Hallo ihr Lieben,
heute Morgen bin ich aufgewacht und über Nacht war alles zur weißen Winterlandschaft geworden. Das sieht schön aus.
Ich bin am Wochenende alleine zuhause. Mein Freund hat keine Zeit. Obwohl ich nicht gerne alleine bin und mich dann gerne durch den Glotzkasten ablenke, ordne ich zwischendurch gerne meine Gedanken und lasse die letzte Zeit Revue passieren.
Es ist jetzt fast zwei Monate her, seitdem ich aus der Arbeit ausgestiegen bin, mich wegen dauernder Schmerzen krankschreiben habe lassen. Ich warte noch auf den Termin in der Klinik, bin aber dankbar für die Zeit mit mir, die bis jetzt sehr schmerzhaft, aber auch sehr, sehr hilfreich ist.
Es ist, als wenn die lang schwärende Wunde endlich aufgebrochen ist und mit jedem Tag verzieht sich der Nebel mehr und mehr und mein Leben liegt klar vor mir. Hmmm, nicht immer ein angenehmer Anblick. Ich schaue auf die lange zeit, in der ich mich verstellte, schauspielerte, mich bedingungslos Eltern, Lehrer und Partnern anpasste, in der ich mich selbst nur durch Krankheiten und Schmerz fühlen konnte.
Jetzt fliesste alles nach außen, was aber auch heisst, es ist da erstmal nichts mehr. Das falsche Gerüst ist zusammengefallen, da ist eine Baugrube, aber kein Architekt hat einen Plan dafür, wie das neue Haus aussehen soll. In guten Stunden, wenn ich von wenigen guten Freunden aufgebaut worden bin, fühle ich mich voller Tatendrang, könnte Bäume ausreissen und will mein Leben am Liebsten gleich, ohne Klinik anpacken. Dann gibt es die Tage, wo ich absolut keinen Mut habe, wo ich auf die "perfekten" Leben der anderen Menschen blicke, auf deren guten Jobs, Partner, Kinder, Familien und ich bin einfach nur traurig und die Tränen laufen.
Heute wird mein Alkoholiker-Vater 70 Jahre alt. Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich eine Karte schreiben soll, oder anrufen, habe es aber nicht getan. Ich habe in der Kirche für ihn beten lassen. Ich habe keinen Kontakt mit ihm, nur meine Mutter, die zwar getrennt von ihm ist, aber doch immer wieder mit ihm zu tun hat, erzählt, dass es oft im Krankenhaus ist, weil seine Beine nicht mehr zuheilen und dass er von Arzt zu Arzt rennt.
Vor ein paar Jahren hat mich mein Ex-Freund überredet, mit ihm zu reden und Frieden zu schließen, mit dem Ergebnis, dass er mich weinerlich angelogen hat und danach wie immer war. Also... Ich habe keinen Kontakt mehr aufgebaut.
Ja, mich beschäftigt, wie es weitergehtn soll mit mir. Ich will nicht mehr Opfer sein, leiden, schauspielern, nur weil es den anderen in den Kram passt, aber es ist schwer, den Mut zu haben, aus diesem alten Leben rauszutreten.
Am Neujahrstag haben mein Freund und ich über das Leben und die Werte gesprochen und ich musste krass feststellen, dass seine Werte nichts mit meinen zu tun haben, ja sie mich fast abstossen. Wenn ich ehrlich bin, merke ich auch schon länger, dass er in mir keine Frau für die Zukunft sieht, sondern die Mutter, die er lange verloren hat und die ihm Geborgenheit schenkt und die Frau, die seine körperlichen Bedürfnisse befriedigt. Es ist für mich hart, es einzugestehen, aber ich sehe mit ihm auch nicht den Partner für meine Zukunft. Wir haben zu wenige intellektuelle und seelische Übereinstimmungen.
Trennen möchte ich mich noch nicht, weil er mir doch auch Geborgenheit schenkt und lieb ist und ich gerade echt schlecht alleine sein kann. Aber ich möchte mir nichts mehr selbst vorlügen und diesen Aspekt im Auge behalten.
Bei all den manchmal überwältigenden Gefühlen und der Angst, bin ich dennoch froh, mich auf den Weg gemacht zu haben. Besser spät als nie! Ich fühle mich viel lebendiger als in Jahren und das Freuen kann man auch lernen, oder?
Danke fürs Lesen und einen schönen Wintertag!
Liebe Grüße,
Sonnenstrahl