Beiträge von Manfred

    Liebe sternenhimmel12,
    vielen Dank für Deine Zeilen.

    Heute mal eine stichwortartige Übersicht:

    Formalitäten: so gut wie erledigt
    Traurigkeit: kommt und geht

    Weihnachten: alles vorbereitet
    Stimmung insgesamt: nach wie vor wechselhaft

    Berufliche Perspektive: nach wie vor ungewiss

    Wohnung: Streicharbeiten geplant

    Struktur: 3 Mahlzeiten täglich

    Alkohol: interessiert mich nicht

    Aufgeben: kommt nicht in Frage

    Wünsche Allen eine besinnliche Zeit!

    LG Manfred

    Hallo Matthias, hallo zusammen,

    die Entscheidung, ob ich in das Haus meiner Eltern/meiner Mutter einziehe, die werde ich in aller Ruhe überdenken.
    Es geht dabei im Kern auch um die Frage, wie ich die nächsten 5-10 Jahre leben möchte.
    In den letzten 30 Jahren war es ja in erster Linie das Haus meiner Eltern.
    Sollte ich dort einziehen, dann hätte ich schon das Bedürfnis, dass ich mir dort meine eigene Wohnung einrichte. Räumlich wäre das sicher möglich.
    Es kommen aber auch noch weitere gravierende Aspekte hinzu, die ich, nachdem ich und selbstverständlich auch meine Mutter uns mit der neuen Lebenssituation ein wenig vertraut gemacht haben, abwägen möchte.


    Gestern war die Trauerfeier für meinen Vater.
    Mir hat die Gestaltung dieser halben Stunde sehr gut gefallen, sowohl atmosphärisch wie auch inhaltlich.
    Die Pastorin hat es gut verstanden, aus dem ausführlichen Vorgespräch mit meiner Mutter und mir eine sehr angemessene Trauerrede zu formulieren.

    Besonders tröstlich (und auch entlastend) fand ich ihren Hinweis auf unsere „Unvollkommenheit“.
    Es gelingt ja sehr selten, dass Alles gesagt wurde, das Alles gelöst wurde, das Alles getan wurde, das Alles gelungen ist, …

    Wir sind und bleiben unvollkommene Wesen.

    LG Manfred

    Danke, Uwe.

    Hallo zusammen,
    heute hatte ich ein Gespräch mit meiner Mutter und der Pastorin über den Ablauf und Inhalt der Trauerfeier, die am kommenden Dienstag stattfindet.
    Es war ein schönes Gespräch, und ich bin ganz zuversichtlich, dass es auch eine schöne Trauerfeier wird.

    Besonders habe ich mich darüber gefreut, dass am Abend noch ein Ehepaar aus dem Geburtsort meines Vaters anrief.
    Sie wollen auch zur Trauerfeier kommen.
    Der Mann hatte sich ca. 20 Jahre lang um die Pflege des Grundstücks gekümmert, das wegen Erbstreitigkeiten so lange nicht verkauft werden konnte.
    Ich habe Ende letzten Jahres dann meinem Vater vorgeschlagen, dass ich mich um den Verkauf kümmere.
    Nach fast einem Jahr zum Teil sehr mühsamen Verhandlungen ist es mir dann auch gelungen, den Verkauf abzuwickeln, und genau den Verkaufspreis zu erzielen, den mein Vater sich vorgestellt hatte.

    Es ging dabei gar nicht so sehr um das Geld (es ist ein eher kleinerer Betrag), sondern vielmehr darum, dass er auch mit diesem Thema endlich abschließen konnte.
    Ich habe ihm im Krankenhaus noch den Eingang des Geldes auf sein Konto zeigen können.
    Er hat sich sichtlich darüber gefreut.

    Dieses Ehepaar, dass nun auch zur Trauerfeier kommt, das ist quasi die Verbindung zu seiner alten Heimat. Meine Schwester und ich haben bei deren Hochzeit damals die Blumen gestreut …

    In den nächsten Tagen sind dann noch jede Menge Formalitäten zu erledigen.
    In diesen Sachen sind mein Bruder und ich gut, sodass ich auch da zuversichtlich bin, dass wir das gut hinbekommen.

    Wovon ich selbst ein wenig überrascht bin, ist, dass ich erste vage Überlegungen anstelle eventuell in das Haus meiner Eltern/Mutter einzuziehen.
    Ich habe das heute zum ersten Mal mit meiner Mutter besprochen.
    Ich glaube aber, dass es besser ist, wenn ich erstmal noch eine zeitlang abwarte, bis meine Mutter sich mit der neuen Situation „sortiert“ hat. Und ich selbstverständlich auch.

    Wenn ich dort einziehe, dann ginge es nur so, dass ich den oberen Bereich des Hauses gründlich neu gestalte. Und ihn auch durch eine Tür zum Erdgeschoss abgrenze, sodass jeder von uns seinen eigenen Lebensbereich hat.
    Grundsätzlich kann ich mir schon vorstellen, dass wir beide davon profitieren könnten, wenn es so käme.

    Ich werde das nochmal eine Weile überdenken …

    LG Manfred

    Liebe Forumsfreunde,
    vielen Dank für Eure anteilnehmenden und tröstlichen Worte.

    Ich möchte noch etwas schreiben, dass mir in den letzten Tagen sehr geholfen hat:
    Das war die Begleitung durch die Schwestern vom Pflegedienst und der Pflegeschwester vom palliativen Team.
    Ihre pragmatische und sehr einfühlsame Art meinen Vater in seinen letzten Tagen zu versorgen hat mich sehr beeindruckt und mir auch die Sicherheit gegeben, dass wir das Richtige tun.
    Ich habe gespürt, dass sie über eine große Erfahrung in der Begleitung sterbender Menschen verfügen.
    Sie haben auch mich sehr einfühlsam in die Pflege und Versorgung mit einbezogen, und mir dabei sehr gut die ablaufenden Prozesse erklärt.
    Ich hätte es mir vor einigen Monaten nicht vorstellen können, dass es mir gelingen würde, meinen Vater so nah zu begleiten.
    Ich hatte auch zuvor noch nie einen toten Menschen gesehen, geschweige denn berührt.
    Ich werde sicher viele Bilder von meinem Vater im Kopf behalten.
    Seine letzten Stunden sind ein Teil davon.

