Hallo Marion,
kurz vorab (weil es auch hier Thema war/ist):
Abhängigkeit/Sucht verläuft ja immer prozesshaft, schleichend und im Wesentlichen unbewusst.
Ich kenne jedenfalls niemanden, der sich bewusst entschieden hat süchtig/abhängig zu werden, wovon oder wonach auch immer.
Ich habe mir mein Trinken, meine nasse Zeit verziehen. Für mich war diese Zeit ein schleichender, überwiegend unbewusster Erkrankungsprozess. Ich hatte lange Zeit keine andere Antwort auf meine Bedürfnisse und die Gestaltung meines Lebens als zu trinken.
Wenn die Antwort für jemanden „trinken“ heißt, dann habe ich da eher Mitgefühl, da trinken müssen kein angenehmes Gefühl ist (um es mal zurückhaltend auszudrücken). Dieses ständige Kontrollieren, lügen, verheimlichen, schämen, etc. habe ich immer als große Belastung empfunden.
Wer in seiner Sucht gefangen ist und trinken muss, der hat kein einfaches Leben.
Wer dieses Leben einfach(er) findet, der darf ja trinken. Was hält ihn davon ab? Irgendeine Moral? Status? Etc.?
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Nach meiner eigenen Erfahrung gibt es viele Gemeinsamkeiten von Co-Abhängigen und Alkoholikern.
Wobei ich den Begriff „Co-Abhängigkeit“ nicht ausschließlich auf den Bereich „Partnerschaft“ beziehe.
Abhängigkeit/Sucht hat ja immer etwas damit zu tun, in welchem Maß ich etwas brauche.
„Brauchen“ im Sinne von: Ich kann meine tatsächlichen Bedürfnisse weder gut genug wahrnehmen noch sie mir auf vielfältige Weise erfüllen. Ich brauche um mich wohl zu fühlen etwas von Außen, dass mich (er)füllt. Und sobald ich etwas im Außen gefunden hatte, brauchte ich mehr und mehr davon, ohne Maß.
Der Stoff oder das entsprechende Verhalten wurde zum Lebensmittelpunkt.
Bei mir war der Stoff Alkohol und das Verhalten die Arbeit.
Nachdem ich trocken wurde habe ich maßlos gearbeitet. Es hätte auch Sport oder irgend etwas anderes sein können.
In einem Bild ausgedrückt: Für ein „war o.k.“ oder „Ah ja, hab Dich gesehen“ bin ich 3 Marathons hintereinander gelaufen.
Mir wird erst seit ca. 2,5 Jahren (Beginn meiner Traumatherapie) nach und nach klarer, welche Bedürfnisse (und die damit verbundenen Gefühle) ich nicht wahrnehmen und zulassen konnte.
Es hat sehr viel mit der riesengroßen Bedürftigkeit meines „inneren Kindes“ zu tun, das von Beginn an nie die Aufmerksamkeit, die Zuwendung, die Nähe, die Sicherheit, die Liebe bekommen hat, die es gebraucht hätte.
Gebraucht hätte, um zu fühlen, dass es willkommen ist, so wie es ist.
Dieses „Willkommen sein“ habe ich sehr häufig im Außen gesucht.
Mich selbst willkommen zu heißen, daran arbeite ich.
Manchmal ist mir das zu viel, diese große Bedürftigkeit zu spüren.
Besonders deutlich wurde das einmal in einer Therapiestunde, in der ich den „kleinen Manfred“ symbolisch auf dem Schoß hatte. Da spürte ich diese Bedürftigkeit meines inneren Kindes besonders stark.
Ich habe es dann auf den Boden gesetzt und gesagt: Jetzt spiel auch mal ein bisschen alleine. Wir (meine Therapeutin und ich) behalten Dich ja im Auge.
Marion, zu Deiner Frage, wie sich ein Alkoholiker fühlt, der von einem Co-Abhängigen „begleitet“ wird (so habe ich die Frage verstanden):
Für mich waren diese „Begleiter“ im Wesentlichen meine Eltern. Immer, wenn es mir besonders schlecht ging, dann habe ich mich bei ihnen ein paar Tage (ohne Alkohol) aufpäppeln lassen.
Ich habe mich dafür geschämt und mich dafür verachtet, dass ich nicht alleine klar komme.
Es gab auch eine kurze „Beziehung“ in der schon fortgeschrittenen Phase meiner Abhängigkeit. Meinen Alkoholkonsum habe ich dabei nie verborgen. Meine damalige Freundin brachte dann auch irgendwann Infomaterial zu Selbsthilfegruppen mit. Ich habe die „Beziehung“ bald darauf beendet.
Ich wollte auf gar keinen Fall, dass jemand von Außen darauf Einfluss nimmt, ob ich trinke oder nicht. Ich habe intuitiv gespürt, dass ich dann von einer Abhängigkeit in die nächste gerate. Das galt auch für Suchtberater, Therapeuten, etc.
Ich habe irgendwie gespürt, dass es um eine existentielle Wende geht, wenn ich keinen Alkohol mehr trinke, dass es eine existentielle Bedeutung für mich ist.
Ich wollte und will diese existentielle Entscheidung nicht von anderen Menschen oder äußeren Umständen abhängig machen.
Sollte ich irgendwann keine Antwort mehr auf die mir vom Leben gestellten Aufgaben finden, und für mich die einzige Antwort „Trinken“ ist, dann wird mich niemand davon abhalten können.
Ich will nicht von einem einzelnen Menschen „gerettet“ werden, der dafür möglicherweise sogar noch Dankbarkeit erwartet. Möglicherweise würden sich meine Aggressionen es nicht allein geschafft zu haben irgendwann gegen den „Retter“ wenden, weil er mir die Möglichkeit genommen hat mich entweder selbst zu retten oder eben zu sterben.
Ich möchte mir mein Recht auf Selbstbestimmung nicht nehmen lassen.
Und umgekehrt möchte ich deshalb auch niemand „retten“.
Deshalb finde ich auch eine Selbsthilfegruppe so wichtig. Hier findet ja keine 1:1-“Rettung“ statt, sondern der Genesungsprozess entwickelt sich durch die Beiträge vieler Menschen. Wobei es gar keine Rolle spielt wie lange jemand trocken ist. Jeder Beitrag ist für mich gleich viel wert, weil mir jeder Beitrag die Möglichkeit gibt, mich zu fragen, was er bei mir auslöst.
LG Manfred