Beiträge von Manfred

    HeuteEinfachLeben

    So lautet mein Fazit aus den letzten Jahren der Reflektion.
    Klingt wie eine Phrase. Ist es auch.

    Deshalb werde ich es im Folgenden mal ein wenig für mich (und für die, die es interessiert) aufdröseln.

    Wenn es komplex wird (und was gibt es Komplexeres als Menschen, und ihren Bezug zu ihrer UmWelt), dann neigen wir ja dazu eine einfache Lösung anzustreben.
    Ganz so einfach ist es aber für mich nicht.

    Gefühle und Bedürfnisse

    Wo kommen die Gefühle her?

    Sie entstehen aus erfüllten oder unerfüllten Bedürfnissen.

    Und wo kommen die Bedürfnisse her?

    Das ist für mich schon schwieriger zu beantworten.
    Ein gewisser Herr Maslow hat dazu mal eine (Bedürfnis)Pyramide entwickelt.
    Das ist schon eine ganz gute Orientierung, wie ich finde.

    Spannend und interessant wird es, wenn ich meinen Bedürfnissen auf den Grund gehe.
    Wie so viele bin ich auch in einer sogenannten dysfunktionalen Familie aufgewachsen.
    Dem voran ging noch ein Geburtstrauma, das mich in den ersten Monaten von meiner Mutter trennte und mit frühen Erstickungsängsten (Fruchtwasser in der Lunge) verknüpft war.
    Diese frühen, prägenden Erlebnisse wirken sich bis heute auf meine Bedürfnisse aus.

    Lange Zeit (auch in meiner trockenen Lebenszeit) konnte ich weder meine Bedürfnisse wahrnehmen und benennen noch hatte ich eine Strategie um sie mir zu erfüllen. Das fällt mir auch heute noch schwer.

    Um mal ein Beispiel zu nennen:
    Mein Bedürfnis nach emotionaler und körperlicher Nähe, und auch mein Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft.

    Ich weiß nicht nur, dass ich diese Bedürfnisse habe, ich kann sie mittlerweile auch benennen und fühlen.
    Mit der Erfüllung habe ich immer noch meine Schwierigkeiten.

    Das hat sicher auch mit dem mangelnden Gefühl für meine Identität zu tun. Eine frühkindliche positive Spiegelung „So wie Du bist, bist Du in Ordnung“ habe ich nicht erlebt.
    Das hat sich zwar im Laufe meiner Trockenheit schon gebessert, aber der Prozess der Identitätsfindung hält noch an.

    Lange Zeit habe ich meine Bedürfnisse gar nicht wahrgenommen und demzufolge konnte ich sie auch nicht benennen, geschweige denn eine gesunde Strategie zur Erfüllung finden.

    Angefangen zu trinken habe ich mit ca. 14,15 Jahren, bis zum endgültigen Zusammenbruch und damit zum Wendepunkt hat es 15,16 Jahre gedauert.
    Mit Alkohol habe ich unbewusst versucht alle meine Bedürfnisse entweder zu betäuben oder (scheinbar) zu erfüllen. Das ging (so habe ich es damals empfunden) so bis Anfang 20 gut. Ab diesem Zeitpunkt dämmerte es mir so langsam, dass ich Alkohol nicht kontrolliert trinken kann, und dass ich damit mehr zerstöre als aufbaue.
    Der „Schutzmantel“ Alkohol entwickelte sich nach und nach zur „Zwangsjacke“.

    Heute weiß ich (und kann es auch annehmen), dass es zum Leben dazugehört, dass nicht alle Bedürfnisse jederzeit und immer sofort zu erfüllen sind.
    Es ist und bleibt meine Aufgabe weiterhin nach Wegen zu suchen, wie ich mit meinen Bedürfnissen umgehe.
    Und zwar so, dass ich andere Menschen dabei nicht benutze und/oder missbrauche.
    Nicht weil ich so edel, hilfreich und gut sein will. Nein. Weil ich mich freier und unbelasteter fühle, wenn ich ehrlicher und offener mit mir und anderen Menschen umgehe.
    Mir gelingt das nicht jeden Tag gleich gut, und ich bin sicher auch immer wieder mal unfair, unsensibel und missachtend unterwegs, aber ich bin verantwortlich dafür was ich weiß und was ich erlebt habe.
    Das nicht zu vergessen, das ist einer der wichtigsten Gründe für mich, mich immer wieder zu hinterfragen.