    Heute fahre ich zu meiner Mutter, die gestern von meiner Schwester Besuch hatte.
    Wir haben schon am Freitag nachmittag (gemeinsam mit der Bestatterin) viele Details bzgl. der Beerdigung besprochen.
    Selbstverständlich kläre und stimme ich alles auch mit meinem Bruder ab, der ja etwas weiter wegwohnt.

    Diese Klärungen und auch die Klärung weiterer Formalitäten werden mich in den nächsten Tagen beschäftigen.

    Wie ich mit meiner Trauer in der nächsten Zeit umgehe, das weiß ich noch nicht.
    Ich werde das von Tag zu Tag gestalten, wie alles andere auch.

    LG Manfred

    Mein Vater ist heute morgen gestorben.

    Er ist ruhig und friedlich (mit palliativer Medizin) in seinem Wohnzimmer für immer eingeschlafen.
    Er hat am Mittwoch auch noch mitbekommen, dass er zu Hause angekommen ist.

    Ich bin sehr traurig, dass er nun nicht mehr da ist, obwohl er für mich nie weg sein wird.
    Ich bin froh und dankbar, dass ich ihn in den letzten Jahren, Wochen und Tagen so intensiv kennenlernen und begleiten durfte.

    Ich werde meinen Vater nicht vergessen.

    Manfred

    Liebe(r) Linde, Marion, Frank, viola, Matthias und Sonnenblume,
    vielen Dank für Eure unterstützende Begleitung.

    Ich habe heute meinen Vater nochmal alleine besucht.
    Es geht ihm deutlich schlechter als gestern.
    Er atmet sehr schwer und ringt um Luft.
    Als er kurz die Augen öffnete hat er mich glaube ich erkannt und er lächelte ein wenig.
    Kurz danach schloss er wieder die Augen.
    Ich habe ihm nochmal gesagt, dass er morgen nach Hause kommt, aber ich glaube er hat mich nicht verstanden.
    Ich bin ca. 2 Stunden bei ihm geblieben und habe seine Hand gehalten.
    Es hat mir weh getan ihn alleine zurückzulassen.

    Gestern war ja noch eine kurze Kommunikation möglich.
    Ich habe ihm gesagt, dass ich alle seine „Aufträge“ im und am Haus erledigt hätte.
    Auch da hat er kurz gelächelt. Das Haus war und ist ja sein Lebenswerk.
    Ich habe ihn gestern auch nochmal rasiert und mit seinem Aftershave eingecremt, dass er so gerne mag.

    Ich weiß nicht, ob er den morgigen Tag noch erlebt und mitbekommt, dass er nach Hause fährt.
    Ich wünsche es ihm sehr.
    Vielleicht kann er dort auch leichter loslassen.

    „Logistisch“ ist alles organisiert.
    Und auch meine Mutter hat sich seit gestern besser auf die Situation eingestellt. Sie wirkte heute morgen am Telefon deutlich stabiler. Ich werde sie, so gut ich kann, in den nächsten Tagen unterstützen.

    Wann ich hier wieder schreibe, dass weiß ich nicht, da ich in den nächsten Tagen keinen Internetanschluss haben werde.

    Bis bald!

    Liebe Grüße
    Manfred

    Das Gespräch am Nachmittag hat folgende Situation erbracht:

    Die Stationsärztin, der Mitarbeiter vom Palliativ Care Team und eine weitere Ärztin von einer anderen Geriartriestation haben uns die Lage ausführlich erklärt.

    Mein Vater hat wohl einen leichten Schlaganfall erlitten, der dazu geführt hat, dass er am Wochenende nicht mehr sprechen konnte, und der auch zu Schluckbeschwerden geführt hat.
    Er bekommt derzeit 4 x pro Tag Antibiotika intravenös.

    Sie schlugen vor, dass mein Vater auf die andere Geriartriestation verlegt werden könnte, auf der auch die Antibiotikatherapie ca 10 Tage fortgeführt werden könnte.
    Zu Hause wäre das problematisch, und er könnte dadurch früher sterben.

    Letztlich standen wir vor der Frage, an welchem Ort mein Vater die für ihn beste Lebensqualität für seine letzten Tage bekommt.

    Wir haben uns, trotz aller Risiken, dazu entschieden ihn nach Hause zu holen.

    Er hat immer wieder in den letzten 2 Wochen gesagt, dass er nach Hause möchte.
    Ein Gespräch mit ihm war heute sehr schwierig, da er einerseits nur noch auf dem einen Ohr relativ wenig hört, und andererseits aufgrund seines vermuteten Schlaganfalls nur sehr schwer zu verstehen ist.

    Ich habe aus seinen Worten heraus gehört: Bitte nimm mich mit. Ich glaube, dass er unbedingt nach Hause will.
    Ich glaube auch, dass er Angst hat dort noch länger zu bleiben. Das hat auch mit der Versorgung und Betreuung insgesamt zu tun.
    Die Schwestern und Ärzte haben einfach nicht die Zeit alle seine Bedürfnisse in Ruhe zu klären.
    Sie sprechen ihn immer aus viel zu großer Entfernung an, sodass er gar nicht verstehen kann was sie ihm sagen und was sie mit ihm machen.
    Ich konnte es nicht übers Herz bringen ihm zu sagen, dass er nochmal verlegt wird, und mindestens weitere 10 Tage im Krankenhaus verbringen muss.
    Wir haben ihm ja immer wieder gesagt, dass er am Mittwoch nach Hause kommt.
    Als ich mich heute von ihm verabschiedet habe, habe ich ihm gesagt, dass er am Mittwoch nach Hause kommt.

    Meine Mutter ist mit der Situation total überfordert. Sie hat die bestellte Umräumaktion des Wohnzimmers heute abgesagt.
    Ich habe mit ihr telefoniert und ihr gesagt, dass ich sie bei der Pflege zu Hause sehr unterstützen werde. Auch meine Schwester und mein Bruder werden mit ihren Kräften helfen.
    Wie haben die Umräumaktion auf morgen verlegt.
    Ich weiß, dass es nicht einfach wird, aber ich möchte meinen Vater nicht allein im Krankenhaus sterben lassen, da es sehr unwahrscheinlich ist, dass er sich dort wieder erholt.

