Hallo Hartmut,
Alkoholikerin zu sein, bedeutet für mich, mir dessen bewusst zu werden/sein, dass ich wirklich keine Chance habe, mit Alkohol zu leben.
Es ist nicht der Aufbau des Feindbildes Alkohol, der mich Handlungen vollziehen lässt, die mir ein Leben ohne den Stoff ermöglichen, sondern meine möglichst realistische Einschätzung des Risikos, wenn ich tu, was ich tu.
Auf der einen Seite erliege ich dem Stoff, wenn ich ihn mir wieder zuführe und auf der anderen Seite erliege ich meinen Traumwelten, wenn ich mich überschätze. Das Ergebnis ist für mich dasselbe.
Leider gehört meine Überschätzung zu dem, womit ich mir den jahrelangen Gebrauch von Alkohol immer wieder legitimierte. Sie führte mich schon seinerzeit zum Stoff hin. Ich trage sie schon länger mit mir rum als ich abhängig war vom Stoff. Ich war es nicht nur gewöhnt, Alkohol zu trinken, sondern auch, mich immer wieder zu überschätzen.
Und meine Fehleinschätzungen werde ich nicht dadurch los, dass ich mich ein Jahr lang von Kneipen fernhalte oder meine Wohnung alkfrei mache. Das sind für mich sehr wichtige Instrumente, die mich dabei unterstützen, mich vom Stoff zu lösen. Aber mein eigentliches Problem wird immer meine realistische Einschätzung dahinter bleiben.
Für mich gibt es ein: "Ich kann nicht“. Das sage ich nicht nur so, weil mir ein "Ich will nicht." wegen irgendwelcher Ängste oder Hemmungen nicht über die Lippen kommt, sondern es drückt für mich aus, dass ich wirklich nicht dazu in der Lage bin, gesund mit Alkohol umzugehen, sofern es sowas wie einen gesunden Umgang damit überhaupt geben kann.
Aber daraus ergeben sich meine zahlreichen „Ich will nicht“.
Für die Einschätzung der Stabilität meiner Trockenheit ist es unerheblich, wie lange ich schon abstinent bin, denn ich habe mir bereits bewiesen, dass ich in der Lage bin, sehr lange zu „funktionieren“. Das ist für mich ein typisches Muster aus Zeiten, in denen ich noch trank. In dem Moment, wo es nicht mehr dieses „Funktionieren“ für mich ist, sondern Bedürfnis, komme ich dem nah, was für mich heute Leben als trockene Alkoholikerin bedeutet.
Gruß Penta