Beiträge von uwe.rothaemel

    Hallo
    Mir kommt der öffentliche Bereich, in dem ich lese, gelegentlich etwas hektisch vor. In realen Gruppen versuche ich dann mal auf das Wesentliche hinzuweisen, was Selbsthilfe ausmacht.
    Der ganze Mensch und seine Lebenssituation stehen im Mittelpunkt.
    Das heißt allerdings: auch mit seiner Meinung, seiner Lebensart und seinen vermeintlich nicht konformen Eigenheiten. Egal in welcher Selbsthilfegruppe ich schon mal Gast sein durfte, ob Frei oder Verbandsgebunden, religiös geprägt oder eben nicht, akzeptanzorientiert oder auf dauerhafte Abstinenz ausgerichtet – ich habe selten erlebt, dass interne Regeln oder Gewohnheiten, Bestimmungen und Grundsätze über diesen übergeordneten, toleranten Grundsatz gestellt wurden. Und wenn –war die Gruppe belanglos, unselbständig und ihre Mitglieder machten eher einen „versklavten“ Eindruck.
    Darauf zu achten, dass dies nicht geschieht, erscheint mir aus meinem eigenen Erleben als notwendig.
    Hier erfahre ich zurzeit einen gewissen Abstand vom Grundgedanken. Tabuisierungen, abbrechen von vermeintlich „unangenehmen“ Themen, zeigen meist erste Anzeichen einer Autonomisierung. Solidarisierungen, die so nicht gewollt sein können. Mir zeigt die momentane Gruppendynamik ein Phänomen, das Beachtenswert erscheint, weil nicht untypisch. Gruppenleiter ihre Stellvertreter und der große Teil von „Mitläufern“, alleine zeichnen eine Gruppe nicht aus. Da sind zwei wesentliche Mitstreiter, die sich etablieren – in jedem Gruppengeschehen!
    Der Buhmann und der Außenseiter (je größer die Gruppe, desto mehr davon).
    Der erstere ist leicht zu ertragen. Er stärkt das sogenannte „Wir-Gefühl“ durch seine gegensätzliche oder abweichende, nicht nachvollziehbare Lebenseinstellung. Ein gefundenes Fressen.
    Der Außenseiter ist schwerer einzuschätzen. Er lebt, wenn auch nicht besser, so doch anders. Er kann es kommunizieren und lädt zu kontroversen Debatten ein. Er besticht durch Wissen, auch wenn es ein anderes ist, als die Wahrheiten des „Das-Haben-Wir-Schon-Immer-So-Gemacht“. Er entspricht nicht der „vorgeschriebenen“ Norm. Er will aber keinen Machtkampf, sondern polarisieren.
    Wenn die Gruppe sich offen mit dem Außenseiter auseinandersetzt, gewinnt sie! Es geht dabei nicht um Parteilichkeit oder richtig und falsch – es geht um das Verlassen gewohnter Denkgerüste – um für mich selbst wieder ein Gefühl für Freiheit zu entwickeln.
    Wenn sich alle einig sind, erübrigen sich die Gespräche. Je mehr sich einer Meinung sind, umso größer die Gefahr des Verlustes im Bezug aufs wesentliche –auf das wirkliche Leben. Stillstand ist die Folge. Erst durch den Außenseiter bleibt die Gruppe in Bewegung, falls sie dafür noch offen ist, noch lernen will.
    Das was ich hier schreibe, entspricht meinen persönlichen Erfahrungen (und ich denke fast jede Rolle im Gruppensystem schon belegt zu haben). Das ist lediglich meine etwas erschreckte Meinung über einen gefühlten Zustand und keine Diskussionsgrundlage.
    Danke Uwe.

