Beiträge von uwe.rothaemel

    Hallo Old Flatterhand
    Erinnerst du dich – beim Kaffeeklatsch? Die Helden aus der Vergangenheit?
    Ich hatte viele. Aus der schon frühen Annahme heraus, nie irgendwo anzukommen oder dazuzugehören, einer übermächtigen Furcht vor der gelebten Einsamkeit inmitten von Menschen, habe ich mit den Schattenrissen gesprochen, gelebt und gelitten, die in vollen Bücherregalen auf mich warteten. Meines Vaters Sammelleidenschaft und seine Beharrlichkeit, haben sie mir näher gebracht.
    Ich habe kein Genre ausgelassen, auf der Suche nach dem Idealen. Doch keiner hat mich auf das Scheitern vorbereitet. Ein Toter Held – ein Versagen des Autors. Eine Antwort in der Schwebe, offene Fragen – keine Befriedigung.
    Ich habe lange Wissen, mit dem sammeln von Informationen verwechselt.
    Heute interpretiere ich diese, lese sie auch wieder neu – mit der Zielsetzung zu verstehen (oder eben auch nicht). Märchen, Romane und Gedichte bekommen Bedeutungen, Figuren Konturen und ich mein Selbst zurück. Ein relativiertes Verhältnis zu den eigenen (nicht einzigen) Wahrheiten.
    Gerade Schillers Glocke, lässt viel Spielraum für persönliche Interpretation des Werdens. Ein „auswendig lernen“ ist nicht notwendig und eher hinderlich für Reflexionen.
    Auch Friedrichs Ns. Zitat liest sich im Kontext, dem Zeitgeist und den persönlichen Wertegang (Zarathustra erhält diese Wahrheit für seine Seele, aus dem Munde eines alten Weibleins!) etwas anders. Doch vielleicht nehme ich das auch wieder mal zu ernst.
    Gute Nacht für heute, war ein langer Arbeitstag – Uwe.

    Ist es erlaubt die Stille zu unterbrechen? Ich nehme mir leise diese Freiheit.
    Schweigen ist eine der unmittelbarsten Verbindungen. Zu oft jedoch wird sie uns zur Strafe gereicht. Als Unwohlsein und direkter Schmerz wahrgenommen.
    Auch ich kann die innere Stille nur ertragen oder hören, wenn außen kein Lärm ist.
    Doch in jener seltenen Stille in mir, begegnen mir die wirklichen Wünsche, ein Stück des Wollens. Dabei kann es geschehen, dass im Moment des Friedens, auch meine Narben mit schweigen.
    Verspätete Blümchen – Uwe.

    Hallo Hartmut
    Was bedeutet es Alkoholiker zu sein?
    Die Fragestellung ist nicht klar. Die Antworten zielen somit auch auf die persönlichen Notwendigkeiten für die Trockenheit und werden doch allgemein behandelt.
    Was bedeutet es für mich Alkoholiker zu sein?
    Nun, die Bedeutung, die ich dem beimesse, verschiebt sich mit der Lebenseinstellung. Und die verändert sich fortlaufend – mal schneller, mal langsamer.
    Zu Beginn der Abstinenz war es ein Makel, eine Blamage, ein Versagen. Die Wertigkeit war in direkter Wahrnehmung zum Wort und meinen Vorstellungen davon. Ich hatte demnach alle Voraussetzungen für einen lebenslangen Kampf. Davon bin ich aber heute sehr weit entfernt.
    Alkoholiker - oder in meinem Verständnis – die entsprechenden Verhaltensweisen der Sucht, sind ein Teil meiner Persönlichkeit, machen aber nicht den ganzen Uwe aus. Daher brauche ich diesen Teil auch nicht alles unterzuordnen (ich bin zum Beispiel auch Fußballfan – ein Clubbberer! Deswegen gehört eine gewisse Leidensfähigkeit zu meinen Leben, aber keine dauerhafte Trübsinnigkeit). Beides, und vieles andere in und an mir, hat mittlerweile seine besondere Aufmerksamkeit, doch keines eine Erschöpfende und damit möglicherweise eine Unheilvolle Bedeutung.
    Aus dem vermeintlichen Versagen ist eine Chance erwachsen. Für die neue Lebensqualität, hat der Alkoholiker in mir, eine wertvolle Bedeutung gehabt. Er war der Weckruf. Es waren allerdings die anderen Persönlichkeitsstrukturen, die in mir (etwas vernachlässigt) auch vorhanden waren, die für eine neue Lebenseinstellung verantwortlich sind. Denen messe ich heute auch eine größere Bedeutung zu, als denen, die dem Alkoholiker vorteilhaft erscheinen.
    Individualisierte Grüße – Uwe.

