Beiträge von Petter

    Hallo zusammen,

    ich melde mich mal wieder! Heute hatte ich ein schönes Treffen von verschiedenen SHG aus der Umgebung. Allein unter so lieben und trockenen Menschen sein zu können zeigt mir wieder mal, wie wichtig und lohnenswert ein trockenes und nüchternes Leben für mich ist. Nach meinen vielen Stationen der letzten Jahre ist es für mich auch wichtig, hier vor Ort in einer guten Gruppe aktiv zu sein. Ob vorher in Norwegen, in Hamburg, Innsbruck, Regensburg und so weiter - überall war ich irgendwie nur ein Gast. Nicht, weil man mich so behandelt hätte, sondern weil ich schon den nächsten Umzug im Kopf hatte ;)

    Ich bin ein ganzes Stück mehr ANgekommen - hier im Ort und auch bei mir selbst. Mein WEGmachen durch Alkohol liegt schon ein paar Jahre zurück und doch habe ich nie vergessen, wie dunkel und schrecklich diese Zeit war. Dorthin möchte ich nie wieder zurück und darum arbeite ich weiter an mir und in der Gruppe. Manchmal habe ich den Verdacht, daß ich damit nie "durch" bin, sondern immer weiter voran komme. Was ich zu Beginn meiner Trockenheit als Schreckgespenst sah, nämlich eine langjährige Arbeit an mir selbst, nehme ich nun immer mehr als eine großartige Chance für mich wahr, mit mir weiter zu kommen.

    WARUM ich gesoffen habe kann ich nur ahnen, und so wichtig ist das für mich auch nicht zu wissen. Wie ich hineingeschlittert bin in das Dunkel der Alkoholabhängigkeit, ist mir wichtiger. Noch wichtiger ist das Vorbeugen - die geistige Arbeit an mir, den Tücken des Teufels Alkohol auch in den Augenblicken zu widerstehen, in denen ich nicht damit rechne, von dem Gedanken an Alkohol überfallen zu werden. Manchmal glaube ich, alles ist Vorbeugung auf den Augenblick, der gefährlich werden könnte. So verstehe ich die Arbeit an mir selbst jedenfalls gerade. Die Arbeit in meiner Gruppe ist mir das Wichtigste geworden. In ihr erkenne ich mich wieder: in allen Freunden dort, die ebenfalls in dieser Hölle waren und mit Allen, die dort herausgekommen sind oder herauskommen wollen. Zu begreifen, daß ein trockenes, nüchternes und zufriedenes Leben nicht selbstverständlich und vor allem kein Geschenk ist, war für mich nicht einfach.

    Ich habe hier öfter davon geschrieben, wie dankbar ich für mein vom Alkohol befreites Leben bin. Heute fragte mich jemand: "An wen richtet sich Deine Dankbarkeit, Peter?" Ohne diese Frage jetzt gleich beantworten zu wollen, richte ich diese Frage einfach mal an Euch weiter, denn ich finde sie richtig gut :)

    An wen richtet sich Eure Dankbarkeit?

    Danke fürs Lesen und mitmachen!

    Petter

    Hallo zusammen,
    hallo Dante!

    Danke für Deine Rückmeldung! Du hast ja so recht :)

    Es ist nicht so, daß ich ständig etwas auszusetzen habe an dem, was ich vorfinde. Vielmehr habe ich das Gefühl, ich bräuchte immer noch etwas besseres, etwas, daß ich vielleicht in meinem Säufer-Leben verpasst habe und das ich nun auf keinen Fall mehr verpassen möchte.

    Natürlich habe ich mich gefragt "Warum machst Du das eigentlich?", warum habe ich ernsthaft in Erwägung gezogen, schon wieder umzuziehen? Das ist doch Wahnsinn. - Ich glaube, ich bin jetzt diesbezüglich etwas weiter. Seit ich 2006 nichts mehr getrunken habe, bin ich im Schnellzug durch mein privates und berufliches Leben gerast; ich habe alles nachholen wollen, was ich in fast 20 Jahren Suff versäumt hatte: menschliche Beziehungen, Sexualität, Selbstbewusstsein, beruflichen Erfolg. Eigentlich war ich mir sicher, das Richtige zu tun und wenn ich versuche, diese 5 Jahre Revue passieren zu lassen, ist mir unglaublich viel gelungen. Aber der Schnellzug fuhr weiter; ich konnte ihn nicht anhalten und bin bei jeder sich bietenden Gelegenheit wieder aufgesprungen: wenn es beruflich auch nur ein bisschen hakte, war ich wieder weg und suchte etwas besseres. War es etwas persönliches, war ich auch wieder weg. Ich hatte meinen Schnellzug nicht nur als Mittel der Fortbewegung genutzt - ich habe ihn vor allem wieder zur Flucht benutzt. Flucht aber war doch genau DAS, was ich nach meiner Kapitulation von dem durch meinen Alkoholmissbrauch verdorbenen Leben nicht mehr wollte...

    "Es ist, wie es ist." hat mir mal ein norwegischer Beamter auf einer norwegischen Behörde in bestem deutsch lächelnd gesagt, als ich nicht wusste, warum ich ein gewisses Papier zu irgendwas brauchte. Dieser kleine Satz hat es in sich und mittlerweile gehört er zu meinem Leben, wenn ich mich endlich auch mal herablasse, etwas HINZUNEHMEN, ANzunehmen wenn mir etwas nicht gefällt oder nicht behagt und nicht immer nur wegzulaufen auf der Suche nach der nächstbesten Alternative, die vielleicht gar keine ist.

    Draussen ist es dunkel, es regnet in Strömen, junge Leute laufen lallend an meiner Wohnung vorbei nach Hause, die Kirche läutet. Ein ganz normaler Morgen im Januar. Ich muss nicht umziehen, ich kann mich nun endlich auch zurücklehnen, mir auf die Schulter klopfen und sagen: "Du hast etwas gelernt in diesen Tagen - gut gemacht."

