Beiträge von Jule25

    Guten Morgen, Ihr alle.

    Bin unruhig und nervös heute. Ich sitze hier motzig vor der Rappelkiste und bin ganz klar der am wenigsten adventlich gestimmte Teil der Familie.

    - Mir fehlt reichlich Schlaf, meine Bronchitis läßt mich seit Tagen nicht zur Ruhe kommen, die Rippenbögen tun vom Husten weh, der Kopf ist matschig. Ich fühle mich wie ein Zombie, eine tickende Zeitbombe.

    - Die nächsten Tage bieten nicht viele Nischen für mich, dabei würde ich mich gerne noch ein wenig einigeln und in Watte packen. Aber drei Kinder, Berufstätigkeit, Haushalt und Weihnachtszeit fordern klar ihren Tribut. Habe in meinem Kalender die Stunden geblockt, die ich für mich sehe, da laß ich auch nichts rankommen. Trotzdem geh ich mental in die Knie.

    - Es gab viel Gutes in den letzten Tagen, aber der Weg, für den ich mich entschieden habe, ist ein anstrengender. So gab es einige sehr kippelige Situationen.
    Der Schritt, mich hier zu registrieren, hat mir am Freitag Abend viel abverlangt. Mein Bewältigungsmuster der letzten Jahre drängte sich auf: Mut und Antrieb ansaufen (was natürlich never ever klappte). Hab's anders und aus mir heraus hinbekommen, aber am Ende des Tages war ich ausgelaugt und leer.
    Mein Outing vor meiner Freundin gestern war richtig und wohltuend und warm und nah. Das hätte ich vor einigen Tagen noch begossen. Auch gute Gefühle, auch Freundschaft und Intensität konnte ich nur bedröhnt aushalten. War schwer gestern Abend, mich und meine Gefühle ohne auszuhalten (zumal das Thema Alkohol nach diesem Nachmittag überpräsent war). Ich habe die Leere ausgehalten, sie annehmen können, war auch nicht wirklich versucht, zum Alkohol zu greifen. Ich habe mir vorgestellt, was passieren würde, wenn ich zur Flasche greife und wußte sicher, dass ich das nicht WILL. Das war eine gute Erkenntnis. Es ist kein 'ich darf das nicht', es ist ein 'ich WILL nicht'. Damit war kein Verhandeln mit mir (der Ausgang war mir eh klar), kein Hadern nötig. Aber einsam war ich, leer war es in mir, traurig auch. => Willkommen Gefühle.
    Um halb zwei war ich im Bett, stündlich wach wegen der blöden Husterei und jetzt muß ich dringend kreativ in mich gehen, um dem Tag einen Schubs in eine bessere Richtung zu geben. Hier zu schreiben war schon der erste Schritt.

    Habt einen schönen Tag! Jule

    Hallo Backmaus!

    Back die größten Kuchen und füll alle Bleche!!! So eine gute Nachricht zum 1.Advent, das ist ein Geschenk.

    Ich wünsche Euch, dass die Anspannung ganz abfallen kann und dass Ihr Weihnachten ruhig und friedlich und nah beieinander feiern könnt.

    Und gut ist es, dass Du den richtigen Moment gefunden hast, Deinen Eltern von Dir zu erzählen. Aus Dir sprudelte es heraus, sie konnten zuhören und annehmen und ihre Backmaus-Wahrnehmung einordnen.

    Hab einen schönen Sonntag und laß Dir reichlich Kuchen schmecken.

    Liebe Grüße von Jule

    Hallo Lobanshee und hallo Backmaus!

    Danke für Eure Antworten. Ihr beschreibt ziemlich gut, wie ich mich zur Zeit fühle und bewege. Das ist so befreiend, nicht mehr seitwärts zu atmen, nicht ständig Supermarkt und Altglascontainer zu wechseln, Telefonate nicht abrupt zu beenden, weil die Artikulationsfähigkeit leider wieder perdu ist, ...
    Das genieße ich zur Zeit bewußt. Und hab ansonsten das Bedürfnis, mich immer mal wieder einzuigeln, lese viel, okkupiere Bad und Wanne.

    Aber die anderen Gedanken sind halt auch da. Zumal von den Kollateralschäden, die ich vielleicht oder sicher angerichtet habe, auch meine drei (noch recht jungen) Kinder betroffen sind. Aber das anzugehen ist sicher nicht meine Baustelle 2009. Ich muß erst zu MIR kommen und selbst wissen und fühlen, dass ich ein verlässliches Gegenüber bin.

