Hallo Knubbelchen,
willkommen im Forum. Ich bin auch nicht in Deiner Altersklasse, aber ich will versuchen, Dein Dilemma mal ein wenig aufzudröseln. Alkoholismus wird nicht umsonst Familienkrankheit genannt. Damit die Welt eines Alkoholikers funktionieren kann, braucht es Helfer. Helfer die ihm Dinge des täglichen Lebens abnehmen, die seine Ausfälle vertuschen, die dafür sorgen, dass sein Leben neben dem Alkohol funktioniert. Denn er lebt in erster Linie für den Alkohol, alles, aber wirklich alles, auch die Familie, kommt danach. Damit sein Leben in einigermaßen geregelten Bahnen verläuft, kann er nicht ohne Helfer. Meistens ist das die Familie. Innerhalb dieses Helferkreises ist die Last mehr oder weniger gleichmäßig verteilt. Bricht einer aus diesem Helferkreis aus, haben die anderen Helfer mehr zu tragen und der Alkoholiker hat unter Umständen ein nicht mehr ganz so bequemes Leben. Man macht sich also auf beiden Seiten nicht beliebt, wenn man den Kreis der Helfer verlässt.
Ein Helfer muss nicht unbedingt Co sein, ist es aber meistens. Auch wenn viele Co's das nicht gerne hören und sehen, sie bleiben, weil sie Vorteile darin sehen. Erst wenn die Nachteile überwiegen dann denken sie darüber nach zu gehen, ob sie es tun, nun das bleibt mal dahin gestellt, meistens tun es nicht oder sehr viel später als es für sie gut gewesen wäre.
Diese Vorteile können ganz unterschiedlich sein. Der eine zieht z. B. seine Selbstbestätigung daraus, dass er guter Mensch ist, weil er ja hilft, andere wiederum leiden, genießen es aber von anderen dafür bedauert zu werden, Aufmerksamkeit zu bekommen die sie sonst nicht bekämen, wieder andere wollen sich nicht mit sich selbst beschäftigen, weil sie Angst vor dem haben, was sie dann sehen könnten. „Gründe“ gibt es eine Menge, so unterschiedlich wie die Menschen sind.
Das hört sich vielleicht unlogisch an, aber ein Co ist genauso krank wie ein Alkoholiker und beide Krankheiten, haben wenig bis nichts mit Logik und gesundem Menschenverstand zu tun. Es ist eine ekelhafte Symbiose, die solange „gut“ funktioniert, solange keiner der aus dem System ausbricht. Ekelhaft deshalb, weil sie nur oberflächlich betrachtet beiden nutzt und etwas gutes tut, genauer betrachtet reißt sie beide Parteien nur tiefer und schneller in den Abgrund.
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Doch er hat vor allem mich Jahre lang tyrannisiert. Teilweise war es so gefährlich für mich dass ich mit einer richtigen Security in die Schule gehen musste. Für ihn war ich an allem schuld.... am scheitern seiner ehe, am scheitern zwischen dem kontakt seiner eltern und ihm, er war sogar der meinung, dass es meine Schuld wäre, dass sein Betrieb kaputt gegangen ist. Dass das alles Quatsch ist weiß ich!
Sicher ist das Quatsch, trotzdem tut es weh und es darf auch wehtun. Leider ist sein Verhalten, Dir die Schuld zu geben, nichts ungewöhnliches für einen Alkoholiker. Du hast mit Deiner Entscheidung zu gehen, ihn mit einem Schlag fast seines gesamten Helferteams beraubt. Das sieht kein Alkoholiker gern. Für Dich, Deinen Bruder und Deine Mutter war die Entscheidung richtig. Wenn auch Du im Moment wohl leider die Einzige bist die das sieht.
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Als ich dann 15,5 Jahre war hab ich meiner Mum gesagt, dass sie und mein Bruder jetzt mit ins Frauenhaus kommen sollen oder ich alleine zum Jugendamt gehe und mich dann aber die gesamte Family nie wieder sehen würde. Meine Mum hat meinen Dad daraufhin endlich verlassen. Seitdem haben wir keinen Kontakt mehr.
Ich denke Du hast mit Deiner Entscheidung, Deiner Mutter ihre abgenommen. Sonst wäre sie wohl so schnell nicht gegangen. Denn wenn sie mit Überzeugung gegangen wäre, mit der Überzeugung, dass es für sie besser ist, würde es wohl nicht so aussehen.
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dass Mutti seit der trennung von meinem Vater alleine ist.