    Danke fürs Lesen!
    Peter

    Guten Morgen zusammen,

    das Monat ist noch jung, aber schon so voller Ereignisse, daß sich das Aufschreiben "lohnt" :)

    Draussen vor der Tür stehen junge Leute aus der Kneipe um die Ecke und gröhlen betrunken durch die Nacht. Seit ich hier wohne, verging kein Wochenende ohne Krakeele und Lärm zu diesen Uhrzeiten. Es beginnt spät abends und setzt sich mit kleinen Pausen die ganze Nacht fort bis in den frühen Morgen, wenn die Kneipe um sechs Uhr schliesst. Zerdepperte Flaschen, kaputte Parkbänke und Müll sind dann am nächsten Tag die Spuren. Es ist nicht besser, als in Berlin!

    "Zur Ruhe kommen", "Ankommen" und solche Ziele waren eigentlich meine festen Vorsätze für das neue Jahr. Dass ich selber, und nur ich selber, derjenige sein kann, der sich das gönnt und auch lebt, habe ich nun verstanden. Mit meinem Schwenk zu einem neuen Arbeitgeber und mit einem geplanten erneuten Umzug habe ich genau das Gegenteil getan. Nach einer Reise zur Wohnungssuche nach Süddeutschland bin ich vorgestern zurück gekommen und habe noch einmal alles umgeschmissen, meine Kündigung beim jetztigen Arbeitgeber rückgängig gemacht und mich besonnen, hier zu bleiben. Wenn ich mein Ziel, irgendwo anzukommen, immer wieder selber umschmeisse, dann ist das auch eine Flucht. Auch wenn es scheinbar objektiv immer wieder gute Gründe gibt, zum nächsten Ort aufzubrechen, muss ich mir doch an die Nase fassen und erkennen, daß man nicht immer "noch was besseres" oder schon wieder eine Veränderung braucht, um zu leben. Es hat "klick" gemacht bei mir.

    Beide Arbeitgeber sind gut, da muss ich mir nichts vormachen. Daß ich nach meiner Lebensgeschichte überhaupt noch so weit gekommen bin, bei diesen Unternehmen arbeiten zu können, ist ein Wunder. Ich weiss das und ich schätze das sehr.

    In Süddeutschland habe ich sofort gemerkt: "Das ist nicht meine Stadt!". Dieses Gefühl ging nicht mehr weg und die sich schwierig gestaltende Wohnungssuche hat mein negatives Gefühl noch verstärkt. Nach zwei Tagen und vielen Wohnungen mehr habe ich morgens im Bett gedacht, daß es keinen Sinn macht, irgendwo hinzugehen, wo man sich nicht wohl fühlt und dafür auch noch sehr viel Geld auszugeben. Ich habe geduscht und mir im Hotel ein fulminantes Frühstück gegönnt und bin dann abgefahren. Als ich im Zug saß wusste ich, daß ich nie wieder in diese Stadt zurückkehren würde. So schnell kann das gehen.

    Hier in der Lüneburger Heide wieder zurück habe ich versucht, mich zu entspannen und wieder runterzukommen. Es hat gut geklappt; ich habe meine Kündigung am nächsten Morgen wieder zurückgenommen (oder besser: zurücknehmen können!).

    Die Kündigung meiner Wohnung aber habe ich beibehalten. Ich suche nach etwas ruhigerem, auch auf dem Land. Ich werde mir dann ein kleines Auto zulegen und mir die Ruhe gönnen, nach der ich mich sehne.

    Montag früh geht es weiter. Die Firma freut sich, daß ich zurückkomme und allein das ist es doch wert!

    Als mir neulich mein Vorgesetzter auf die Schulter klopfte und sagte "Das wird was mit Dir!" war ich richtig glücklich und wusste: zumindest Job-mäßig habe ich mich goldrichtig entschieden!

    Ich werde rangehen an mein Thema, daß anscheinend "Flucht" heisst. Ich kann es mir selber kaum erklären; vielleicht ist es ein in meiner nassen Zeit angelernter Mechanismus, nichts zuende zu machen und nichts durchzustehen. Vielleicht ist es auch einer der Gründe für meinen Weg in den Alkoholismus. Ich werde das aufmerksam beobachten.

    Das neue Jahr kann kommen :)

    Ganz lieben Gruß
    Peter

    Guten Morgen zusammen,

    Peter hier. Ich bin ein Alkoholiker und heute wieder trocken und klar.

    Noch immer bin ich mit einer ausklingenden Erkältung beschäftigt und darum leider nicht ganz so klar und kopfschmerzfrei erwacht, wie ich das sonst kenne, seit ich nicht mehr saufe. Ich benutze dieses drastische Wort neben dem Begriff "trinken musste" ganz bewusst, weil es gut ausdrückt, wie ich als nasser Mann gelebt habe. Denn das Wort "saufen" zeigt mir, wie runtergekommen ich gelebt habe, wie asozial ich gegenüber anderen Menschen war, insbesondere denen gegenüber, die mich kannten, mochten und liebten. Ich habe - symbolisch gesprochen - um mich geschlagen, ich habe so ziemlich alles zertrümmert, was es zu zertrümmern gab. Umso erstaunlicher, daß ich bei fast allen eine zweite Chance bekam, die ich auch genutzt habe. Nach dem langen und traurigen Absturz während meiner fast 20-jährigen Saufzeit ist das für mich ein Wunder, weil ich immer dachte, daß ich die meisten Menschen verloren hatte - oder besser gesagt: mit meinem Verhalten so abgeschreckt, daß sie mir den Rücken kehren würden. "Verloren" hört sich so passiv an - aber letztlich war ICH es, der die Menschen weggestoßen hatte. "Glück gehabt" denke ich mir dann.. Und das ist wohl wirklich so.

    Dieses Jahr war für mich extrem. Enttäuschungen und Freude lagen eng beieinander und manchmal war ich zu nah am sonnigen Töpfchen der Freude und habe die schattigen Seiten dahinter wieder mal nicht gesehen. Wenn irgendwas das Jahr 2011 bei mir kennzeichnet, dann die Chemotherapie im Sommer und die drei Umzüge und Arbeitsplatzwechsel. Das hat eine Menge Kraft gekostet und mich oft auch sprachlos gemacht. Aber kein einziges Mal war ich dem Alkohol nahe, und kein einziges Mal hat mich irgendwas in diesem Jahr an den Rand meiner Welt gebracht. Anscheinend verfüge ich wieder über ganz gute Nerven :)

    Ich wünsche uns allen einen schönen Ausklang im Jahr 2011 und einen sehr guten Start ins neue Jahr 2012.

