Hallo Dagmar,
der Mensch ist ein extrem anpassungsfähiges Wesen, sonst hätten wir es nicht geschafft zu überleben. Denn genau betrachtet leben wir in einer recht lebensfeindlichen Umgebung, wir haben gelernt mit den Gefahren umzugehen. Wir agieren und reagieren aufgrund von Beobachtungen von klein auf, so lernen wir ein Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu werden, wir lernen zu überleben. Dieses lernen kann aber auch in eine falsche Richtung gehen. Ich habe als Kind gelernt, was ich zu tun habe, um ein liebes Kind zu sein, um in dieser menschlichen Gesellschaft zu überleben. Ich habe mein Verhalten meiner Wahrnehmung angepasst, ein langsamer, schleichender Lernprozess. Das ich da nicht so ganz das richtige gelernt habe, habe ich später gesehen.
Dieser Lernprozess hört jedoch nicht nach der Kindheit auf, da ist der Geist zwar besser beeinflussbar, aber das ist auch alles. Dieser Lernprozess setzt sich fort so lange wir leben. Das ist auch etwas das Psychotherapie zu einem sehr sensiblen Thema macht. Die Lebenslange Anpassungsfähigkeit des Menschen ist der Grund warum sie helfen kann und warum sie auch schaden kann.
Jeder der schon einmal betrunken war, weiß das man seine Umwelt anders wahrnimmt. Wenn wir den nächsten Tag wieder nüchtern sind, bewerten wir die Situationen anders, alles bekommt wieder seinen angestammten Platz. Wenn man jedoch dauerhaft betrunken ist, hat man nicht mehr die Möglichkeit Situationen klar zu bewerten. Die betrunkenen Wahrnehmungen werden Realität, dementsprechend wird das Verhalten angepasst und ist im Vergleich zum nüchternen Teil der Gesellschaft einfach gestört. Jemand der sich unter Alkoholeinfluss z. B. bedroht fühlt, fühlt sich dann ständig bedroht und so verhält er sich dann auch irgendwann, obwohl realistisch betrachtet keine Bedrohung vorliegt.
Man kann das Verhalten eines Alkoholikers nicht mit dem eines normal Betrunkenen vergleichen, frei nach dem Motto „Besoffene und Kinder sagen die Wahrheit“. Alkoholiker haben aufgrund ihrer dauerhaft gestörten Wahrnehmung eine eigene Wahrheit und der wird sich angepasst um zu überleben. Mit Suchtdruck allein ist die Persönlichkeitsstörung und ihr Verhalten nicht erklärt.
Du hast mit einem Alkoholiker zusammen gelebt. Du hast agiert und reagiert aufgrund Deiner Beobachtungen, das hat Dich, Deine Denkmuster, Deine Aktionen und Reaktionen auch verändert. Das war ein schleichender Prozess, genauso schleichend ist auch der jetzige Prozess der Veränderung, es ist ein neues Lernen.
Gruß
Skye