Beiträge von freigeist75

    Zitat von HansHa

    Hallo,

    für mich gibt es zwei Sorten nicht trinkender Alkoholiker, das sind die wirklich trockenen, die sich mit ihrer Sucht beschäftigen und die Entwicklung, die sie während der nassen Zeit nicht gemacht haben oder die in die falsche Richtung gegangen ist, versuchen zu korrigieren. Dann gibt es wie von "Melinak" schon erwähnt, Leute mit Trinkpausen, die es aus irgend einem Grund aushalten, nicht zu trinken. Und je nach dem kann das schon mal längere Zeit, in einzelnen Fällen auch über Jahre, funktionieren. Im Prinzip wird das Suchtgedächtnis mit großem Aufwand (Muss nicht vom Betroffenen bewusst wahrgenommen werden.) "gedeckelt".
    Es gibt da auch keine klaren Unterscheidungsmerkmale für außen Stehende. Das kann nur der Süchtige selbst für sich entscheiden, wie er auch entscheiden muss, ob er süchtig ist.
    Ich kenne beide Seiten und habe früher auch längere Trinkpausen gemacht. Im Gegensatz zu jetzt ist der Trinkwunsch nie aus meinem Kopf verschwunden und ich habe mich immer quälen müssen, um nicht zu trinken. Ich habe mir und anderen gegenüber auch nicht zugegeben, dass ich süchtig bin, sondern habe das Nichttrinken anders begründet. Für mich fängt der Weg in die Trockenheit damit an, dass ich vor mir und anderen, wirklich und tief verankert, zugebe ein Alkoholiker zu sein.

    Schönen Tag

    H.

    Lieber HansHa

    Was Du hier schreibst, genau das sind zur Zeit meine schlimmsten Gedanken. Wenn ich alles verstandesmässig, was ich mir mehr oder weniger an Wissen zusammen"erobern" musste (was er mir auf mein Drängen erzählte, oder mir seine Eltern erzählen konnten. ich erwähne hier auch nur Dinge von denen ich bestimmt weiss, dass es sich so zugetragen hat), analysiere: Etwa rund 10 Jahre nasser Alkoholiker mit mind. 2 Trinkpausen von mehreren Monaten. Einmal hatte er einen Entzug in der Klinik gemacht. Die Selbsthilfegruppe hat er nach kurzer Zeit verlassen. Einzeltherapie hat er aufgegeben. Die Medikamente, die er bekommen hat, hat er eigenmächtig abgesetzt. Dann fing er wieder an zu trinken. Immer nur Wein, 2-4l, dies aber täglich und nur alleine. (Das sind seine Aussagen). Den zweiten Entzug hat er alleine gemacht. Er muss mitten im körperlichen Entzug gewesen sein, als wir zusammengezogen sind. Ich erinnere mich an mehrere Tage: Schweissausbrüche, Durchfall, Verdauungsstörungen, er konnte nichts essen, wie Fieberschübe, etc... Er erklärte mir, er sei krank...ich glaubte, es sei eine Erkältung. Er wollte nicht zum Arzt. Auch Medikamente wollte er nicht einnehmen. Ich war in einer Notfallapotheke. Er war mehrere Tage kaum ansprechbar. Ich machte mir richtige Sorgen. Am Anfang wohnten wir mehrere Wochen zusammen und dann kamen mehrere Wochen der Arbeit, in denen wir getrennt waren. Erst jetzt als wir seit Anfang Jahr täglich zusammen lebten, da fiel seine Wesensveränderung immer wie extremer auf.
    Kurz nach dem Zusammenziehen kam durch seine Eltern zum Vorschein, dass er einen grossen Berg von Schulden angehäuft hatte. Inzwischen habe ich ihn mehr oder weniger unterstützt und genötigt alles abzubezahlen und er hat seit Anfang Jahr eine feste Arbeit. Er zahlt heute noch nicht seine Rechnungen pünktlich. Ich stelle fest, dass ich ihm zu viel abgenommen habe (seine Schulden abzahlen, ihm Arbeit besorgen, ihn bei mir sofort einziehen lassen, ihm über ein Jahr lang keine finanzielle Verpflichtung zuzumuten wie Beteiligung am gem. Haushalt oder ähnliches. Ich dachte die ganze Zeit, er soll erst mal auf die Beine kommen. Er hatte paar Fehler in der Vergangenheit gemacht. Das kann vorkommen. Ich helfe ihm da raus). Bei seinen Eltern hat er auch noch Schulden, aber er ist schon wieder am Planen, sich selbständig zu machen und er müsste hierfür diverse Dinge besorgen. Wenn ich was kritisches hierzu sage, heisst es, ich würde ihn nicht verstehen. Er wäre nie in Not gewesen (er konnte zuletzt nicht mal seinen Mietzins zahlen) und ich würde blos nicht seine Leidenschaft teilen und sei nicht auf seiner "Ebene".
    Im Nachhinein habe ich wohl alles falsch gemacht, was ich konnte. Zusammen mit seinen Eltern. Wir haben ihm alles abgenommen, überall geholfen, Dinge übernommen. Wieso sollte er dann was an seinen Gewohnheiten ändern?!
    Zur Zeit kommt es mir vor, dass er wohl einen sehr starken Trinkwunsch hat und alles dafür tun würde, um wieder in seine alten Gewohnten zu verfallen, die er nie wirklich abgelegt hat. Wenn es sein muss, dann stösst er mich auch von sich weg. Ich weiss blos zur Zeit nicht, wie ich damit umgehen oder darauf reagieren soll. Muss ich ihn fallen lassen?! Darf man das?! Wie schaff ich das, ohne mir, wenn er dann offensichtlich rückfällig wird, Vorwürfe zu machen?! Sollte man nicht zu einem Menschen, der krank oder in Not ist, stehen; ihm helfen?!