    Peter

    Hallo Oli,

    Du bist zwar schon ein paar Tage hier im Forum, aber auch ich möchte Dich gern hier begrüßen und freue mich, weiter von Dir zu lesen.

    Deinen Bericht habe ich gerade gelesen und ich muss sagen: Manchmal braucht es ein Wunder, um aus so einer Geschichte wieder gut herauszukommen. DU bist so ein Wunder, Oli! Ich gratuliere sehr herzlich zu so viel gelebter Trockenheit! :)

    Lieben Gruß Peter

    Hallo zusammen,

    Peter hier. Ich bin ein Alkoholiker und heute trocken.

    Seit einer Stunde bin ich hellwach, weil betrunkene und gröhlende Jugendliche vor dem Haus herumstehen und trinken. Die geschlossene Dorfdisco- und kneipe macht sie anscheinend sauer: sie treten gegen Mülleimer und Autos, schmeissen ihre Flaschen einfach auf den Gehweg und so weiter... Es ist hier fast schlimmer, als in meiner letzten Berliner Wohnung in Neukölln - da soll noch mal jemand auf der Elend der großen Stadt schimpfen ;) Ich halte hier aus und durch, solange meine betriebliche Ausbildung läuft und suche mir dann etwas ruhigeres.

    Ich bin erkältet, habe einen dicken Kopf und schniefe mich durch den Tag. Drei Wochen bin ich nun fort aus Regensburg, drei Wochen wieder in der niedersächsischen Heimat. Nachwievor habe ich nichts zu bekritteln an der neuen Firma, nachwievor läuft alles sehr ordentlich. Vielleicht "ernte" ich ja tatsächlich mal den Lohn für meine hartnäckige Suche nach dem richtigen Job in der richtigen Firma, und muss aufgrund dessen nicht schon wieder umziehen. "Der rollende Stein", wie mich ein Freund mal nannte, will auch irgendwo liegen bleiben! Als meine Schwester neulich bei einem gemeinsamen Kaffee einen Zettel nahm und meine Wohnorte seit meinem trocken werden aufschrieb, wurde mir erst ganz mulmig: ich kam mir unstet vor, etwas verrückt - nein, ich dachte zuerst: "Du bist ja völlig wahnsinnig, Peter!" .. Es wurden immer mehr Orte und Firmen, mit denen ich Bekanntschaft gemacht hatte und bei jedem Umzug und jeder neuen Arbeitsaufnahme meinte ich, das Richtige gefunden zu haben. Die emotionalen Abstürze nach den wiederkehrenden Enttäuschungen waren heftig, aber ich habe nie an Alkohol denken müssen - nur bei der ersten Enttäuschung: ich saß in Norwegen, nördlich von Bergen, in einem kleinen Nest und hatte gerade durch meine mit ausgewanderten Freunde erfahren, daß die Firma, in der wir anfangen sollten, Konkurs machte. Am selben Tag brachte die Spedition meinen gesamten Hausstand früher als vereinbart aus Berlin: ich hatte keine Arbeit mehr, und saß in einem keinen Dorf fest mit nur einem kleinen überteuerten Zimmer. Die Möbel wurden in einen alten, feuchten Stall gebracht. Abends saß ich in meinem 9-Quadratmeter-Zimmer (450 Euro ;-)) und dachte: "Wein!" Es war MEIN Glück, daß es in Norwegen Wein nicht im Supermarkt gibt, sondern nur im "Vinmonopolet", und das war 90 Minuten weg und schon geschlossen. Bier gab es in der Zeit auch nicht im Supermarkt und an Tankstellen ist der Alkoholverkauf schon gar nicht gestattet. Es gab keine Chance, an Alkohol zu kommen. Dieser äußere Zwang war gut - aber woanders und unter leichteren Bedingungen hätte ich vermutlich etwas gekauft und getrunken.

    Noch in der Nacht habe ich genau das erkannt und dachte: "Du bist noch lange nicht fest, Dein Denken ist längst noch nicht nüchtern." Ich packte meine Sachen und sagte meinen Freunden, die am nächsten Tag gemeinsam mit ihrem Säugling zum Sozialamt wollten, daß ich wieder nach Deutschland gehen würde. Am nächsten Morgen um vier Uhr fuhr ich in die Stadt und stellte mich mit dem Auto in die Schlange "Avgang" der Fähre und wartete. Um acht Uhr ging ich zur Bank und löschte mein Konto, dann schickte ich SMS an die für mich wichtigsten Menschen und fuhr aufs Schiff. Mein spontaner Gedanke an Alkohol hatte mich mehr erschüttert, als die ganzen Umstände meines Umzuges nach Norwegen. Ich war erschrocken und ängstlich und wollte nur noch eines: weg und nach Hause.

    Ich habe nie wieder so einen Druck gehabt, wie damals in Norwegen. Weder bei der Leukämie-Diagnose, noch bei neuen Entäuschungen bezüglich eines Jobs, noch bei den größten emotionalen Abstürzen: meinem Liebeskummer. Alles ging gut; ich habe durch Norwegen viel gelernt und weiß: mein erstes Glas ist ganz nah. Meine Kapitulation vor dem Alkohol im Juni 2006 war für mich ein so brutales und einschneidendes Erlebnis, ein totaler Kollaps meines bisherigen Lebens und gleichzeitig eine Wiedergeburt des so ganz anderen, des liebenswerten Peter, daß ich nie wieder dorthin zurück möchte, wo ich als nasser Peter war.

