Hallo Zusammen,
Ich hole diesen Thread mal hoch, weil ich einfach mal meine derzeitigen Gedanken sammeln möchte. In den letzten Wochen durfte ich ein paar Mal die Erfahrung machen, wie es ist, sich nur nach ein paar kurzen Hinweisen schon in der Rolle des Bösewichts wieder zu finden, was eigentlich sonst gar nicht so mein Stil ist 
"Hände still halten" wäre da schon eher meine Art gewesen, und ich fragte mich in letzter Zeit verstärkt, ob mein derzeitiger Aktivismus eventuell daher ruhen konnte, dass ich ganz allgemein momentan eine etwas ernsthaftere Auseinandersetzung mit der Sucht vermisse.
Es ist ja nichts Neues, dass kritische Anmerkungen zwar zuerst willkommen sind, aber nach ein paar Tagen dann wohl doch nicht mehr, und ändern wird sich das über kurz oder lang wohl nicht, aber zur Zeit ist mir wiederholt aufgefallen, wie einige für sich eine Atmosphäre geschaffen haben, in der sie nach ein paar Wochen oder von mir aus auch Monaten schon den Großteil der Arbeit für sich abgeschlossen zu haben scheinen, was meiner Meinung nach dann aber wieder nur wenig Raum lässt für die eigentliche Beschäftigung mit der Sucht, die einen über die letzten Jahre oder gar Jahrzehnte im Griff gehabt hatte, und wenig Anmerkungen für die Prävention dessen für die kommenden Jahre zulässt.
Stattdessen wird immer mehr Gewicht auf Umgang und Ton gelegt, obwohl der gängige Ton für dieses Thema in der Regel immer mehr als angebracht ist. Wirkliche Beleidigungen lese ich nur selten hier, auch wenn "das sind nasse Gedanken" gerne mal als Beleidigung ausgelegt wird 
In diesem Thread stehen schon so viele wichtige Erkenntnisse drin, die das auch viel besser erklären, als ich das jetzt könnte. Einer der Knackpunkte ist zum Beispiel Maria's Anmerkung:
Zitat
Am Anfang steht häufiger mal das TUN auf dem Programm (wie sich von nassen Veranstaltungen fernzuhalten) - ohne zu Wissen, wofür das gut sein mag. Manches erschließt sich erst sehr viel später.
Genau so ist es mir auch gegangen, ist aber wohl der Punkt, bei dem es einfach immer wieder zu Reibungsflächen kommt, weil zu sehr der augenblickliche Tag, und die augenblickliche Stimmung einem den Sinn für das eigentliche TUN vernebelt. Ich halte es immer wieder für sehr wichtig, bei aller Freude über die neugewonnene Trockenheit den Blick auf die kommenden Zeiten nicht zu verlieren. (Auch wenn das mit dem beliebten 24-Stunden Programm vielleicht nicht ganz konform sein könnte. Anderes Thema)
Es ist zwar immer wieder zu lesen, wie wichtig und ernst die Hinweise der länger Trockenen empfunden werden, aber oftmals reicht das dann doch nicht mehr dazu aus, die kleinsten Veränderungen auch umsetzen zu wollen, sondern weiterhin der (vermeintlich) einfachere Weg aus der Sucht gewählt wird, um ein Leben weiter zu leben, das kurioserweise dem Leben mit dem Alkohol immer noch verdächtig ähnlich sieht.
Nun kann man immer wieder und wieder beteuern, dass man es nur gut meint, und nichts böses will. Der Schaden ist trotzdem jedes mal der Gleiche, und auf persönlicher Ebene leider oftmals langfristig. Wie jemand, der am Anfang steht, sich mit dieser oftmals nicht enden wollenden Flut an Warnungen fühlen mag, wurde ziemlich treffend hier von Garcia beschrieben:
Zitat
Anfänger stehn am Anfang. Ihr Langzeitler habt sehr sehr viel gelernt. Aber das war ja nicht nur ein Erlernen von Faktenwissen, sondern mehr ein emotionales Wachstum gegen einen Haufen innerer Widerstände, sicher oft genug schmerzhaft und hart erarbeitet. Nun präsentiert ihr den Neulingen die Früchte... aber um die wertschätzen zu können braucht es eben diesen langen emotionalen und schweren Weg, auf dem vor allem auch ein Abschied von dem eigenen Selbstbild (oder Teilen davon) liegt, ein Drangeben von Teilen der eignen Identität, das Erleben und Aushalten von Schmerzen aller Art.
Ist es da verwunderlich daß die Reaktionen nicht immer dankbar sind: "Ah ja so geht das?", daß bequeme Abkürzungen gesucht und ausprobiert werden, daß den Überbringern schlechter Nachrichten - den Langtrockenen "So einfach ists nicht, du wirst dich von liebgewordenen Lebenslügen verabschieden müssen...", daß diesen erstmal oft Unverständnis und Ablehnung entgegengebracht wird? Ich find das normal. Mir gings am Anfang nicht anders.
Ja, mir auch.
Das sind so meine Gedanken momentan, bei Bedarf bitte einfach ignorieren 
Gruß, Bruce