    Die alten Muster, die mich so tief geprägt haben, dass sie auch heute noch nachwirken, die möchte ich weiterhin Stück für Stück auflösen.

    Wenn ich manchmal bei anderen lese, dann habe ich den Eindruck (und es kann ja nur ein Eindruck sein, denn wissen bzw. nachfühlen was andere erleben und fühlen kann ich ja grundsätzlich nie), dass es ihnen leichter fällt im Umgang mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen.
    Da bin ich dann schon manchmal auch neidisch und denke: „Ach Mensch, ich hätte es auch gern mal etwas leichter“.
    Aber letztlich ist es ja m.E. so: Es gibt halt unterschiedliche innere + äußere Fundamente.
    Und ich habe nun mal die meinen, mit denen ich ja nun auch schon 23 Jahre Trockenheit „getragen“ habe.
    Da knirscht es zwar hin und wieder auch im Gebälk, aber insgesamt fühlen sie sich doch recht stabil an, soweit ich das überhaupt einschätzen kann.

    Trocken zu leben ist für mich in erster Linie keine Frage des Wissens, es ist vielmehr eine Frage des „Überhaupt-Leben-Wollens“.
    Alles andere baut sich für mich darauf auf.

    Das mag jetzt alles etwas formalistisch klingen.
    Es ist auch nicht so, dass ich mich in jeder Situation frage: was fühle ich jetzt gerade? Welche Bedürfnisse stehen dahinter? Was ist jetzt meine Strategie?
    Aber für mich wird durch diese Herangehensweise vieles etwas „greifbarer“.


    Ich werde hier in unregelmäßigen Abständen etwas über mich, meine Gedanken, meine Gefühle, meine Bedürfnisse und meine Erlebnisse schreiben.

    Liebe Grüße an alle und ein herzliches „WinkeWinke“ hinüber in den geschlossenen Bereich.
    Manfred

    Hallo Hartmut,

    vor vielen Jahren erfuhr ich von folgender Unterteilung:

    Nass – Trocken – Nüchtern

    Nass = mit Suchtmittel
    Trocken = ohne Suchtmittel
    Nüchtern = ohne süchtiges Verhalten

    Ich freue mich über jeden Moment nüchternes Leben, den ich hinbekomme.

    LG Manfred

    Hallo Hartmut,

    Zitat

    Es geht mir um die Sucht und nicht um eine Komplettsystem Mensch Hartmut Überprüfung .

    Da unterscheiden wir uns offensichtlich. Mir geht es schon darum zu gucken, was sich hinter meiner Sucht verbirgt.

    Zitat

    Zitat:
    Nachdem ich aufgehört hatte zu trinken, habe ich sie ja seit langer Zeit zum ersten Mal wieder gespürt. Meine Ängste, meine Wut, meine Traurigkeit, meine Freude, meine Lust, etc.

    ich hatte diese ganze Emotionen auch in der nassen Zeit.

    In meiner nassen Zeit waren sie verzerrt, diffus, nicht wirklich spürbar und überhaupt nicht von mir zu benennen.

    Es war alles in einem großen Chaos durcheinander. Erst nach und nach ordnete sich dieses Durcheinander. Es gab auch lange Zeiten in der Trockenheit, in denen ich vieles über Arbeit, und alles was damit zusammenhing, unterdrückt und verdrängt hatte.

    Wir sind da offensichtlich im Moment an unterschiedlichen Stellen unseres Genesungsprozesses. Und das ist auch o.k. so für mich.

    Was mir übrigens an Deinen Posts gefällt, dass ist Dein häufiger Hinweis auf das Tun.
    Wobei ich mir dann immer die Fragen stelle:
    Was tue ich gerade? Tue ich genug?
    Und mit welcher Haltung tue ich es?