    Mit meiner kompromisslosen Art bei der Suche und vor allem dem BEHALTEN eines Jobs lege mir so einige große Steine in den Weg. Aber: ich brauche einfach eine Arbeit und eine Firma, in der ich mich weitgehend wohl fühle und auch aufgehe. Wenn etwas im Argen liegt, wenn gelogen wird bei Vorstellungsgesprächen und Arbeitsbedingungen (wie in Innsbruck), dann gehe ich wieder. Ich bin sowas von frei, das ahnen die Arbeitgeber gar nicht: schwul, ohne Partner, ohne Kinder. Ich kann mir erlauben, was viele gebundene Menschen kaum leisten könnten: ich kann einfach wieder gehen :) Das ist auf die Dauer zwar anstrengend, aber nun.. irgendwann finde auch ich ein Nest! Im Augenblick jedenfalls ist alles im Lot was die Firma und den Job angeht. Der Rest ist Gelassenheit und aus einer gewissen "Anfangszufriedenheit" (schönes Wort ... lach) heraus klappt auch der Rest. Denn: nur wenn ich mich mag, mögen mich auch andere so, wie ich gemocht werden will. Wie auch immer: Das erste Glas bleibt weiter stehen.

    Allen einen schönen weiteren Advent.

    Peter

    Gute Morgen zusammen,

    es ist mal wieder so weit: Ein letzter Tag bricht an, für mich nun der letzte Tag in Bayern. Morgen früh kommt die Spedition und der Umzug in seine letzte Phase.

    Ich habe gern hier gelebt.
    Ich bin mit einigen Hoffnungen und Erwartungen hierher gekommen, von denen sich leider nicht viele erfüllt haben.
    Dennoch lief es im Grunde gut für mich: ich bin wieder gesund, ich habe eine neue Stelle und ich ziehe zurück in die Heimat.
    Noch bin ich in Regensburg gar nicht heimisch geworden, da bin ich auch schon wieder fort.

    Daß ich dieses Jahr trocken und nüchtern so gut bewältigt habe, macht mich ganz schön stolz.
    Es war anstrengend, es war in einigen Dingen sehr enttäuschend und ich habe ein paar Erfahrungen mehr auf dem Konto.

    Das Wichtigste an jedem Tag war: "Gesoffen wird nicht!" und dadurch frei zu sein in meinen Entscheidungen.


    Peter

    Hallo Matthias,

    danke Dir :)

    die Leukämie "schlummert" ja schon seit Jahren in mir, nur ist sie diesen Sommer "aktiv" geworden. Ein Gutes hat das aber auch: aller Wahrscheinlichkeit nach habe ich "es hinter mir" und brauche nicht mehr mit dieser Gedankenschranke im Kopf herumlaufen, wann diese Krankheit wohl zuschlägt. Nun ist es passiert, die Ärzte konnten handeln und ich habe es geschafft.

    Die Zukunft wird immer besser, Matthias! :D
    Vor allem, weil wir klar im Kopf sind, nüchtern und ohne das Gift Alkohol!

    Dir auch eine schöne Zeit!

    Peter

    Peter hier, der "rollende Stein" aus Regensburg. Ich bin ein Alkoholiker und trocken und nüchtern im Kopf. Ein gutes halbes Jahr habe ich hier geschwiegen... Zuviel ist passiert und wieder einmal haben mich die Ereignisse mehr getrieben, als mir das lieb war: "Wahnsinn" kam mir gerade in den Kopf. Auch, weil sich bei mir Hoffnungen und Enttäuschungen manchmal in einer Geschwindigkeit abwechseln, die mir Angst macht. Ich denke, daß ich keine ungewöhnliche Sache bei einem Suchtkranken.

    In zwei Wochen beginne ich meine Arbeit in der neuen Firma im Norden. Wie schnell das alles gegangen ist ... Ich komme ja kaum hinterher! Vor gut einem Jahr meine Entscheidung für die Firma Innsbruck und Mitte Dezember der Umzug dorthin in Eiseskälte und im Schneechaos. Dann die sich schnell einstellende Enttäuschung über unglaublich dreist veränderte Arbeitsbedingungen nach dem Motto: "Sind die Leute erstmal hierher gezogen, können sie nicht so leicht wieder weg." Mit 13 und 14-Stunden-Diensten befrachtet machte ich mich - stinksauer, wie ich war - auf die Suche nach Alternativen und fand gleich in der ersten Januar-Woche eine Stelle in Regensburg. Ich bewarb mich, durchhechelte das anstrengende Aufnahmeverfahren in München und Rosenheim und bekam den Job in Regensburg. Meine Schwester half mir beim Umzug im April und es lief gut an. Im Juli dann dieses undefinierbare Völlegefühl und meine Schlappheit, die ich auf zuviel Süsses geschoben hatte. Aber es war die Milz, groß wie ein Luftballon, die mir den Platz im Bauch und die Luft nahm. Die Leukämie war plötzlich da und zwei Tage später hing ich am Tropf der Chemie. Nach einem Zyklus dieses Wunderzeugs war ich zwar irgendwie neben der Spur, aber merkte auch, daß sich etwas tat. Die Milz schrumpfte und ich wurde langsam wieder fitter. Mir war klar, daß die Firma eine Krankmeldung über zwei Monate und länger in der Probezeit kaum hinnehmen würde. Wieder schrieb ich Bewerbungen, die gleiche Arbeit, eine andere Firma. Es klappte im Norden; vor ungefähr drei Wochen bekam ich die Zusage und nun geht es am 1.12. los, mit viel Motivation, einem unbefristeten Vertrag und einem nach der letzten Untersuchung vor einer Woche gesunden Peter.

    Ohne Übertreibung kann ich sagen: das war ein Turbojahr und ich brauche das nicht so schnell wieder. Was hat es gebracht, was hat es mit mir gemacht? Ich, der super Empfindliche, der früher immer sofort über alles und jedes eingeschnappt war, der sich jeden Mut schon mit einem leichten Wehen des Lebenswindes nehmen ließ? Der früher bei jedem Steinchen auf dem Weg beim Supermarkt oder einer Kneipe einkehrte, um sich die Welt schön zu trinken?