    Hallo Old Flatterhand
    Ich hatte, zu meinem Glück, sehr aufmerksame Begleiter, für meine Gehversuche in die Abstinenz. Die Suchtverlagerung in ein so gesellschaftlich anerkanntes Metier, wie die Arbeit, wurde mir durch meine Karriere in die Sucht sehr deutlich gemacht.
    Da sich meine Themen in der ambulanten Therapie, wie auch in der SHG, auffällig oft um meine Arbeitsbeziehung und den bestehenden „Beziehungsproblemen“ drehten, war es unausweichlich und notwendig, mich mit diesen Umgang zu beschäftigen. Ich habe sozusagen beide Symptome, entstanden aus meinem seelischen Ungleichgewicht, gleichzeitig und vergleichsweise erfolgreich „behandeln“ können.
    Heute gerät für mich daher erst einmal alles in Verdacht einer „ungesunden“ Lebensbewältigung, was ich vermeintlich exzessiv betreiben will. Ein gebranntes Kind scheut bekanntlich das Feuer. Meiner Meinung nach ist eine solche Herangehensweise auch noch nicht die Lösung für eine geordnete Mitte (es funktioniert nämlich vorzüglich als Spaßverderber). Ich bin aber zuversichtlich, dass sich dies auch noch einpendelt.
    Nicht alles, was ich oft tue, ist zwanghaft – und nicht für alles, was ich nicht tue, besteht eine Notwendigkeit. Es für mich zu veranschaulichen halte ich jedoch für sinnvoll.
    drybabe : gerade der scheinbare Versuch Anerkennung zu erlangen, der Hang mich beweisen zu müssen, aus absurden Schuldverständnis; nach „überstandener“ Sucht übermäßig „helfen“ zu wollen (und nicht nur an der Arbeit), macht mein Verhalten verdächtig oder besser bedenklich. Die Strukturen und Muster, meiner süchtigen Verhaltensweisen, haben die Eigenart, gerne und nachdrücklich von meinen wesentlichen Aufgaben abzulenken. Zumindest ein hinschauen auf die Motivation meines Tuns, ist vorteilhaft.
    Schönen Abend noch Uwe.

    Hallo
    Rituale sind für mich im Allgemeinen: Gestaltungen in der Zeit, die sich an genaue und „unwiderrufliche“ Regeln halten. Sie geben mir Sicherheit, durch ihren vorhersehbaren Ablauf. Sie enthalten kaum Risiken - oder besser, sie dienen einer Risikominimierung im täglichen Leben. Sie geben mir eine Strukturierung für den Tag, die ich nicht ständig neu bewerten brauche, weil sie sich bewährt haben. Sie beginnen bei mir mit Kaffee/Tee, und einen guten Gedanken am Morgen und hören mit dem Zähneputzen und einen positiven Gedanken vorm Schlafengehen auf.
    Vor fünf Jahren noch, hatte ich andere Rituale: das morgendliche Glas Wein und den Gedanken daran, was als Schlimmstes passieren könnte – sowie zum Ende des Tages, das Resümee, dass das Schlimmste ständig geschieht und dem Vergessen des Zähneputzens. Der Aufbau des Tages ist also in seiner Formung mit Eigenverantwortung veränderbar – Rituale bzw. eine fürsorglichere Gliederung, haben mir eine Reihe neuer Möglichkeiten gegeben.
    Gruß – Uwe.

    Hallo Kawi
    Hier wird das Thema anscheinend ohne die Hektik behandelt, die es an anderer Stelle des Forums zu verbreiten droht. Das kommt mir sehr gelegen.
    Als ich damals nach dem Entzug meine Möglichkeiten erfragte, hatte ich keine Ahnung von dem, was mich erwarten könnte. Selbsthilfe oder Therapie? – Beides verband ich mit Krabbelgruppen, Bauklötzchen und eventuell noch mit Dschakka-Rufen im Wald.
    Aus Mangel an Alternativen habe ich beide Angebote gleichzeitig beansprucht. Wenn ich die „Fassade“ außer Acht lasse und nur die eigentlichen Methoden betrachte, die Veränderungen bewirken, musste ich für mich feststellen: die Unterschiede sind gering. Wo auf der einen Seite die „Experten aus eigener Betroffenheit“ mit ihren Erfahrungen einen Prozess erreichten, haben auf der anderen Seite die „Experten durch Studium“ mit ihren Erfahrungen meinen Weg geebnet.
    Beides sind für mich Plattformen einer neuen Lebensbewältigung. In der einen Maßnahme wurden mir in komprimierter Form, Handwerkzeuge in die Hand gelegt, die ich heute regelmäßig abrufen kann –aus der anderen, wurde eine wöchentliche (oder hier auch bei Bedarf tägliche) Institution, zum reflektieren des eigenen Weges.
    Das Verlassen „eingeübter“ Denkstrukturen, das Einlassen auf vermeintliche Denkverbote, ist bei beiden Arten notwendig.
    Ich weiß nicht mehr genau, was ich mir von Therapie oder Selbsthilfe versprochen habe. Ich weiß aber, dass mir nichts versprochen wurde. Das Ergebnis beider Wirkfaktoren liegt in meiner Hand – und eben meines Handeln – jenseits jeder Erwartung.
    Danke für den Thread und die klare Fragestellung – Uwe.