    Hallo Kerstin
    Wie geht’s dir nunmehr?
    Wer nach Rat fragt, wird meist mit dem konfrontiert, was jeder für sich, als das Beste erlebt hat. Inwiefern dir das in deiner momentanen Lebenssituation etwas helfen kann – ich weiß es nicht. Mich persönlich würde es lediglich verwirren.
    Hier im Forum zu lesen kann aber auch beruhigen.
    Zu schreiben hat für mich den Effekt, dass es eine andere Qualität annimmt, als im Kreis zu denken. Es ist etwas greifbarer. Was hat dich bewogen, mit dem trinken aufzuhören?
    Was unterstützt dich dabei?
    Und aus Neugier - Welche Motive zeichnest du?
    LG – Uwe.

    Hallo Melanie
    Für mich persönlich, bedeutet Demut keine Selbsterniedrigung, kein „sich beugen“. Es ist für mich ein Erkennen der eigenen Unzulänglichkeiten, ein Stück Akzeptanz der eigenen Person – mit ihrer Fehlbarkeit. Vielleicht Zufriedenheit mit sich selbst (sehr schwer und ich bin davon etliches entfernt). Das Gegenteil von Hochmut.
    Hochmut und Stolz sind für mich aber nicht gleichzusetzen. Stolz ist auch Selbstsicherheit, Eigenbewusstsein und Würde. Er ist gewissermaßen, bei mir, für die nötige Selbstachtung und eine erforderliche Dankbarkeit an mich selbst berechtigt.
    Jeder hat sicherlich eine eigene Vorstellung von den Tugenden aus der eigenen Erlebniswelt, der Erziehung und den Erfahrungen. Ich finde es gut, dass du immer wieder verschiedenes zur Disposition stellst und sei es nur, um für mich die eigenen Vorstellungen abzugleichen oder zu ergänzen.
    Danke, und gute Woche – Uwe.

    Hallo B.C.
    Mir finden hier (und auch andernorts im Forum) gelegentlich zu viele Bewertungen statt. Doch wer soll sagen, was „richtig“ und was „falsch“ ist.
    Dabei ist es ohne Gestik, Mimik und dem Nichtwissen der Lebensumstände des anderen, für einige regelrecht unmöglich, nicht zu interpretieren. Schwammige oder ungenaue Angabe über die jeweilige Situation und unklare Begriffsvorstellungen laden weiterhin zu Missverständnissen ein.
    Ein wichtiger Bestandteil bei realer SHGs, ist es, dass aktive ZUHÖREN zu üben. Umso wichtiger erscheinen mir im Netz ein genaues DURCHLESEN und ein versuchsweise verständliches SCHREIBEN.
    Ich bin nicht frei davon, diese „Regeln“ zu vernachlässigen. Ein Bemühen darum, ist denke ich, aber erkennbar.
    Selbst die Worte „Frischling“ und „Langzeittrockener“ verleiden zu einer Bewertung, können als Entwürdigung oder Anmaßung gedeutet werden. Zum anderen stell ich mir dann die Frage (nur theoretisch) „bin ich „berechtigt“ zu antworten? Ist es gewollt? – bei lediglich vier Jahren Abstinenz?“
    Ich persönlich sehe das Forum für mich als eine Art Übungsplattform - gerade in der Hinsicht der Kommunikation.
    • Antworten nicht als „Angriff“ zu verstehen.
    • Ein Stück weit Toleranz für andere Meinungen zu entwickeln.
    • Die Vielfalt kennenzulernen.
    Das erleichtert mir meine Verhaltensweisen zu überprüfen (mich und mein Selbstbild zu werten, zu hinterfragen und auch zu korrigieren). Gerade der Umstand, des zeitlichen Abstands für den post, das Schauen „was macht das gerade mit mir – und warum?“ gibt mir die nützliche Gelegenheit dafür.
    Ich habe eine Ahnung - besser - kann ich mir vorstellen, dass die Umstände, die dich hier ärgern und manchmal wütend machen, dir im „wahren“ Leben ebenso zu schaffen machen.
    „Was ist es?“, mit welchen Verhalten ich dann und wann, Menschen zu Reaktionen einlade oder provoziere, mit denen es mir letztendlich nicht gut geht, ist eine dauerhafte Selbstbefragung für mich geworden. Deswegen brauche ich nicht alles zu ändern – manches ist auch so notwendig - wie eben auch die Fragestellung an sich.
    Schöne Woche – Uwe.

