Hallo Lillemann,
gute Frage, aus meiner nassen Zeit betrachtet, kann ich's schon irgendwie verstehen wenn Jemand keine Einsicht zeigt. Es kommt viel drauf an wie stabil man selber noch ist, also wie weit man in der Lage ist noch normal zu denken. Ausserdem braucht es ein Gegengewicht zum Saufwillen welches schwerer wiegt als eben der Wille weiterzusaufen. Das kann verschiedenes sein, Führerschein, Arbeit, Familie oder auch nur schlicht der Überlebenswille.
Kann man dieses Gegengewicht nicht aufbauen, verfällt man dann leicht in den "ist doch sowieso egal" Gedanken und gibt sich selbst auf und damit dem Alkohol endgültig hin.
Wenn Deine Mum sowieso schon kurz vor dem Tod steht kann ich es irgendwie verstehen, dass sie weitersäuft. Sie hat einfach aufgegeben.
Ob Alkoholismus oder alles beliebige Andere was destruktiv auf einen einwirkt, wenn man aufgibt vegetiert man nur noch dahin bis zum endgültigen Tod ohne eine Anstrengung zu unternehmen. Man steuert somit lediglich auf das Unausweichliche zu. Auch wenn ein beliebiger Aussenstehender Lösungen sieht, bedeutet das gar nichts, da der Kranke sie ja eben nicht sieht. Er sieht keinen Sinn darin sich anzustrengen für was auch immer.
Ich hab mal ein Superbuh gelesen von einem Psychologen der in Ausschwitz war, also als Häftling. Er hat auf Basis der Erlebnisse dort eine interessante Theorie aufgestellt die sich bis heute scheinbar bewahrheitet, wenn auch therapeutisch leider nur eine Randerscheinung. Mal abgesehen davon, dass man im Lagerleben dauernd sterben konnte durch äussere Einwirkung, sprich erschossen werden, Gaskammern usw. so versuchte man doch im Alltag trotz widrigster Umstände zu überleben. Zigaretten gegen Essen eintauschen usw. Das betraf wohl alle Häftlinge die noch einen Sinn in ihrem Leben sahen, also die Hoffnung hatten den Holocaust zu überleben und irgendwann freizukommen. Jeder der die Hoffnung aufgab und keinen Sinn mehr in seinem Leben sah, starb wenig später an Entkräftung oder belibigen anderen Gründen, er stolperte, stand aber nicht mehr auf und liess sich totprügeln usw.
So konnteman beobachten, dass der der seine Zigaretten rauchte, von dem wusste man, dass er in ein paar Tagen tot war. Obwohl er unter qualvollem Hunger litt und seine Zigaretten gegen Essen hätte eintauschen können, rauchte er die lieber um sich "etwas zu gönnen" - denn das unausweichliche stand für ihn sowieso bevor.
Warum ich das hier aufführe ist, dass die Theorie dahinter ist, dass der Lebenswille eines Menschen eng damit verknüpft ist einen Sinn im eigenen Dasein zu sehen. Fehlt dieser Sinn und kann man ihn selbst nicht finden ist einem das Aussen und das Leben selbst eigentlich völlig egal und man wurschtelt sich nur noch durch um auf das Unausweichliche zuzusteuern. Hier kann es schon genügen, dass der eigene Selbstwert so niedrig ist, dass man seine eigene Existenz als sinnlos betrachtet.
Alkohol oder beliebige andere Drogen haben dabei die Eigenschaft die Zeit die man noch aushalten muss angenhemer zu machen da man sein Selbstmitleid einfach für einen Moment wegspülen kann und nicht fühlen muss.
Von aussen ist da nichts zu machen. Die einzige Chance von aussen ist, der Versuch dem Alkoholiker aufzuzeigen, dass er eine Chance hat und sich der Aufwand lohnt. Ob der das allerdings sehen und wahrnehmen kann, lässt sich von aussen nicht beeinflussen. Die Realität ist immer subjektiv, sie findet in jedem einzelnen statt.
Lieb Grüße
Kaleu