Hallo Pia,
über den eigenen Tellerrand zu schauen kann nie verkehrt sein. Schön, dass Du den Mut aufgebracht hast.
Das eigene Wohl immer und überall für andere hinten an zu stellen, ist kein Verhalten das Alkoholikerkinder für sich gepachtet haben. Das habe ich erst kürzlich in der eigenen Familie gesehen. Zudem hatte meine Mutter das gleiche Verhalten, etwas für andere zu tun war ihr wichtiger, als etwas für sich zu tun. Ihre Eltern haben nicht getrunken, dafür hat sie gesoffen bis der Alkohol sie umgebracht hat. Es führen viele Wege nach Rom, so auch in diesem Fall. Zumindest ist es mehr als einer.
Ich habe immer mehr auf andere geachtet als auf mich, weil ich unsicher war. Unsicher geliebt zu werden, unsicher so in Ordnung zu sein wie ich bin. Also habe ich versucht mir auf diese Art Bestätigung für mich zu verschaffen. Die Unsicherheit bezog sich nicht nur auf mich, sondern auch auf meine Umgebung. Ich wusste nie was ich zu erwarten hatte und hatte eben nicht die innere Sicherheit Dinge auf mich zukommen lassen zu können. Ebenso wenig die Sicherheit, dass meine Eltern es schon richten würden.
Das hat bei mir außerdem den Wunsch nach Kontrolle geweckt. Ich hoffte so Sicherheit zu erlangen. Alles für andere zu tun, hat mir nicht nur Bestätigung für mich gegeben, sondern auf gewisse Art und Weise das Gefühl von Kontrolle gegeben. Ich konnte mir bis zu einem gewissen Punkt damit auch vormachen, diese Menschen sind von mir abhängig und somit kontrollierbar. Ich meinte dann nicht unangenehm überrascht werden zu können. Die Kontrolle über etwas zu verlieren, hat mich oft genug regelrecht austicken lassen. Wenn etwas kam mit dem ich nicht gerechnet hatte, was nicht meinen Plänen entsprach oder was ich doch zu vermeiden so sorgfältig geplant hatte, habe ich über reagiert und vollkommen unangemessen. Wenn andere mir nicht „freiwillig“ gaben was ich brauchte, habe ich sie manipuliert, damit ich bekam was ich wollte. Letzten Endes hat das alles noch schlimmer gemacht, was ich aber nicht gesehen habe. Also noch mehr lieb Kind machen, noch mehr Kontrolle, noch mehr Manipulation. Ein Teufelskreis.......
Ich war unsicher in jeder Beziehung. Der Hauptgrund bei mir war sicherlich das Alkohol belastete Umfeld in dem ich groß geworden bin. Nasse Alkoholiker sind nun mal nicht ausgeglichen, man weiß nie, was man als nächstes von ihnen zu erwarten hat. Zudem hatte ich eine Mutter, die nicht nur abhängig, sondern sich zudem ihrer selbst ebenfalls nicht sicher war. Wie soll ein unsicherer Mensch einem anderen Sicherheit vermitteln. Ganz zu schweigen davon, wenn er ausgeglichen ist wie ein Jojo.
Hätte ich mich wirklich soviel anders entwickelt, wenn sie nicht getrunken hätte? Ich weiß es nicht. Manchmal denke ich ja, manchmal nein. Was mich weiter gebracht hat, war zu sehen warum ich tue was ich tue, nämlich weil ich kaum Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein hatte. Der Grund warum ich es nicht hatte, weil meine Mutter es mir aufgrund ihrer eigenen Person nicht vermitteln konnte, hat mir weniger geholfen. Denn das warum sie es nicht konnte, kann ich im Grunde nur vermuten. Der Alkohol hatte sicherlich seinen Anteil daran, aber er war es nicht allein. Manches kann ich mir erklären, aber wirklich wissen werde ich es nie. Das wusste nur sie, wenn überhaupt. Auch bei ihr hat es „Gründe“ gegeben warum sie in den Alkohol geflüchtet ist und seelische Stabilität gehörte da wohl weniger zu.
Zitataber heute weiß ich auch, das ich andere manipuliert habe. Klar damit es ihnen besser geht,
Wirklich damit es ihnen besser geht? So ganz ohne Nutzen für Dich? Ich kann es mir, aufgrund meiner eigenen Erfahrungen nicht wirklich vorstellen.
ZitatLeider wirke ich sehr stak so das ich in allem alleine gelassen werde.
Vermeintliche Schwäche zu zeigen, kann auch eine Stärke sein. Ich hatte z. B. lange Probleme vor anderen zu weinen. Ich weine bei jeder emotional aufwühlenden Gelegenheit, ob Wut, Traurigkeit, Freude, egal wenn es zu viel wird, laufe ich einfach über. Ich war davon unangenehm berührt, weil ich dachte andere seien es. Es hat mich belastet, weil ich dachte andere belastet es. Ich sah es als Zeichen von Schwäche, weil ich dachte andere würden es so sehen. Ich wollte mir wegen anderen keine Blöße geben. Immer andere, nie ich..... Inzwischen weine ich, wie ich lustig bin, so sehen andere zum eine wie es mir wirklich geht und ich werde, was viel wichtiger ist, den Druck los egal ob positiv oder negativ. Ich denke jetzt an mich, nicht an andere und das ist eine Stärke, wenn es nach außen auch vielleicht manchmal schwach wirken mag.
Warum wirkst Du stark, wenn Du Dich nicht so fühlst? Für Dich, für andere, für wen?
Du bist der wichtigste Mensch in Deinem Leben, behandele Dich auch so.
Gruß
Skye