Zitat von HansHa
Hallo,
genau so sehe ich das auch. Aber da kann ich (oder du) immer wieder darauf hinweisen - einige werden das nie kapieren oder ernst nehmen.
Das stimmt. Ich selbst kann mich davon aber auch nicht freisprechen. Ich dachte oft, lass die mal reden, wenn die das geschafft haben, über eine wirklich lange Zeit konstant trocken zu bleiben, dann schaff ich das auch, natürlich auch dann, wenn ich noch Feiern, Veranstaltungen und Treffen besuche, auf denen getrunken wird. Das juckt mich doch nicht, ich bin doch nicht schwach und ich kann doch nicht auf diese wichtigen sozialen Kontakte verzichten, denn ohne diese wäre mein Leben ja kein Leben.
Mit dieser Einstellung bin ich wiederholt voll auf die Nase gefallen und bin mit Kater und Depressionen am nächsten Morgen im ausklingenden Suff aufgewacht. Doch wer von den ganzen wichtigen Leuten war dann noch da?
- Niemand und ich musste wieder alleine aus dem Sumpf kriechen.
Diese edit Mentalität (möglichst viele "Freunde" und Kontakte bewahren) habe ich sehr schnell abgelegt und hinterfragt, weshalb es fast alle Langzeittrockenen geschafft haben, eben eine lange Zeit, hoffentlich für immer, trocken zu bleiben.
Meinen Erfahrungen und den mir mitgeteilten Berichten nach immer durch eine strikte Selbstdiziplin und durch ein Beschäftigen mit sich selbst. Dazu gehört dann auch, das eigene Leben zu hinterfragen, wirkliche Freunde von sinnlosen Kontakten zu unterscheiden und zu erkennen, dass man eigenständig exisitiert und nicht zwangsläufig von den alten sozialen Kontakten abhängig ist.
Dazu gehört eben auch, sich zu hinterfragen, weshalb es mich auf einen Weihnachtsmarkt zieht, weshalb es mich auf Feiern zieht, auf denen getrunken wird, weshalb es mich immer wieder zu Leuten zieht, die meine Krankheit nicht verstehen.
Aber das muss jeder Alkoholiker für sich selbst erkennen, was meist erst dann geschieht, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist und der Rückfall da ist.
Auf der anderen Seite wird es auch Menschen geben, die niemals zu der Einsicht gelangen, dass das eigene Leben nicht von anderen Menschen abhängig ist.
Das sind dann auch diejenigen Zeitgenossen, die beispielsweise von Beziehung zu Beziehung zu Beziehung zu Beziehung hechten und sich wahrscheinlich irgendwann im Alter fragen, weswegen man sich eigentlich nie mit sich selbst beschäftigt hat, weshalb man nie allein sein konnte.
Viele Menschen können meiner Meinung einfach nicht mit ihren alten Wegen brechen und werden immer von gesellschaftlich eingefahrenen Verhaltensweisen beeinflusst sein.
So auch trockene Alkoholiker, die vor allem darüber nachdenken, wie man anderen Menschen möglichst sanft erklären kann, dass man Alkoholiker ist, die sich vorlügen, dass es ihnen nichts ausmacht, wenn der Partner vor ihren Augen weiterhin trinkt und die einfach nicht autonom sind.
Anstatt zu sagen "Ich bin alkoholkrank, ich möchte ohne Alkohol leben und daher gehört Alkohol nicht mehr in mein Leben!", sind die Gedanken viel mehr auf andere Menschen gerichtet und nicht auf die eigenen Ziele.
Aus diesen Gründen bringt Reden meist auch nichts, weil die Erkenntnis vorhanden sein muss, damit Hinweise auch wirken.
Und aus diesen Gründen wehren sich auch die meisten erst seit kurzem trockenen Alkoholiker gegen die Vorstellung, dass ein Leben ohne Alkohol auch ein Leben ohne die trinkende Gesellschaft, ohne traditionelle Feiern, auf denen getrunken wird, also ohne Schützenfest, ohne Hochzeiten, ohne Geburtstagsfeiern, ohne Weihnachtsfeiern usw. bedeutet.
Gegen diese Vorstellung habe auch ich mich gewehrt und hatte mehrere Rückfälle.
Gruß