Beiträge von Petter

    Hallo Miela,
    hallo zusammen!

    Danke für die Frage, MieLa. Es geht mir wieder ganz gut. Ich habe mit vielen Freunden (und Kollegen) über das Erlebte gesprochen, das hat sehr gut getan. So ganz tief darüber nachdenken kann ich nicht; ich habe auch nicht weinen können, vielleicht sollte das auch so sein? Es nicht ganz tief an mich ranlassen, sollte wohl wirklich nicht sein. Es war nicht meine Schuld; ich wurde für diesen Suizid benutzt, vielleicht lasse ich es deshalb nicht so an mich ran.

    Es hat mich aber stark mitgenommen, die ersten Tage waren sehr anstrengend, aber nun wird es deutlich besser! :D

    Alles Gute! Und: danke fürs Lesen!

    Peter

    Hallo Mala,

    schön, daß du hier bist! Noch schöner ist, wieviel Tage du schon OHNE lebst - sind es nun 25 oder 26? Egal, jeder Augenblick zählt und du scheinst noch einige Augenblicke vor dir zu haben :) Es liest sich schön, was du schreibst. Da möchte ich mich doch MieLa gleich anschliessen und sage: "... die Idee mit dem Roman finde ich prima :lol: ..."

    Ich freue mich, dich weiter hier zu lesen!

    Viele Grüße

    Peter

    Liebe Freunde!

    Ich war einige Tage abgetaucht und musste mich erstmal etwas ausruhen und sortieren.

    Ich danke Euch ganz herzlich für die Nachrichten. Auch wenn ich weiss, daß ich keine Schuld trage, tun mir die Worte unendlich gut! Offenbar ist hier mindestens ein Kollege, der das Prozedere der DB kennt ;) Ich habe alle Hilfe in Anspruch genommen, die geboten wird und werde auch in Zukunft Hilfe annehmen. Bin ich ein Held? Natürlich nicht; ich weiss nicht, wann mein Bauch sich meldet, auch wenn das Gehirn meldet: "Alles supi!"

    Zweimal bin ich nun an der Unfallstelle als Fahrgast vorbeigefahren und beide Male waren nicht schön, aber aushaltbar. Wie das ist, wenn ich da selber wieder entlang fahren muss, weiss ich nicht. Abwarten. Ich werde mir insgesamt mindestens einen Monat Auszeit gönnen, bis ich (und nur ich, und nicht ein Arzt oder mein Chef) merke, das es mir gut geht.

    Dem Himmel sei Dank habe ich bis heute keine Träume von diesem Ereignis. Manchmal denke ich vor dem Einschlafen kurz daran und versuche ich, es wegzudrücken (was auch gelingt). Träumen will ich davon nicht, es soll mich nicht gefangen nehmen.
    Letzten Donnerstag war ich bei einer Psychologin. Sie ging das Erlebte mit mir durch und ich habe mir nochmal alles von der Seele geredet. Es hat gut getan, mit einem Profi zu sprechen und das irgendwie strukturierter anzugehen: Schuld, Zufall, Berufsrisiko, Folgen... Alles gar nicht so einfach, auch wenn die Ursache klar ist. Ich bin im Augenblick ziemlich sicher, daß ich diese Geschichte gut bewältigen kann.

    Drei Tage war ich in Berlin, meiner ehemaligen Sauf- und Verwahrlosungsstätte. Im August bin ich dort 10 Jahre weg - wo ist die Zeit nur geblieben... Mein Wegzug aus Berlin, war das Beste, was ich meinem Leben getan habe - neben der Entscheidung für ein suchtfreies Leben ohne Alk und Kippen. So viele ehemalige Freunde sind gestorben in diesen vergangenen Jahren, mit denen ich in der immer gleichen Kneipe am immer gleichen Tisch über immer die gleichen Dinge geredet habe. Den letzten habe ich im August zu seiner letzten Ruhestätte begleitet. Auch diesmal war wieder ein Freund im Lokal, der über Suizid faselte, während er sich ein Bier nach dem anderen gab. Ich mag ihn sehr, er ist witzig, intelligent und ein sehr angenehmer Mensch. Aber ich bin machtlos, es ist sein Leben, ich sitze daneben und denke "Gut, daß ich das nicht mehr muss und dieses Leben hinter mir lassen konnte." ...

    Matthias, Linde, Dante.. und alle anderen auch... Ich danke Euch ganz herzlich! Schön, daß es Euch alle gibt :)

    Peter

    Hallo zusammen... Drei-Jahres-Faden, Fünf-Jahres-Faden... mittlerweile ist es ja schon fast ein 12-Jahres-Faden :)

    Ich schreibe zum einen, weil ich es schon lange wieder wollte, aber es irgendwie nicht auf die Reihe bekommen habe. Zum anderen schreibe ich heute, weil ich in der vergangenen Woche ein traumatisches Erlebnis hatte, daß mich sehr in Anspruch nimmt.
    Wer schwache Nerven hat, lese besser nicht weiter.

