Lieber Manfred,
ich freue mich, wenn ich Dir die eine oder Anregung geben kann. Kurz zum verständnis, ich bin selbst der Typ der alles jetzt und sofort in Angriff nehmen will und ich sah irgendwann einen Dschungel aus Defiziten den ich sortiert haben wollte. Und das möglichst schnell. Letzten Endes war es das gleiche Verhalten wie immer. Mit aller Gewalt Ordnung reinbringen.
So wie ich es in äusseren Situationen handhaben wollte, wollte ich es dann auch machen als ich begonnen habe mich mit mir selbst zu beschäftigen.
Ich hab lange gebraucht um zu merken, dass ich zwar so meine Defizite bearbeitete, aber es mir trotzdem nicht besser ging. Denn nicht meine Defizite waren das Problem, sondern meine Vorgehensweise.
Ein wenig erkenne ich mich bei Dir wieder.
Wenn ich lese was Du schreibst, merke ich, dass Du Dich sehr gut reflektieren kannst. Ich bin mal frech und nehme das ein wenig auseinander. Bitte sieh es nicht als Kritik oder Aufforderung etwas zu ändern, es sind nur Gedankengänge die mir beim Lesen Deiner Zeilen kommen.
Tja, so ganz und voll vertraue ich im Moment wohl weder einem Gefühl, einer Situation oder einem Menschen. Es bleibt immer ein gewisser Rest von Skepsis.
Ich würde heute weder einer Situation noch einem Menschen bedingungslos vertrauen. Vertrauen in Situationen oder Menschen entwickelt sich ja auch in einem Prozess, der regelmäßig von den Beteiligten gestaltet wird. In die eine oder andere Richtung.
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Wie würde es sich anfühlen sich auf dieses Vertrauen einmal einzulassen, diesen Wunsch nach Vertrauen zuzulassen?
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Ich verstehe die Frage so, dass Du mit Vertrauen bedingungsloses Vertrauen meinst, also ohne Skepsis.
Ich glaube bedingsungsloses Vertreuen gibt es nicht und ist ungesund. Skepsis ist nichts schlechtes. Solange sie in dem Maße vorhanden ist wie sie bei genauerem hinsehen auch Sinn macht.
Macht es zum Beispiel Sinn einem eigenen Gefühl zu misstrauen? Das gefühl ist da. Und wenn es da ist - dann ist es da. Also kann ich dem gefühl auch blind vertrauen. Ich muss nicht skeptisch sein ob ich mich gerade wohl fühle oder nicht. Entweder fühle ich mich wohl oder nicht. Ich kann mich dann fragen, warum fühle ich mich wohl bzw. warum nicht. Aber dem Gefühl selbst mit Skepsis zu begegnen hindert mich.
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Für mich würde es bedeuten, dass ich mein Abwehr- und Alarmsystem einmal vollkommen abschalten müsste bzw. könnte.
Hier kann ich die innere Zerissenheit in einem Satz rauslesen. Da stecken zwei Kernegedanken drin. Zum einen, das könnte, der Wunsch vielleicht doch mal Vertrauen zulassen zu können um wirklich mal loszulassen. Zum anderen, das müsste, der Zwang auf keinen Fall das zuzulassen, loszulassen, anzunehmen, treiben lassen.
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Einerseits wäre ich sehr froh, wenn ich einmal die Anspannung los wäre, die ich benötige um das Alarmsystem in Betrieb zu halten.
Wärst Du das? Ein Grundgefühl was Dich schon immer begleitet abzulegen, bedeutet sich auf Neuland einzulassen. Das kann beägstigend sein.
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Andererseits löst das mir auch (bisweilen existentielle) Ängste aus, wenn ich verteidigungsunfähig bin.
Nun ja, wer vertrauet ist nicht verteidigungsunfähig. Man kann auch mit scharfen Sinnen Vertreuen haben und die Augen offen halten. Es kostet dann nur sehr wenig Energie. Die hat man dann zur verfügung, wenn man sich wirklich mal schützen muss. Im permanenten Alarmzustand zu bleiben ist viel zu energieraubend um sich im Falle tatsächlich nötiger Selbstschutzmaßnahmen wirklich schützen zu können. Dafür ist dann schlicht keine Energie mehr vorhanden, die wurde ja zum Aufrechterhalten des Alarmsystems schon verbraucht. Im Grunde also ein miserabler Sebstschutz weil energieverschwendend und zusätzlich im tatsächlichen Alarmfall wenig nützend.
