Hallo Ihr Lieben,
erstmal ganz schnell: Sohnemann hatte mal wieder Schwein gehabt. Kommt nach Hause, habe ihn erstmal gedrückt und er mir die ganze Story erzählt. Keine Drogen, kein Alk, übermüdet um 6h, in die Leitplanke, toll reagiert, Karre ist zwar Schrott, aber wieder einen Schutzengel gehabt. Als ich meinte: Junge, jetzt hast Du schon 2 verbraucht, die kleinen zählen wir nicht mit, da meinte er, nein 3, Kart hast Du vergessen. Stimmt, als er 10J. war, waren wir alle im Schumifieber, also Sonntagsmorgens auf die Kartbahn. Ich schaute auf den Monitor und dachte, oh den Kart hat es aber böse erwischt, Abflug von ganz oben, mit Überschlag aus der Steilkurve, dann blieb das Ding mit einem Hinterrad schräg nach oben und der Fahrer nach unten hängend auf dem Reifenstapel liegen. Krankenwagen und arme Eltern dachte ich und erkannte, dass es unser Helm war, der da baumelte. Schwein gehabt, bevor ich an der Stelle war, kam er schon lachend angerannt.
Einige Erkenntnisse hier sind mehr als merkwürdig, ich sage nicht mehr bekloppt, einfach merkwürdig, weil ich sie zwischenzeitlich nicht mehr ablehne oder verspotte, sondern annehmen gelernt habe.
Irgendwann habe ich hier etwas über Helfersyndrom und andere Abhängigkeiten, wie eben dieses zu viel lieben gelesen und dachte, den Schuh ziehst Du Dir ja nun nicht auch noch an, weg damit.
Als ich einmal gefragt wurde, ob ich denn wieder heiraten würde, da sagte ich spontan, klar sofort. Mit großer Wahrscheinlichkeit und im Rückblick auf Dinge, vor deren Betrachtung und Hinterfragung ich mich hier monatelang verweigerte, die mir einfach zu kompliziert und zu blöde waren, kann ich heute mit ziemlicher Sicherheit sagen: ich wäre unbedarft in die gleiche Situation wieder hierein gerutscht und wieder und wieder. Vielleicht nicht mit Co.- und Alkoholsucht, aber mit irgendeiner „Gebrauchtwerden-“ oder „Anerkennungs-“ oder „Geliebtwerden-“ Sucht, mit Vielfresser-, Vielarbeiter- und einer klasse Vielverdrängungsmethode. Wahrscheinlich hätte ich gesagt, hallo da bin ich wieder, hat was aufe Fresse gegeben, aber sonst alles ganz toll und auch sonst und überhaupt.
Es gibt diese Menschen, hier, bei Euch, auf diesen Seiten, die Größe, die Stärke und etwas Besonderes haben, uns genau das an der richtigen Stelle ins Hirn einpflanzen können, was uns zum Nachdenken und Begreifen bewegt. Plötzlich sehen wir Dinge, die einfach unheimlich und klar einfach vor uns erscheinen, immer schon da waren, wir haben sie einfach übersehen, wollten sie nicht sehen, waren zu, blind, taub und es stimmt auch: im Vergleich zur Alkoholabhängigkeit sind wir zwar meist körperlich etwas besser drauf, aber wir wollen vieles nicht sehen.
Heute frage ich mich auch, was das eigentlich war, diese große Liebe, dieses verzehrende, quälende, überflüssige Gefühl, mit dem wir alle hier landen. In zahlreichen Themen wird über die Liebe gesprochen und wir zaubern uns da etwas ins Hirn, was mit der Grundstoff für die Abhängigkeit ist, meiner zumindest. Real ist die Liebe mein Alibi für all meinen transportierten, versteckten Müll, mit der ich herrlich alles rechtfertigen kann. Ich mag Liebe, lieben und geliebt werden ja auch, wenn es schön und nicht überflüssig lästig belastend bis quälend ist. Wenn wir hier landen, dann ist aus unserer großen unbändigen Liebe, eine gewaltige verstrahlte Müllhalde geworden, aus den einst strahlenden Verliebten sind zerbröselnde verseuchte Strahler geworden.