    Dieses Jahr schliesst sich an wie jedes Jahr: Eine Menge unerfreuliche Dinge, eine Menge erfreuliche Dinge. Viele Steine. Aber seit ich trocken bin und irgendwann auch im Kopf nüchterner wurde, habe ich mehr Mut bekommen. Ich lasse mich nicht mehr so schnell unterbuttern und gebe nicht mehr so schnell klein bei. Ein trockener Freund sagte mir am Anfang meines hoffnungsvoll begonnen neuen Lebens mal: "Dein Leben wird trocken nicht einfacher. Aber für Dich wird es einfacher zu händeln sein." So ist es auch gekommen und wenn ich die fünf Jahr zurückblicke kann ich nur feststellen, daß da etliche große Steine im Weg lagen, manchmal auch von anderen Menschen dorthin gerollt. Ich räume sie auch nicht immer weg - ich gehe manchmal einfach daran vorbei. Ja, es ist tatsächlich so: ich nehme die Dinge nicht mehr so tragisch und versuche, sie niedriger zu hängen und vor allem nicht persönlich zu nehmen. Das klappt nicht immer, aber meistens schon. Ein paar Dinge habe ich mir vorgenommen, die ich nicht erst mit dem neuen Jahr 2012 angehen will, sondern jetzt, zum Umzug nach Niedersachsen. Ich "bastele" mir einen Neuanfang, mit allem drum und dran. Ich werde ANkommen und alles, was ich vorhabe, so gut wie möglich machen. Ich werde GUT zu mir sein, ich werde mich mehr mögen und ich werde mehr Menschen um mich haben. Ich werde mehr Sex haben und ich werde mich beim Sport wieder austoben und abreagieren. All das, was im Jahr 2011 zu kurz gekommen ist, durch die Jobs, durch die Krankheit und durch mich.

    Danke fürs Lesen :)

    Peter

    Hallo zusammen,

    ich freue mich einfach jedes Jahr aufs Neue :)

    Klar ist es das Ergebnis an der Arbeit an mir selbst, der Arbeit in Gruppen und Foren.
    Im Jahr fünf meiner Trockenheit sind fünf meiner ehemaligen "Sauffreunde" tot. Das ausgerechnet ich es war aus dieser Gruppe, der den Absprung geschafft hat, betrachte ich einfach als Glück und als Wunder.

    Ich kann nicht wissen, ob ich rückfällig werde. Aber ich kann alles tun, um dem Vorzubeugen. Der Affe Alkohol auf meiner Schulter gibt Ruhe, aber ich brauche ihn nur zu füttern und werde ihn nicht mehr los.

    Ich freue mich, daß es Euch und dieses Forum gibt!

    Lieben Gruß
    Peter

    Ich müsste diesen Thread eigentlich umbennen: diese Woche bin ich fünf Jahre trocken. Irre... Ich kann es kaum glauben.

    Ich sage, wie auch in den vergangenen Jahren, allen hier DANKE, die mich in mein trockenes und nüchternes Leben begleitet haben und mich weiter begleiten :)

    Ohne Euch wäre ich heute nicht, wie ich heute bin.

    Vielen Dank :D

    Peter

    Hallo zusammen,
    hallo Sandmann!

    Danke für die Watsch´n... Ich glaube, sie war richtig! Mittlerweile gehe ich nicht mehr ohne Geschenk dorthin und die Last meines Schicksals nehme ich auch nicht mehr von mir herunter. Sie ist Sie und Ich bin Ich. Irgendwann muss auch mal Schluss sein mit dem Schuld suchen bei den anderen Menschen. Bis zu einem gewissen Maß hatte sie Anteil dran, aber den meisten Teil in meinem Leben habe ICH allein selber vergeigt. So ist das und mittlerweile habe ich das auch begriffen. Hat aber seine Zeit gedauert - wie alles im Leben bei mir.

    Meine vielen Wechsel von Arbeits- und Wohnort haben sowohl mit mir, als auch mit den Umständen zu tun. HEUTE weiss ich, dass ich mich nicht überall zuhause und wohlfühlen kann. Früher dachte ich das immer - dem ist aber längst nicht so. Heimat ist für mich etwas Wichtiges geworden, auch wenn ich noch nicht weiss, ob ich hier richtig ankomme, das muss die Zeit zeigen.
    Was ich aber mit meiner flexiblen Lebensweise erreicht habe, ist ein enormer beruflicher Aufstieg, den ich nie und nimmer an einem Ort hätte leisten können. In dieser Hinsicht bin ich ungeheuer stolz auf mich! *Schulterklopf*

    Meine Hauptbaustellen sind mindestens drei Dinge. Das Erste ist: Nähe zulassen, das Zweite ist: Nähe zuassen und das Dritte ist: Nähe zulassen. Ich möchte Bereitschaft zeigen, ich möchte Verantwortung übernehmen. Für mich selbst in erster Linie, aber auch für andere mal, wenn es so sein soll. Ich möchte nicht dauerhaft alleine leben und denke, der Mensch ist als soziales Wesen, das er nun mal ist, auch nicht dafür geschaffen. Mich wieder selber zu lieben, nicht mehr vor mir selber weglaufen und mich in neue Abenteuer stürzen. ANKOMMEN bedeutet so verdammt viel: ich kam an im trockenen Leben und war noch längst nicht nüchtern. Und doch habe ich mit trockenem Kopf soviel geschafft und mich aus so vielen Löchern wieder herausgebuddelt.

    Meine eine wichtige Hauptbaustelle gleich zu vervielfachen, hat einen Grund: ich bete sie immer wieder vor mir her, ich WILL endlich an mich heran und mein Leben mit Menschen leben. Es wird Zeit dafür und meine Angst davor ist fast weg. Ich habe gesoffen, weil ich Angst hatte: Angst vor mir selber und Angst vor den Menschen. Angst vor den Reaktionen anderer und Angst vor allem vor Zurückweisung. Mittlerweile ist mein Selbstbewusstsein eine ganze Ecke stärker und ich nicht mehr hilflos benebelt. Ich weiss, was ich kann. Ich bin genauso gut und mit Fehlern behaftet wie alle anderen auch. Gefühle zu zeigen ist großartig.

    Sandmann - ich mache mit und ich danke Dir für Deinen tollen Beitrag. *Gut wachgerüttelt" kann ich da nur sagen!

