hallo ms,
willkommen hier im forum, schön, dass du hergefunden hast.
hab mal deinen anfangssthreat im vorstellungsbereich gelesen
.
ich glaube, du hast noch einen weiten weg vor dir - und vielleicht - wenn du magst - können wir dich darauf begleiten. ich schreib dir jetzt mal von mir um dir zu zeigen, dass sich die geschichten sooooo gleichen, und dass deshalb sehr wohl auch andere - die dich nicht kennen, aber auf ihren weg schon ein bisschen weiter sind - sehr wohl beurteilen können, wie es dir geht.
ich bin erwachsene tochter von alkoholiker-eltern, beruflich recht erfolgreich, bin nach aussen immer die starke und der clown, habe ein geregeltes soziales umfeld und kein mensch, der mich neu kennenlernt, käme auf den gedanken, dass da was nicht stimmt(e).
dass meine eltern trinken, hab ich schon als kind mitbekommen. das ganze wurde immer schlimmer, mit entziehungen, zwangseinweisungen, psychiatrie.... mit 18 bin ich ausgezogen, zum studium. ich hab mich immer und immer noch für meine eltern verantwortlich gefühlt, und meine umwelt (als das waren verwandte) haben mir immer weiter eingeredet, ich müsse mich doch kümmerm, sei schliesslich die tochter, was sie eltern nicht alles für mich getan hätten, blablabla. das ist bei mir alles auf fruchtbaren boden gefallen, ich wollte doch keine rabentochter sein, wollte doch geliebt werden. hab mir sogar den schuh angezogen, meine eltern würden trinken, weil ich nicht lieb sei
. geredet hab ich damals mit niemandem, ich hab mich geschämt, wollte nicht, dass es rauskommt, nach aussen wurde immer auf "heile welt" gemacht und ich hatte eine heidenangst vor streit und stress wenn rausgekommen wäre, dass ich irgendwo den mund aufgemacht hätte.
mit mitte zwanzig erst habe ich den ersten absprung (psychisch) geschafft. ich habe meiner mutter in einem brief erklärt, sie gehe über mene kraft und ich wolle keinen kontakt mehr, wenn sie trinkt. ich habe sie damals auch nicht zu meiner hochzeit eingeladen, weil ich angst hatte, sie würde im besoffenen kopp mein fest sprengen. da war ich dann für den rest der verwandtschaft gestorben.
ihr terror ging weiter, über anrufe mit selbstmorddrohungen und schuldeinreden "was habe ich alles für dich getan". ich habe mir dann psychologische hilfe gesucht, anlass war ein anderer, aber natürlich kam auch das thema eltern und alk auf den tisch. psychopharmaka übrigens nicht, vor denen du solche angst hast! und da hab ich bauklötze gestaunt. und ganz langsam gelernt, mich von meinen schuldgefühlen zu befreien, aber wirklich gaaaaaanz langsam. man wirft nicht so einfach über bord "du sollst deine eltern lieben", das ist schon klar. aber irgendwann dann habe ich es über bord geworfen. habe den kontakt mit meinem vater abgebrochen, der nach dem selbstmord meines bruder ("wir haben doch immer alles für euch kinder getan
") versucht hat mich in die pflicht zu nehen mit all seinem selbstmitleid und seinen vorwürfen, ICH müsse mich jetzt kümmern um ihn, IHM ginge es doch so schlecht ich sei doch das einzige, was er jetzt noch habe.
kurz vor seinem krebstod (leberkrebs in folge von leberzirrhose in folge des saufens) haben wir wieder miteinander gesprochen. darüber bin ich froh, ganz egoistisch für mich. schuldgefühle habe ich nicht (mehr). schuldgefühle habe ich auch meiner mutter gegenüber nicht (mehr). es ist ihr leben, ihre entscheidung, theoretisch weiss sie, was das saufen bedeutet, also muss sie auch die praktischen folgen ausbaden - allein.
zu der frage nach den hilfsangeboten: da hilft dir alles lamentieren nicht, dass alkis mehr geholfen wird als angehörigen. du musst für dich gucken, und ich kann für mich sagen, dass ich all die hilfe bekommen habe, die ich gebraucht habe. hier das forum war eins davon, dann bin ich in eine shg des kreuzbundes gegangen, das ist eine gemischte gruppe von alkis und angehörigen. dort habe ich noch einmal viel aus der sicht von alkis gehört, und mir hat das enorm geholfen, in frieden mit meinen eltern sein zu können. die alkis haben mir sehr geholfen, viele muster zu durchschauen, und auch zu akzeptieren, dass das einzige, was ich tun kann ist, mich um mich zu kümmern. weisst du, was mir auch viele gesagt haben: wenn meine familie mich nicht hätte fallen lassen, wäre ich nie trocken geworden. mir hat das sehr geholfen. und zu deinem einwand, wenn dich da jemand kennt? was kratzt dich das? du bist doch so stark
. ohne scherz: ich hatte davor auch bammel, aber letztlich wars mir dann auch egal. ich bin ich, und wer mich so nicht mag, oder mich über meine eltern richtet, hat halt pech gehabt, es ist mir mittlerweile gelinde gesagt schnurz.
eine weitere hilfe waren mir seelsorgegespräche mit meinem pfarrer, und als ich einmal das gefühl hatte kurz vorm durchdrehen zu stehen, bin ich zu meiner hausärztin gerannt, die hat binnen vier tagen
einen "kriseninterventionstermin" bei einer therapeutin arrangiert.
so, das war ein langer sermon.
was ich dir damit sagen will: du bist nicht allein, du bist völlig "normal", du musst nicht stark sein, und du kannst sehr wohl zu einem freien, selbstbestimmten leben ohne schuldgefühle kommen - aber das bedeutet arbeit, jahrlang. aber irgendwann hat es sich gelohnt
.
lieben gruß
lavendel