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Ich befürchte dann, dass andere Menschen Kontrolle über mich und mein Leben haben, die möglicherweise damit nichts Gutes im Sinn haben.
Du befürchtest also, dass etwas eintritt, was Du eigentlich schon Dein ganzes Leben lang lebst. Fremdbestimmung. Wieviel Eigenbestimmung ist es im permanenten Selbstverteidigungsmodus festzuhängen?
Eine provokante Frage, sicher.
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Trotz alledem ist da nach wie vor die große Sehnsucht, dass ich (alle) meine Gefühle mit Jemandem teilen kann. Und ich möchte dabei nicht, dass die Gefühle „weggeredet“ oder „wegtherapiert“ werden.
Das kann ich gut verstehen. Menschen die Dir wirklich helfen wollen (das wird nicht Jeder sein, was aber normal ist) werden das nicht machen. Leider kennst Du wahrscheinlich wenig solche Menschen, Du schliesst sie ja bereits im Vorfeld aus Deinem leben aus indem Du ihnen mit misstrauen begegnest. Misstrauen schürt Misstrauen.
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Zur Zeit vermisse ich auch eine stabile innere und äußere Struktur. Manchmal habe ich das Gefühl, dass mein Leben sich in einem Auflösungsprozess befindet. Nichts hat auf Dauer bestand. Es gibt wenig feste Konstanten.
Das Leben hat keine Konstanten. Die Konstante ist das Leben selbst. Und Du darin. Mehr wirst Du nicht finden, aber das ist mehr als genug, wenn man es einmal ausprobiert hat.
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Mein Leben ist im Moment eine einzige Baustelle. Oder wenn ich das Bild eines „Gartens“ verwende ein einziger Dschungel.
Ob, wie und wann es mir gelingt neue, klare und gesunde Strukturen für mich zu finden, dass kann ich im Moment nicht sagen.
Worauf ich hinauswill kann ich an diesem fabelhaften Bild welches Du geliefert hast am Besten beschreiben. Du glaubst Dein Garten sei ein Dschungel. Und um das Leben bzw. Deinen Garten zu geniessen, müsstest Du erstmal den Dschungel lichten - Ordnung in's Chaos bringen. Erst wenn jede Hecke ordentlich geschnitten ist, jedes Unkraut entfernt, kannst Du Dich in Deinen Schaukelstuhl legen und durchatmen.
Glaubst Du.
Der Garten ist kein Problem. Die Akzeptanz ist das Problem. Das Geniessen selbst ist das Problem. Solange Du Dich in Deinem garten auf das konzentrierst, was Du nicht magst, wirst Du Deinen garten nicht mögen und bis in alle Ewigkeit an ihm rumschneiden. Es wird nie der Zeitpunkt kommen, an dem Du sagen wirst - so, alles ist geschnitten, alles ist ok, jetzt ernte ich. Denn ernten kannst Du nicht bzw. willst Du nicht. Ernten könntest Du jetzt genauso. Auch in einem Dschungel wachsen leckere Früchte. Du siehst nur die Blüten nicht - wie auch wenn Du nur nach den Dornen suchst?
Nicht beim Garten klemmt es sondern bei Deinem Umgang mit dem Garten. Man ändert nicht den Garten um ihn irgendwann zu mögen, sondern man lernt ihn zu mögen und beginnt dann ihn zu pflegen.
Lerne als erstes, Deinen Garten zu mögen, so wie er jetzt ist. Vertreue Dir selbst und Deinem Garten. Er ist kein Dschungel. Er ist ungepfelgt, weil Du ihn nicht magst und Du ihn nicht wertschätzt. Lass Dir Zeit. Halte an, sieh ihn Dir an. Lerne die Blüten an ihm zu schätzen. Wenn da der ein- oder andere Wurm drin ist, so wirst Du ihn von allein entfernen wenn Du erst begonnen hast das Obst zu mögen. Leben ist Bewegung.
Vertrau Dir selbst! Ob Du's glaubst oder nicht, es ist alles schon da. Du brauchst vielleicht eine Anleitung oder Hilfe wie man den Zaun streicht oder wie man Ungeziefer los wird. Dafür gibt es Therapeuten. Der Anfang bist aber Du selbst. Versuch Dir selbst zu Vertrauen. Nicht im Wegschneiden liegt die Lösung sondern im wachsen lassen.
Liebe Grüße
Kaleu