    Danke fürs Lesen! Hier geht es weiter.

    Peter

    Hallo Apfelsine,

    vielen Dank für Deinen Beitrag! Ich habe beim Lesen öfter mal den Atem angehalten. Schön, daß Du hier im Forum bist und uns an Deiner Reise zu dir selbst teilhaben lässt. Ich drücke Dir alle Daumen und freu´mich, Dich wieder zu lesen!

    Herzlich willkommen hier im Forum!

    Peter

    Guten Morgen zusammen,
    guten Morgen Melanie!

    Mit ein paar Tagen Abstand sehe ich diese Reise gelassener. Eine Grenzerfahrung war es nicht, denke ich.

    Ab und zu versuche ich, den Kontakt zu einem Freund leicht "anzustupsen", von dem ich weiß, daß er im Grunde seines Herzens nicht mehr saufen will. Ich kann meine Hilfe nicht aufdrängen, das wäre sinnlos und vergeblich. Aber ich kann ab und zu signalisieren; "Hallo, es gibt mich noch und die Tür zur Hilfe ist nicht verschlossen." - Aufstehen und Hilfe suchen muss er dann schon selber. Ich fühle mich nicht verantwortlich für die Welt. Aber wenn mir ein Alkoholiker die Hand reicht, weil er Hilfe benötigt, bin ich verantwortlich. Letzte Woche habe ich gesehen und eingesehen, daß ich in diesem Fall nicht weiter hoffen brauche. Dieser Mann hat sich vorerst für den Alkohol entschieden.

    Sobald fahre ich jedenfalls nicht mehr nach Berlin. Ich bin im Sommer 2008 nicht umsonst dort weggezogen und habe die Stadt nie vermissst.

    Danke fürs Lesen!
    Peter

    Guten Morgen zusammen,

    mittlerweile bin ich umgezogen und seit zwei Wochen in meiner neuen Wohnung in Regensburg. Anstrengend war der Umzug, aber alles gut machbar. Ich hatte Hilfe von meiner Schwester und von Freunden - so ging es sehr gut in das neue Leben. Bis zu meinem Arbeitsbeginn ist noch etwas Zeit und ich kam auf die Idee, ein paar Tage in meine alte Heimat Berlin zu fahren. Sooo gut war die Idee wohl nicht: ich habe diesen Kurzurlaub abgebrochen.

    Eigentlich wollte ich heute noch in Berlin sein, denn hatte mich auf ein paar Tage in der großen Stadt gefreut. Am Donnerstag letzter Woche bin ich hingefahren; am Tag darauf entschied ich mich plötzlich, die Stadt schnell wieder zu verlassen. Ein heftiges und schlechtes Gefühl hatte mich gepackt, teilweise kam meine Vergangenheit wieder hoch und ich war nicht in der Lage, mich dagegen zu wehren. Als ich bemerkte, daß in der Unterkunft des Bekannten, bei dem ich übernachtete, jede Menge Alkohol "gebunkert" war, fiel meine Entscheidung sehr schnell. Ich bin zum Bahnhof und am Samstag früh wieder nach Regensburg zurück gefahren.

    Bereits bei meinem Spaziergang am Freitag merkte ich, wie unwohl ich mich fühlte. Ich habe einen ganz Sack voller Ablehnung gegenüber dieser Stadt in mir. Zum einen fielen mir die Veränderungen auf, die sich nach meinem Wegzug 2008 dort eingestellt hatten. Zum anderen bekam ich einen richtiggehenden Schub an schlechten Gefühlen, als ich an den Plätzen meines früheren Lebens vorbei spazierte. Soviel geballten Alkoholismus, soviel Verwahrlosung taten mir nicht gut. 25 Jahre habe ich in Kreuzberg gelebt, bin dort in mein Leben als Säufer geraten und nun lief ich durch die Strassen, sah vieles durch meine "trockene Brille" und wusste: "Ich brauche das alles nicht mehr."

    Am Freitag bin ich abends noch kurz in mein ehemaliges Stammlokal gegangen. Dort allerdings ist die Zeit stehen geblieben (bis auf die verstorbenen Freunde, die der Alkohol hingerafft hat): Die gleichen Menschen sitzen auf den gleichen Plätzen, trinken und erzählen sich das gleiche blöde Zeug. Leider hockte dort auch ein Freund, der den Absprung nicht schaffen will und von dem ich immer gehofft habe, er würde es vielleicht doch hinbekommen. Ein zweckloser und dummer Gedanke, der Alkohol hat ihn selbstverständlich fest im Griff, wie fast alle Besucher in diesem Lokal. Nach 20 Minuten des "Halloooo!" und "Heee!" bin ich wieder gegangen - unter einem Tisch saß ein Stammgast und spielt stockbesoffen "Hund". Er guckte blöd und hob das Bein. Da bin ich wieder raus aus dem Laden.

    Vielleicht habe ich das noch mal gebraucht; ich weiss es nicht. Die Reise kam mir nun überflüssig vor, aber wenn das Ergebnis dieser Reise ist, nicht mehr nach Berlin zu fahren, dann ist das auch ein Ergebnis. Ich nehme es hin, wie es gekommen ist. Meine neue Heimat, mein trockenes und nüchternes Leben gefallen mir deutlich besser.

    Danke fürs Lesen.

    Hallo zusammen,

    vielen Dank für Eure Beiträge! Ich werde sicher nicht zu lange warten, um dem Mann zu sagen, was zu sagen ist.

    Es ist ein Unterschied, wenn ich sage "Ich lebe alkoholfrei!" oder "Ich bin ein Alkoholiker!". Den ersten Satz wende ich meist dann an, wenn ich z.B. bei einem Treffen mit Arbeitskollegen oder Menschen bin, die es nicht wirklich etwas angeht, wie ich lebe. Bei diesem Satz "Ich lebe alkoholfrei!" möchte einfach nicht in die Tiefe gehen. Es ist ein Satz wie "Ich habe eine Allergie" oder sowas ... jedenfalls ordne ich das bei mir so ein. Wenn ich aber sage "Ich bin ein Alkoholiker!" dann tue ich das sehr bewusst:
    Ich möchte dem anderen sagen, was mit mir los ist und konfrontiere ihn mit einer Wahrheit, die nicht unbedingt einfach zu verdauen ist.