    Sein Hausarzt hat mich heute abend angerufen und uns seine Unterstützung zugesagt. Er wird am Donnerstag meinen Vater zu Hause besuchen.
    Das Pflegeteam,inkl. des ambulanten Palliativ Care Teams kommt schon am Mittwoch.
    Ich werde wohl die ersten Tage dort vor Ort bleiben.

    Ich weiß nicht was auf mich zukommt, aber mein Bauch sagt mir, dass es die richtige Entscheidung ist.

    LG Manfred

    Liebe Monika, viola, Sonnenblume und Matthias,
    vielen Dank für Eure unterstützenden Worte.

    Ich habe heute morgen mit der Stationsärztin telefoniert.
    Der Zustand meines Vaters ist insgesamt sehr kritisch.
    Sie sagte, dass man mit allem rechnen müsste.
    Ich habe auch mit dem Ansprechpartner vom palliativen Care Team vom Krankenhaus telefoniert.

    Wir werden uns (Ärztin + Palliativ Care Team) heute nachmittag treffen, um zu besprechen wie es weitergehen kann.
    Meine Mutter und meine Schwester sind auch dabei.

    Ich habe darum gebeten, dass wir uns in einem ruhigen Zimmer zusammen setzten.
    Leider haben alle Gespräche vorher immer im Flur oder im Krankenzimmer stattgefunden.
    Fast immer hatte ich den Eindruck, dass nur sehr wenig Zeit zur Verfügung steht.
    Ich weiß, dass es mit der Personalstruktur der Krankenhäuser insgesamt zusammenhängt, aber für mich hat es sich oft so angefühlt, als wenn ich dort mit meinen Fragen nur störe.
    Bei aller Hektik gab es aber immer auch kleine Momente des Zuhörens seitens des Personals.
    Am wohlsten habe ich mich bisher bei dem Gespräch mit dem Menschen vom palliativen Care Team gefühlt.

    Ich hoffe, dass wir heute nachmittag ein ruhiges und klärendes Gespräch führen können.
    Ich werde auch einen Satz von der Mitarbeiterin des Hospiz- Palliativnetzes mit hinein nehmen, die sinngemäß sagte, dass es eine perfekte Lösung für alle Beteiligte nicht geben wird.

    LG Manfred

    Hallo Uwe,
    danke für Deine Zeilen.

    Ich bin die Entscheidungen der letzten Tage und Wochen nochmal durchgegangen.
    Ich habe alle Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen getroffen.
    Ich alle Entscheidungen auch mit dem Hausarzt meines Vaters abgestimmt, der ihn sehr lange kennt, und zu dem mein Vater großes Vertrauen hat.
    Ich habe den Hausarzt regelmäßig über den Zustand meines Vaters informiert.
    Er hat auch 2-3 mal mit meinem Vater telefoniert.

    Der Hausarzt hat auch gesagt, dass er eine vorzeitige Entlassung auf eigenes Risiko für nicht verantwortbar hält.
    Wir hätten dann wahrscheinlich mehrmals den Notarzt rufen müssen, der dann wieder eine Einweisung ins Krankenhaus veranlasst hätte.
    Eine angemessene medizinische Versorgung wäre ohne ein palliatives Betreuungsteam nicht möglich gewesen.
    Von der Möglichkeit eines ambulanten Palliativteams habe ich erst Ende letzter Woche erfahren, wobei ich ja auch jetzt noch nicht genau weiß, wie diese Betreuung aussieht, da der Kontakt erst morgen hergestellt werden kann.

    Heute haben wir es so gemacht, dass meine Schwester meinen Vater besucht hat, und ich meine Mutter, die heute zu durcheinander war um meinen Vater zu besuchen.
    Meine Schwester berichtete dann, dass sie mit der diensthabenden Ärztin über das Thema „Wiederbelebung“ gesprochen hat.
    Die Ärztin fragte sie, ob mein Vater wiederbelebt werden möchte.
    Dieselbe Frage hat die Stationsärztin meinem Vater vor ein paar Tagen gestellt. Er hat mit „ja“ geantwortet.
    Ich habe dann nochmal auf der Station angerufen, um zu klären ob mein Vater denn auf die Intensivstation verlegt würde, um rechtzeitig zu erkennen, ob denn Wiederbelebungsmaßnahmen eingeleitet werden müssen.
    Die Antwort der Schwester war, dass die diensthabene Ärztin meinen Vater nicht so einschätzte, dass er auf die Intensivstation verlegt werden müsste.
    Ich finde das ziemlich verwirrend.
    Wir haben vereinbart, dass sie mich jederzeit anrufen kann, wenn bestimmte Maßnahmen eingeleitet werden müssen.
    Morgen werde ich dann mit der Stationsärztin sprechen, um alles weitere zu klären.
    Und am nachmittag fahre ich dann mit meiner Mutter zu meinem Vater.

    Vielleicht schaffen wir es, dass wir (Mutter, Schwester und ich) ihn dort abwechselnd begleiten.
    Ich wünsche meinem Vater so sehr, dass er es nochmal nach Hause schafft.

    „Mit den Entscheidungen leben, die wir getroffen haben ...“
    Ja, manchmal braucht es wohl ein wenig Zeit bis das gelingt ...

    Manfred

    Hallo Matthias, viola und Linde,
    danke für Eure Rückmeldungen.

    Der Zustand meines Vaters hat sich weiter verschlechtert.
    Er kann seit einer Woche nicht mehr aufstehen.
    Er kann auch nicht mehr selbst essen, seine Kraft in Armen und Händen reicht nicht mehr aus um das Besteck zu halten.
    Seit gestern spricht er auch nicht mehr.

    Meine Mutter, die Freitag von einem einwöchigen Klinikaufenthalt zurückgekehrt ist, hat ihn gestern besucht.
    Sie sagte, dass er kein Wort zu ihr sagen konnte. Sie hat sich mit „Händedrücken“ mit ihm verständigt.

    Ich rief gestern abend dann auf der Station an. Dort sagte man mir, dass er nun Fieber bekommen hätte, und das habe ihn weiter geschwächt.