    Am Dienstag um 14 Uhr hat sich ein Mann auf einem Bahnübergang vor meinen Zug gelegt. Ich habe den armen Kerl mit ca. 100 km/h überfahren. Gerade noch rechtzeitig und wie gelernt habe ich alles richtig gemacht und vom Überfahren nur ein Gerumpel mitbekommen. Ich habe das Rollo runtergerissen und mir die Ohren zugehalten und irgendwas geschrieen, damit ich so wenig wie möglich mitbekomme.
    Es waren etwas über 100 Fahrgäste im Zug und ich kann kaum beschreiben, wie leid mir es für alle Beteilgten war. Die Strecke was fast vier Stunden gesperrt.

    Schlimm war und ist für mich, daß am Schrankenbaum eine Frau vergeblich versucht hat, den Mann zurückzuhalten und alles mit ansehen musste. Die Feuerwehr hat mir berichtet, wie die Leiche aussah und angeordnet, daß niemand den Zug verlassen darf, bevor nicht alles unter und hinter dem Zug entfernt wurde.

    Nach alldem bin ich erstmal ins Krankenhaus zum Durchgangsarzt (weil es ein Arbeitsunfall war) und danach zu meiner Hausärztin, um mir ein Schlafmittel für die Nacht zu holen. Sie weiss natürlich, daß ich Alkoholiker bin und vertraut mir. Ich habe ein starkes Beruhigungsmittel bekommen und die Nacht durchgeschlafen, wenn auch komisch und irgendwie in Watte gepackt. Ich werde das nicht nochmal nehmen; es hat mir zwar durch die Nacht geholfen, aber es fühlt sich für mich nicht gut und nicht richtig an. Ich habe ein anderes Schlafmittel bekommen, daß ich dann im Fall der Fälle nehmen kann.

    Es ist eine fürchterliche Erfahrung, auch wenn ich allen Beteiligten und Kollegen gegenüber sehr gefasst und sachlich erscheine. Dennoch erlebe ich trotz aller äußeren Gelassenheit einen Gemütszustand in mir, der mich hart beutelt. Schneller Puls, Nervosität, Selbstgespräche.. So bin ich eigentlich nicht; die Seele arbeitet und ich muss mich beruhigen. Es ist schwer, aber es wird jeden Tag ein wenig milder.

    An Alkohol habe ich nicht gedacht. Ich habe aber gedacht „Früher!“… „Früher hätte ich mich jetzt mit Alkohol abgeschossen.“ Aber das ist ja nun schon eine ganze Weile her und dieser Teufel hat mich diesbezüglich in Ruhe gelassen.

    Ich bin nun erstmal drei Wochen krank geschrieben und aus dem Verkehr genommen. Am 4.5. muss ich zum Bahnarzt, ich vermute, daß ich dann wieder arbeiten darf. Eine zu lange Auszeit möchte ich nicht. Es muss weitergehen, es muss wieder Normalität einkehren. Der Mann auf dem Bahnübergang wollte sich umbringen, es ist nicht mein Fehler gewesen. Zuerst hatte ich Mitleid, dann war ich sauer auf ihn. Mittlerweile bin ich stinksauer und fühle mich sehr missbraucht.

    Nun habe ich Zeit und kann im Garten buddeln. Das Wetter soll die nächsten Tage schön werden, die Vögelchen machen Konzerte, ich habe Ort und Zeit, es mir gut gehen zu lassen. Ich versuche, das Beste draus zu machen.

    Ich danke Euch, daß ich das loswerden darf. Gut, daß es dieses Forum gibt, auch wenn ich nur noch selten schreibe. Vielleicht ändere ich das wieder.

    Peter

    Liebe Freunde!

    Gerade höre ich eine Sendung im Radio. Es geht um Sucht, insbesondere um Alkohol.

    Da berichtet eine ältere Dame von den Erfolgen einer "Therapie", die alkoholkranken Menschen das Kontrollierte Trinken empfiehlt. Sie ist ganz begeistert, weil sich so viel positiv geändert hätte und sie nun mit ca. 200 ml aus dem Flachmann zurechtkomme.

    Ich dachte, ich höre nicht richtig. 200 ml Schnaps, angeboten als Therapie? Das Thema Kontrolliertes Trinken kommt ja immer wieder hoch. Immer wieder von neuen Ergebnissen der Forschung berichtet - ich glaube das nicht. Selbst der Arzt gerade im Radio war skeptisch, sage aber etwas von "unter bestimmten Bedingungen könnte man ...".