    Das war ein ganz guter Tag heute. :) Ich hatte einen fröhlichen, wuseligen Vormittag mit meiner Familie und später Besuch von einer guten, nahen Freundin, der ich mich geoutet habe. Sie selbst hat eine Bulimiegeschichte in ihrem Gepäck und bei allem Ernst und trotz mancher Träne haben wir uns immer wieder mal angestrahlt, Parallelen entdeckt und miteinander gelacht. Das war gut und rund und richtig.

    Und einen historischen Moment gab es gestern: Ich habe mich und meine üble Bronchitis zum Arzt gefahren und als es an die Rezeptierung ging, meinen Sohn rausgeschickt und dem doc erzählt, dass er beachten muß, dass ich Alkoholikerin bin. Das hat sich richtig und unspektakulär angefühlt ... erstaunlicherweise blieb das Gefühl der Scham, das mich so lange schon verfolgt, aus. Gut so!

    Jetzt mag ich noch lesen, wie es Euch so geht und vielleicht noch ein wenig an die Luft gehen (es geht die Mär, es habe aufgehört zu regnen :)), bevor eine Teilmenge meiner Familie wieder heimkommt.

    Habt einen schönen Abend!!!

    Jule

    Hallo Lobanshee.

    Da klopft mein Herz - und ein bißchen freu ich mich: Dich "kenn" ich nämlich schon aus meinen letzten Tagen hier im Forum (in denen ich mir unterschwellig wie ein Voyeur vorkam).

    Oh ja! GUTE TAGE!!!!!!! Fühle mich recht ruhig und bei mir. Freue mich manchmal über Gedanken und Gefühle, die ich lange nicht wahrgenommen habe und die doch so sehr zu mir gehören. Schaue in den Spiegel und erkenne so langsam mein Gesicht wieder mit klaren Augen und immer deutlicheren Konturen. Kann den Menschen um mir herum begegnen, aufrecht und wach, ohne dass meine Ressourcen für Schauspiel draufgehen. Gute Tage. YEP!

    Aber auch schwere Momente. Mir wird das Ausmaß der Katastrophe klar, die ich da angezettelt habe. Bei mir und auch bei den Menschen in meiner Nähe. Laß ich zu, forciere es aber nicht. Das kommt, soll kommen und seine Zeit haben. Und seinen Ort besser nicht nur in mir.

    Sind mehr die "Druckpunkte" auf die ich schaue. Gelingt ganz gut, kenne mich eigentlich in vielem auch ganz gut. Also: so'n paar Punkte sehe ich und versuche, sie im Auge zu haben.

    Grüße von Jule

    Hallo und Guten Abend.

    Ich bin 39 Jahre alt, seit knapp zwei Jahren Alkoholikerin, co-abhängige Tochter eines jetzt trockenen Alkoholikers, seit neun Tagen klar und nüchtern und im Moment aufgeregt und unsicher. Ich bewege mich seit Tagen durch Euer offenes Forum und fühle mich reich beschenkt. So viele Denkanstöße, einige Parallelen, bin ja gar nicht allein und -wow!- hier wird ja auch gelacht! Ich hoffe, das ist einer meiner ersten Schritte in eine gute Richtung. Stehe halt noch sehr am Anfang. ... aber ich habe ihn in der Hand!


    ... das ist mein Text aus dem Vorstellungsbereich.

    Aus aufgeregt wird so langsam rappelig und das ist gar nicht so gut zur Zeit. Neun Tage sind halt nicht viele und mein vermeintliches Streßbewältigungsverhalten der letzten Jahre ist sehr präsent. Ich verspüre nicht den Druck Alkohol zu trinken (=>dabei hab ich ihn im letzten Jahr gar nicht getrunken ... gekippt trifft's eher), aber der Gedanke "das täte ich jetzt, wenn ich's noch täte" blitzt mich stündlich an.
    Beim Lesen Eurer Beiträge in den letzten Tagen hab ich viel über Achtsamkeit im Umgang mit sich selbst gelernt. Und schau jetzt mal, dass ich was umsetze. Vielleicht mag ja jemand noch antworten, wenn nicht, geh ich halt schlafen und schau morgen nochmal hier rein.