    LG Manfred

    Hallo Hartmut,

    Zitat

    Zitat:
    Und dieser Prozess verläuft eben nicht immer so gradlinig und kompromisslos wie Du es Dir möglicherweise wünschst.
    Wieso kommst du darauf das ich es mir wünsche? Wie andere oder wie lange andere im Prozess stehen, hat doch nichts mit dem zu tun , wenn ich meine Erfahrungen mitteile.

    Das ist halt mein Eindruck aus Deinen Posts.
    Du könntest ja auch von Deinen Erfahrungen mit Deiner Unenschlossenheit schreiben (von Deinem Prozess), die/den es ja auch gab.

    Zitat

    Zitat:
    Womit hast Du unnötig aufkommende Illusionen verdrängt? Wie ging das?
    Einfach , um ein Beispiel zu geben, einen nassen Gedanken nicht weiter oder zu Ende gedacht . Nun , da ich diese Frage schon mal bekommen habe , frage ich mich ,ob es ungewöhnlich ist, sein Denken zu unterbrechen?

    Vielleicht ist es so, dass Du alle aufkommenden Illusionen mit nassem Denken gleichsetzt?
    So ganz habe ich es ehrlich gesagt immer noch nicht verstanden.
    Was sind denn für Dich unnötig aufkommende Illusionen?
    Was wäre denn beispielsweise ein nasser Gedanke?

    Mir ging es mit meiner Aussage ...

    Nach meiner Erfahrung sind Emotionen nie „weg“, sondern sie machen sich auf irgendeine Weise immer bemerkbar.

    … vor allem um den Umgang mit den Emotionen.

    Nachdem ich aufgehört hatte zu trinken, habe ich sie ja seit langer Zeit zum ersten Mal wieder gespürt. Meine Ängste, meine Wut, meine Traurigkeit, meine Freude, meine Lust, etc.
    Für mich war und ist es immer noch eine Herausforderung damit umzugehen, sie zu verstehen und einordnen zu können.
    Immer wenn ich sie verdränge, mich nicht weiter mit ihnen beschäftige, sie ignoriere, dann zeigen sie sich entweder in körperlichen Reaktionen und/oder in meinem Verhalten und Tun, und zwar in der Regel aus einem Affekt heraus, häufig dann auf unangemessene Art und Weise, in dem ich beispielsweise ungerecht und laut gegenüber Anderen werde.
    Diese Beschäftigung mit meinen Emotionen ist ein wichtiger Teil meines Genesungsprozesses. Andere nennen es auch „innere Inventur“.

    LG Manfred

    Zitat

    das besondere aber daran ist ja , das jeder der in den offenen oder erweiterten Bereich freigeschaltet wird , im Vorstellungsbereich bestätigt , das er Alkoholiker ist.

    Zitat

    Nun liegt es aber nicht an mir /uns das herauszufinden . Das liegt in jedem einzelnen.

    Hallo Hartmut,
    das Bestätigen im Vorstellungsbereich ist ja erstmal ein eher „formeller“ Akt, der ja einen weiteren Prozess der Auseinandersetzung mit der Alkoholkrankheit erst ermöglicht.
    Und dieser Prozess verläuft eben nicht immer so gradlinig und kompromisslos wie Du es Dir möglicherweise wünschst.
    Wie „ernst“ es jede/r mit ihrer/seiner Alkoholkrankheit nimmt, das liegt in der Tat in jedem einzelnen selbst.
    Ich weiß von mir, dass ich meine Alkoholkrankheit sehr lange nicht ernst genommen habe. Und nach meiner Erfahrung ist das bei sehr vielen Alkoholikern so.

    Zitat

    Wieso können die Emotionen nicht weg sein? Wo sollen sie denn hin? Ich unterdrückte oder verdrängte doch damit nur unnötige auskommende Illusionen. Und positiv gesehen konnte ich ja nichts mehr verlieren.Ich war ja schon verloren als nasser Alkoholiker.