    Zitat von Melinak

    hallo freigeist,

    ich kann dir von meiner mutter erzählen. sie trinkt ja nicht dauernd. sie hat zwischendurch trinkpausen. es ist wie ein wunder, nach ein paar tagen hat ihr körper sich wohl wieder recht gut erholt. es dauert nicht lange, dann kann ich ganz normal mit ihr reden, über dies und das. sie ist ganz normal in diesen trinkpausen. doch wehe sie fängt wieder an, dann verändert sich ihr wesen, spricht sie wirres zeugs und hat manchmal einstellungen zu manchen themen, die sie in den trinkpausen so nie haben würde.
    lieben gruß melanie

    Hallo Melanie

    Erst mal: Vielen Dank an alle, die mir hier zu diesem Thema schreiben und mir ein Stück weit in ihre Lebensgeschichte und vielleicht auch in ihre schlimmsten Erlebnisse und Gedanken Einblick gewähren.
    Ich bin die letzten Tage dermassen voller Gedanken, widersprüchlicher Gefühle und Meinungen, dass es mir schwer fällt, mich zu sortieren und für mich den einen "richtigen" Blickwinkel zu finden. Euere Gedanken, Meinungen, Erlebnisse, Lebensgeschichten helfen mir weiter.

    Bei meinem Partner habe ich es anders erlebt - als in Deiner Beischrubung. Er war zunächst der fürsorglichste, liebevollste Mensch mit einem klaren Verstand, Blick für das Wesentliche und jetzt im Nachhinein vielleicht mit ein wenig zu viel Euphorie. Einige Monate später erlebte ich eine Wesensänderung mit, die ich aber zunächst nicht wirklich auf den Punkt bringen konnte. Unsere Beziehung wurde oberflächlicher, er verhielt sich distanzierter. Kleinigkeiten konnten ihn völlig aus der Fassung bringen. Auf banale Geschehnisse hatte er (aus meiner Sicht) plötzlich Ableitungen auf unsere Beziehung, meine Person, das (Zusammen-)Leben für sich hergeleitet, die für einen rational denkenden Menschen völlig keinen Sinn machten. Beispiel: Man redet über Weihnachtsschmuck und Farben oder Vorstellungen. Plötzlich wird er ganz still, distanziert, schlecht gelaunt. Auf Nachfrage grübelt er über unsere Beziehung und/oder mich und meinen Charakter nach. Ob wir denn tatsächlich zusammen passen, da ich solche Farben oder diesen Weihnachtsschmuck bevorziehen würde (?!). Vor einigen Monaten konnte ich noch darüber schmunzeln und dachte mir...ok... Er hat länger alleine gelebt. So ein Zusammenziehen muss man manchmal auch erst mal verdauen. Die ersten Tage als er bei mir eingezogen ist, bin ich z.B. in mein Geschäft geflüchtet und meinte zur Kollegin, ich weiss nicht, ich spüre Panik. 24h zusammen! Am liebsten würde ich davonrennen. Der Gedanke macht Angst. Das hat sich bei mir dann gelegt und genauso dachte ich mir, muss er auch erst mal sich an den Gedanken gewöhnen, dass er nun nach längerer Singlezeit, eine Familie zu Hause hat.
    Damals ist er immer wieder mal für einige Tage weggefahren. Wannimmer er zurück kam, war unsere Beziehung harmonisch. Er war ausgeglichen. Erst seit Anfang diesen Jahres wohnen wir "täglich" zusammen. In den letzten Monaten wurde er immer wie angespannter, distanzierter, lustloser, mürrischer, nervöser, ungeduldiger. Diese Situationen, in denen er aus dem nichts anfing irgendwelche Rückschlüsse auf meine Person und unsere Beziehung zu ziehen haben sich angehäuft. Die Situationen wurden immer wie wirrer. Das Gemüse, welches ich zusammen in einem Topf koche...er schliesst daraus ich habe keinen Farbsinn oder kein Feingefühl. Zweifelt