    Es hat mich ein wenig aufgeregt. So, das musste ich mal loswerden :)

    Danke füs Lesen!

    Peter

    Liebe Freunde,

    das muss ich doch noch schnell zum Kapitel "Falsche Kurklinik" loswerden. "Beschweren lohnt sich doch." dachte ich vorhin.

    Heute hatte ich ein ganz gutes Gespräch mit einer Sachbearbeiterin der Rentenversicherung. Meine (zugegeben von Wut geprägte) Beschwerde ist offenbar angekommen. Nun wird dem nachgegangen, und eventuell gibt es dann einen neuen Termin für eine andere Klinik.

    Bis heute früh vor dem Anruf dort hatte ich Angst, daß man mir unter Umständen die Kosten für die nicht angetretene Reha zumindest teilweise in Rechnung stellen könnte. Ich habe ja keine Ahnung von der Materie; etwas mulmig war mir schon.
    Nun aber bin ich ganz zufrieden, daß man mein Anliegen ernst nimmt. Mal sehen, was dabei herauskommt.

    Von vielen Freunden habe ich viele positive Erfahrungen von ihren Aufenthalten in psycho-somatischen Kliniken gehört. Und bei mir geht das so in die Hose? Am letzten Montag, als ich in dem grauenhaften Zimmer stand, in dem ich fünf Wochen leben sollte, habe ich kurz gedacht, ich bin in einer Sendung der Versteckten Kamera. Vielleicht denken einige nun, daß sind alles Luxus-Probleme - aber das ist nicht so. Wenn man sich in so einer Einrichtung schon am ersten Tag schlecht fühlt, dann ist man da falsch. Und der Seele täte das nun gar nicht gut.

    Danke fürs Lesen
    Peter

    Hallo zusammen,
    hallo Matthias!

    Also wenn das schon das Beste für dieses Jahr war, dann bleibt ja nicht mehr so viel :)
    Ich will mal hoffen, daß mir so eine Erfahrung zukünftig erspart bleibt.

    Was mich mehr beschäftigt ist der Gedanke, daß jemand in so eine "Einrichtung" kommt, der sich nicht wehren kann und der die Verhältnisse hinnehmen muss. Das wäre für mich eine furchtbare Vorstellung.

    Ein Kollege meinte zu meiner Erfahrung von letzter Woche: "Du wärst nicht der Erste, der aus eine schlechten Klinik kränker entlassen wird, als er dort angekommen ist." Das hat mir zu denken gegeben.

    "Da hab´ich ja noch mal Glück gehabt." puh...

    LG Peter

    Liebe Freunde!

    Vielen Dank Thalia - ich freu mich sehr über deine Worte! Du hast ja auch schon eine Menge geschrieben, an dem ich auch teilhaben darf!

    Meine fünfwöchige Kur ist bereits vorüber, ich habe sie gleich am ersten Tag abgebrochen. Ich musste erstmal verdauen, was ich da am Montag erlebt habe. Auch heute noch hängt es mir nach.

    Diese Kur-Einrichtung verdient den Namen nicht. Hätte ich nur vorher mal in die Bewertungen geschaut! Aber hätte das etwas genützt? Schließlich hat mir die Rentenversicherung diese Klinik zugewiesen und meinen Wunsch nach einer anderen Klinik im Vornherein abgelehnt. Und das habe ich am Montag erlebt:

    Am Empfang keine richtige bzw. freundliche Begrüßung, eher ein Abarbeiten von Gästen.
    Anschließend durfte ich mich zu "den Schwestern" begeben, Olga, Valentina und noch irgendwas, die im dritten Stock eine Art Apotheke verwalteten. "Hallooooo" Was brauchen Sie Medikamente? - Waaaas? Keine Medikamente? Warrrum nieeeecht?" ... Zweimal musste das wiederholt werden, dann hatten sie es kopfschüttelnd begriffen. Dafür wurde ich x-mal darauf hingewiesen, daß der Computer nun heruntergefahren würde, was mir eigentlich ziemlich egal war. "Kapuuuut!".

    Das Zimmer aber war das Schlimmste: am Ende eines Gangs, vor der Tür abgestellte Rollstühle, grau in grau mit schönem Linoleumfussboden, ein Krankenhausbett, kein Bild an der Wand. Wie eine ehemalige Abstellkammer mit Bett und Telefon. "Färrrrnsääähn ies umsooooonst!" krähte mich die blöde Schwester an - als Antwort auf meinen Hinweis, daß ich in diesem Zimmer nicht bleiben werde. Sie rappelte meinen Plan herunter, den ich abzuarbeiten hätte. Dreimal habe ich dieses Spiel mitgemacht und auf meinen wiederholten Satz "In diesem Zimmer bleibe ich nicht." bekam ich ein "jaja" zur Antwort und eine Wiederholung meines Anwendungsplans.