    Den fett eingefärbten Satz habe ich nicht verstanden.
    Womit hast Du unnötig aufkommende Illusionen verdrängt? Wie ging das?
    Hast Du dafür ein Beispiel?

    LG Manfred

    Hallo Hartmut,
    danke für Deine Antwort.

    Zitat

    Wenn ich drei Tage schaffe ohne Alkohol bin ich kein Alkoholiker.

    Diese „Gedankenbrücken“ kenne ich auch gut.
    Sie begannen immer mit „wenn“.

    Wenn ich dies und das noch schaffe, dann kann ich ja kein Alkoholiker sein.
    Ich habe jahrelang mein Leben mit diesen „Brücken“ gelebt, bis sie schließlich alle zusammenbrachen.

    Ich weiß nicht, wie lange Du mit diesen „Brücken“ gelebt hast, aber ich gehe mal davon aus, dass es auch mehrere Jahre waren.

    Ich wollte mit meiner Frage darauf hinaus, dass es ja, nach meiner Erfahrung, immer ein längerer Prozess ist, bis der Punkt erreicht ist, an dem „man“ sagen kann: Ja, ich bin Alkoholiker.

    Insbesondere hier im offenen Bereich sind ja, nach meiner Wahrnehmung, viele mitten in diesem Prozess.
    Da ich aus eigener Erfahrung weiß, dass so ein Prozess auch schon mal ein paar Jahre dauern kann, gestehe ich diesen Prozess auch jedem anderen zu.

    Ich freue mich über jeden, der sich diesem Prozess stellt, und der am Ende sagen kann: Ja, ich bin Alkoholiker.

    Ein Satz von Dir hat mich nachdenklich gemacht:

    Zitat

    Je Emotion loser ich an die Umsetzung des Weges heran ging , umso schneller fühlte ich mich zufrieden mit diesem Weg.

    Das klingt für mich nach einer sehr am Verstand orientierten Herangehensweise.

    Wo sind denn Deine Emotionen dabei hin? Sie können doch nicht „weg“ sein?

    Ich bin auch jemand, der viele Dinge sehr rational angeht. So nach und nach spüre ich, wie wichtig es für mich ist, dass ich meine Emotionen miteinbeziehe, sie besser wahrnehmen lerne, sie besser verstehen lerne.

    Nach meiner Erfahrung sind Emotionen nie „weg“, sondern sie machen sich auf irgendeine Weise immer bemerkbar.

    LG Manfred

    Hallo Hartmut,
    ich habe da noch eine Frage:

    Wie lange hat denn bei Dir der Prozess gedauert bis Du die Krankheit "ernst" genommen hast?
    Von den ersten Gedanken, dass Dein Trinkverhalten nicht "normal" ist, bis zu dem Punkt, an dem Du sagen konntest: Ja, ich bin Alkoholiker.

    LG Manfred

    Zitat

    arbeit gibts nich? nichmehr als mantel oder überhauptnochnichwieder?

    Hallo Matthias,
    ich antworte dazu mal in Deinem Thread.

    Z.Zt. beschäftige ich mich gerade mit der Möglichkeit einer freiberuflichen Tätigkeit.
    Meinen Lebensunterhalt werde ich davon höchstwahrscheinlich nicht bestreiten können, aber es würde meine aktuelle Einkommenssituation schon verbessern.
    Außerdem würde es mich wieder mehr in persönliche Kontakte bringen, was mindestens genauso wichtig ist.

    Ich lese weiterhin bei Dir und freue mich, dass es Dir weiter gut geht.
    Ich erinnere mich gern an unseren Austausch im offenen Bereich zurück.

    Liebe Grüße und Glück auf! :D
    Manfred

    Hallo Hartmut,
    ich „übersetze“ mal Deine Frage für mich so:

    Wann habe ich damit begonnen meine Krankheit Alkoholismus ernst zu nehmen?

    Das war ein langer Prozess, der insgesamt 10 Jahre gedauert hat.