    Guten Morgen Matthias
    Danke – und trotzdem ist es mir wichtig, deine Aussagen ein Stück weit zu relativieren.
    Es ist definitiv nicht Meine Gruppe – ich bin ein Teil davon.
    Und ein Seminar mag zeitliche Begrenzungen haben, doch die Inhalte wirken sehr lange nach. Das Wochenende ist also nicht vorbei.
    Zufällig?-erweise war das Thema Gruppe, ein zentraler Punkt, in diesen drei Tagen. Wir haben uns zusammen - sozusagen am eigenen Modell – grundlegendes erarbeitet. Es war spannend zu erleben – was habe ich „instinktiv“ schon umgesetzt?, welche Ansätze sind notwendig oder vorteilhaft – welche eher weniger? Eine sehr runde Geschichte mit vielen Anregungen. Das „Verdauen“ wird noch eine Weile dauern.
    Gute Woche – Uwe.

    Matthias, dann lieber doch noch eine Antwort, bevor ich für drei Tage den Computer ausschalte.
    Ich habe nichts „schaffen müssen“. Ich habe keinen „Kampf“ geführt. Ich habe mich auch nicht neu erfinden müssen. Und - Ich hatte die Zeit dazu und die für mich richtigen Begleiter.
    Ich habe gelernt, Vertrauen zu entwickeln - insbesondere in mich selbst.
    Ich habe geübt, mich und meine Gefühle wahrzunehmen, zu verstehen und zu hinterfragen.
    Ich habe zu verstehen versucht und teilweise verstanden, warum ich so bin, wie ich bin.
    Wer und Was ist mir wichtig? Wo bin ich wichtig? Waren die Fragen, die für mich nach einer Antwort verlangt haben.
    Sicher war zu Beginn auch Trotz dabei; natürlich ist Ehrlichkeit zu sich selbst kein „Zuckerschlecken“; Scheitern und das Eingeständnis dafür, keine Selbstverständlichkeit.
    Ich habe die Auseinandersetzung mit mir selbst gesucht und geführt. Das lässt den Alkohol nicht verschwinden, sondern hat mir gezeigt, wofür und warum ich ihn eingesetzt habe. Das hebt die „Macht“ die ich ihm gegeben habe nicht auf, relativiert aber die Tragweite, die ich dem Suchtmittel beimesse. Auf dieser Basis ist die vermeintliche Konfrontation keine Aufgabenstellung mehr, die ich zu bewältigen habe, kein Drahtseilakt, wo ich mich ständig zu beweisen habe.
    Ich brauche kein Hilfsmittel mehr, zur Selbstverwirklichung. Ich reiche mir vollkommen aus. Ein Stück Freiheit und viel Eigenverantwortung – nicht immer leicht, doch lebenswert in allen Konsequenzen.
    So, nun aber Tschau – bis Montag.

