Hallo Martha,
danke für Deine Gedankengänge, die mir sehr nahe kommen.
Ich habe mein Gedankenmuster verändert, in dem mir klar wurde, dass ich diejenige war, die genau diese Erfahrungen brauchte, folglich mit dem Alkoholiker psychisch auf einer Ebene war. In dem ich das annehmen konnte, konnte ich mich gleichfalls von Gedanken wie Schuld oder Scham befreien. Sicher, am Anfang meiner Entwicklung war er der Bösewicht, der mir das Leben schwer machte und mich verletzte und entsprechende Hilfe suchte ich für ihn. Nach und nach konte ich begreifen, dass er mein Spiegel war, alle meine Projektionen waren auf ihn gerichtet. Was ich an mir selbst nicht mochte und integrieren konnte, richtete ich auf ihn. Folglich brauchte ich mir nicht meine Schattenseiten ansehen, sondern konnte sie gut verdrängen und mich äußerlich als die Gute Märtyrerin darstellen. In dieser Rolle gefiel ich mir sogar, ich habe mit gelogen, manipuliert und verdrängt, war nach ihm und den leidvollen Erfahrungen so süchtig, wie er nach dem Alkohol. Da darf ich nicht bewerten, dass das eine oder andere besser oder schlechter war. Es hatte mich niemand gezwungen, mich aufzugeben oder aufzuopfern, dazu war ich ganz ungeschminkt selbst bereit. Ist es da ein Wunder, dass viele Trockene die noch in der Co.-Abhängigkeit feststeckende Partnerin nicht mehr reizvoll finden oder sie sogar verachten? Eine Partnerin ohne eigenen Willen und ohne eigene Persönlichkeit ist keine Herausforderung, sie war lediglich in der nassen Phase bequem. Und dafür wollen wir unterm Strich auch noch belohnt werden? So funktioniert das nicht. Ich habe lange Zeit in Wut, Haß und Verachtung ihm gegenüber festgesteckt, bis ich soweit war und erkennen durfte, dass es meine eigenen Gefühle waren, sie waren schon in mir vorhanden, ich habe sie aber unterdrückt, nicht ausgelebt und nicht bearbeitet, folglich konnte er sie in mir auf Abruf freisetzen. Wenn ich heute darüber nachdenke, was ich alles angestellt habe und fast gebettelt, um Liebe und Anerkennung von einem Menschen zu bekommen, der nicht dazu in der Lage war, was ich in meiner Phase nicht erkennen konnte, weil ich selbst nicht lieben konnte. Ich wollte aber um jeden Preis geliebt werden und kämpfte einen sinnlosen Kampf. Dieses Eingeständnis tat erstmal sehr weh, so sehr konnte ich mich als einfühlsames Wesen doch nicht getäuscht haben, doch ich hatte mich getäuscht, diese vermeintliche Niederlage wollte ich nicht hinnehmen und mir schon gar nicht eingestehen. Überall suchte ich nach Zeichen und Beweisen, dass dieser Mann mich sehr wohl geliebt hat, das wäre mein innerer Triumph gewesen. Das Loslassen beginnt damit, sich davon zu verabschieden und sich klar zu machen, es so gebraucht zu haben, soll ich mich im Nachhinein für etwas schämen oder gar schuldig fühlen, was für mich als wichtige Entwicklungsstufe nötig war? Vielmehr darf ich heute dankbar sein, dass ich so massiv konfrontiert wurde und mich dieser Schmerz dort hingeführt hat, wo ich heute stehe, anderenfalls hätte ich mich ganz anders weiterentwickelt. Wir Menschen wachsen und reifen an Krisen, sie sind ein Geschenk für uns, was wir aber erst danach erkennen dürfen. In meiner Gruppe durfte ich nach vielen Gesprächen und Auseinandersetzungen mit mir selbst erkennen und auch annehmen, dass der Alkoholiker ein Recht hat zu trinken, weil er sich selbst dafür entschieden hat, für Liebe ist dort wenig Platz, es geht nur darum, das nächste Suchtmittel zu bekommen. Damals wollte ich es schaffen, dass er sich für mich entscheidet, welch ein Trugschluß. Wenn mir heute ein nasser Alkohliker begegnen würde, würde ich nicht mehr kämpfen und analysieren, ich brauche das alles nicht mehr, vielmehr würde ich ihm alles Gute für seinen Weg wünschen. Es steht mir auch nicht mehr zu, ihn zu verachten und zu bewerten, es ist sein Weg. Mir stand es offen, mich für meinen Weg zu entscheiden, und das habe ich getan. An unserer gemeinsamen Zeit waren wir beide gleichfalls beteiligt, sie war notwendig für mich. Ich fühle mich nicht schuldig und schäme mich nicht! Diese Zeit hat mich authentisch gemacht, heute leugne ich nicht mehr, sondern kann ganz offen und ungeschminkt über meine Co.-Abhängigkeit berichten.
Lieben Gruß Laurina 