    Die ganze letzte Woche sagte er , dass er sofort nach Hause möchte.
    Ich habe ihm gesagt, dass ich das erst vorbereiten müsste, und das er dort alleine nicht sein könnte.
    Meiner Schwester sagte er, dass wir uns „verschworen“ hätten.
    Ich verstehe es so, dass er uns vorwirft, dass wir ihn dort nicht sofort rausholen wollen.

    Ich habe die ganze Woche alles in Bewegung gesetzt, dass er am Mittwoch (21.11.) entlassen werden kann.
    Am Freitag hatten wir (meine Mutter, mein Bruder, meine Schwägerin) im Hause meiner Eltern ein ausführliches Gespräch mit dem Pflegedienst, der auch schon meine Mutter betreut.
    Wir haben entschieden, dass wir das Wohnzimmer in ein Pflegezimmer umbauen werden.
    Unterstützende Hilfe bei der Betreuung werden wir über den Hausarzt auch bei einem ambulanten Palliativ Care Team (PCT) beantragen.
    Das PCT und der Sozialdienst des Krankenhauses und das Hamburger Palliativ- und Hospiznetz sind ebenfalls in die Unterstützung mit einbezogen.

    Im Moment habe ich große Angst, dass mein Vater es bis Mittwoch nicht mehr schafft.
    Er wollte so gerne nochmal nach Hause.
    Und ich frage mich, ob ich wirklich alles getan habe um dies möglich zu machen …

    Wie es heute weitergeht, dass weiß ich noch nicht.
    Ich werde mich gleich mit meiner Schwester und meiner Mutter abstimmen, wie wir heute den Besuch bei meinem Vater organisieren.
    Ich möchte ihn nicht mehr allein besuchen.
    Ich brauche jemanden,mit dem ich mich über meine Eindrücke und Gefühle austauschen kann.

    LG Manfred

    Hallo Tocco und Matthias,
    danke für Eure Rückmeldungen.

    Die Begleitung und Betreuung meiner Eltern hat sich in der letzten Woche noch weiter intensiviert.
    Ich bin da auch an die Grenzen meiner Belastungsfähigkeit gekommen.

    Vor einer Woche wechselte mein Vater von der Strahlentherapie in eine andere Klinik in die Geriartrie.
    Die Betreuung und Versorgung war dort so schlecht (Einzelheiten lass ich an dieser Stelle weg), dass er dort sehr stark abbaute und dort unbedingt raus wollte.
    Gestern habe ich dann endlich eine Alternative gefunden. Dort habe ich ihn heute hin begleitet.
    Er wurde dort sehr freundlich aufgenommen und war sehr froh, dass er jetzt dort ist.
    Ich hoffe sehr, dass er sich dort wieder etwas erholen kann.
    Die letzten Wochen und Monate (mit den vielen Klinikwechseln) haben ihn doch schon sehr mitgenommen.

    Auch meine Mutter ist seit gestern in einer Klinik zur Parkinson-Reha.
    Auch für sie hoffe ich, dass sie dort etwas zur Ruhe kommen kann.

    Für mich ist es schon enorm entlastend, dass sie jetzt beide in guten Einrichtungen untergebracht sind.
    Vielleicht können sie ja beide noch eine gemeinsame Zeit in Ihrem Haus verbringen.
    Da bin ich gerade dabei, einige notwendige innere und äußere Veränderungen vorzunehmen.

    Ich bin ja sehr an herausfordernden Aufgaben interessiert, aber sooo groß und sooo viele auf einmal …

    In dieser sehr dichten Erfahrung mit Gebrechlichkeit, mit Leid, mit Verletzung, mit Verlust, mit Sterben, mit allem, was zu dieser Phase dazugehört, ist mir Folgendes bewusst geworden:
    Welch großen Wert eine mitfühlende körperliche Berührung hat; beispielsweise ein Halten der Hände, ein Eincremen des Gesichts nach der Rasur, etc.
    All die vielen Worte können da nicht heranreichen.

    Diese mitfühlende körperliche Nähe gab es ja in all den Jahren in unserer Familie nicht.
    Und mir ist es anfangs auch schwer gefallen sie jetzt zuzulassen.
    Es war im wahrsten Sinne des Wortes ein „Herantasten“.
    Wobei die Berührungen sich nur auf den Bereich Gesicht und Hände beziehen. Alle weiteren Bereiche überlasse ich dem Pflegepersonal.

    Ich will auch nicht verschweigen, dass es auch Streit (und Schreierei) gab.
    Wut ist ja immer auch ein Zeichen von vorheriger Kränkung und Verletzung.
    Und der immer weiter voranschreitende Verlust von Selbstbestimmung ist für meinen Vater schon eine sehr große Kränkung, insbesondere dann, wenn er nicht die Hilfe bekommt, die er benötigt (wie in der einen Woche der Geriartrie in erwähnter Klinik).
    Und ich fühlte mich gekränkt, weil ich trotz meines Engagements in der gesamten Betreuung, auch noch angeschrieen wurde.
    Das Ganze dann noch in einem engen, zu warmen Zimmer, und mit Kopfhaube, Mundschutz und Kittel „bekleidet“
    Da habe ich dann auch zurückgeschrieen.
    Wir waren da wohl beide an der Grenze unserer Belastungsfähigkeit.
    Beim Abschied haben wir uns dann aber wieder vertragen.

    Mit meiner Schwester habe ich jetzt vereinbart, dass wir uns künftig bei den Besuchen ein wenig abwechseln (sie war in der letzten Zeit beruflich sehr eingespannt), sodass ich immer mal ein wenig Abstand bekomme.

    Wie groß meine Anspannung war, das habe ich heute Abend gemerkt, als ich die vergangenen Wochen und Monate nochmal Revue passieren ließ.
    Mir liefen die Tränen. Vor Freude und Erleichterung, dass ich (wir) es bis hierhin geschafft habe(n).

    Ich wünsche allen Lesern einen entspannten Abend.

    Manfred

    Liebe(r) viola und Uwe,
    vielen Dank für Eure Rückmeldungen.

    Beim heutigen Treffen mit meiner Familie habe ich mich angespannt gefühlt.
    Wenn wir zusammen in einem Raum sind, dann bin meistens angespannt. Das war schon immer so.

    Es ist die Art und Weise der Kommunikation meiner Eltern untereinander und auch die Kommunikation zwischen meiner Schwester und meinen Eltern.