Es ist also nicht unbedingt ein Wunder, dass sich nichts geändert hat bei ihr. Dazu müsste sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen, was sie anscheinend nicht tut. Warum auch immer.
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Zu meinem Bruder habe ich gar keinen guten Draht. Er macht mich dafür verantwortlich, dass Mutti seit der trennung von meinem Vater alleine ist. Das das Schwachsinn ist weiß ich auch! Dazu muss ich noch sagen, dass Bruder und Mutter eine eingeschworene Kommune sind und ich immer wieder außen vor stand.
Was auch nicht so wirklich verwunderlich ist. Du hast Dein Leben in die Hand genommen, versucht für Dich das Beste zu tun. Dein Bruder hat das nie gelernt. Dein Vater hat seine Probleme mit Alkohol gelöst und Dein Mutter hat geduldet. Beide haben ihr Leben nie selbst in die Hand genommen und etwas getan. Du hast Glück, dass Du es trotz mangelndem Vorbild gelernt hast. Für jemanden der nie gelernt hat, dass man für sich selbst verantwortlich ist, sind immer die anderen Schuld, denn sie machen ihr Glück und ihr Wohlbefinden von anderen abhängig. Sei kennen es nicht anders und es anders sehen zu können erfordert manchmal recht schmerzhafte Arbeit an sich selbst. Dazu muss man bereit sein. Die beiden werden wohl nicht verstehen können, warum Du nicht mehr funktionierst, weil sie selbst nicht ausbrechen können oder wollen. Das schweißt sie zusammen, dass Verständnis für das „Leid“ des anderen.
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seine eltern/ meine Großeltern (zu denen ich immer richtig innigen Kontakt hatte/habe) unterstützen ihn nun bei allen Behördengängen, beim umzug, bei der Suche nach einer neuen Wohnung.... nur die Klinik und eine Therapie: das steht bei denen ganz unten auf der Liste. Ich finde das so falsch von meinen Großeltern. Sie sind doch tatsächlich der Ansicht: Der arme Junge, der muss nur aus dem betrieb ruas und dann ist er doch auch weg vom Alkohol! Die helfen ihm damit doch nicht!!! Und das schlimmste: sie machen sich solche Hoffnungen!!! Wenn er das wieder alles abbricht (er war in den letzten 3 Jahren bestimmt 12 mal in der Entgiftung bzw Zwangseingewiesen wurden), dann gehen meine Großeltern daran kaputt!!!! und man kan nur dabei zusehen!?!?!
Ich kann verstehen, dass Du Dir Sorgen um Deine Großeltern machst, aber genau wie alle anderen sind sie für sich selbst verantwortlich und tun was sie für richtig halten. Sie müssen die Suppe auslöffeln die sie sich einbrocken. Dein Vater ist ihr Kind und für Eltern bleiben Kinder immer Kinder egal wie alt sie sind. Eltern wollen ihren Kindern helfen. Dazu kommt noch, dass sie wohl aus einer Generation stammen, in der Alkoholismus eher als Charakterschwäche angesehen wurde, denn als Krankheit. Dieser Generation ist es meist sehr wichtig was die Leute denken und es wird viel dafür getan um das Deckmäntelchen über alles zu legen was ein schlechtes Licht werfen kann. Sicher helfen sie ihm damit nicht, aber das müssen sie selbst erfahren. Du kannst ihnen nicht helfen, solange sie es nicht wollen und es scheint mir sie wollen nicht.
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Nun bin ich richtig geschockt über meine Empfindungen. Ich habe gestern richtig gemerkt, dass (auch wenn er es vielleicht diesmal schafft) ich keinen Platz in meinem Leben mehr für meinen ihn habe.... und dass ich ihm auch keinen Platz in meinem Leben geben möchte! Das obwohl ich immer so ein extremes Papa-Kind früher war!
Ich habe meine Vater auch geliebt, habe unter seiner Abwesenheit gelitten und mich gefreut, wenn er mich alle 14 Tage geholt hat. Als ich 16 war, habe ich ihn das letzte mal gesehen. Danach wollte ich ihn nicht mehr sehen, weil er sich durch seine Unzuverlässigkeit selbst als Vater disqualifiziert hat. Eine Beziehung, auch die zwischen Eltern und Kindern braucht eine Grundlage, unsere hatte keine mehr, die hatte der Alkohol weg gespült. Ich bin ihm nicht böse, ich bin auch nicht verbittert, ich bin nicht traurig, vielleicht manchmal ein bisschen wehmütig, aber mehr nicht. Es ist einfach wie es ist, er gehörte ab da nicht mehr zu meinem Leben.