    Mir wurde klar: fünf Wochen in diesem Zimmer und diesem Haus mit diesem Personal, und ich bin reif für eine ganz andere Klinik.
    Leider habe ich mein eigenes Gesicht nicht sehen können, das hätte ich gern erlebt. Gerade die kurzen Augenblicke, in denen man entscheidet, was man nun tut. Es waren nur Sekunden, aber dann war ich soweit, daß ich meine Jacke wieder anzog und mich mit dem Gepäck hinunter zum Empfang machte. Ganz wie im Hotel legte ich dem Schnösel am Tresen den Schlüssel auf selbigen und sagte nur "Zimmer 261 reist ab.".

    Ab dem Punkt war dann Theatervorstellung :) Er wurde furchtbar nervös und bekam keinen Kollegen oder Arzt an sein Telefon ("Kaputt!"), mit dem er meine Abreise absprechen konnte: "Mir ist das vollkommen egal, ob Sie bleiben oder gehen. Aber das muss ein Arzt genehmigen." Am Ende hat es dann die Psychologin genehmigt, die was davon faselte, daß ich ja ein freier Mann sein und tun und lassen könne, was ich wolle. Mein Einwand, daß es für eine psychosomatische Klinik ein ziemlich trostloses Haus sei, hat sie schulterzuckend und mit den Worten begleitet, das sei so in Krankenhäusern.
    Mit dem Taxi bin ich dann zum Bahnhof zurück und wieder nach Hause gefahren. Im Zug hatte ich geradezu ein Gefühl der Befreiung - und nach Bad Homburg fahre ich in diesem Leben sicher nicht mehr :D

    Meine Nachricht an den Versicherungsträger über die nicht angetretene Kur blieb unbeantwortet, ebenso wie eine Beschwerde an die Verwaltung des Hauses. Keine Reaktionen, nichts. Vermutlich hängt es damit zusammen, daß meine Knappschaft dieses Haus selber verwaltet. Keine Ahnung.
    Meine Abreise tut mir bis heute gut. Mir tut diejenigen leid, die dort auf irgendwelchen Zimmern liegen und nicht selbständig abreisen können.

    Während der Rückreise habe ich im Zug nachgedacht, was ich mir selber Gutes tun kann, wie ich meine Gedanken positiv beeinflussen kann - kurz, was ich an mir selber ändern könnte, damit es mir gut geht. Daran arbeite ich immer noch, und wahrscheinlich auch noch länger. Ich denke, daß ist fast genauso gut oder besser, als einen Tag zuviel in einer Klinik, die einen krank machen würde!

    Danke fürs Lesen!!

    Peter

    Hallo zusammen,
    lieber Matthias - sehr aufmerksam von dir *grins* - vielen Dank :)

    Heute beginnt die Kur. Ich habe sowas noch nie gemacht. Nun soll ich fünf Wochen mein Häuschen verlassen und in eine Klinik gehen? Das ist ein ganz merkwürdiges Gefühl. Gestern hab ich zwei große Taschen vollgestopft mit dem, was ich vermeintliche brauche und was nicht. Wahrscheinlich habe ich unnützes Zeug eingepackt und anderes fehlt dann ;)

    Ich habe mir ganz fest vorgenommen, unvoreingenommen in die Kur zu gehen und mitzunehmen, was mir gut tut. Ich weiss auch, daß es den meisten Menschen viel schlechter geht als mir und ich weiss noch mehr, wie dankbar ich eigentlich für die Gelegenheit bin, mal fünf Wochen rauszukommen aus Trott und Gedankenkarussell.

    Also dann los... in einer Stunde fährt der Zug. Ich lasse mich mal überraschen und werde berichten :)

    Danke fürs Lesen.

    Peter

    Hallo liebe Freunde,

    heute früh habe ich mich etwas durchs Forum gelesen und bin wieder mal erstaunt, wie viele schöne und aufmunternde Sachen ich sehen konnte.

    Vergangenes Weihnachten war mein 10. suchtfreies Weihnachten. Wie ich die vergangenen Jahre Weihnachten gefeiert habe, weiss ich gar nicht mehr so genau - früher war ich nämlich ein garstiger Weihnachts-Hasser ;) Das hat sich glücklicherweise geändert, auch durch mein alkfreies Leben, in dem ich mehr Toleranz, Liebe und Geduld mit anderen und auch mir selber lernen durfte.

