Dieses Thema ist sehr bewegend. Ich hatte schon länger vor, hier zu schreiben, aber mich noch nicht getraut. Heute traue ich mich.
Die Überschrift habe ich geklaut. Aus dem Requiem von Paul Hindemith.
Denen, die wir lieben
Der Erste war T., der Lebensgefährte
meiner besten Freundin. Groß gewachsen, schlaksig, schüchtern. Und
meist unglaublich nett, wenn er nicht gerade seine „Tage“ hatte,
an denen ich nicht verstand, warum er so komisch war. Geahnt habe ich
es, denn ich habe ja schließlich selber gesoffen, war also ein Profi
was den Konsum von Alkohol betraf. ... T. sagte oft nichts, auch wenn
man sich mal zufällig im Treppenhaus begegnete. Es kam mir vor, als
würde er die Luft anhalten. Einmal sagte ich ihm „Du kannst ruhig
atmen, ich tu´dir nix.“ und dann atmete er durch. Eine Welle von
Schapsduft nebelte mich ein und die Verbindung mit seinem
Rasierwasser war besonders schräg. Eines Tage starb T. „plötzlich
und unerwartet“, wie man so sagt, auf der Toilette seiner Wohnung.
Im Krankenhaus nahm uns der Arzt beiseite und fragte „Was um
Himmels Willen ist mit ihrem Freund gewesen? Seine Organe hatten den
Zustand eines 80ig-Jährigen. „Zwei Flaschen Vodka waren mit ihm
los. Jeden Tag.“ sagte seine Freundin. … T. Wurde 35 Jahre jung.
Der Zweite war M., ein etwas nerviger
Kollege, nett eigentlich, der leider nie die Grenze erkannte, wenn
man mal für sich sein wollte. So wurde er manchmal in der Kneipe an
den Tisch gelassen, manchmal nicht. Eines Tages kam M. nicht mehr und
der Wirt sagte: „M. ist im Krankenhaus. Krebs. Nicht heilbar.“ …
Zweimal habe ich ihn besucht. Es ging ihm schnell schlechter. „Der
Alkohol hat seinen Darm aufgelöst.“ hiess es. Was natürlich
Unsinn ist. Aber eben auch nicht ganz. Der Alkohol hatte auch bei M.
Spuren hinterlassen, innen drin. In der Seele und noch viel stärker
in seinem Körper. Wir brachten ihm Zeitungen und Illustrierte. Was
liest man, wenn man bald stirbt? Es geht eigentlich nur um Abschied
nehmen und darum, Zeit totzuschlagen, bis man tot ist. Es war schlimm.
Als er tot war, erreichte uns ein Brief in der Kneipe, in dem er
Abschied nahm: „Ich wäre gerne noch ein wenig bei Euch geblieben.“ und ich schämte mich zutiefst, weil ich ihn nicht einfach immer an meinen Tisch in der Kneipe gelassen hatte. … Die Beerdigung übernahm das Sozialamt. Wir waren fünf
Anwesende. Vielleicht die größte Ansammlung in seinem „Leben“,
und er hat es hoffentlich fühlen können.
Die Dritte war P., eine wundervolle
Frau aus Südeuropa, mit Temperament und voller, lauter Stimme. Wo
sie her kam, gab es keine Arbeit, die auch nur halbwegs anständig
bezahlt wurde. So kam sie als Fremde nach Berlin und landete mit
einem fürchterlichen Deutsch in einer Kneipe. Keine schlechte
Kneipe, das muss ich auch heute noch sagen. Keine Kaschemme, eher gut
durchmischt mit Menschen aller Schichten. P. war eine unglaubliche
Frau hinter dem Tresen. Lachend, laut, witzig. Niemanden schloß sie
aus und sie selber wurde auch nie ausgeschlossen. Ihr Deutsch blieb
rudimentär, aber man verstand alles, und was man nicht verstand, war
auch nicht so wichtig. Sie kam mir vor wie das pure Leben. Eine
beliebte Bezeichnung. Bei ihr passte das.