    Nach meiner Wahrnehmung wird selten Bezug darauf genommen, was der Andere gesagt hat. Manchmal auch gar nicht inhaltlich, aber fast immer nicht emotional.
    Mich strengt diese Art der Kommunikation enorm an.
    Es hat sicher damit zu tun, dass sie sich gar nicht darüber bewusst sind, was sie fühlen; dass sie ihre Gefühle nicht wahrnehmen können oder möchten, und deshalb auch nicht darüber sprechen (können).
    Mir ging das ja auch sehr lange so, und ich brauche auch heute immer ein wenig Zeit, bis ich mir über das klar werde, was ich empfinde.
    Ich habe den Eindruck, dass im Moment mein Vater derjenige ist, der am dichtesten dran ist an seinen Gefühlen und sie auch zeigen kann.

    Ich bin ganz gerne mit ihm allein im Zimmer. Ich fühle mich dann mit ihm sehr verbunden.
    Ich stelle mehr und mehr fest, dass wir uns nicht nur äußerlich ähnlich sind.
    Wir haben viele gemeinsame Eigenschaften, „gute“ wie „weniger gute“.
    Und ich sehe auch, was uns unterscheidet.
    Es ist ein wenig so, dass ich durch diese intensiven Begegnungen mit meinem Vater besser verstehen lerne, wer ich bin.

    Mit meiner Mutter ist das deutlich schwieriger. Ich weiß oft nicht, was in ihr wirklich vorgeht. Ich kann sie sehr schlecht „lesen“.
    Was ich am deutlichsten bei ihr spüre, dass ist ihre Angst. Worin sie genau oder im Einzelnen begründet ist, das weiß ich nicht. Ich glaube, dass sie es selbst nicht so genau weiß oder wissen möchte.

    Wenn ich mir meine Eltern jetzt so rückblickend ansehe (ich mache das schon seit längerem immer mal wieder), dann wundert es mich überhaupt nicht, dass ich so geworden bin, wie ich bin.

    Mein heutiges Bedürfnis möglichst alles (insbesondere mich selbst) zu ergründen und mir möglichst viel Klarheit zu verschaffen, das hat sicher mit dieser diffusen Atmosphäre zu tun, in der ich aufgewachsen bin.

    Ich habe ja mal davon geschrieben, dass es sich für mich oft so anfühlt, als wenn ich aus verschiedenen einzelnen Scherben bestehe.
    Das sind für mich einzelne Fundstücke, die ich in mir gefunden habe, und die ich relativ klar sehen und benennen kann.
    Je nachdem welches Licht darauf fällt und wer sie betrachtet funkeln sie mal mehr und mal weniger.

    Ich bin heute froh darüber, dass es mir überhaupt gelungen ist, die eine oder andere Scherbe zu finden.
    Die Schatzsuche geht weiter :wink::D

    LG Manfred

    Und noch etwas (so langsam klärt es sich so, dass ich es aufschreiben kann; diese inneren Prozesse brauchen immer ihre Zeit bei mir):

    Die größte Herausforderung besteht für mich z.Zt. darin, dass ich nicht ausschließlich die Bedürfnisse meiner Eltern erfülle.
    Im Moment ist ihre Bedürftigkeit für mich so stark zu spüren wie lange nicht.
    Es erinnert mich doch sehr stark an die Situation in meiner Kindheit.

    Dort war es so, dass meine Eltern ständig damit überfordert waren ihre eigenen Bedürfnisse zu erkennen und sie auch sich selbst zu erfüllen.
    Ich habe es so erlebt, dass ich sehr häufig dafür verantwortlich gemacht wurde, wenn es ihnen nicht gut ging. Sie haben (unbewusst) ihren Ärger, ihre Angst, etc. immer bei mir abgeladen.
    So etwas wie „Lebensfreude“ wurde quasi immer im Keim erstickt. Die konnte sich bei mir nie stabil entwickeln. Ich hatte immer so etwas wie ein schlechtes Gewissen, wenn es mir einmal gut ging.

    Ich schaue deshalb da jetzt sehr genau hin, in welchem Maß ich sie jetzt unterstütze, und wann ich auch mal sage: „Nein, das kann und schaffe ich jetzt nicht.“

    Es gab aber auch schon Situationen, in denen ich genau in dieses alte Muster geraten bin.
    Es ist schwierig für mich herauszufinden, was das „richtige“ Maß von Unterstützung ist.
    Alleine lassen möchte ich sie in dieser, ihrer letzten Lebensphase nicht.

    Ich bin schon gespannt, wie es sich gleich entwickelt.

    LG Manfred

    Ich will noch etwas ergänzen:

    Bei den vielen Gesprächen, die ich mit meinem Vater in letzter Zeit geführt habe, und in denen er wesentlich mehr gesprochen hat als ich (was nicht typisch für ihn ist) lachen wir auch immer wieder zusammen.
    Ich finde das besonders schön.

    Was ich auch schön finde, ist, dass die Begrüßung und Verabschiedung sich sehr warm anfühlt.
    Wir halten uns etwas länger an den Händen als das sonst üblich war.
    Wenn ich aus dem Zimmer gehe, dann winkt er immer noch zum Abschied. Auch das ist anders als früher.

    Ich habe ohnehin den Eindruck, dass ihm der körperliche Kontakt sehr wichtig ist. Er hat schon häufiger gesagt, dass seine Ärztin ihm während des Gespräches die ganze Zeit die Hand hielt. Es war ihm offensichtlich wichtiger als der Gesprächsinhalt.
    Auch von den Schwester fühlt er sich gut betreut.

    Ich stelle fest, dass sich einige Bilder (z.B. sein Winken zum Abschied, sein Lachen) von meinem Vater besonders eingeprägt haben.
    Ich bemerke auch, dass sich das Bild von meinem Vater, das ich über viele Jahre hatte nochmal deutlich verändert.
    Manchmal glaube ich auch, dass ich den kleinen Jungen, der er einmal war, jetzt sehen kann.
    Ich sehe ihn jetzt umfassender, quasi mit seiner ganzen Lebensgeschichte.
    Mich berührt das sehr.

    LG Manfred

    Hallo zusammen,
    es ist eine zeitlang her, dass ich hier geschrieben habe.

    Ich befinde mich immer noch in einem intensiven Begleitungs- und Betreuungsprozess meiner Eltern.