    Wir hatten dieses Thema hier auch schon in ähnlicher Art. Ich sage nicht jedem, was mit mir los ist. Warum auch? Es geht nur wenige etwas an; ich gehe mit meinem Alkoholismus nicht hausieren.

    Wenn ich jemanden kennenlerne, an dem mir etwas liegt und umgekehrt, dann muss ich allerdings klarer werden. Wer sich mit mir einlässt, muss erfahren, was das für ein Mensch ist, den er vielleicht bekommt. Darum sage dann "Ich bin Alkoholiker!". Die Angst vor der Reaktion ist bei mir immer da. Irgendwann als ich trocken wurde habe ich mir vorgenommen, nicht mehr zu lügen. Ich habe viele Jahre gelogen, als ich gesoffen habe: Ich habe gelogen, um an den Alkohol zu kommen, um an Geld zu kommen, um in Ruhe meine Sucht pflegen zu können und und und - alles, um den Teufel Alkohol auf meiner Schulter ruhig zu stellen. Ich habe mich dafür gehasst und vorgenommen: "Nie wieder."

    Es ist für mich auch nur begrenzt eine Belastung, jemandem zu sagen "Ich bin Alkoholiker", weil ich seine Reaktion nicht kennen kann. Es gehört zu MEINEM Leben, mit der Wahrheit klar zu kommen. Ich schaffe das auch. Aber ich muss auch gestehen, daß es für mich immer wieder eine Hürde ist, wenn ich diese Wahrheit jemandem sagen muss, bei dem ich mehr empfinde. Ich denke, das ist ganz natürlich :oops:

    Meine Sachen sind fast gepackt; ich kehre Tirol den Rücken und freue mich (wieder mal) auf das Neue.

    Danke fürs Lesen

    Peter

    Es geht weiter und weiter und weiter - das trockene und nüchterne Leben macht mir immer mehr Spass. In zwei Monaten bin ich fünf Jahre trocken... unfassbar irgendwie.

    Im Augenblick geht es mir gut: das Neue steht vor der Tür, ich habe Innsbruck und die merkwürdige Firma hinter mir. Vorgestern habe ich alle Ausrüstungsgegenstände abgegeben, als mir mein Vorgesetzter im Flur über den Weg läuft. Er zog mich nach draussen vor die Tür und sagte: "Peter, wenn ich etwas Besseres hätte, würde ich auch sofort gehen." - Das hat mich verblüfft aber natürlich auch sehr gut getan :)

    Eine Woche bin ich noch in Tirol und schwer am Packen. Im Umziehen bin ich erfahren - ich glaube, ich bin in meiner trockenen Zeit siebenmal umgezogen ... Ich hoffe sehr, nun auch mal ANzukommen.

    Es mag ja sehr merkwürdig klingen aus der Feder eines 48jährigen Mannes, aber ich habe das Gefühl, in den letzten fünf Jahren erwachsen geworden zu sein. Sowohl beruflich als auch privat.
    Mein Leben ist alles andere als normal, aber ich habe es im Griff und achte auf mich.
    Ausserdem bestimme ich selber, was "normal" ist und was nicht - zumindest was mein Leben betrifft. :P

    Noch bevor ich in Bayern ankomme, tut sich auch etwas für die Seele: ich habe jemanden kennengelernt und hoffe, das mehr daraus wird. Momentan ist es beidseitig und ich versuche, die Dinge entspannt auf mich zukommen zu lassen.

    Was mir immer wieder schwer fällt ist, einem neuen Mann zu sagen, daß ich ein trocken lebender Alkoholiker bin:
    - Ich habe Angst, sofort in eine Schublade gesteckt zu werden.
    - Ich habe Angst, ich sage es einem, der gerne Alkohol trinkt (und dann wäre es vergebliche Liebesmüh...).
    - Ich habe Angst vor Ablehnung.
    - Ich habe Angst, die Geschichte ist vorbei, bevor sie begonnen hat.
    Aber wie ich auch betrachte: Ohne die Wahrheit komme ich nicht weit.

    Dem Mann, den ich gerade kennenlerne habe ich bisher nur gesagt, daß ich alkoholfrei lebe. Sobald ich denke, den richtigen Zeitpunkt zu "erwischen", werde ich mit der Wahrheit rausrücken. Aber wann ist dieser Zeitpunkt...

    Danke fürs Lesen :)

    Peter

    So gut wie noch nie in meinem bisherigen Arbeitsleben bin ich in einem Unternehmen so freundlich und nett aufgenommen worden, wie hier in Innbruck. Das war auch ein Grund, warum ich gerne hierher gegangen bin, abgesehen von der guten Bezahlung. Die Einarbeitung war gut und so hatte ich überhaupt nichts zu meckern am Anfang, bis ich Anfang Januar von den üblen Arbeitszeiten erfuhr, die mir bis dahin ganz anders vermittelt wurden. Ich mochte es auch nicht so recht glauben, denn ich glaube zuerst immer an das Gute ;)

    Als ich am ersten Arbeitstag nach 12 Stunden nach Hause kam, war ich etwas geplättet. Es wurden jeden Tag mehr Stunden und am vorletzten Arbeitstag der Woche kam ich nach 16 Stunden heim. Ich fragte nach, ob das hier im Unternehmen die Regel sei und man sagte" Ja natürlich!" ... Niemand hatte mir bis dahin etwas von diesen Arbeitszeiten erzählt, auch der Betriebsleiter nicht bei meinem Vorstellungsgespräch, obwohl ich danach gefragt hatte.
    Ich war so sauer, dass ich mich wieder mal in meinem Kopf-Karussell drehte und gefangen hielt. Ich fragte mich, wie ich so doof sein konnte, ob ich nicht richtig zugehört habe beim Vorstellungsgespräch oder was sonst noch. Bis mir ein älterer Kollege, den ich beim Kaffee darauf ansprach sagte: "Die lügen erstmal jeden an. Wenn einer bleibt ist es gut, wenn nicht, geht er eben wieder. Wenn jemand schon mit seiner Familie hierher gezogen ist, bleibt der auch." Ab diesem Tag war mir klar: Das ist keine gute Basis - ich werde wieder gehen.
    ZEIT ist für mich ungeheuer wichtig. Ich habe fast 20 Jahre meines Lebens versoffen, ich habe meine Gefühle, meine Träume und Wünsche versoffen und bin nicht bereit, meine neue gewonnene Freiheit und Zeit zu vergeuden. Nicht jeder kann das verstehen, aber das ist auch nicht wichtig. EIN Baustein meiner Trockenheit ist die ZEIT, die ich mir gönne und für mich nehme - dafür habe ich liebend gern weniger Geld zur Verfügung.