    Es geht viel um Achtsamkeit – auf sich selbst. Jeder Mensch hat seine eigenen Wahrheiten, Meinungen und Interpretationen der Welt – und schließt dadurch seine Ängste ins Geflecht einer jeden Äußerung des anderen. Wir sehen nur aus unseren eigenen Perspektiven, kennen kein aufschauen von außen. Begriffe verwirren und führen zu Diskussionen und Streitigkeiten. Je mehr Vorstellungen – desto mehr Staub auf dem Spiegel zum Selbst. Was kann ich dann noch reflektieren außer unscharfen Bildern, vagen Bedeutungen. Menschen brauchen anscheinend immer ein Argument für das so eitle Ego. Notwehr des Verstands. Der Makel des anderen ist so leicht zu erkennen, die eigene Unzulänglichkeit nur lästig und ein Schattenriss. Der Spiegel reinigt sich von selbst, wenn ich die Unreinheiten akzeptiere – ein Stück gemeinsamer Wahrheit entsteht. Wenige bis keine Fragen mehr brauchen keine Antworten und erst recht kein Argument.

    Hallo Martin
    Es ist eine allgemeine und auch schwer abzustellende, durch und durch menschliche Verhaltens- und Vorgehensweise: „Was für mich richtig und gut war, kann für einen anderen unmöglich schlecht sein!“
    Es braucht schon eine geraume Zeit Selbsthilfe-Erfahrung, um zu erkennen, dass meine Einsichten und Erlebnisse, nicht eins zu eins auf andere Personen übertragbar sind.
    Deine Frage lautet aber: „Ist Therapie immer nötig?“
    Wenn ich das Wort mit: „Weiterentwicklung - oder besser Wegentwicklung von Verhaltensweisen, die mich in meiner Lebensbewältigung behindern.“, übersetze – dann auf jeden Fall JA! Welche Form dafür gewählt wird, kann ich aber getrost jedem seinen Lebensumständen und der Persönlichkeitsstruktur überlassen.
    Mein persönlicher Favorit ist immer noch ein Verweis auf die Suchtberatungsstellen. Die dortigen Mitarbeiter, haben in der Regel einen guten Ein- und Weitblick für die spezifischen Notwendigkeiten.
    Aus eigener Kenntnis weiß ich allerdings auch, dass die Menschen, welche ernsthaft eine Veränderung ihrer Lebenslage anstreben, (unabhängig der vielen Rat-Schläge) ein feines Gespür dafür haben, was für sie die richtigen Wege sein können.
    Gruß - Uwe

    Glück auf - Matthias
    Das Mitleid ist so zwiespältig – als Eigenschaft eher hinderlich, als Tugend zumindest besser als Gleichgültigkeit und Härte. Wenn mich eines überkommt (bei beschriebenen Beispiel), versuch ich nachzuschauen, wo die Motive liegen. Sind es die eigenen Ängste, die mich bedrängen, oder ist es Traurigkeit.
    Die reine Vernunft braucht kein Mitleid. Ihr würde Uneigennützigkeit und Toleranz genügen – doch wer ist frei von Emotion? Wer handelt reinweg Selbstlos und ist uneingeschränkt wertfrei? Berührt vom Leid des anderen= Menschlichkeit.
    Was mich davon abhält, dass mich die Anteilnahme überrollt und mir teilweise einen für mich erträglichen Umgang gewährleistet: auch dieser Mensch, hat für sich eine Entscheidung getroffen - egal welche Umstände ausschlaggebend waren.
    Gruß – Uwe.