„Irgendwann gehe ich
zurück. Wo es warm ist!“ und das glaubte ich ihr sofort. Die
Deutschen waren ihr manchmal zu stur und ich verstand ihren Wunsch
gut. P. starb, wie M. ... Im gleichen Krankenhaus, ähnliche
Diagnose und in atemberaubendem Tempo. Danach konnte sie zurück in
ihre Heimat. Wo es warm war.
Der Vierte war MM. Ein Künstler.
Ein Gourmet. Ein Zauberer hinter dem Tresen. Groß, empathisch,
schwul wie ich. Ein wenig Glamour im tristen Kreuzberg der 80er
Jahre. „Peter – Framboise?“ .. Bei ihm gab es keinen ordinären Schnaps.
Alles hatte seinen Namen und nichts war gewöhnlich. Das machte ihn
aus, er machte aus allem etwas Besonderes und man durfte sich einen
Augenblick im Leben als etwas besonderes fühlen. Manchmal sah ich
ihm seine tiefe Traurigkeit an. Nie hat er mir erzählt, warum. Das
Verhältnis Wirt – Gast hat er professionell gehalten und wenig von
sich preisgegeben. Man konnte seine Sorgen loswerden, er hörte zu
und nickte. „Framboise, Peter“? … Nur bei seiner Alkoholsucht
konnte er nicht mehr professionell sein. Ich sah ihn immer wieder,
wie er sich in einem unbeobachteten Moment glaubte und einen Schnaps
runterkippte. Damals hätte ich ihm gern geholfen. Aber wie soll ein
Alkoholiker einem Alkoholiker helfen, wenn beide in Alkohol
ertrinken. Er wurde dünner und dünner. Auch er: Krebs. Speiseröhre.
Zuviel Schnaps. Zuviel Qualm. Er starb und ich fühlte mich plötzlich sehr allein in der Kneipe.
Der Fünfte war C., ein Freund. Ein
Feingeist, ein Literat. Ein Mensch mit Uhrwerkqualitäten. Oder mit
extrem eingeschränktem Leben, wie man das sehen will. Alles ging
nach Plan. Seine Spaziergänge, seine Einkäufe. Immer alles zur
gleichen Uhrzeit. Anrufen sollte man ihn besser nie. Er hasste es,
wenn sein „Tagesablauf“ durcheinander kam. Sprechen konnte man
mit ihm nachts, wenn er pünktlich um halb eins in der Kneipe
auftauchte wie gerade frisch geduscht. Es war wie ein Ritual: wir
unterhielten uns über Politik, Literatur und lästerten über die
anderen Gäste. Einmal lieh er mir viel Geld. Ich wollte mein Leben
ändern und eine Qualifizierungsmaßnahme machen, nur das JobCenter
wollte nicht. Da gab er mir das Geld und sagte „Mach!“ und ich
tat es. Später habe ich das Geld in Raten zurückgezahlt. Als ich
trocken wurde, war er einer der ganz wenigen, die das nicht verstehen
konnten oder wollten. Ich wusste, daß er vor seinen Kneipenbesuchen
und danach trank. Bis er nicht mehr in die Kneipe kam. Schlaganfall
in der Wohnung. Niemand weiss, wie lange er dort lag. Die Polizei
schätzte 14 Tage. Die Beerdigung war erschütternd.
Ich habe
alle überlebt und gerade noch rechtzeitig den Absprung geschafft.
Niemand wurde auch nur annähernd so alt wie ich heute bin. Alle
starben durch Alkohol. Ich habe sie alle lieb und werde sie nicht
vergessen. Ihnen widme ich heute meine Gedanken, an Heiligabend in
diesem fürchterlichen Jahr 2021.
Danke fürs Lesen.
Peter