    Schon mit Anfang 20 habe ich gemerkt, dass mit meinem Trinkverhalten etwas nicht stimmt. Ich habe ich sehr selten nur 1 Bier getrunken, sondern es waren meistens mehrere.

    Von dem Eingeständnis Alkoholiker zu sein war ich da noch meilenweit entfernt. Auch in den folgenden Jahren, in denen ich immer mehr trank, wollte ich unter keinen Umständen Alkoholiker sein.

    Im Laufe der 10 Jahre war ich dann (in größeren Abständen) immer wieder mal bei Beratungsstellen, Ärzten, Selbsthilfegruppen, etc.
    Immer mit der diffusen Hoffnung, dass irgendjemand mir den Schlüssel für eine Lösung geben konnte.

    In den ersten Jahren wollte ich nicht aufhören zu trinken, in den darauf folgenden Jahren konnte ich nicht mehr aufhören zu trinken.

    Auch nicht, als mir jemand in einer Selbsthilfegruppe mal jemand in ruhigen, freundlichem Worten Folgendes sagte:
    „ Du bist schon in einer schlimmen Situation. Und wenn Du nicht aufhörst zu trinken, dann wird Deine Situation mit hoher Wahrscheinlichkeit noch schlimmer. Aber das Schlimmste ist, dass Du mir nicht glaubst, dass es noch schlimmer wird“.

    Er hatte mit allem recht:
    Ich war schon in einer schlimmen Situation. Ich habe ihm nicht geglaubt. Und es wurde schlimmer.

    Es hat dann noch ca. 2 Jahre gedauert bis ich am Ende war. Mein Verstand begann sich aufzulösen.

    Es mag sich etwas widersprüchlich anhören, aber ich bin bis heute froh darüber, dass ich letztlich die Entscheidung getroffen habe, nicht mehr zu trinken.
    Wobei es dabei im eigentlichen Sinne gar nicht um eine rationale Entscheidung ging, im Sinne vom Abwägen von Vorteilen und Nachteilen o.ä.
    Mir war nach diesem Erlebnis des sich auflösenden Verstandes klar, dass ich entweder verrückt werde und/oder sterbe, wenn ich weiter trinke.

    Ich wollte weiterleben.

    Die Vorstellung, dass ich nicht trinke, weil mir das irgendjemand „empfiehlt“, rät oder mich darum bittet, ob mit weichen oder harten Worten ist mir bis heute unerträglich.

    Für mich ist das eine existentielle Entscheidung, die mir bitte niemand abnehmen soll. Ich würde das als Übergriff in mein selbstbestimmtes Leben empfinden.

    Für mich ist Trinken oder Nichttrinken eine so elementare Entscheidung, die ich niemanden abnehmen möchte.

    Wenn ich bei Anderen lese, die sich noch mitten in diesem Prozess des Annehmens der Krankheit befinden, dann habe ich da überwiegend Mitgefühl, denn ich weiß wie sich dieser Prozess anfühlt. Ich möchte dahin nicht wieder zurück.

    Jemand, der Alkohol nicht kontrolliert trinken kann und/oder der ständig einen gewissen Pegel braucht, der führt kein angenehmes Leben. Auch wenn viele es lange schaffen nach außen eine Fassade zu wahren, die „Normalität“ vorgaukelt.

    Obwohl Du diese Frage nicht gestellt hast, Hartmut, möchte ich sie trotzdem hier für mich stellen (und auch beantworten), weil sie m.E. gut hierher passt:

    In welchem Verhältnis stehen Sucht und Alkoholismus?

    Ich sehe es so:

    Alkoholismus ist eine Form der Sucht. Sucht ist eine Form der Lebensbewältigung.

    Meine Suchtform (Alkoholismus) hat sich über einen langen Zeitraum (unbewusst) entwickelt. Ich habe ja nicht irgendwann „entschieden“ süchtig zu werden. Ich denke, das niemand sich „freiwillig“ entscheidet süchtig zu werden. Sucht entwickelt sich m.E. immer prozesshaft.