    Hallo ihr zwei
    Keine Irreführungen in der Natur?
    Genau das ist doch die Natur. Tarnen, Täuschen, den eigenen Vorteil suchen.
    Meiner Meinung nach ist der Mensch durch sein eigenverantwortliches Handeln erst in der Lage, auch über den eigenen Tellerrand zu schauen (und einige „hirnlose“ Kreaturen ohne die Bezeichnung Mensch, tun dies erstaunlicherweise auch). Das es nicht alle tun, stellt weder mich noch andere außerhalb der Natürlichkeit. Ein Stück weit entfernt von meinen eigenen ethischen Vorstellungen vielleicht, - aber es ist nicht Wesensfremd.
    Wo bleibt denn da deine Wertfreiheit, B.C. (denk dir an dieser Stelle bitte, einen augenzwinkernden Smilie).
    Gelassene Grüße - Uwe

    Hallo
    Dass mir ausgerechnet zur Faschingszeit, die Maske verrutscht ist, mag Zufall sein. Eine Befreiung, Matthias? Nun für die wahre Katharsis hat mir ein Sandsack gefehlt. Zumindest war es ein Festmachen, von schon einmal Gedachten – das somit bleibt.
    Danke Penta – „…denn sie durchlaufen wirkliche Prüfungen, den eigenen.“ Eine wichtige und ernstzunehmende Ergänzung.
    Gute Nacht für heute – Uwe.

    Hallo Yvonne
    Das find ich schön, wenn mir das „alte Tantchen“ ein wenig Hoffnung mit auf den Weg geben will. Doch keine übermäßige Sorge. Ich bin im Allgemeinen zwar sehr streng mit mir (liegt an den angesprochenen „Ideal“), aber ich pflege keinen „strafenden“ Umgang mehr mit mir.
    Es ist keine Niedergeschlagenheit, die aus den Worten der Lebensaufgabe „Lob und Dank annehmen können“ herausgelesen werden soll (und wenn doch, dann eine fröhliche Verzweiflung). Es geht mir mehr um Akzeptanz. Annehmen wie ich war, bin und zum Teil bleibe. Solche Verhaltensweisen gehen nicht einfach weg. Sie verweilen, werden möglicherweise schwächer, sind aber bei „Nichtbeachtung“ in Situationen nach liebloser Kritik, sehr schnell wieder aktiv, um die eigen Wertlosigkeit, das persönliche Gefühl von Versagen zu bestätigen. Das gilt es für mich dann zu hinterfragen.
    Einen weit aus längerem Beitrag – wie sowas bei mir geschehen konnte – habe ich beim „Wollen“ „abgelegt“.
    Anerkennende Grüße – Uwe.