    Hallo O.F.
    Keine Sorge, für so wichtig halte ich mich gar nicht. Ich habe nicht nur geschmunzelt, sondern (inklusive der Antworten) auch gelacht. Ein Smilie zum Kaffee, hätte dies aufklären können – leider vergessen.
    Etwas zum nachdenken nachzulegen, gehört zu meinen Eigenarten.
    Entspannte Grüße – Uwe.

    Hallo
    Bevor ich mich wieder in ein Verlängertes Seminarwochenende verabschiede, will ich noch ein paar Gedanken zu mir und meinem Beruf loswerden. Es sind einige aktuelle Anlässe im Forum, die mich dazu bewegen. Einiges wird vermutlich eine Wiederholung von schon geschriebenen darstellen, anderes ist für euch vielleicht neu.
    Zu Beginn: das ist weder eine Rechtfertigung, noch ein Plädoyer – es ist einfach nur mein Umgang, meine Herangehensweise, meine Philosophie.
    In einer sehr frühen Phase meines abstinenten Lebens, ist mir nahe gelegt worden, dass nicht das Suchtmittel an sich, sondern meine Verhaltensweisen, meine inneren Konflikte und der Umgang damit sowie eine vergleichsweise „ungesunde“ Lebensart im Bezug der Aufrechterhaltung oder dem Eingehen von persönlichen Beziehungen, eine Aufgabe für einen Veränderungsprozess darstellt.
    Nun ist mein Berufsleben mehr als nur ein Arbeitsverhältnis. Es ist eine persönliche Beziehung, die durch ihre Dauerhaftigkeit, für mich, durchaus familiären Charakter angenommen hatte. Abgesehen davon, dass mir der Beruf im Restaurant mehr als nur „Spaß“ machte, habe ich meinen Lebensstil danach ausgerichtet. Anders gesagt – die Arbeit war mein Leben. Sinnhaftigkeit zog ich aus den Ergebnissen meines Berufes. Anerkennung, Respekt und Dankbarkeit kam lediglich aus dieser Beziehung.
    An anderer Stelle habe ich geschrieben, dass ich mir sehr wohl vor vier Jahren Gedanken darüber gemacht habe: „Ist das was ich tue, auch das, was ich will?“
    Wenn ich weiter arbeiten wollte, war es dann nicht besser, den Beruf hinter mir zu lassen, etwas Neues zu beginnen und alle Energie in eine andere „Beziehung“ zu investieren?
    Der Beruf war aber scheinbar nicht die Ursache meiner Probleme – der Umgang mit dem „Verhältnis“ offensichtlich aber schon.
    Wie im „wahrem Leben“: was ich in dieser Beziehung (bei null Veränderung meiner Einstellung) nicht hinbekomme, werde ich in der nächsten wahrscheinlich auch nicht schaffen. Nach einiger Zeit kommen ähnliche oder die gleichen Probleme auf.
    Es war damals (und heute immer mal wieder) wichtig – zusammen – die Beziehung zu hinterfragen, die gemeinsamen und die unterschiedlichen Vorstellungen zu bewerten und gegebenenfalls zu korrigieren. Ich habe dadurch seitdem ein weitaus ehrlicheres Verhältnis zu meinen „Dienstherren“. Die Erwartungen sind definiert, weil ich darüber rede. Meine Prioritäten haben sich verschoben. Ich lebe nicht mehr für die Arbeit. Die Ansprüche, die an mich gestellt sind, kann ich ohne Selbstaufopferung erfüllen. Mein Verständnis für die eigene Bedürftigkeit hat sich gewandelt.
    Die Weiterentwicklung, die Veränderung der persönlichen Umgangsformen mit den Umständen, haben es mir ermöglicht, das zu tun was ich will. Der Erfolg, der durch diese „Beziehungsarbeit“ entstanden ist, hat genauso Auswirkungen auf mein Leben außerhalb des Arbeitsverhältnisses. Die Erkenntnis: „weg von den Anderen – hin zu mir und meinem Selbstverständnis“, hat im Privaten ebenso Einzug gehalten.
    Das war ein langwieriger, auch von Rückschlägen gekennzeichneter, Weg und Verlauf. Persönliche Veränderungen sind „schmerzhaft“, dauern (und dauern an), weil sie die eigenen Eitelkeiten beschneiden, Vorstellungen und Ideale über den Haufen werfen. Es hat sich für mich gelohnt.
    Schönes Wochenende – Uwe.