    Sie endet auch nicht mit dem „nicht mehr trinken“, vermeiden von Risikosituationen, alkoholfreie Wohnung, etc.
    Das sind zweifellos alles wichtige Bausteine, besonders zu Beginn des Genesungsprozesses (mir gefällt das Wort besser als Trockenarbeit, weil es für mich umfassender ist), aber sie befreien mich nicht von meinen süchtigen Strukturen, von meinem süchtigen Verhalten.

    Um es mal in einem Bild zu beschreiben:
    Für mich war das Trinken wie das Anziehen eines (Schutz)-Mantels, der sich im Laufe der Jahre zu einer Zwangsjacke verwandelt hat.
    Das ist ja der übliche Verlauf einer Suchtprozesses.

    Nachdem ich meine Zwangsjacke (Alkohol; andere haben andere „Zwangsjacken“ bzw. Suchtmittel) endlich ausziehen konnte hatte ich damit ja nicht meine Suchtstrukturen auch abgelegt.

    Zu Beginn war es natürlich eine große Befreiung (Euphoriephase), vergleichbar damit:
    Während meiner Fußballerzeit habe ich auch mal mit einer Bleiweste trainiert. Wenn ich die nach einer halben Stunde ausgezogen habe, dann dachte hinterher, ich könnte fliegen.

    Und dann?

    Dann habe ich mir schnell einen neuen Mantel „angezogen“, der hieß „Arbeit“. Rund um die Uhr nur noch gearbeitet.
    Bloß nicht diesen „nackten“ Bedürfnissen, Ängsten u.a Gefühlen ausgeliefert sein.
    Dann gab es irgendwann auch diesen „Mantel“ nicht mehr.

    Nach und nach bin ich seit einiger Zeit dabei mich auch mal (um im Bild zu bleiben) „nackt“ anzusehen. Es ist ein Annäherungsprozess, der wohl nie ganz zu Ende ist, da ich immer wieder Neues entdecke und manches im Hellen anders aussieht als im Dunkeln.
    Es gibt einiges, dass mir gefällt, anderes wieder nicht. Einiges werde ich ändern können, anderes wieder nicht.

    Ich wünsche allen, die hier lesen einen Genesungsprozess, der ihrem Tempo entspricht.
    Ich bin meistens sehr langsam unterwegs.

    LG Manfred

    PS:
    Beim Schreiben einiger Passagen habe ich von Adele „Turning Tables“ gehört.
    Der Titel bedeutet (soviel ich weiß) umgangssprachlich: „ständige Wechsel“ (im Liedtext in einem anderen Kontext).
    So ist es wohl.

    Hallo Frank,
    ich schreibe seit einiger Zeit ja fast ausschließlich im geschützten Bereich, aber ich habe Deine Beiträge weiterhin still mitgelesen.

    Die Trockenarbeit, die mir immer noch am schwersten fällt, ist die, wenn ich einfach nur trocken bin, und nicht „daran arbeite“.

    Du hast in einem Thread auch von Einsamkeitsgefühlen geschrieben. Für mich sind das die Gefühle, die auftauchen, wenn ich nicht durch berufliche Arbeit (ist bei mir schon länger so), Hobbys, Partnerschaft, etc. „abgelenkt“ bin, wenn ich also nur für mich bin.

    Diese Gefühle gehören ja auch zum Leben. Wenn sie allerdings zu dominant werden, dann ist es sicher hilfreich sich hier Unterstützung zu holen. Freunde, SHG, oder eventuell auch Therapie.

    Ich mache seit einiger Zeit eine ambulante Traumatherapie, die mir sehr hilft.

    Ich wünsche Dir auf Deinem Weg weiterhin alles Gute, und empfehle Dir bei dieser Gelegenheit das Buch „Mit ZEN zur geistigen Freiheit. Spirituelle und therapeutische Techniken zur Überwindung von Abhängigkeiten“, von Mel Ash.

    Ich habe es mit großer Skepsis zu lesen begonnen, bin aber beim weiteren lesen auf sehr viele spannende und inspirierende Ansätze gestoßen, die ich zum Teil zwar kannte, aber die dort in einen für mich neuen Zusammenhang gestellt wurden. Vielleicht findest Du ja dort auch etwas für Dich.