    Es ist insgesamt alles sehr dicht im Moment, im Sinne von nah.
    Alte Muster werden nochmal sehr deutlich sichtbar und spürbar, bei mir und bei meinen Eltern.

    Ich bin jeden Tag ca. 2-3 Stunden bei meinem Vater im Krankenhaus.
    Er verändert sich von Tag zu Tag, körperlich und geistig.
    Hinzu kommen die Veränderungen, die die Medikamente verursachen.

    Mein Vater bilanziert sein Leben.
    Er möchte noch einiges regeln und ordnen, überwiegend „Haus“ , „Finanzen“, „Auto“. Das waren und sind für ihn lebensbestimmende Themen.
    Er möchte auch nochmal seinen Enkel beim Fußballspielen zusehen.

    Ich versuche ihm dabei, so gut es geht, zu helfen, und schaue mit ihm zusammen, was möglich ist.
    Das ist nicht immer leicht, weil er manchmal doch sehr drängend und ungeduldig ist.

    Für mich ist dabei sehr wichtig, dass ich immer wieder auch einen Abstand herstelle, dass ich alle diese aufkommenden Bedürfnisse und Gefühle (seine und meine) für mich in Ruhe sortiere.
    Mir hilft dabei auch das Gespräch mit meinen Geschwistern sehr. Wir sind dabei im täglichen Kontakt.

    Ähnlich ist die Situation mit meiner Mutter, die zwischenzeitlich auch für einige Tage im Krankenhaus war.
    Auch hier gibt es viele Gespräche und Abstimmungs- und Klärungsprozesse.

    Für beide ist jetzt eine 3 wöchige Rehaphase geplant, getrennt in zwei verschiedenen Kliniken.
    Ob sie dann nochmal zusammen in ihrem Haus leben können, das ist im Moment nicht absehbar.

    Neben aller emotionaler Arbeit gibt es sehr viel organisatorischen Aufwand.
    Ich möchte für meine Eltern in ihrer letzten Lebenszeit soviel Lebensqualität wie möglich gestalten.

    Mir ist diese ganze Arbeit sehr wichtig, weil ich spüre, dass sie in vielerlei Hinsicht eine Art Reifeprozess für mich ist.

    Ich habe mich auch nochmal mit den Texten von Elisabeth Kübler-Ross beschäftigt, in denen sie u.a. auch über die 5 Sterbephasen schreibt.
    Zwei Worte sind mir dabei haften geblieben: ehrlich und einfühlsam.

    Ich glaube, soweit ich das einschätzen kann, dass ich den letzten Monaten sehr ehrlich mit meine Eltern umgegangen bin.
    Ob ich dabei immer einfühlsam war, da habe ich so meine Zweifel.
    Ich mache es halt so gut ich kann.

    Heute besuche ich zusammen mit meiner Schwester und meiner Mutter meinen Vater im Krankenhaus.
    Wir lassen dann meine Eltern allein, damit sie vor ihrer jeweiligen Reha nochmal Gelegenheit haben sich zu sehen, und auch das eine oder andere besprechen können.

    Während der Zeit gehe ich dann mit meiner Schwester in einem schönen Cafe Kaffee trinken.

    Es gibt einige „innere“ Sätze (auch aus dem Forum), die mich in dieser Zeit begleiten, z.B.:
    Sorge gut für Dich, gerade jetzt.
    Es darf mir gut gehen, auch wenn es anderen nicht so gut geht.

    Ich spüre auch, dass ich viel Kraft und Energie brauche, um die nächsten Tage, Wochen, Monate gestalten zu können.

    Einen schönen Sonntag an alle Leser!
    Manfred

    Die Ereignisse der letzten Tage in Kurzform:

    Ich habe sehr viel Zeit mit der Betreuung meines Vaters verbracht.
    Krankenhausbesuche; Tumorkonferenz; Gespräche, Telefonate, E-Mails mit diversen Ärzten; viele Telefonate mit meinem Bruder und meiner Schwester.

    Ich habe dabei Einiges erlebt und erfahren:

    Die Strukturen in privatisierten Krankenhäusern.
    Die mangelhafte Kommunikation: zwischen Krankenhäusern untereinander, zwischen Ärzten und Ärzten, zwischen Ärzten und Patienten.
    Das Engagement Einzelner in diesen Strukturen.

    Die Komplexität der Erkrankung meines Vaters.
    Seine Unsicherheit über seinen weiteren Weg.
    Sein Wille weiter zu leben.

    Meine Sorge darum, ob und wie er alle diese „Prozeduren“ übersteht.

    Mir ist in diesen Tagen auch nochmal sehr deutlich die Endlichkeit meines eigenen Lebens bewusst geworden. Nicht zuletzt deshalb, weil es in dem einen oder anderen Punkt der Symptomatik durchaus Parallelen gibt.

    Und mich beschäftigt auch die Frage:
    Wer begleitet mich ggfs. später mal durch den Dschungel der Ärzte- und Krankenhauswelt?

    Für heute bin ich froh, dass ich meinen Vater mit Klarheit begleiten und unterstützen kann.
    Und ich freue mich über die Kostbarkeit mich frei bewegen zu können, in vielerlei Hinsicht.

    Ich wünsche allen ein freies und bewegtes Wochenende!

    LG Manfred

    Hallo Marion, Hartmut, Lütte und RenateO,
    vielen Dank für Euer Feedback. :D

    Hartmut
    Ja, Hartmut, Du musst nichts. Ich auch nicht.
    Ich muss nicht mal zufrieden werden. :wink:

    Meine Beiträge sind ja nicht als Appell gedacht (na ja, vielleicht doch ein kleines bisschen :wink: )

    In erster Linie sind sie ein Appell an mich selbst, ein erinnernder Appell.

    LG Manfred

    Hallo Marion,
    kurz vorab (weil es auch hier Thema war/ist):
    Abhängigkeit/Sucht verläuft ja immer prozesshaft, schleichend und im Wesentlichen unbewusst.
    Ich kenne jedenfalls niemanden, der sich bewusst entschieden hat süchtig/abhängig zu werden, wovon oder wonach auch immer.

