Hallo zusammen,
vielen Dank für Eure Beiträge. ![]()
Bei mir war und ist das so mit den Bedürfnissen:
Meine mir nicht bewussten Bedürfnisse nach Sicherheit, Schutz, Nähe, Wärme, Geborgenheit, Zugehörigkeit, etc. (die Liste ließe sich noch ziemlich lang weiterschreiben) habe ich im Alter von 15 Jahren begonnen mit Alkohol zu erfüllen.
Das war natürlich nur eine Scheinerfüllung, aber das habe ich lange Zeit weder wahrgenommen noch verstanden.
Ich konnte übrigens von Beginn an nie nur ein oder zwei Gläser trinken. Es waren immer mehrere Gläser oder Flaschen.
Mit Anfang 20 war mir dann klar dass ich Alkohol nicht „Normal“ trinken kann. Seitdem mir das zum ersten mal klar war, konnte ich Alkohol nicht mehr so trinken wie vorher. Diese Form der Bedürfniserfüllung oder Bewältigung meiner Defizite war damit ein für allemal vorbei. Das heißt nicht, dass ich sofort aufgehört habe zu trinken. Das hat noch 10 Jahre gedauert. Aber seit mir klar war, dass ich Alkohol nicht kontrolliert trinken kann, seitdem war der „Entspannungs – und Wohlfühlfaktor“ weg.
Die 10 Jahre bis zu meinem 31. Lebensjahr waren geprägt von dem Versuch kein Alkoholiker zu sein. Mit allen möglichen und unmöglichen Versuchen kontrolliert trinken zu können. Am Ende musste ich trinken. Rund um die Uhr. Trinken war für mich wie atmen. Niemand von außen hätte mich davon abbringen können.
Ich wollte diese existentielle Entscheidung selbst treffen. Unabhängig von Therapeuten, Ärzten, Angehörigen, Selbsthilfegruppen, etc. Ich wollte nicht, dass jemand anderes die Macht bekommt existentiell über mein Leben zu entscheiden. Für mich hätte es sich so angefühlt, das ich dann in meiner Existenz abhängig von einem anderen Menschen oder Gruppe wäre. Das wollte und will ich auf gar keinen Fall. Die Frage ob ich trinke oder nicht, die entscheide ich vollkommen autonom.
Wie ist das jetzt mit den Bedürfnissen? (die aus der o.g. Liste)
Mir wird erst nach und nach klar, was eigentlich meine konkreten, tieferen Bedürfnisse sind. Während meiner vergangenen Trockenzeit habe ich mich überwiegend mit beruflichen Plänen, Zielen und Projekten beschäftigt. Ich habe wohl unbewusst versucht die o.g. Bedürfnisse darüber zu erfüllen. Was natürlich nur ansatz- und phasenweise gelang. Erst jetzt, nachdem dieses Aktionsfeld nicht mehr zur Verfügung steht, beginne ich langsam Klarheit darüber zu gewinnen, wie wenig zielführend meine bisherigen Strategien waren.
Das mir das Alles vergleichsweise spät bewusst wird, dass hat sicher auch damit zu tun, dass ich in den vergangenen 15 Jahren keinen Austausch mit anderen Alkoholikern gesucht habe. Seitdem ich hier im Forum schreibe und lese klären sich so nach und nach viele Verhaltensweisen in der Vergangenheit.
Hinzu kommt, dass ich mich seit kurzem auch wieder verstärkt mit dem Begriff „Demut“ beschäftige. Auch und gerade im Zusammenhang mit der Erfüllung von Bedürfnissen.
Einerseits ist es für mich wichtig, dass ich gut auf mich achte und gut für mich sorge (da ist sicher noch eine ganze Menge zu tun). Andererseits ist es für mich genauso wichtig, dass ich mich nicht für den Mittelpunkt der Welt halte, obwohl ich natürlich einzigartig und etwas besonderes bin. Aber alle anderen Menschen um mich herum sind das auch.
Eine demutsvolle Haltung hat für mich etwas mit Spiritualität zu tun. Letztlich mit der Anerkennung einer höheren Macht als mich selbst, wie immer man auch diese Macht benennt. Und ich stelle mir diese Macht als etwas umfassend Gütiges vor, die mich in all meiner Begrenztheit annimmt und wertschätzt.
Da ich mich diesem spirituellem Gedanken erst seit kurzem wieder annähere, kann ich es noch nicht so richtig stimmig beschreiben. Für mich ist es ein Prozess, dem ich mich erst wieder neu annähere.
Auf welche Weise sich dieser Prozess weiterentwickelt kann ich heute noch nicht sagen. Ich spüre aber, dass es der für mich richtige Prozess ist um wieder mehr mit mir in Verbindung zu kommen. Mich mehr zu mögen, zu lieben, wert zu schätzen, als ich es in der Vergangenheit getan habe.
Liebe Grüße
Manfred
PS:
Jede/r darf hier alles schreiben, was ihn bewegt. Dazu noch folgender Schlaumeier-Spruch
:
Das Griechische di-a-logoi wird mit „Welt-Ursprung“ übersetzt. Durch Dialog entsteht die Welt. Gefällt mir gut. ![]()