    Liebe Grüße
    Manfred

    Hallo zusammen,

    die beste "Medizin" gegen alle Erwartungen, Hoffnungen, Wünsche, etc, ist doch im Hier und Jetzt zu leben.

    Niemand von uns weiß doch, was Morgen, Übermorgen, etc. geschieht. da kann ich mir dann immer noch überlegen, was ich dann mache.

    Oder anders: Erst kratzen wenn´s juckt.

    Ich übe das auch jeden Tag! :D

    LG Manfred

    Lieber Matthias,

    schön, mal wieder etwas (mehr) von Dir zu lesen.

    Zitat

    ich glaube, dass man das bekommt womit man sich beschäftigt

    Ein interessanter Gedanke.

    Das wirft bei mir folgende Fragen auf:

    Wovon hängt es ab, womit man sich beschäftigt?
    Von der inneren Haltung?
    Und wovon hängt die innere Haltung ab?
    Von meinen Prägungen, meinen inneren Botschaften, meinem Werte- und Normengerüst?
    Von meinen bisherigen Erfahrungen?

    Das Gute an Deinem Satz ist für mich, dass er mich über diese Fragen nachdenken lässt. Und ich hier ggfs. Korrekturen vornehmen kann.

    Dir und Deiner Familie weiterhin alles Gute!

    Glück auf und liebe Grüße! :D
    Manfred

    Hallo Frank,

    möglicherweise haben wir uns missverstanden.

    Wenn ich Deinen Zettel richtig lese, dann bedeutet es doch, dass Du Saufen mit Verrecken gleichsetzt, oder?

    Bei meiner Korrektur habe ich dann die Alternative "Leben" dazu geschrieben, weil Saufen oder Verrecken ja keine positive Alternative beinhaltet.

    Aber wie immer Dein Zettel auch aussieht, Hauptsache Du weißt, was gemeint ist. :D

    LG Manfred

    Liebe Penta,

    ich verstehe (noch) nicht ganz, worauf Du hinaus willst.

    Davon unabhängig mal meine Haltung zu Kapitulation und Konsequenz:

    Ich habe vor dem Alkohol kapituliert, mit allen Konsequenzen:
    - keine alkoholhaltigen Speisen + Getränke
    - alkoholfreies Umfeld
    - Klärung von Konflikten aller Art (kann manchmal dauern ...)
    - Entdeckung und Schaffung von neuem Umfeld (dauert noch an ...)
    - Wiederherstellung der Genussfähigkeit (dauert auch noch an ...)
    - etc., usw.

    Also insgesamt ein lang andauernder konsequenter Prozess. :D

    Liebe Grüße
    Manfred

    Hallo Melanie und Paddy,

    vielen Dank für Eure interessanten Gedanken.

    Das mit den verbindenden Gemeinsamkeiten ist wohl nicht so einfach zu klären. Wie Hans schon schrieb, haben sich da auch schon andere die Zähne dran ausgebissen. Soweit wird es hoffentlich nicht kommen :wink:

    Selbstachtung bleibt für mich ein zentrales Thema.

    Woher kommt sie?
    Wie kann ich sie stabilisieren und erweitern?

    Eins steht in jedem Fall für mich fest: Alkohol und andere Suchtmittel helfen mir dabei nicht weiter.

    Liebe Grüße
    Manfred

    Hi Matthias,

    ja klar, auch Harmonie um mich herum.

    Aber ich glaube mehr und mehr, dass es vor allem um Harmonie im Innen geht. In mir. Um eine innere Balance.

    Ich habe viel zu lange um eine äußere Harmonie gekämpft.

    Jetzt bin ich dabei eine innere Harmonie herzustellen, insbesondere im Rahmen meiner Therapie. Ich fühle mich dabei auf einem guten Weg.

    Am Meisten steht mir dabei mein Perfektionismus im Weg. :evil:

    Es wird sicher noch ein bisschen dauern ...

    Ich bin da mitten im Klärungsprozess.

    LG Manfred