Hallo Lara,
ich kann gut verstehen, dass du helfen willst.
Will er seine Sucht behandeln lassen? Wird die Depression behandelt oder wird diese Behandlung auch nicht mehr bezahlt?
Ist er überhaupt in der Lage (Demenz/Depression) einen Eigenwillen zu entwickeln: ja zum Gesundwerden, Ja zum Thema Therapie, Ja zu Therapieziele setzen? Ist er in der Lage, sich an Therapieziele zu erinnern und hat auch die Fähigkeit, gesetzte Ziele einzuhalten?
Wenn JA (positive Einstellung, Wille und Fähigkeit zur Therapie): Wo ein Wille ist, ist oft auch ein Weg, sein Weg.
Wenn NEIN: Es gibt Menschen, die sind so krank, die können einfach nicht mehr. Die haben nicht mehr genug Kraft übrig um ein Riesenprojekt namens "Therapie" zu bewältigen. So ein Therapieprojekt kann Jahre dauern und es kostet viel Kraft: 2 Schritte vor, einer zurück. Und dann noch mal Kraft mobilisieren, jeden Tag aufs Neue. Es gibt Menschen, die wollen sich dieser Kraft-Anstrengung nicht aussetzen. Die sind müde und wollen sich ausruhen. So ein Therapieweg ist keine Wellnessbehandlung sondern harte Arbeit.
Ich kann mittlerweile respektieren, dass es - insbesondere ältere Menschen - gibt, die keine Lust haben auf diese harte Arbeit. Gesund wären sie schon gerne, aber bitte ohne Kraftanstrengung. Ich sage das voll Trauer. Am liebsten würde ich diesen Menschen die Kraftanstrengung abnehmen, doch das kann ich nicht. Wenn erwachsene Menschen sich so entscheiden, muss ich das akzeptieren.
Dann wieder gibt es Menschen, die springen dem Tod immer wieder von der Schippe weil sie das so wollen. Wer einen solchen Lebenswillen hat, der kann auch Krankheiten überwinden, die als untherapierbar eingestuft werden. Alle verfügbaren Kräfte werden gebündelt und auf ein Ziel gerichtet: gesund werden. Das bedeutet auch Verzicht. Verzicht auf Lebensqualität. Das hält derjenige nur durch, wenn er hochmotiviert ist und weiß, warum er das selbst möchte, eigene Ziele hat und auch glaubt, dass er die erreichen kann, weil er genug Kraft dafür hat. Und er hält es dann durch, wenn er genug Kraft mobilisieren kann, um sich jeden Tag aufs Neue an diese positiven Ziele zu erinnern und danach zu handeln.
Egal, welchen Menschentyp man vor sich hat, den Erschöpften oder den Kämpfer: es ist dessen eigene erwachsene Entscheidung, so oder so. Natürlich hofft man, dass dieser Mensch sich so entscheidet, dass man sich selbst über diese Entscheidung freuen kann. Dennoch: es ist das Recht dieses Menschen, seine Entscheidung zu treffen, für sich (nicht für andere).
Ich erlebe eine ähnliche Situation selbst, kenne Menschen die gerne gesund wären, aber sich nicht aufraffen können, nur halb-herzig auf ihren Körper hören. Es schmerzt mich, wenn ich dann höre, es hat doch ohnehin keinen Zweck, wozu kasteien wenn das Leben ohnehin bald vorbei ist (und ich weiss, es ist nicht vorbei, da geht noch was). Es schmerzt mich, wenn meine Gefühle da nicht berücksichtigt werden, ich will noch etwas von diesem Menschen. Und ich frage mich, wieso wird der bequeme kurze Weg gewählt, da ist doch noch steinige lange Weg, wieso wird nicht der beschwerlichere Weg gewählt, klar ist der Weg schwer, daran kann ich nix ändern, doch ich könnte begleiten. Mit der Zeit wird der Schmerz weniger. Es ist ein erwachsener Mensch. Dieser Mensch hat das Recht zu dieser Entscheidung. Und ich, ich bin auch nur ein Mensch, kein Über-Mensch. Ich kann niemanden retten. Ich habe es wirklich versucht, habe gezerrt und versucht, den steinigen Weg schönzureden. Doch ich habe erkannt, es geht nicht. Ich kann niemanden retten. Ich kann nur mich selbst retten.
Gefühlsmäßig hilft mir diese Einsicht nicht immer weiter. Ich möchte doch, dass es den Menschen, die ich schätze, gut geht. Ich würde fast alles dafür tun. Meine eigene Gesundheit? Kann die mir in dem Moment nicht egal sein? Stop. Erst kommt meine Gesundheit, dann die anderer Menschen.
Ich habe gelernt, herauszufinden, wie lange ich die jeweilige Person besuchen kann. Ich spüre in mich rein, wie lange ich meine Gefühle in dieser Situation aushalten kann. Ich hoffe und bange: was erwartet mich, eine erschöpfte Person, eine Person die so tut als wäre alles ok (was morgen ist, ist doch egal) oder taucht der Wunsch gesund zu sein auf? Fragt die Person mich um Rat, bin ich damit überfordert?
Ich habe herausgefunden, was mir gut tut und wie ich mit dieser Situation zurecht komme, ohne zuviel zu wollen. Ich kann den Status Quo akzeptieren. Es schmerzt, doch ich kann es aushalten, weil ich mir selbst gut tue und weniger für andere will, weil ich es ja doch nicht ändern kann.
Ich wünsche dir alles alles Gute, Lara.
Egal was passiert, Tu dir gut, sei gut zu dir.
Liebe Grüße
Elfi