    Letztes Weiihnachten nun war ich wieder mal in Berlin, der Stadt, in der ich das Saufen lernte und auch mir meine Freiheit vom Suff wieder zurückerobert habe. Ich hatte mir einen Plan für jeden Tag gemacht, wen ich wann wiedersehen wollte und ich habe mich daran gehalten. (Plan und planen ist ein wichtiger Bestandteil meiner Trockenheit geworden.). Ich habe alte Freunde getroffen, die ich bereits vor meiner langen Trinkerzeit kannte, die mich also während aller drei Phasen kannten: vor, während und nach meiner Trinkerzeit.
    Es waren schöne und bewegende Tage. Bewegend vor allem, weil ich in Berlin immer erkennen kann, wie ich mich seit meinem Leben ohne Alkohol verändert habe. Das dies nicht selbstverständlich ist und das ich mich daran auch nach über 10 Jahren ohne Alkohol immer wieder erinnere, gehört genauso zu meinen Bausteinen des Trockenbleibens, wie der tägliche Umgang mit der Sucht.

    Besonders aber erwischt mich in Berlin immer wieder, wie schlimm, wie dunkel und wie trostlos mein Leben war. Natürlich bin ich an den Orten vorbei spaziert, an denen ich die schlimmsten Jahre meines Lebens verbracht habe. Auch das gehört für mich dazu - diese Orte ganz bewusst aufzusuchen. Ich erschaudere, mich fröstelt und es ist ziemlich einnehmend für den Augenblick. Aus diesem entsetzlichen Leben rausgekommen zu sein, ist nicht selbstverständlich, das erfahre ich bei jedem dieser mittlerweile sehr seltenen Berlin-Besuche.

    Aufgefallen ist mir diesmal wieder, wie viele Freunde auf der Straße leben, unter den Brücken, in Hauseingängen und auch in den U-Bahnhöfen. Es war kurz nach dem Brand-Anschlag von jungen Ayslbewerbern auf einen obdachlosen Mann im U-Bahnhof Schönleinstraße in Neukölln, als ich genau dort vorbeikam - eine meiner alten Wohngegenden in Berlin. Dieser Anschlag hat mich tief bewegt, ich war fassungslos über die Brutalität gegenüber einem schwachen und hilflosen Menschen, der auch ich hätte sein können. Und noch wütender war ich, als ich später in den Überwachungsvideos der Polizei die lachenden und feixenden Täter nach Begehung der grausamen Tat sah.
    Wie gefährlich Sucht ist und wohin sie führt, wissen wir alle. Wie gefährlich das Leben auf der Straße ist, wissen wir auch: Kälte, Feuchtigkeit, Entzug, körperliche Gebrechen, kein Selbsterwertgefühl, die Hartherzigkeit der Mitmenschen und so weiter. Aber wie niederträchtig ist es erst, einen Menschen anzuzünden, der besonders hilflos und am Ende ist. Ich habe mich selber angegriffen gefühlt, ich war entsetzt und ich war extrem wütend. Gottseidank wurden diese Menschen gefasst, die aus Not zu uns gekommen sind und unsere Hilfe zurecht verdienten. Mehr muss ich an dieser Stelle nicht sagen außer daß ich mich freue, daß der obdachlose Freund gerettet wurde. Über ihn selber wurde mir zu wenig berichtet: was macht er jetzt? Wie geht es ihm? Wurde ihm geholfen? Hat ihm diese grausame Tat zu Weihnachten am Ende etwas Gutes beschert?

    Als ich zu Ende des Berlin-Besuches in meinen Zug nach Hause stieg, hatte ich nicht das Gefühl, meine ehemalige Heimat zu verlassen. Im Gegenteil - ich setzte mich hin und atmete tief durch. Im Zug gönnte ich mir ein Abendessen und ließ die Stadt an mir vorbeigleiten. Lange noch arbeitete in mir, was ich erlebt und gesehen hatte. Ich kann euch sagen: tiefe Dankbarkeit, das Gefühl der sich endlich eingestellten Ruhe und des inneren Friedens ist in mir. Das ist so wunderbar und kann ein Mensch, der niemals süchtig war, kaum verstehen. Wenn das nicht ein Vorteil der Sucht ist ;)

    Danke fürs Lesen!
    Peter

    Hallo zusammen,
    hallo Matthias!

    Danke für Deine netten Worte :) Ich denke auch, daß es mir gut tun wird. Ich will versuchen, offen zu sein und mitzunehmen, was mir hilft. Einfach mal sich nur um sich selber kümmern zu können, ist eine große Hilfe und eine ganz tolle Sache.