    Hallo Old Flatterhand
    Du hast nachgefragt und ich versuche mal eine Abrechnung. Die Bücher, die ich gelesen habe und lesen musste, waren nicht alle harmlos, für mein Selbstverständnis.
    Die Beharrlichkeit von Vater und jugendlichen Umfeld, die gelesene Literatur damals, hat zu einem idealisierten und magischen Weltverständnis bei mir geführt. Ich habe nicht nur ein Jagdmesser und ein Kaffeservice mitbekommen.
    Ich dachte meine kommunistische Ideologie wäre für mich mit ihrer teilweisen Widerlegung und dem Leben, im ehemals verhassten, Kapitalismus gestorben und begraben, zumindest vergessen oder gleichgültig geworden.
    Es gab Jahrzehnte, wo ich ihr mein Leben geopfert hätte, wo zwischen mir und dem Ideal kein unterschied bestand. Ich gerne das Los der Wegweiser übernehmen wollte und mich auch dazu in der Lage fühlte. Ein wesentliches Ergebnis, meiner Interpretation, des verschlungenen Lesestoffes.
    Doch langsam schlich sich eine grundlegende Unsicherheit in mir ein, ob ich den nicht immer einsehbaren Direktiven gewachsen war, ob ich mich nicht ständig an der absoluten Tugend schuldig mache und binnen kürzester Zeit, eine nicht messbare Strafe auf mich wartete. Ob ich nicht jegliche Sympathien verloren oder mir den Unmut der Partei zugezogen habe. Eine lebensgefährliche Furchtsamkeit belauerte mich bei den Worten Unwürdig und Ausgestoßen. Es ist meinen Kaderschmieden gelungen, dass ich mich über Jahre ausgestoßen gefühlt habe. Es war an mir so viel unvorteilhaft, dass ich nicht mehr liebenswert war. Die jetzige und die spätere Welt bestand aus Beschützten und Anklagten – und ich hing über den Abgrund zur Schlachtbank, zur Unwürdigkeit. Früh schon wurde mit meiner geglaubte Besonderheit gespielt, und ich war nahezu ungeschützt in diesem Spiel.
    Ich glaube, dass es die unbewusste bzw. auch gewahre Hoffnung meiner Eltern gab, ich werde einst einen bedeutenden Beruf ergreifen und etwas bewegen.
    Der Hinterhalt war, dass um mich herum, die Menschen die mir wichtig waren, keine Zweifel hegten. Es war es Wert für diese Ideologie alles zu geben, weil sie herzlich und großmütig war. Selbst im Hinblick auf die drakonischen Strafen – wobei der Liebes- oder Beziehungsendzug den Schlimmsten darstellte. Nicht Anteil zu haben, an der Verbesserung der Welt.
    Die Geschlossenheit und Enge meiner Welt, hat die Werte überhöht. Es war die Rückgewinnung einer verlorenen Dimension versprochen worden, und ich konnte maßgeblich davon ein Teil sein. Meine Bezugspersonen führten dieses aufgeblähte Leben – äußerlich anspruchslos, innerlich den Anderen immer überlegen. Ich war mitverantwortlich für den Glanz, den Sinn der historischen Revolution. Ich musste mit beweisen, dass Marx und schließlich die Partei, Recht hatten. Die inneren, dafür erbrachten Opfer sind immer wertvoller geworden, je realitätsfremder das Absolute wurde. Ohne dem gemeinsamen und insbesondere dem eigenen Gefühl von Grandiosität, wäre es nicht auszuhalten gewesen. Verschlagen ist mit meinen narzisstischen Bedürfnissen umgegangen worden. Sensibel wurden die Grade der Auszeichnung gestaffelt. Kunstfertig war das Angebot von Nestwärme, Erziehung, Glorie und Einmaligkeit gemischt. Sodass ich mich jederzeit den individuellen, verdeckten und unausgesprochenen Bedürfnissen bedienen konnte.
    Ich kann mir diese maßlose Trostlosigkeit und Scham, beim Zusammenbruch der sozialistischen Gemeinschaft nicht anders erklären, als dass diese Ideologie als Versprechung weiter in mir gelebt hat. Ich hatte mich angewidert abgewandt, doch sie hat als ein Gefühl der Größe in mir überlebt.
    Ich habe versucht, sie durch Menschen zu ersetzen – doch was waren die schon gegen das innere Ideal. Ich habe es kaum geschafft, einen Menschen gerecht zu werden – geschweige denn den interpretierten „Großen Ganzen“. Das unbewusst in mir gebliebene Bild des Vollkommenen, hat alles verkleinert und verächtlich gemacht.
    Mag sein, dass die Grundlage für meinen Selbsthass viel früher gelegt wurde – doch durch das festhalten an das Bild einer besseren Gesellschaft, habe ich sie verwaltet und sie wurde ausgenutzt. So konnte ich keinen Menschen (auch heute noch schwer) glauben, wenn er sagte: „Ich mag dich.“ Fing jemand an mich zu mögen, lieferte er lediglich den Beweis für seine eigene Wertlosigkeit – ein zerstörerischer Mechanismus.
    Es war nunmehr so, dass ich meinte, ein Leben ohne diese allumfassenden Werte wäre nicht auszuhalten. Es war ja das Fundament der Gerechtigkeit. Eine Hoffnung, ganz tief verborgen im Unbewussten, unzugänglich, lächerlich für den alltäglichen Gebrauch, aber mächtig wirksam in der Lebensgestaltung als Größenwahn und Leidensbereitschaft, ja Leidensgier. So habe ich begonnen mich zu bestrafen, weil kein anderer meine Schuld erkannte. Ich konnte mich keinen anderen wirklich zeigen, durch die Schande des Ungenügens.
    Dieses Gefühl der Unzulänglichkeit, des Versagens an elementarer Stelle, lebt nicht mehr ausdauernd in mir – doch bei manchen Gelegenheiten, überkommt es mich, wie eine allumfassende Katastrophe. Ich habe diese machtvolle Angst vor eigener Fehlbarkeit lange weggeschoben und auch heute erst bruchteilhaft bearbeitet. Ich werde wohl kaum ganz frei davon werden – doch immer wieder aufs Neue versuchen es ein Stück weit zu ertragen. Warum sollte ich mich schämen, dass auch ich mich habe überreden lassen, der „Sohn der Revolution“ werden zu wollen.
    Ich habe, so glaube ich, mit einer Portion Sarkasmus und ehrlichen Humor, vor vier Jahren angefangen, dem ganzen die Macht zu nehmen – mit guten bis mäßigen Erfolg. Um es näher zu untersuchen, braucht es wahrscheinlich mehr, als ein paar gute Freunde oder eine Gruppe von Leidensgenossen – es wird eine Lebensaufgabe, der ich nunmehr gerne Stelle. Es bleiben die Werte – doch Zweifel für die Erreichbarkeit sind erlaubt.
    Da habe ich mich ganz schön nackig gemacht – hat aber ziemlich gut getan es einfach mal aufzuschreiben – ein Stück Wut (nicht auf mich) loszuwerden.
    LG: Uwe