    Ich war enttäuscht aber nicht verzweifelt. Ich war genervt über so ein dreistes Gelüge, aber ich versuchte, mir den Mut nicht nehmen zu lassen. Abends am 8. Januar wusste ich: "Los! Schreib´wieder Bewerbungen und sieh´zu, daß Du hier weg kommst." - Wenn ich schon nochmal neu anfange (und ich habe schon oft neu begonnen in meinem trockenen Leben), dann sollte es etwas anderes sein, etwas Neues und vielleicht eine Herausforderung. Genau das habe ich gefunden.

    Bei manchen Bewerbungen denkt man: "Das wird doch nie etwas..." und genau das aber klappt dann komischerweise.
    Zwei Tage nachdem ich eine Bewerbung an ein Verkehrsunternehmen in Bayern geschrieben hatte, riefen sie an. Es kam ein Bewerbungsgespräch zustande, das hervorragend verlief, ein sehr langer verkehrspsychologischer Test, eine ärztliche Untersuchung. Am meisten Angst hatte ich wegen der chronischen Leukämie, die bei jedem Blutbild auffällt. Doch die Ärztin beruhigte mich und meinte nur: "Das hat mit Ihrer Leistungsfähigkeit für den Betrieb überhaupt nichts zu tun." Alles zog sich etwas in die Länge und jedes Mal habe ich gebibbert. Am Ende hat es geklappt und nach knapp sechs Wochen konnte ich "Jipppieee" rufen. Nun bekomme ich eine siebenmonatige Ausbildung, und wenn ich die amtliche Prüfung am Ende des Lehrgangs bestehe, sofort einen unbefristeten Vertrag.
    Ende April ziehe ich um nach Regensburg und nächste Woche werde ich die Stelle hier in Innsbruck kündigen.

    Seit ich trocken bin, erlebe ich berufsmässig eine Berg- und Talfahrt, bei der es aber immer stetig bergauf geht. Anscheinend schaffe ich es, den Schwung bei der Abfahrt ins Tal mitzunehmen und beim nächsten Hügel wieder etwas höher zu fahren :) Ohne Übertreibung kann ich sagen, dass der neue Job der Traum meiner Kindheit ist. Es ist für mich DER Job schlechthin und ich kann es immer noch nicht richtig fassen. Die Geduld, die ich oft nicht hatte und habe, wird belohnt. Die Rückschläge und Enttäuschungen, die Hoffnungen - eigentlich alles, was ich erlebe, seit ich trocken und nüchtern bin, kommt irgendwann positiv zurück. So sehe ich das jedenfalls und habe nicht den Eindruck, dass ich damit falsch liege.
    Manche Kollegen in Innsbruck sind sauer, sie haben oft schlechte Laune und grüssen nicht. Sie hadern mit der betrieblichen Situation und bleiben hier doch ihr Leben lang "kleben". Ich bin so froh und glücklich, dass mir genau das nicht passiert.

    Berlin-Offenbach am Main-Hamburg-Innsbruck und nun Regensburg, hoffentlich für länger. Auf meinem trockenen Weg lerne ich anscheinend so einige Städte kennen (und die Frisur sitzt noch!). Auch wenn mir das wohl niemand abnimmt: ich würde gerne irgendwo bleiben und Wurzel schlagen. Mit der neuen Arbeit könnte das klappen. Wenn ich EINE Säule meiner zufriedenen Trockenheit mit einer befriedigenden Arbeit habe, dann ist das eine sehr gute Basis. Ich werde das Beste daraus machen :D

    Danke fürs Lesen!

    Peter

    Ich danke euch allen für die lieben Worte! Das tut ja so gut! Gleich geht es weiter :)

    *schnipp*

    Es ist März 2011 und es viel geschehen. Wieder einmal habe ich mich gründlich gerirrt, was die neue Firma angeht und bin Anfang Januar doch ziemlich enttäuscht gewesen. Ich konnte meine Enttäuschung nicht zulassen, weil ich es nicht wahr haben wollte. Zum Teil war es mein Verschulden, zum größeren Teil aber hat mir die Firma verschwiegen, wonach ich im Vorstellungsgespräch ausdrücklich gefragt habe: die Arbeitszeiten. Ich bin bei einem Unternehmen gelandet, daß seine Mitarbeiter gut bezahlt, aber zeitmässig "auffrisst". Ich bin meist mehr als 12 Stunden von zuhause weg und habe so wenig freie Tage, daß mir keine Zeit zur Regeneration bleibt. Vor ein paar Wochen war ich kurz vor einem Hörsturz und der HNO-Arzt hat mich ein paar Tage aus dem Verkehr gezogen. Ich bin frustriert und enttäuscht jeden Tag meinem Leben nachgegangen, aber ohne rechte Freude. Zudem war und bin ich wirklich sauer, daß man mir so unverfroren die Unwahrheit gesagt hat. Mittlerweile weiss ich um die hohe Fluktuation hier, ich weiss von Mitarbeitern, die schon nach einer Woche wieder gegangen sind und dass von zehn neu eingestellen Mitarbeitern acht wieder gehen. Das soll schon seit Jahren hier so laufen..
    Kurzum: am 8. Januar begann meine innere Kündigung, indem ich wieder Bewerbungen schrieb.

    Gleich geht es weiter...