Meine geliebte Frau hat mir letzte Woche eine erst verwirrende, dann ganz klare Nachricht übermittelt: „nach ausführlichen Gesprächen mit ihrem Therapeuten, hält sie ein Angehörigenseminar nicht mehr für angebracht, etvl. könnte ich, wenn ich es denn wollte, noch an einem Paargespräch teilnehmen und möchte Terminvorschläge einreichen.“
Auf ihrer Baustelle hat sich somit eigentlich wenig getan, es ist immer noch wie „bring mir das Auto“, „hol mich vom Flughafen ab“, mach, tue, drehe und sei dankbar für mich da sein zu dürfen, lass dich gebrauchen, irgendwie nass, vom Großenwahn weiter übermaßlos verwirrt. Dabei träumte ich nur ganz einfach von einer liebevoll gereichten Hand. Sie hat nicht verstanden, dass meine Luft abgelassen ist, der selbst auferlegte Leidensdruck entwischen, fort ist.
Sie hat es nicht verstanden, ich war in einer Dekontaminationskammer, mehrfach, wurde entseucht, entseucht und entseucht, gereinigt bis der Zeiger nicht mehr ausschlug, bis sich eine angenehme Wonne der unverseuchten Zufriedenheit, der reinen Gewöhnlichkeit, des loslassenden Seins ausbreitete.
Ich mag ja die unendliche Geschichte, auch Baustellen werden uns unser Leben lang begleiten, aber die Tage werden langsam wieder kürzer und ich habe es mir verdient, für mich, für mein Leben, etwas, nur ein ganz klein bisschen reales unverseuchtes Glück zu fühlen, mich unbenutzt und ungebraucht selbst zu leben.
Ich, für mich, stehe jetzt vor einem ganz anderen Problem und vielleicht fällt Euch etwas dazu ein:
In der Vergangenheit bin ich einfach mal planlos in den Bus eingestiegen, irgendwohin gefahren, habe interessantes gesehen, erlebt und kam irgendwann schulterzuckend wieder an, falsche Richtung, war aber schön. Einige Leute standen dann immer noch an der Haltestelle und wussten nicht wohin. Ich dachte dann immer, traut euch einfach, was kann schon passieren. Heute kann ich gelassen an dieser Haltestelle sitzen bleiben, reglos dem bunten Treiben der fahrenden, stehenden und wartenden Menschen zu sehen, ohne selbst den Drang zu haben, irgendetwas machen zu müssen. Nur, ich habe keine Ahnung wozu das gut ist. Es ist einfach eine wundersame erfüllte Leere.
Wenn ich in diesem Buch von Robin Norwood lese, dann geht mein Atem oft schwer und bedächtig auf und ab, finde ich mich, meine Frau und viele andere Menschen wieder, sehe warum was wie war, warum es nicht ist und was zu ändern ist. Als ich Euch fragte, warum soll meine Frau aufhören zu trinken, da kam die Antwort, damit sie zumindest die restliche Zeit bewusst erlebt.
Irgendwann ändert sich etwas, begreifen wir Zusammenhänge, wie die kleinen Rädchen der Menschenmechanik ineinander greifen. Dann stellen wir überrascht fest, es gibt nichts zu greifen, wir halten es und es fließt einfach durch uns durch, wie die Liebe, wie der Glaube, wie die Trauer, wie die Sucht, wie die Schwerelosigkeit. Schwereloses, ungreifbares, leichtes Sein.
Ist das alles kompliziert. Hätte ich einen Wunsch frei, ich wünschte mir die Menschenmechanik zu verstehen. Ich kann mit diesem Bewusstsein noch nicht so wirklich umgehen. Sich gut fühlen, wenn man gemeinsam krank ist, Liebe an der Qual messen, in das Unglück tanzen und wenn alles passt, alles richtig und OK ist, gesund ist, unser Hirn wieder richtig Tickt, was dann? Das ist alles irgendwie was oberverwirrend. Kann mir mal eben jemand dieses Buch abnehmen, vielleicht eine klatschen oder den PC ausmachen? Und Spedi, ich habe keine Ahnung ob ich gerade Masern oder eher Mums oder Windbeutel bekomme.
LG kaltblut