    Hallo Manfred und Hartmut
    Euer Dialog ist ein Stück gelebte Selbsthilfe und gibt mir (auch ohne es zu kommentieren) eine Vielzahl an Anregungen, wie Kommunikation innerhalb der Suchtselbsthilfe aussehen kann. Unkompliziert in der Sprache; Nachfragen bei Unverständnis, Ich-Sätze und keine Wertungen. Danke.

    Hallo Old Flatterhand
    Ich werde deine Gedanken zum Jagdmesser und dem Kaffeservice beim „Wollen“ aufgreifen. Die Thematik steht eigenartigerweise im direkten Zusammenhang, mit einer „selbstauferlegten“ Hausaufgabe aus dem Wochenende in Augsburg (Gottesbilder bzw. Ideologien). Mich im „Kleinen“ an diese äußere Beharrlichkeit heranzutasten, kommt mir sehr gelegen. Das wird vermutlich ein Weilchen dauern.
    Danke und bis demnächst – Uwe.

    Hallo Jürgen
    Psst! Mal leise und so ganz im Vertrauen (B.C. höre (lese) mal drüber weg – ich bewerte gerade), ich beobachte ähnliches. Sie tappt zwar ab und an noch in die selbst gelegten Fallen – geht aber immer besser, d.h. gelassener und souveräner, damit um.
    Etwas lauter.
    Ein Thread von dir z.B. „Keine Suchtberatung – aber meine Meinung!“ fänd ich hervorragend.
    LG - Uwe

    Hallo Hartmut
    Mir persönlich ist es noch nicht vorgekommen, dass ein Rückfall gewissermaßen als Notwendigkeit bzw. stärkende Erfahrung in Therapieeinrichtungen vermittelt wurde. Es macht aber gelegentlich einen immensen unterschied, was und wie es gesagt wurde – und was und wie es bei den Klienten ankommt.
    Es macht für mich deshalb immer wieder Sinn genau nachzufragen. Wenn jemand in unsere Gruppe mit den Bericht kommt: „Mir ist gesagt worden, dass ein Rückfall nicht schlimm ist und ich kann sofort wieder kommen um ihn aufzuarbeiten.“, frage ich genau nach. Was war die konkrete Aussage? Kannst du dich an den genauen Wortlaut erinnern oder ist es deine ureigene Übersetzung dessen was vermittelt werden sollte? Die daraus entstehenden Gespräche sind viel spannender und zuweilen ergiebiger, als die vermeintliche Kernaussage. Sie zielen auf die eigene Befindlichkeit mit der Thematik und die persönliche Entscheidungsfindung.
    Petra, was du erlebt hast, will ich damit nicht in Frage stellen – du hast aber daraus die für dich richtige Konsequenz gezogen. Schon allein deswegen war es so in Ordnung.
    Vielleicht bin ich aber auch nur ein naiver, idealisierter Optimist und übersehe dabei die „Boshaftigkeit“ der Umwelt. :lol:
    Sonnige Grüße aus Lauf - Uwe.

    Na, Old Flatterhand
    Es ist doch reizlos, wenn wir dir nicht ab und an eine Aufgabe stellen würden. Ich denke aber du findest eine für alle Seiten versöhnliche und vergnügliche Lösung dafür.
    Ich freu mich darauf und geh mir erst mal ein Buch kaufen - Uwe :P:lol: