Liebe Kata,
nach Deiner Frage nach der Reha habe ich mir Deinen Threat mal angesehen und sehr viele Parallelen darin gefunden.
Auch bei mir ist der Vater Alkoholiker und die Mutter Co-abhängig. Meine Eltern sind seit 18 Jahren räumlich getrennt, haben sich aber nie scheiden lassen. Meine Mutter sagte, das ginge nicht wegen der immer noch bestehenden gemeinsamen Schulden auf dem Handwerksbetrieb. Mein Vater hat sich immer stärker zurückgezogen und ist heute ein totales Wrack, aber immer noch uneinsichtig und gemein. Meine Mutter arbeitet und arbeitet und arbeitet. Jahrelang dachte ich, sie macht das wirklich nur, weil es nicht anders geht, wegen der Schulden. Aber jetzt wird mir langsam klar, dass sie es wahrscheinlich gar nicht kann, das Loslassen. Das Geschäft ist ihr Leben. Sie hat gar nichts sonst, keine Freunde, keine Verwandten, die für sie da sein könnten. Es gab immer nur dieses Geschäft, auch früher schon.
Ich lebe auch weiter weg von meinem Heimatort, konnte mich aber von meiner Mutter nie richtig lösen. Heute ist mir klar, dass ich eigentlich ihr Leben lebe. Sie wollte den Beruf ergreifen, den ich habe, aber das ging damals nicht. Das was ich gemacht habe, entspricht eigentlich gar nicht meinen Neigungen. Jetzt, wo ich das realisiert habe, wird mir auch klar, dass meine Mutter es nicht gerne sieht, dass ich einen anderen Weg gehen möchte.
Ich habe trotzdem immer dieses schlechte gewissen, selbst dass ich das jetzt begriffen habe. Sie war für meinen Bruder und mich da, neben dem Geschäft, hat geschuftet. Aber sie hätte gehen sollen, damals. Sie hatte selbst einen Chance dazu.
All die Jahre habe ich über den Beruf Anerkennung gesucht, habe gelernt und gearbeitet wie ein Pferd und war gut. Habe Höchstleistungen erbracht, selbst da, wo ich eigentlich nicht wirklich hingehörte. Immer wieder gab es allerdings diese Zeiten starker körperlicher Beschwerden, als Kind war es Asthma, vor ein paar Jahren kam dann die chronische Darmerkrankung. Als es im Beruf immer schlimmer wurde mit Stress, Missgunst unter den Kollegen und Druck, reagierte mein Bauch mit ständigen Schmerzen, immer mehr Unverträglichkeiten von Nahrungsmitteln und Schlafstörungen. Ich habe mich durchgekämpft, immer wieder, wollte weitermachen.
Jetzt höre ich auf damit, stelle mich den Gefühlen, die bei der Arbeitssucht immer unterdrückt worden sind. Ich habe Zeiten, in denen ich weine, wie gestern, oder Angst habe, meinen Freund zu verlieren, bei dem ich aber nicht mal weiß, ob ich eine Zukunft mit ihm haben kann und will. Ich funktioniere schlecht alleine, kann diese Stille ohne Impulse von außen schlecht aushalten und mache oft den Fernseher an.
Trotz allen ist es gut. Ich habe das Gefühl, ein Geschwür bricht auf und der jahrzehntelang angestaute Eiter kann abfliessen. Ich will jetzt nicht mehr nur funktionieren, wie Du auch geschrieben hast, sondern LEBEN.
Trotzdem merke ich, wie sehr ich von Wohl und Wehe der anderen Menschen und auch meiner Familie abhängig bin. Ich weiß nicht, was ich Weihnachten machen soll. Am liebsten möchte ich meinen Bruder alleine einladen, aber ich habe Skrupel gegenüber meiner Mutter. Was macht sie dann? Wird sie nicht traurig sein und mir dann wieder das Gefühl sein, ich behandle sie total ungerecht? Es ist schwer, mit diesen Schuldgefühlen zurechtzukommmen, aber ich will es versuchen.
Kata, das hört sich bei Dir auch so an, dass Du jetzt alles zulässt, auch wenn es sich erstmal ziemlich besch.... anfühlt. Aber dann können wir endlich mal authentisch fühlen lernen. Das ist positiv!!!
Alles Gute und liebe Grüße,
Sonnenstrahl