    Eine gute, trockene Zeit

    Peter

    Hallo zusammen,

    danke für Eure netten Antworten :) Nun sind wieder einige Monate vergangen, ich kann es gar nicht glauben. Dabei wollte ich doch mehr im Forum schreiben... Vielleicht ist das heute ja ein Anfang.

    Nach viel zu vielen Jahren habe ich es endlich fertig gebracht, mir eine Kur zu beschaffen. Immer habe ich das wieder verdrängt, gar nicht mal bewusst, sondern das Thema irgendwie liegen lassen. Wenn ich aber hier in meine Texte schaue, schaudert mich ein wenig, daß ich mich nicht mehr um mich gekümmert habe.
    Die zeitliche Dichte meines Lebens über viele Jahre hat Spuren hinterlassen. Es geht mir nicht schlecht, aber ich fühle mich oft schnell erschöpft und werde schnell von Infektionen "überfallen". Außerdem werde ich ja auch älter...

    Dieses Jahr hatte ich zwei Lungenentzündungen, eine im Anfang und eine richtig antrengende. Nochmal brauche ich das nicht. Eines Tages habe ich meine Hausärztin angesprochen und dann die Bögen eines Kur-Antrags ausgefüllt und nur kurze Zeit später bekam ich die Zusage. Mitte Januar gehe ich für fünf Wochen in eine psychosomatische Kur-Klinik und freue mich. Ich werde versuchen alles anzunehmen, was man dort anbietet :)
    So oft bekommt man so eine tolle Möglichkeit schließlich nicht!

    Eine Nachbarin aus dem Dorf in dem ich lebe, trinkt seit Jahren. Sie trinkt soviel, daß sie stets mit einem knallroten Gesicht herumläuft. Mit dem Mann gibt es immer Streit, sie schreien sich manchmal sehr laut an. Nüchtern aber natürlich auch betrunken.
    Ihr Mann hat seit wenigen Monaten Lungenkrebs und in dieser kurzen Zeit eine Wandlung zum Greis durchlebt. Auch er hat viel Alkohol getrunken.
    Beiden kann ich immer nur Guten Tag und Wie geht´s und Auf Wiedersehen sagen. Mehr bekomme ich nicht über Lippen und Herz. Sie auf Ihren Alkoholkonsum anzusprechen würde ich als Grenzüberschreitung empfinden und das will ich nicht.
    Vielleicht liegt hier (m)eine Grenze? Einmischung - Hinweise - Zurückhaltung..., keine leichte Abwägung. Wahrscheinlich bleibt es bei meinen Gedanken. Ich lasse es mal reifen, oder wie auch immer ich das nennen kann.

    Ich danke Euch fürs Lesen!

    Peter

    Hallo zusammen,

    und ein ganz großes Danke an Euch. Matthias, Karsten, Thalia und und und - natürlich auch an die anderen, die ich noch in Erinnerung habe, als ich hier ganz vorsichtig meine ersten Schritte begann. Ja, Carl Friedrich, du hast recht: das ist schon eine Hausnummer und heute, am Tag danach, bin ich so richtig stolz auf mich :)

    Ich will aber nicht weiter irgendwelche Superlative wie Wunder und so weiter beanspruchen, das wäre dann auch zuviel. Wichtig ist mir, daß ich es alleine nicht geschafft hätte, da bin ich ganz sicher. Das soll für heute auch mein Anliegen an alle Neuen und Interessierten hier sein: es ist gut, wenn Ihr allein auf den Gedanken kommt, Euer Leben wieder selber in die Hand zu nehmen - aber bitte holt Euch Rat und Kraft in Selbsthilfegruppen.

    Ein guter Freund war ähnlich lange trocken wie ich heute. Dann begang er einen beruflichen Fehler und wurde seinen Job los. Es dauerte keine Woche, bis bei ihm zuhause auf dem Tisch die Wodka-Flaschen standen. Wir haben Jahre zuvor mehrfach über Selbsthilfgruppen geredet, aber er hat das entschieden als "Geschwafel" und "überflüssig" und "Brauch´ich nicht!" abgelehnt. Ich habe ihm gesagt: "Es kann der Tag kommen, an dem Du schwach wirst - und dann bist Du nicht vorbereitet." Er wollte das nicht hören. Nach ca. zwei Monaten kam er als seelisches und körperliches Wrack ins Krankenhaus und entzog. Nun ist er wieder trocken - aber eine Selbsthilfegruppe lehnt er weiter ab.

    Er wollte es auf seine Weise machen, wie schon so viele vor ihm - und ist gescheitert.