    Hallo Matthias und Old Flatterhand
    Es lässt sich lediglich herauslesen, dass Egon eine Entscheidung getroffen hat. Welche weiß ich nicht. Spekulativ kann diese auch im direkten Zusammenhang mit Frau Schmitz stehen. Meist sind es nicht die offensichtlichen Begebenheiten, sondern die Geschichte hinter der Geschichte, die den Grund für bewusstes wie unbewusstes Handeln liefern.
    Schade, jetzt hab ich den Witz kaputt gemacht.
    Schöne Zeit Uwe.

    Hallo Jil
    Nach einem Rückfall im negativen Denken festzuhängen, ist die Regel. Das „Warum?“ rotiert im Kopf, und es lassen sich keine Antworten erkennen.
    Manchmal ist es hilfreich aufzuschreiben „Was hat mich zum aufhören bewogen?“, um etwas Ordnung in die Gedanken zu bekommen. Zu Beginn meiner abstinenten Lebensweise, war dies zumindest ein guter Grund für ein weitermachen.
    Gutes Gelingen - Uwe

    Hallo Matthias
    Sicher ist es hilfreich und zuweilen auch notwendig Medikamente einzunehmen, wenn alleine dadurch eine bessere Lebensqualität erreicht werden kann. Lediglich in den Fällen, wo durch persönliche Gestaltung und Eigeninitiative eine Veränderung der Umstände möglich ist, finde ich es zu bequem – gewissermaßen (meine Meinung) auch unverantwortlich mit Pillen „Therapien“ zu betreiben.
    Was deinen Rücken quält, weiß ich nicht – das die fehlende Hand sich meldet, ist sicher hässlich (ich weiß das dies die Schmerzen nicht im geringsten beschreibt – ich hatte einen Opa mit verlustigem Bein). Du hast gelernt damit umzugehen. Das ist für mich das entscheidende. Die Herausforderung anzunehmen und daran zu wachsen. Was anderen eine Zumutung ist, ist deine Wahrheit.
    Die Begegnung mit dem Schwierigen, erschreckt zumeist mein Umfeld. Meine Direktheit im Bezug auf meine Sucht (und meine Beine) mögen einige unerträglich finden, für einige ist diese Seite des Lebens auch eine Unverschämtheit – es ist aber lediglich meine Herausforderung an die anderen. Ich nehme und mag es nunmehr so wie es ist. Das was mir zugemutet wird ebenso, wie dass, was mir zugetraut wird – inklusive mancher Schmerzen.
    Gute Woche – Uwe.

