Hallo Waldliebende,
also, in meinem Prozess gab es einen Punkt, der für mich entscheidend war. Das war ein Moment, in dem ich das Gefühl hatte, endlich von dem Problem erlöst zu werden, von einer höheren Macht wurde es mir abgenommen.
Mit einem Schlag merkte ich, dass ich nicht verantwortlich war für sein Trinken, dass ich aber gleichzeitig hoffen und sehnen durfte, wie ich will, dass mir auch das erlaubt ist.
Es war schon so etwas wie eine spirituelle Erfahrung.
Ich halte das nämlich auch nicht aus, einfach zu sagen: Es ist mir egal.
Nein, verdammt noch mal, es ist mir nicht egal.
Genausowenig, wie es mir egal wäre, wenn er Krebs hätte.
Es ist doch menschlich, dass es einem nahe geht, wenn nahe Angehörige krank sind.
Aber es ist ein Unterschied, ob man/frau darüber traurig ist oder auf GEnesung hofft, oder ob man denkt, man selbst könnte es steuern oder kontrollieren.
UND - das war dann die zweite Lektion - es gibt einen Punkt, da musste ich ziemlich radikal mich von diesem Hoffen und Mit-Leiden abwenden. Nicht, weil es grundsätzlich falsch ist, sondern weil es in diesem Fall falsch ist. Weil er es einfach drauf hat, mich immer und immer wieder von meinem Leben total abzubringen. Und da musste ich auch einfach mit GEwalt Abstand nehmen, anders geht und ging es nicht.
Wenn es einen Weg gäbe, Anteil zu nehmen, ohne mich selbst zu verlieren, würde ich es tun. Aber er nutzt es immer und immer wieder einfach nur schamlos aus. Also geht es für mich nicht.
Beispiel: Neulich telefoniere ich mal wieder mit ihm. Er erzählt mir, dass ihm sein letztes Geld für diesen Monat (der ja bekanntlich noch ne Weile dauert) geklaut worden ist. Typische Situation. Bei mir springt natürlich sofort Mitleid an.
Wenn das irgendeiner anderne Person in meinem Bekanntenkreis passieren würde, würde ich natürlich aushelfen und ich finde das auch richtig. Mitgefühl ist doch was Gutes erstmal.
Aber ihm passieren ja ständig solche Dinge. Es ist diese Selbstzerstörungssucht.
Das ist ja das Problem bei nassen Alkoholikern. Da werden gute, menschliche EIgenschaften wie Mitgefühl und Hilfsbereitschaft und Versönlichkeit ausgenutzt und ausgebeutet. Und deshalb muss dann der Selbstschutz einsetzen.
Ich will dir jetzt damit nichts Spezielles sagen, viel mir einfach nur zu der ganzen Geschichte ein.
Um dein eigenes Leben nicht kaputt zu machen, bist du bei einem nassen Alkoholiker gezwungen, eine kleine Mauer um dein Gärtchen zu errichten, sonst latscht er dir bei der nächsten Gelegenheit wieder durch.
Und gleichzeitig dürfen wir doch weiter hoffen.
Doch selbst wenn er trocken würde, dürftest du die Mauer nicht einreißen...
Liebe Grüße
Doro