Liebe Freunde,
wieder sind schon soviele Tage vergangen seit meinem letzten Text und den lieben Antworten und "Mutmachungen". Ich danke euch sehr, es ist so gut zu wissen, daß ich nicht allein bin. Es ist komisch: ich fühle mich mit dem Flut-Erlebnis fürchterlich allein, obwohl ich weiss, daß alle betroffen sind. Das Trauma hat jede und jeder für sich zu bewältigen und obwohl ich mit so vielen rede, fühle ich mich dennoch allein und denke "Niemand kann das nachvollziehen.". Ich weiss, daß ist nicht richtig, aber ich beschreibe ja auch nur, wie ich das empfinde. Die Menschen hören mir entgeistert zu, wenn ich berichte und ich sehe ihnen an, daß es über den Verstand geht. Das aber kann ich ja niemandem zum Vorwurf machen. Es ist eben einfach zu unglaublich und zu schrecklich - warum sollten andere Menschen das auch zu nahe an sich ranlassen. Dafür habe ich Verständnis. Interessanterweise erkenne ich jeden "Gefluteten" aus dem Ahrtal an den Augen. Egal ob jung oder alt - alle haben die gleichen Erschöpfungs-Augen aus dem Horror der letzten drei Monate zurückbehalten. Und alle machen diese unglaublichen Erlebnisse der letzten drei Monate um Jahre älter, auch mich. Manchmal frage ich mich: wie wird mich das verändern? Werde ich mich irgendwie ändern? Wie werde ich zum Beispiel in ein oder drei Jahren sein, wenn Tod und Verwüstung längere Zeit zurückliegen? Und wie werde ich damit umgehen, wenn ich sehe, daß Menschen ihre Häuser und Wohnungen wieder nahe am Wasser aufbauen? Ich reagiere schon jetzt gereizt, wenn mir Nachbarn und Kollegen voller Überzeugung sagen, diese Sturz-Flut habe mit dem Klimawandel nichts zu tun. Das sind die gleichen Nachbarn, die im Sommer jeden Abend den Grill anwerfen und sich Heizpilze in den Garten stellen, damit sie es beim Rauchen schön warm haben. Dann steigt Wut in mir hoch und ich tröste mich mit dem Ende eines älteren Gedichtes von Erich Kästner, in dem er zum Ausdruck bringt, daß am Ende die Menschen, genauso wie die Affen, auf den Bäumen sitzen und nichts tun werden.
Ich trinke nachwievor nicht. Egal, was seit meinen nüchternen Tagen im Jahr 2006 geschehen ist: ich bin zufrieden ohne Alkohol und bewältige immer noch ungeheuer viel in meinem nüchternen Leben. So soll das auch bleiben. Als ich vor einiger Zeit von Kollegen öfter als "unglaublich gelassen und cool" gespiegelt wurde, dachte ich erst an eine Verwechslung. Aber ich habe mich beobachtet und bemerkt: da ist was dran. Die jahrelange Arbeit, immer mit dem Ziel im Kopf, zufrieden nüchtern leben zu können, hat mich wohl tiefenentspannt gemacht. Und wenn ich es mal nicht bin, so gelassen, dann weiss ich um die Wege, mich runterzufahren. Meine Schwester hat das bei einem Besuch kürzlich so formuliert: sie bewundere, wie ich mich von Menschen behutsam und konsequent abgrenze, um gesund zu bleiben. Die betroffenen Menschen merken das aber noch nicht mal. Für die bin ich trotzdem der "nette Kerl". Hätte man mir das vor oder zu Beginn meiner Trockenheit gesagt, hätte ich noch nicht mal verstanden, worum es geht 
Das nüchterne und trockene Leben ist eine wunderbare und anhaltende Reise zu sich selbst. Das erlebe ich so, immer wieder.
Danke euch herzlich, daß ich das alles hier lassen kann!
Petert