    Niemand kann sagen, ob und wann es einen erwischt. Saufdruck kann von jetzt auf gleich kommen. Er wird sicher weniger im Laufe der trockenen und nüchternen Jahre - aber wer weiss schon, welche neue Lebenssituation einen morgen überfällt. Man kann sich vorbereiten: mit Hilfe dieses Forums, mit Hilfe anderer Selbsthilfegruppen und vor allem, in dem man sich öffnet. Vor allem kann man, wenn es einen ganz schlimm erwischt, sich sofort hier einloggen und seine Last mitteilen. Hier ist man nie allein und allein das Mitteilen hilft, den Saufdruck zu verringern.

    Danke fürs Lesen!

    Peter

    Liebe Freunde,

    an so einem Tag weiss ich kaum, wie ich anfangen soll. Ich habe es schon mehrfach probiert ;) Eigentlich ist dies ein ganz normales Jubiläum, aber irgendwie auch nicht. Zehn Jahre bin ich heute trocken und nüchtern. Zehn unglaubliche Jahre...

    Gestern ging mir den ganzen Tag durch den Kopf, wie es mir vor zehn Jahren ging. Das muss ich heute nicht weiter ausführen, es steht ja in meinem Thread ganz zu Beginn. Je mehr ich darüber und auch die dann folgende Zeit nachdenke, desto mehr Achtung steigt in mir. Es ist wirklich ein Wunder, ich habe allen Grund, mir immer wieder auf die Schultern zu klopfen.
    Allein und nicht allein - zusammen mit den Selbsthilfegruppen aber aus eigenem Antrieb und dem Willen, mein fürchterlich dunkles Suffleben beenden zu wollen, habe ich den Schritt in die Freiheit gehen können.

    Jeden Tag sehe ich während meine Arbeit die verlassenen, einsamen und todtraurigen nassen Freunde. Jeden Tag habe ich vor Augen, wo ich heute stünde, wenn... Jeden Tag bin ich dankbar, daß dieser grausame Weg nicht meiner sein muss.
    Von meinen damaligen Trinkfreunden aus Berlin Kreuzberg lebt nur noch einer - und der ist fast am Ende seiner Trinkerlaufbahn.

    Ich wünsche uns allen, den "Alten" und unseren neuen Freunden, die noch ganz am Anfang ihres neuen Lebens stehen, alles Gute. Vor allem den Mut nach vorne zu sehen, das Vergangene vergangen sein zu lassen und alle Kraft auf ein trockenes und nüchternes Leben zu verwenden.

    Mir selber wünsche ich, daß ich mich hier im Forum wieder mehr einbringe ;)

    Danke fürs Lesen!

    Peter

    Hallo zusammen - oder noch besser: Mein lieb gewonnenes Forum!

    Natürlich bleibe ich diesem Forum gewogen, Spartacus. Es liegt nicht nur mir am Herzen und ich weiss, was ich in diesem Forum gefunden hatte, als ich nicht weiter wusste. Danke für Deine Nachricht - sowas berührt mich sehr.

    Heute ist mein neunter Geburtstag, mein neuntes Jahr ohne Alkohol. Es ist so normal geworden, ohne Alkohol zu leben, daß ich mich wundere. Dennoch denke ich jeden Tag daran, daß ich keinen einfachen Weg hatte, um da hinzukommen, wo ich heute bin. Wir Alkoholiker sind auf eine besondere Art eben keine normalen Menschen ;) ...

    Vor einigen Wochen habe ich eine alte Freundin besucht, die nun über 40 Jahre trocken ist. "Ach Gott, Alkohol" rief sie aus, als ich auf unser gemeinsames Thema zu sprechen kam. Sie ist aus allen Gruppen raus, in denen sie mal war und ich denke, sie kann ihr nun gruppenloses Leben glaubhaft vertreten. Ihre Standpunkte aber und Ihre Sichtweise auf unsere Krankheit sind noch genauso wie an den ersten meiner Tage, als ich mich in eine Gruppe traute: Nur wirkliche Abstinenz kann uns zu einem erfüllten Leben verhelfen. Das habe ich von Anfang an begriffen und es gab keinen anderen Weg für mich. Natürlich habe ich davor auch Angst gehabt und befürchtet, ich würde alle Freunde und Kontakte verlieren. Aber meine Angst vor einem weiteren Leben in Suff und Unglück war größer und so gab ich mir an diesem Tag im Juni vor neun Jahren einen Ruck. Dieser Ruck entstand aus purer Verzeiflung und Angst. Aber das kann man ja in meinem Thread am Anfang ganz gut nachlesen, denke ich.