    Ich habe mir mein Trinken, meine nasse Zeit verziehen. Für mich war diese Zeit ein schleichender, überwiegend unbewusster Erkrankungsprozess. Ich hatte lange Zeit keine andere Antwort auf meine Bedürfnisse und die Gestaltung meines Lebens als zu trinken.
    Wenn die Antwort für jemanden „trinken“ heißt, dann habe ich da eher Mitgefühl, da trinken müssen kein angenehmes Gefühl ist (um es mal zurückhaltend auszudrücken). Dieses ständige Kontrollieren, lügen, verheimlichen, schämen, etc. habe ich immer als große Belastung empfunden.
    Wer in seiner Sucht gefangen ist und trinken muss, der hat kein einfaches Leben.
    Wer dieses Leben einfach(er) findet, der darf ja trinken. Was hält ihn davon ab? Irgendeine Moral? Status? Etc.?

    **********************

    Nach meiner eigenen Erfahrung gibt es viele Gemeinsamkeiten von Co-Abhängigen und Alkoholikern.
    Wobei ich den Begriff „Co-Abhängigkeit“ nicht ausschließlich auf den Bereich „Partnerschaft“ beziehe.
    Abhängigkeit/Sucht hat ja immer etwas damit zu tun, in welchem Maß ich etwas brauche.
    „Brauchen“ im Sinne von: Ich kann meine tatsächlichen Bedürfnisse weder gut genug wahrnehmen noch sie mir auf vielfältige Weise erfüllen. Ich brauche um mich wohl zu fühlen etwas von Außen, dass mich (er)füllt. Und sobald ich etwas im Außen gefunden hatte, brauchte ich mehr und mehr davon, ohne Maß.
    Der Stoff oder das entsprechende Verhalten wurde zum Lebensmittelpunkt.

    Bei mir war der Stoff Alkohol und das Verhalten die Arbeit.

    Nachdem ich trocken wurde habe ich maßlos gearbeitet. Es hätte auch Sport oder irgend etwas anderes sein können.
    In einem Bild ausgedrückt: Für ein „war o.k.“ oder „Ah ja, hab Dich gesehen“ bin ich 3 Marathons hintereinander gelaufen.

    Mir wird erst seit ca. 2,5 Jahren (Beginn meiner Traumatherapie) nach und nach klarer, welche Bedürfnisse (und die damit verbundenen Gefühle) ich nicht wahrnehmen und zulassen konnte.

    Es hat sehr viel mit der riesengroßen Bedürftigkeit meines „inneren Kindes“ zu tun, das von Beginn an nie die Aufmerksamkeit, die Zuwendung, die Nähe, die Sicherheit, die Liebe bekommen hat, die es gebraucht hätte.
    Gebraucht hätte, um zu fühlen, dass es willkommen ist, so wie es ist.
    Dieses „Willkommen sein“ habe ich sehr häufig im Außen gesucht.
    Mich selbst willkommen zu heißen, daran arbeite ich.

    Manchmal ist mir das zu viel, diese große Bedürftigkeit zu spüren.
    Besonders deutlich wurde das einmal in einer Therapiestunde, in der ich den „kleinen Manfred“ symbolisch auf dem Schoß hatte. Da spürte ich diese Bedürftigkeit meines inneren Kindes besonders stark.
    Ich habe es dann auf den Boden gesetzt und gesagt: Jetzt spiel auch mal ein bisschen alleine. Wir (meine Therapeutin und ich) behalten Dich ja im Auge.

    Marion, zu Deiner Frage, wie sich ein Alkoholiker fühlt, der von einem Co-Abhängigen „begleitet“ wird (so habe ich die Frage verstanden):
    Für mich waren diese „Begleiter“ im Wesentlichen meine Eltern. Immer, wenn es mir besonders schlecht ging, dann habe ich mich bei ihnen ein paar Tage (ohne Alkohol) aufpäppeln lassen.
    Ich habe mich dafür geschämt und mich dafür verachtet, dass ich nicht alleine klar komme.
    Es gab auch eine kurze „Beziehung“ in der schon fortgeschrittenen Phase meiner Abhängigkeit. Meinen Alkoholkonsum habe ich dabei nie verborgen. Meine damalige Freundin brachte dann auch irgendwann Infomaterial zu Selbsthilfegruppen mit. Ich habe die „Beziehung“ bald darauf beendet.
    Ich wollte auf gar keinen Fall, dass jemand von Außen darauf Einfluss nimmt, ob ich trinke oder nicht. Ich habe intuitiv gespürt, dass ich dann von einer Abhängigkeit in die nächste gerate. Das galt auch für Suchtberater, Therapeuten, etc.
    Ich habe irgendwie gespürt, dass es um eine existentielle Wende geht, wenn ich keinen Alkohol mehr trinke, dass es eine existentielle Bedeutung für mich ist.
    Ich wollte und will diese existentielle Entscheidung nicht von anderen Menschen oder äußeren Umständen abhängig machen.
    Sollte ich irgendwann keine Antwort mehr auf die mir vom Leben gestellten Aufgaben finden, und für mich die einzige Antwort „Trinken“ ist, dann wird mich niemand davon abhalten können.

    Ich will nicht von einem einzelnen Menschen „gerettet“ werden, der dafür möglicherweise sogar noch Dankbarkeit erwartet. Möglicherweise würden sich meine Aggressionen es nicht allein geschafft zu haben irgendwann gegen den „Retter“ wenden, weil er mir die Möglichkeit genommen hat mich entweder selbst zu retten oder eben zu sterben.
    Ich möchte mir mein Recht auf Selbstbestimmung nicht nehmen lassen.
    Und umgekehrt möchte ich deshalb auch niemand „retten“.

    Deshalb finde ich auch eine Selbsthilfegruppe so wichtig. Hier findet ja keine 1:1-“Rettung“ statt, sondern der Genesungsprozess entwickelt sich durch die Beiträge vieler Menschen. Wobei es gar keine Rolle spielt wie lange jemand trocken ist. Jeder Beitrag ist für mich gleich viel wert, weil mir jeder Beitrag die Möglichkeit gibt, mich zu fragen, was er bei mir auslöst.

    LG Manfred

    Hallo Uwe,
    vielen Dank für Dein Feedback.