an unserer Beziehung. Das Essen ist als er nach Hause kommt nicht auf dem Tisch, da bei mir unerwartetes meinen Tagesablauf durcheinanderbrachte. Ich wärme also Reste von Tag vorher auf: Er ist völlig aufgelöst. Aufgebracht. Läuft hin und her in der Küche und steht irgendwie neben sich. Kann nicht mehr grüssen, ist kalt und abweisend. Begründet es im Nachhinein mit: Stress, grossen Hunger und der Vorfreude auf das Essen, was wir besprochen hatten. Ich habe noch nie jemand so reagieren sehen, egal wie sehr dieser Mensch Hunger hatte. Er musste keine 5 Minuten aufs Essen warten. Dies und die Menuplanänderung hat ihn völlig "umgehauen". Er war schlecht gelaunt, kalt, missmutig....
    Weiteres Beispiel: Er kann mit mir keine DVDs mehr schauen, denn ich achte nicht wie er auf die Kameraführung oder Lichtverhältnisse, etc.. Das zeige ihm, das wir uns auf unterschiedlichen emotionalen Ebenen befinden. Ich ihn nicht verstehen kann. Meine Intelligenz sozusagen "begrenzt" ist...
    Lauter solche Geschichten. Die hatten sich angehäuft. Ich habe noch nie mit einem Menschen zu tun gehabt, der solche Rückschlüsse oder logischen Folgerungen zustande brachte. Ich wusste teilweise nicht, ob ich lachen, weinen oder ihm eine "scheuern" soll (gedanklich!!!). Es war verletzend und doch konnte ich es auf die andere Seite nicht ernst nehmen. Ich wollte ihn aber ernst nehmen und dachte, vielleicht reagiert er so, weil er irgendein anderes Grundlegendes Problem mit MIR hat. Je mehr ich gebohrt habe, desto abstrusere solch ähnliche Geschichten kamen zusammen. Dazu kommt seine Schlaflosigkeit. Schwere Schlafstörungen. Teilweise Schweissausbrüche. In letzter Zeit hatte er unglaublich gerötete Augen. Er war sehr überfordert mit jeder Situation, die nicht genau nach Plan ablief. Er ist wahnsinnig vergesslich, zerstreut.
    Irgendwie wirr. Verliert sich in Träumen. Wechselt aber jeden Tag sein Ziel. usw.usf. So habe ich ihn in den letzten Wochen erlebt und so war er nicht von Anfang an. Ich konnte mir keinen Reim mehr auf dieses Verhalten machen und habe es auf mich bezogen, seine Gefühle zu mir. Zuletzt habe ich ihn wiederholt um eine Aussprache gebeten. Da hat er mir berichtet, er müsse immerzu an eine andere Frau denken, mit der er nie zusammen war. Er liebe sie und nicht mich. Er wolle alleine leben und an diese Frau denken... Am nächsten Tag tat er, als wäre nichts geschehen.
    Seitdem kam wieder mal ein "Ich liebe Dich".Dann habe ich das erfahren über seine Alkoholkrankheit. Durch seine Mutter und konnte ihn nur tel. mit meinem Wissen konfrontieren. Er hat daraufhin gemeint, dass er seit einem Jahr trocken sei. Er hätte keine Probleme, sein Leben völlig im Griff (er hatte viele Schulden, die ich ihm abzahlen half) und alles liege nur an dem Druck, die ihm alle machen. Niemand würde ihn verstehen. Seine zuvor 10jährige "nasse" Zeit (mit 2 Trinkpausen über mehrere Monate) hätte nichts mit seinem Verhalten zu tun.
    Du schreibst, Du erlebst Deine Mutter in der nassen Zeit als wirr. Bei mir scheint es entweder umgekehrt, oder ich bin zu verliebt und meine nur, dass seine Argumentation nicht wirklich Sinn macht oder aber, er lügt und ist nicht mehr trocken... Und das letztere kann ich irgendwie nicht glauben. Deswegen kam ich auf den Gedanken des "Trockenen Rausches".
    Ich danke Dir für Deine Zeilen, Melanie...