    Während ich heute Vormittag so meinen positiven Gedanken zu meinem alkfreien Leben nachhing, starb um viertel nach zwölf ein paar Meter weiter ein 14-jähriger bei einem Verkehrsunfall. Das sind natürlich zwei vollkommen verschiedene Dinge und dennoch hat mich das sehr angefasst. Auf der einen Seite ich, der sein Leben als nasser Alkoholiker fast weggeworfen hatte. Und hier und heute dieser junge Mann, der noch nicht einmal eine Chance auf sein Leben hatte. Es ist grausam und ungerecht, vor allem aber habe ich tiefe Scham empfunden, wieder mal, als ich über meine nassen Jahre nachdachte. Meine Jahre voller Selbstgerechtigkeit, Selbstmitleid und was noch alles. Um ein Haar hätte ich mir mein Leben selber genommen, es weggeschmissen ohne jede Achtung davor. Es ist gut und schön, daß es nicht so gekommen ist und ich mir mein Leben zurückholen konnte.

    Jeder Tag dieser neun trockenen Jahre hat sich gelohnt, einfach jeder Tag. Ich wünsche uns allen viele schöne trockene Stunden und unseren neuen Freunden Mut und Kraft für einen neuen, wunderbaren Lebensabschnitt.

    Danke fürs Lesen!

    Peter

    Hallo Martin,
    hallo zusammen -

    Du hast natürlich recht!! Ihr seid auch immer da und Ihr seid ja auch meine erste Selbsthilfegruppe ;)

    Was ich meinte war eine SHG vor Ort, in einem Raum und nicht am Computer. Aber ich denke, das ist schon verstanden worden.

    Den Luxus einer Online-SHG wie hier weiss ich sehr wohl zu schätzen :P - aber hallo!

    LG Peter

    Hallo zusammen,

    seit über 19 Monaten bin ich ohne Selbsthilfegruppe. Ich weiss natürlich, daß ich so nicht leben sollte und bekomme das auch nicht mit meinem Anspruch überein, daß meine Nüchternheit zuerst kommt. Ich bin seit Juni 2006 trocken und habe einige Höhen und Tiefen in dieser Zeit überstanden, aber ich hatte immer eine Gruppe, egal, wo ich gerade beruflich war.

    In meiner letzten Gruppe in einer Kleinstadt im Norden habe ich mich gut aufgehoben gefühlt. Aber ich fühle nach einer gewissen Zeit leider auch eine Art Überdruß. Entweder gegen die Art der Organisation (zuviele Regelungen oder zuwenige) oder gegen einige Freunde in der Gruppe. Dabei war es unerheblich, ob ich in einer Onlinegruppe oder in einer "realen" Gruppe in irgendeinem Ort war. Ich muss immer noch lernen, daß ich mich auch bei diesen verschiedenen Gruppen zusammenreißen muss und dabei bleiben - auch wenn manchmal vermeintlich nervige Freunde immer dasselbe beitragen oder einige dabei sind, die nie trocken werden (wollen oder können). "Ich bin nicht der Nabel der Welt.", denke ich dann. Und ich muss auch aushalten, daß ich manchmal nichts zu sagen habe - wirklich rein gar nichts. Mich nur zu melden um etwas zu sagen - das mag ich überhaupt nicht und fühle mich dann ausgesprochen unwohl in meiner Haut. Ich lasse entweder meinen Gedanken freien Lauf oder ich lasse es. Schließlich gibt es auch Tage, an denen ich mich rundweg wohl fühle und wenig zu sagen habe ;)

    Eines weiss ich sicher: das ich, egal was kommt, immer irgendwo eine Gruppe brauche, zu der ich jederzeit hin kann. Hier vor Ort habe ich nach Gruppen geguckt, bin aber nicht fündig geworden. Ich lebe mitten in einem der größten Weinanbaugebiete Deutschlands - und ausgerechnet hier soll es keine Alkoholiker geben? Das kann ich mir kaum vorstellen. Ich werde mich wohl drauf einstellen müssen, längere Wege zu einer Gruppe zu haben und das ist auch nicht schlimm. Ich arbeite ohnehin in Schichtdiensten und kann nicht regelmäßig in eine Gruppe gehen. Das hört sich alles etwas durcheinander an, aber das macht nix. Ich muss ja auch mal durcheinander schreiben dürfen... Beim Schreiben kommt mir ab und zu der zündende Gedanke und es trägt dazu bei, die Gedanken zu ordnen. Genau das hatte ich auch vor, als ich diesen Faden aufgemacht habe: zu berichten und mich und meine Gedanken selber auf die Reihe zu bekommen, wenn es nötig ist.

    Nun mache ich mich wieder auf die Suche nach einer Gruppe. Danke fürs Lesen!

    Peter