Ich kann mir vorstellen, dass diese Erkenntnis Dich verwirrt, aber sie ist nicht so außergewöhnlich.
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Mir tat es weh, dass letzte mal mein zuhause zu sehen.... unendlich! ich hatte immer mit meiner Mum und meinem Bruder gehofft, dass er zur Vernunft kommt und es uns überschreibt, damit es in der familie bleibt....
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jetzt ist alles weg: Vater (aber der soll ja eigentlich auch nicht wieder kommen; kann mit der Vorstellung mich überhaupt nicht anfreunden, dass er eventuell bald wieder ein teil meines lebens sein könnte), Zuhause, Pferd.... und vielleicht bald auch meine Großeltern!?
Knubbelchen, ich kann mir vorstellen, dass es weh tut, sein zu Hause zu verlieren, dass man sich entwurzelt fühlt, aber man kann nicht alles im Leben haben. Es gehört Deinem Vater und war nur mit ihm zu haben. Wurzeln kannst Du auch woanders schlagen, aber wie Du schreibst, Deinen Vater möchtest Du nicht wieder haben. Entweder oder, beides geht nicht.
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Wann verstehen endlich alle, dass ich nur für mein Leben verantwortlich bin?
Wenn sie einsehen, dass sie auch für ihres selbst verantwortlich sind und das scheint mir nicht der Fall zu sein.
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Warum wird immer alles auf den Schultern der Stärkeren abgeladen?
Vielleicht wäre die Frage besser formuliert bei dem vermeintlich Stärkeren, denn im Moment fühlst Du Dich glaube ich alles andere als stark, oder? Was auch nicht schlimm ist, niemand kann und muss immer stark sein. Schwäche zuzugeben, ist auch eine Form von Stärke. Warum es abgeladen wird? Weil der andere es zu lässt. Warum sie abladen? Weil es einfacher ist, als es selbst zu tragen, als sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Keine Entscheidung zu treffen ist auch eine, aber das sehen viele nicht. Sie tun lieber nichts und wähnen sich damit auf der sicheren Seite. „Ich hab nichts gemacht, ich bin nicht Schuld“. Aber auch nichts zu tun ist eine Entscheidung, denn auch nichts tun hat irgendwelche Konsequenzen.
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Warum werden immer die ausgegrenzt die auf Probleme hin weißen und nicht die, die Probleme verursachen?
Weil sie unbequem sind. Weil sie anderen die Illusion nehmen, dass alles in Ordnung ist. Weil sie es sind, die in den Augen anderer Probleme verursachen. Aus dem einen einfach Grund, weil sie Dellen in das Traumgebilde machen, an der Traumwelt rütteln und sie zum einstürzen bringen wollen. Das geht nicht an in den Augen der anderen .....
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Ich bin es echt leid und stehe kurz davor den kompletten Kontakt zu meiner Familie abzubrechen, weil ich einfach keine Lust mehr habe.
Wenn Du denkst es hilft Dir, dann tue es, aber sei Dir sicher, dass Du es nicht irgendwann bereust. Du hast nur eine Familie und Blut ist wirklich dicker als Wasser. Vielleicht reicht es ja wenn Du erstmal ein wenig auf Abstand gehst und sie machen lässt. Ich weiß, dass das schwer ist, aber wie Du schon schreibst, Du bist für Dich selbst verantwortlich, dass heißt auch das jeder in Deiner Familie für sich selbst verantwortlich ist.
Jeder Mensch ist für sich und sein Wohlbefinden verantwortlich. So wenig wie Du Deinem Vater helfen kannst, kannst Du Deiner Familie helfen. Sie werden erst dann die Augen aufmachen und die Realität anschauen wenn sie es wollen. Du kannst sie nicht zwingen oder irgendwie überzeugen, ebenso wenig wie Du Deinen Vater zwingen oder überzeugen kannst trocken zu werden.
Es ist schwer von außen zuzuschauen, wie andere sich ihr Leben schwer machen und/oder ruinieren, aber Du kannst es nicht ändern.
Knubbelchen (ich finde den Nick übrigens goldig) Du hast den Absprung zumindest räumlich schon geschafft, lass Deine Familie machen Du kannst sie nicht retten, gib Deine Freiheit nicht auf, Du tätest es umsonst, denn Du änderst damit nichts, Du machst aber Dich selbst unglücklich.
Gruß
Skye