    Ich werde zum Thema "Was brauche ich?" demnächst in meinem Thread noch etwas ausführlicher schreiben.
    So, wie der Text jetzt dort steht, fühlt er sich für mich nicht mehr ganz stimmig an.
    Es hat auch etwas mit dem "Sein-Wollen" zu tun.

    Einen schönen Sonntag!

    LG Manfred

    Hallo Gia,
    bei mir war/ist es so:

    Mit Anfang 20 habe ich zum ersten Mal über meinen Alkoholkonsum nachgedacht.
    Ich wollte nicht mehr so viel trinken. Ganz aufhören wollte ich nicht. Auf gar keinen Fall wollte ich ein Alkoholiker sein.

    Ich begann zu einer Beratungsstelle zu gehen.
    Ich glaubte, dass wenn ich ein besseren Job, eine bessere Partnerschaft, eine bessere Wohnung, etc. hätte, dann würde ich nicht mehr so viel trinken.
    Das ist alles so nicht eingetroffen.
    Im Gegenteil: Ich trank immer mehr.
    Solange ich noch einen Arbeitsplatz hatte, dachte ich: Solange ich noch arbeite kann ich ja kein Alkoholiker sein.
    Irgendwann war der Arbeitsplatz weg.
    Ich begann dann eine Vollzeit-Fortbildung.
    Dann dachte ich: Solange ich noch gut lernen kann (ich hatte trotz seltener Anwesenheit immer sehr gute Noten in den Klausuren) kann ich ja kein Alkoholiker sein.
    Irgendwann war die Fortbildung zu Ende.
    Ich hatte dann ein konkretes Arbeitsangebot.
    Die Stelle habe ich nie angetreten.
    Mir war auf einmal klar, dass ich gar nicht mehr 5 Tage die Woche arbeiten kann, weil ich ständig unter Entzugserscheinungen litt. Mir war das sehr peinlich.
    Ich begriff, dass ich gar nicht mehr in der Lage war, auch nur einen einzigen Tag auf Alkohol zu verzichten.
    Ich habe mich dann fast vollständig aufgegeben und nur noch getrunken, rund um die Uhr.
    Einen Tag nichts zu trinken, das war für mich unvorstellbar.

    Dieser Prozess hat bei mir ca. 7-8 Jahre gedauert.
    In den ersten Jahren habe ich alles unternommen um nicht (in meinen Augen) als Alkoholiker zu gelten.
    Eine zeitlang nicht vor 18:00 h getrunken, eine zeitlang keine harten Sachen getrunken, etc.
    Alle diese Begrenzungen habe ich irgendwann überschritten.
    Bis zum schon erwähnten Trinken rund um die Uhr.

    Mit Ende 20 bin ich dann zum ersten Mal in eine SHG gegangen.
    Dort sagte mir jemand: "Du bist schon in einer ziemlichen schlimmen Verfassung. Und wahrscheinlich wird es noch schlimmer kommen. Aber das Schlimmste ist, dass Du mir das Alles nicht glaubst."
    Dieser Mensch hatte mit allem recht, und besonders mit der letzten Aussage.
    Ich habe es nicht geglaubt, dass es noch schlimmer wird.
    Es kam schlimmer. Am Ende war es so, dass sich mein Verstand aufzulösen begann. Ich war 31 Jahre alt. Die Einzelheiten dieses Delirs lass ich mal an dieser Stelle weg.

    In den ganzen Jahren dieses Prozesses habe ich übrigens nie gesagt, dass ich nie wieder trinken werde. Ich meine damit die wenigen Tage meiner Trinkpausen. Nie wieder trinken war für mich unvorstellbar.
    Auch als ich dann trocken wurde habe ich nicht gesagt, dass ich nie wieder trinken werde. Das war und ist mir unvorstellbar.
    Heute werde ich nicht trinken. Das reicht mir völlig.

    Ich habe also insgesamt 10 Jahre gebraucht um zu akzeptieren, dass ich Alkoholiker bin, dass ich Alkohol nicht kontrolliert trinken kann.

    Ich habe mal an anderer Stelle gehört: Wer beginnt darüber nachzudenken, ob er Alkoholiker ist, der ist es.
    Das muss nicht für jeden gelten, aber für mich stimmt er.
    Seitdem ich das erste mal über meinen Alkoholkonsum nachdachte, seitdem war dieses „freie, unbedarfte“ Trinken vorbei. Seitdem habe ich immer über Menge, Zeitpunkt, etc. nachgedacht. Und darüber, ob andere etwas merken, wenn ich zu viel trinke. Meine Gedanken kreisten ständig um diese Themen. Es war eine extrem anstrengende Zeit.
    Heute denke ich 1 x am Tag (vielleicht auch manchmal mehrfach): Ich bin trockener Alkoholiker. Das empfinde ich wesentlich unanstrengender, auch wenn mein Leben nicht immer unangestrengt verläuft.

    Ich wünsche Dir, dass Dein Akzeptanzprozess Alkoholikerin zu sein (sofern Du es bist) nicht so lange dauert wie bei mir.

    Danke, dass ich hier die Gelegenheit hatte mir nochmal meinen Prozess vor Augen zu führen.
    Eine weitere Tücke des Alkoholismus ist es (so erlebe ich es gerade), dass die Schrecken des Tiefpunktes mit der Zeit verblassen.
    Deshalb ist es für mich wichtig und hilfreich, wenn mir „neue“ Teilnehmer, durch die Beschreibung ihrer aktuellen Situation, mir meine Anfänge nochmal vor Augen führen.
    Es ist und bleibt ein Faktum: Ich kann Alkohol nicht kontrolliert trinken.
    Äußere und innere Umstände spielen dabei überhaupt keine Rolle.

    Ich habe noch nie gehört, dass Menschen, die häufiger einen Kontrollverlust hatten, dass diese wieder zurück hinter diesem Punkt gekommen sind, also quasi zurück auf Anfang.
    Alles, was ich so in den letzten Jahren über Alkoholismus erfahren habe, ist, dass der Kontrollverlust unumkehrbar ist.
    Vielleicht habe es einige für einige Zeit geschafft, mit großer Anstrengung und Kontrolle, aber dauerhaft nicht.
    Was wäre das auch für ein „Gewinn“?
    Seine Energien dafür einsetzen, dass „man“ „normal“ trinken kann?

    Alles Gute und liebe Grüße
    Manfred