    Hallo Melanie
    Weil ich heute Zeit hatte, einen ausführlichen und sehr zufriedenen Winterspaziergang gemacht habe, die Gelegenheit eben günstig war, habe ich mir mal etwas länger über meinen Egoismus nachgedacht.
    Wie oft bin ich selbstbezogen genug, um als egoistisch zu gelten, und ist das wirklich so schlimm? Sind es lediglich meine eigenen Vorstellungen, die mir dabei die unangenehmen Gefühle auslösen, fehlt mir die sonst gewährte Anerkennung oder bin ich egoistisch tatsächlich ein schlechter Mensch?
    Der Duden hält für den Begriff ein breites Spektrum der Synonyme bereit: Von der Eigenliebe oder Selbstliebe (die ich als notwendig erachte) – über Selbstbezogenheit oder Egozentrik (was ich als noch verträglich bezeichne) – bis zum Eigennutz, der Selbstverliebtheit und dem Narzissmus (was als negativ besetzt von mir interpretiert wird).
    Ich denke, bei der Fragestellung geht es weniger darum, was andere tun, sondern wie ich damit umgehe – mit mir und der Situation. Was ist mein Gefühl dabei und ist dies angemessen.
    Das, was ich mit dem Begriff verbinde, kommt also auf die Situation, meine Interpretation und meine Vorstellungen von Moralität an. Es hat entscheidend mit meinem Selbstverständnis zu tun, mit dem Selbstbild dem ich gerecht werden will.
    Was ist nun daran „krank“ oder „gesund“ bzw. „normal“?
    Letztendlich geht es mir doch darum, ein gutes Gefühl bei meinen Handeln und Wollen zu bekommen. Wenn aber, wie bei mir, meine eigenen Bedürfnisse zu guter Letzt keine Beachtung mehr fanden; mein Leben an den spekulativen Erwartungen von anderen gekoppelt war, kam es unweigerlich zu dem Konflikt zwischen dem, was für mich nötig gewesen wäre und meinen Idealen. Ein guter „Grund“ zum saufen. Mein persönliches Missverständnis von „egoistisch“, ein zu wenig Eigennutz - oder besser in solchen Fall zu wenig Selbstschutz – war ein (nicht der einzige) Motor für die Sucht. Das zu erlangende „gute Gefühl“ war nicht vereinbar für ein selbstbestimmtes Leben.
    Was mach ich heute anders?
    Ich frage gelegentlich nach, ob es etwas ausmacht meinen Wünschen entgegenzukommen (das verständnislose Kopfschütteln des Gegenübers verwirrt mich manchmal immer noch). Ich weiß, dass mein „schlechtes Gewissen“ lediglich ein erinnertes Gefühl aus meinen idealisierten Vorstellungen ist (das ist richtig beruhigend). Ich handle nach meinen Wünschen uneingeschränkt, solange ich die Grenzen anderer nicht verletze. Das hat mein Selbstverständnis verändert, dem Selbstwert gestärkt.
    Mein Selbstbild ist wandelbar, zumindest meine Wertung darüber. Was mir heute egoistisch erscheint, ist morgen möglicherweise notwendig oder nicht mehr wichtig. Die Orientierung was mir gut tut, wird nunmehr ab und an korrigiert – egoistisch? Nein ein wohltuendes Gefühl.
    Gruß - Uwe

    Hallo Penta
    Ich denke, wir meinen dasselbe. In der Therapie habe ich eine Entwicklung durchlebt und Grundlagen für meine Veränderungen im Handeln erlangt. Die Therapeuten (in der wörtlichen Übersetzung sind sie „Diener“ meiner Weiterentwicklung), haben bei mir „verschüttetes“ Wissen wieder freigelegt. Meine eigenen Gedankenverbote („das geht gar nicht!“; „so etwas ist für mich nicht machbar!“…) zu hinterfragen war ihre Aufgabe.
    Die Ursache für die „gesunden Vorgänge“ in der Biochemie des Gehirns sind also die veränderten Verhaltensweisen und nicht umgekehrt.
    Die Pillen dafür (Hans, sie sind schon gefunden) behandeln lediglich die Symptome. Sie beeinflussen meine Gefühlswelt, aber nicht mein Tun. Meiner Meinung nach ist eine solche Vorgehensweise bedenklich und wenig hilfreich bei meiner „leichten“ Neurose.
    Selbst bei meinen „dunklen Tagen“, wenn Niedergeschlagenheit meinen Morgen begrüßt und mich bis zur Nacht begleitet, möchte ich kein künstliches „Aufhellen“ haben. Ich nehme mir den Freiraum es entweder mal auszuhalten oder eben aktiv etwas dagegen zu tun – je nachdem wie „schmerzhaft“ ein hinschauen nach den Ursachen ist.
    Danke Penta und unbeschwerten Sonntag - Uwe

