Hallo Ihr Lieben,
ein tolles neues Jahr und Zufriedenheit für 2008 . Was für Festtage, sie waren die Krönung des Jahres. Ausgeruht, voller Freude, auch mit Sehnsucht und Erwartung reiste ich nach Berlin, Arbeit im Koffer, die ich aber 10 Tage nicht anfasste. Die Begrüßung war was bescheiden, ich erwartete in freudiges Lächeln, ein Drücken, einen Kuss, einen Kontakt, Nähe, es war mehr Fremde, mehr ein „er wartet“, „erlebt“, er ist fremd hier. Das kennen wir ja nun schon und mit der nötigen Gelassenheit, wird sich das unerfüllt Erwartete schon legen oder auch nicht, sehen wir mal.
Spaziergänge, ich machte täglich ausgedehnte Spaziergänge durch meine (bald) neue Heimat und fühle mich wie in Hessels Flaneur, als heimlicher Stubengucker. Ja, Ihr habt mich ertappt, ich spanne in spannende fremde Zimmer, von der Straße, in die weihnachtlich, hell erleuchteten großen Fenster der Altbauwohnungen in dieser großen Stadt. Ich, glotzen, fenstern, spannen, flanieren, ja, es ist geil. Es beginnt im Vorbeigehen mit der Schönheit alter Fassaden, den imposanten oft Goldverzierten, marmorbelegten Treppen und Hauseingängen. Dann geht der Kopf nach hinten, die Augen im steilen Winkel nach oben, bis unter die stuckreichen alten, faszinierenden Zimmerdecken. Gelegentlich entdecke ich eine ansehnliche Lampe oder eine ansprechendes Möbelstück und reiße meine Augen weiter auf, aber wer da rum läuft, was sich da abspielt, uninteressant, mein Leben bietet mehr als ich selbst verarbeiten kann, anderer Leute Leben brauche ich nicht abzuschauen. Auch der kalte Winter, die kurzen Tage, die beleuchteten langen Nächte bieten klare Vorteile, bei dicker Luft raus und die Stadt erleben, losgelöst, ich erlebe alles neu. In dieser Stadt kann man keine Langeweile haben und mein Umfeld, es ist Gigantisch. Ein gewisser Erich Maria Remarque hatte nur wenige Häuser weiter einst seine Zelte aufgeschlagen und deshalb werde ich von ihm gleich mal was lesen. Aber vorher kommt noch Emmas dicke Empfehlung, Zafón, Schatten der Winde.
Weihnachtserkenntnisse:
Traurig: meine geliebte Großmutter, trank nach dem Essen immer einen Kaffee mit Schuss, machte ein Nickerchen und nahm regelmäßig für die Gesundheit ihr Klosterfrauengeistergebräu, hochprozentiges Gesundheitswasser, ihre Medizin. Jeder ist selbstverantwortlich, heißt es, für die einen ist es Medizin, für die anderen, ach weiß denn ich, es ist vollkommen egal was sie einnahm, es war meine geliebte Großmutter, sie ist nicht mehr.
Dumm: dann gibt es noch meine Brüder.
Einer, dessen Frau ich am Ohr hatte, die mich dumm quatschte, weil sie ja nicht trinkt und er das Problem ist und überhaupt, sie müsste jetzt alles ausbaden. Das war einfach ernüchternd interessant, zwei Abhängige, die sich gegenseitig ins Grab bringen so oder so und ich dazwischen, da sage ich nur: ganz schnell weg.
Der andere Bruder war da schon etwas anders. Er meinte, Heiligabend seien sie dort und dort auf ein Gläschen, wir sollten doch auch vorbei kommen. Als ich hallo meinte, sagte er schnell: ja, das ist jetzt doof für Euch, nur Wasser, na ja dass müsst ihr wissen – da hat er Recht: „wir“ wissen es, aber doof, keine Ahnung was oder wen er meinte. Mir war was doof und als ich nach einer Woche mal anrief waren alle krank oder verkatert, halt daneben und er wollte sich mal melden, auf ein Käffchen, weil ich noch meinte: vorbei kommen, zum Essen, Fläschchen Wein mitbringen, klasse, aber nicht zu uns. Ihr kennt das von diesen Leuten, die unzuverlässig überall und nirgends sind, aber an allen Schrauben was drehen. Er hat sich nicht gemeldet, erst am Folgetag, um schnell zwischen 4 Terminen, nach hier und dort zu düsen, dummes, unpersönliches Zeugs zu quatschen und seine 23 Jahre jüngere Lebenspartnerin, läßt den Flachmann durch das Auto kreisen. Da habe ich mich doch lieber absetzen lassen, guten Rutsch und Urlaub gewünscht. …aber vor 6 Jahren, da dachte ich noch: unglaublich, was man hier alles darf, tolle lockere Stadt. Es ist ihre Sache, aber die Stadt, ich mache es mir hier wollig gemütlich.
Erlebt: meine Frau, Sie machte mir paar Vorwürfe hier und dort, ich machte ihr paar dumme Bemerkungen und Äußerungen hier und dort, platzte irgendwann, bin nicht stiften gegangen. Da haben wir erstmal nicht geredet und gut war es. Dann haben wir geredet und gut war es. Vieles ist wie früher, vieles ist anders, anderes ist neu für mich, meist meine Denke, mein Umgang damit, ihre Denke, ihre Reaktionen, mein Umgang damit.
Krönender Hammer: Meine Frau organisierte auf geheimen Wegen 2 Karten für das Sylvesterkonzert in der Symphoniker in der Philharmonie. Ich bin nicht eingepennt, habe nicht störend geschnarcht, ich war hellwach, 50 Musiker, 1 Dirigent, 1 Bariton, 1 Soprane schmetterten und spielten alles in Grund und Boden und ich ertappte mich, wie ich den Klängen und Geräuschen folgte, jeden einzelnen Ton den Instrumenten zuordnen wollte, jeden Spieler, jeder Bewegung der Personen in mich aufsaugte, Schwamm trocken, voll mit Musik. War das ein geiler Sylvesterabend, meine Frau war endlich wieder meine Spreeprinzessin. Die Krönung waren ihre Worte: ich dachte du stehst da gar nicht drauf.
Genau: was wir noch alles zu entdecken haben.
In diesem Sinne, es wird ein entdeckungsfreudiges Jahr.
LG Kaltblut