Hallo Seti,
so ziemlich genau vor einem Jahr bin aus einer 6-wöchigen Reha zurück gekommen. Nicht nach Hause, sondern zurück. Ich habe mich noch einige Stunden rumgetrieben, bevor ich in meine Wohnung gegangen bin. Jetzt bin ich in ihr wieder zu Hause, damals war ich das nicht.
Nachdem ich eine Woche in der Reha war, hatte ich vollkommen abgeschaltet. Ich habe mich nur noch um mich und meine Bedürfnisse gekümmert. Ich habe es genossen, dass niemand und nichts Ansprüche an mich stellt, zu Hause lief alles, dafür hatte ich vorher gesorgt. Es gab nur noch mich und ich habe es genossen. Die räumliche Trennung hat dies noch begünstigt. Gleichzeitig war es auch sehr anstrengend, es blieb nichts mehr über was ich in andere Dinge hätte investieren können und wollen. Ich hatte eine Kindheit im Alkoholikerhaushalt aufzuarbeiten, immer wiederkehrende Depressionen und einen Haufen Probleme mit mir und meinem Umgang mit meinen Mitmenschen allgemein, Unsicherheiten, von meinen Leichen im Keller ganz zu schweigen. Eigentlich viel zu viel für 6 Wochen.
Ich hatte schon durch eine Therapie zu Hause Vorarbeiten geleistet, trotzdem ist es da noch mal richtig ans Eingemachte gegangen. Mein „anderes“ Leben habe ich ausgeblendet und es auch genossen, mich mal vollkommen frei von jedweden Verpflichtungen nur um mich kümmern zu können. Es hat mir so gut gefallen, dass die Rückkehr ins „normale“ Leben hart für mich war. Einiges aus dieser Zeit ist mir geblieben, anderes hat sich wieder relativiert bzw. normalisiert.
Fakt ist, diese 6 Wochen waren eine absolute Ausnahmesituation, die mit meinem „normalen“ Leben nichts gemeinsam hatte. Ich musste mich erst wieder eingewöhnen, mein altes Leben passend machen. Ich hatte die ersten Wochen zu Hause schon so meine Probleme. Es hat gedauert bis sich alles gefügt hat und das Neue zum Alten passte.
Du hast gefragt, was in Deiner Frau vorgeht, was mit ihr passiert. Das kann ich Dir natürlich nicht sagen, nur wie es mir ergangen ist. Aber vielleicht gibt es Parallelen. Das ist meine Erfahrung, ich will damit nicht sagen, dass Du Verständnis für das Verhalten Deiner Frau haben sollst. Ich hätte es an Deiner Stelle auch nicht.
Anderseits muss ich mich Kaltblut anschließen. Deine Frau hat etwas geändert, dass war das Ziel der Reha. Das die Änderung nicht so ausgefallen ist, wie Du Dir das gewünscht hast, ist nicht so toll, freundlich ausgedrückt. Wir bekommen aber nicht immer das, was wir uns wünschen. Das das wehtut und sich wie ein Schlag ins Gesicht anfühlt, kann ich nachempfinden, ich bin von meinem Ex-Mann ähnlich abserviert worden.
Es hilft Dir jedoch nicht, wenn Du jetzt über reagierst und wild um Dich schlägst. Du kannst Dir damit mehr kaputt machen, als helfen. Kurzfristig gesehen, hast Du vielleicht Deine Genugtuung, wenn Deine Frau woanders um Unterkunft ersuchen muss, mir wäre das damals auch ein innerer Reichsparteitag gewesen. Langfristig kann das aber ein Eigentor sein, sowohl was die Gefühlsebene angeht, als auch die rechtliche Seite. Und Du hast Dein Leben doch langfristig ausgelegt, oder?
Moralisch betrachtet mag Deine Frau vor die Tür zu setzen eine Lösung sein, rechtlich kann das ganz anders aussehen. Ich hatte Träume von dunklen Ecken und Baseballschlägern und in der ersten Zeit nach der Trennung oft genug das Bedürfnis ihm gegenüber körperliche Gewalt anzuwenden. Ich hätte genug gefunden, die mich vom moralischen Standpunkt aus gesehen, da unterstützt hätten. Was maßgebend war, war jedoch der rechtliche und man darf Menschen nicht mit Baseballschlägern verprügeln und meines Wissens darf man Ehefrauen auch nicht einfach vor die Tür setzen.
Versuche wieder etwas runter zu kommen und auf Dich zu schauen. Zu überlegen warum sie etwas tut oder auch nicht tut, ist nicht auf Dich, sondern auf sie schauen. Deine verletzten Gefühle heilen dadurch nicht, Du lenkst Dich nur von ihnen ab und das hilft Dir auch nicht wirklich weiter. Sie scheint im Moment selbst nicht zu wissen was sie will, wie willst Du da mitkommen? Umgekehrt betrachtet, wäre es z. B.genauso legitim würdest Du jetzt von Dir aus die restliche Zeit keinen Kontakt mehr haben wollen, um Dir über Dich klar zu werden, wo Du Eure Beziehung siehst. Wäre auch eine Möglichkeit. Wenn Eure Beziehung eine Zukunft hat, wird sie 5 Wochen Klausur überstehen, wenn sie keine hat, waren diese 5 Wochen nicht der Auslöser für das Ende, der lag dann ganz woanders.
Es ist noch etwas hin, bis sie wiederkommt nutze die Zeit für Dich, auch wenn Du es jetzt nicht glaubst, alles andere wird sich finden.
Gruß
Skye