    Nun ich habe noch nicht diese Langzeiterfahrung. Im „wirklichen“ Leben übe ich mich noch. In der direkten Kommunikation passiert es mir oftmals, dass die „Drei-Mal-Durchatmen-Taktik“ versagt. Gelingt mir jedoch immer besser eine andere Meinung als das stehen zu lassen, was sie ist – eben nur eine andere Meinung.
    Die Freiheiten und Rechte, die ich mir gewähre auch anderen zuzugestehen, ist mir nunmehr sehr wichtig. Selbst wenn diese völlig konträr zu meinem sind, ist es nicht meine Aufgabe, sie in meinem Sinne zu „Verbessern“. Ein Stück Gelassenheit.
    Gruß – Uwe.

    Hallo Hartmut
    Den Umgang, den ich jetzt mit mir pflege, ist keine Geschichte, welche von heute auf morgen passiert ist. Ich habe mit Sicherheit zu Beginn meiner Abstinenz einige „Dummheiten“ gemacht, wo ich auch mit gewissem Hochmut meine „Taten“ gepriesen habe. Das empfehle ich keinen anderen – ich hatte gewissermaßen auch einiges Glück.
    Doch hat mich niemand dafür getadelt oder mir ein „Fehlverhalten“ vorgeworfen. Ich wurde allerdings auch nicht mit Applaus belohnt.
    Die Menschen, die mich am Anfang begleitet haben, waren so frei – mir meine Freiheiten zu lassen. Und dies mit dem Tenor: „Letztendlich ist es deine Entscheidung, dein Leben – denk drüber nach, ob du angemessen handelst oder ob du dich in einem Wettstreit befindest!“
    Mein Leben ist kein Projekt mehr, für „schneller – höher – weiter“ sehe ich keinen Anlass mehr.
    Waren die damaligen „Aber“-Erfahrungen für mich notwendig? Mit etwas mehr Vertrauen und einem (damals nicht gekannten) Maß an Demut – sicher nicht. Sie scheinen gelegentlich jedoch zum Veränderungsprozess dazu zugehören.
    Heute frage ich mich erst nach dem „Warum“. Wenn es sich lediglich um Anerkennung oder Trotz handelt – kann ich nunmehr davon Abstand nehmen. Auf diese Entwicklung bin ich richtig stolz.
    Die gleiche Frage stelle ich anderen auch: „Warum ist es dir so wichtig?“ und erzähle von mir.
    Darauf braucht es keine Antwort – nur ein Nachdenken.
    Gruß - Uwe

    Hallo Melanie
    Bei Begrifflichkeiten wie Moral, Toleranz, Gesund, Normal, vielen anderen (alles was wir irgendwie bewerten) und eben auch Egoismus, wird es immer schwer sein, einen Konsens zu finden. Einmal geben die jeweilige Gesellschaft und der Zeitgeist einen Rahmen vor, das soziale Umfeld kommt dazu und dann hat ein jeder einzelne noch seine speziellen Vorstellungen davon.
    Ich denke, sofern ich mich sozial verträglich zeige und mich selbst nicht schädige, kann ich für mich meinen Egoismus leben. Wo dabei die eigene „Mitte“ zwischen den Extremen liegt, werde ich immer mal wieder überprüfen.
    Ein zu viel vom „Nein“ hat mich nach der Therapie egozentrisch erscheinen lassen (war aber eine vorteilhafte Übung) – ein zu viel der Anpassung vor der Entscheidung abstinent zu leben, hat meinen Selbstwert zerstört. Der Gang zwischen den beiden Grenzen ist aber breit genug für Selbstdarstellung - und Anteilnahme.
    Gruß – Uwe.
    P.S. Hartmut: Die Diskussionskultur ist manchmal wirklich eine gutes Training im „auch mal aushalten können“, doch ebenso möchte ich Jürgen zustimmen: es ist wichtig zu wissen, was gemeint ist. Endlosdiskussionen haben ihren Ursprung in Missverständnissen.
    Unmissverständliches „Gute Nacht“ für heute – Uwe