weiter,
Doro