Gestern habe ich lange mit meiner besten Freundin telefoniert, sie fragte mich, warum ich eigentlich immer und soviel getrunken hätte. Ja, warum nur? Gute Frage. Konnte ich gar nicht so konkret mit einem klaren Satz beantworten.
Daher eine Rückschau:
Mit 12 oder 13 ein halbes Glas Sekt zu Silvester gemischt mit Orangensaft, eingeschenkt von den Eltern. Hat mir nicht geschmeckt. Mit 14 ein halbes Glas Wein auf meiner Konfirmation. Hat mir nicht geschmeckt. Mit ca. 16 Bier in der Kneipe mit Schulfreunden. Hat mir auch nicht geschmeckt, aber den Jungs offenbar..... wollte wohl cool sein und dazugehören. Mit 17 Besuch bei Verwandten in England, Weinkenner, mein Onkel war entsetzt, als ich mir Saft in seinen teuren Rotwein kippte. Hat mir also auch wohl nicht geschmeckt. Mit 18 oder 19 ein Mordskater nach einer Silvesterparty mit rotem Sekt, ich habe mir geschworen, nie wieder Alkohol.
Warum bin ich dann 30 Jahre später hier gelandet?
Irgendwann in der Zeit habe ich auch mal an einer Zigarette gezogen, igitt, hat mich danach nier wieder gereizt. Warum dann der Alkohol?
Während des Studiums habe ich anfang noch zuhause gewohnt, hatte eine frauenbewegte Kommilitonin, die mir den Spitznamen "Saufziege" verpasst hat. Sagt wohl alles. An Trinkmengen oder so kann ich mich aber nicht mehr erinnern. Fortsetzung des Studiums dann in einer anderen Stadt, freies Studentenleben, Doppelkopfabende in der Kneipe, Biergarten, Wohnheimpartys... Alkohol gehörte immer dazu.
Gegen Ende des Studiums hatte ich dann einen neuen Freund, meinen jetzigen Exmann und Vater der drei Kinder. Er hat irgendwie regelmäßig und praktisch täglich getrunken, Pils, Weizen, Apfelwein. Wenn nichts mehr da war, sind wir oft noch los zum Italiener, der Flaschen zum Mitnehmen verkaufte, oder zum Kiosk. Obwohl wir nur sehr wenig Geld hatten. Damals habe ich mir das regelmäßige Trnken wohl angewöhnt.
Während der beiden Schwangerschaften habe ich nichts getrunken, so konsequent war ich immerhin. Während der Stillzeiten (beim Großen 9 Monate, bei den Zwillingen 6 Monate) habe ich schon ab und zu ein Bier oder ein Glas Wein getrunken, ganz bewusst und mit Genuss, und mich auf die Zeit gefreut, wenn ich endlich wieder zulangen konnte. Null Problembewusstsein also.
Dann folgte die Zerrüttung der Ehe, mein schwerster Entschluss meines Lebens, nämlich zu gehen und die Kinder bei ihm zu lassen (führt jetzt alles zu weit - habe vier Jahre für die Entscheidung gebraucht), Leben ohne die Kinder, Krebserkrankung des Sohnes, Chemotherapien, nebenbei 50-60 Stunden Arbeit, Karriereaufbau, Unterhaltszahlungen, Beendigung einer Affäre, Einsamkeit, Einzug des Sohnes, Hauskauf, Umzug......
Was ich damit nur sagen will, alles war mir recht zu sagen: Ich habs so schwer, jetzt gönn ich mir nen guten Tropfen.
Ich denke, dass hat gerade die Suchtstruktur bei mir ausgelöst.
Langsam aber sicher habe ich mich an die regelmäßige Zufuhr von Alk gewöhnt, er gehörte wie selbstverständlich zu meinem Leben, der Missbrauch schlich sich immer mehr ein und zum Schluss war mir eigentlich jedes Argument vor mir selber recht, um 1-2 Flaschen Wein pro Tag in mich reinzukippen: gute Laune, schlechte Laune, Stress, Frust, Einsamkeit, Heiterkeit, schlechtes Wetter, gutes Wetter, Feiertage, Urlaubstage, Alltage...... einfach alles.
Ich wollte mir was Gutes tun, mir was gönnen, mich entspannen und mich erholen. Und als Antwort darauf fiel mir nur immer wieder der Alkohol ein.
So sehr kann ich mich also selber belügen.
Nichts wird besser oder schöner durch Alkohol. Das ist ja nur eine große Illusion, hervorgerufen durch die Droge.