    Hallo Eric.

    Damit hast Du Recht. Aber mein Parter - edit, Linde - , kennt sich hier überhaupt nicht aus und ich arbeite in einem Bereich, wo ich täglich mit Fachstellen und Menschen zu tun habe, die mir eine Hilfestelle gut vermitteln, empfehlen können und mir eine Erstbeurteilung der Hilfestellung abgeben können. Er hat eingewilligt, dass er fachliche Hilfe möchte. Ich stelle blos den Kontakt her. Dein Einwand stimmt aber vollkommen und ich bin mir dessen auch bewusst.

    Ich lebe mit einem trockenem Alkoholiker zusammen. Weiss dies erst seit 3 Tagen. Wir leben ca. seit einem Jahr zusammen.
    Meine Fragen:
    Kann ein trockener Alkoholiker, der ca. 10 Jahre an seiner Sucht hing, täglich wohl 2-4l Wein trank, mehrere erfolglose Entzüge hinter sich hat und nun seit ca. 1 Jahr nichts getrunken hat, selber einen Entzug ohne fremde Hilfe machte, kann so jemand sich selber richtig einschätzen?

    Seine Bedürfnisse und sein Leben ohne verklärende Faktoren und realitätsbezogen betrachten?

    Er selber hat mir nichts von seiner Krankheit erzählt gehabt. Ich habe es durch seine Mutter erfahren, nachdem ich durch seine Wesensänderung einige heftige Diskussionen, Gespräche etc. mit ihm hatte und nicht voran kam.

    Gibt es den trockenen Rausch?

    Ich habe auch einen Beitag im Forum fpr Co Abhängige Parter mit dem Titel "was kann ich ihm überhaupt noch glauben?!" stehen, wo man mehr über ihn und seinen Hintergrund, seine Verhaltensweisen erfährt.
    Ich brauche die Einschätzung anderer Menschen, anderer trockener Alkoholiker, die wissen, was diese Krankheit mit einem macht und wie man etwas sieht, meint und denkt, wenn man seine Partner, Angehörige verletzt und vor den Kopf stösst...

    Ich bin mit meinem jetzigen Wissenstand überfordert und sehr durcheinander. Ich danke euch, dass ihr mit mir Euere Lebensgeschichten und Erfahrungen teilt. Ich bin auf diese Hilfe zur Zeit angewiesen. Ich möchte niemanden fallen lassen, möchte mich aber auch nicht ausnutzen lassen und Gefahr laufen, das Seelenheil meiner Kind (und auch meins...) aufs Spiel zu setzen.

    - edit, bitte nicht über Dritte solche Details ins www reinschreiben, danke, Linde -

    Meine Fragen an euch: Tue ich das Richtige? Ich habe 2 kleine Kinder (5 und 2.5), sie lieben ihn abgöttisch. Ich bin selbständig, meine Arbeit verlangt viel von mir, ich kann mir aber meine Arbeitszeiten zurechtbiegen. Ich bin erfolgreich, aber das Zusammenleben mit ihm hat unendlich viel Energie gekostet, Geld und auch Nerven. Ich verliere an Kraft für meine Existenz, mein Leben. Schiebe wichtige Arbeiten und Aufträge hinaus, gefährde mein Leben, meine Existenz. Ich arbeite viel von zu Hause und nachts, um für meine Kinder dasein zu können. Das jüngere vor allem. Ich merke, ich bin nun total am Anschlag. Es ist dieses Gefühlsab und auf, was mich fertig macht. Ich liebe ihn. Ich könnte alles mit ihm durchhalten, nicht aber, wenn er mich dermassen runterputzt, meine Intelligenz in Frage stellt, mich klein macht. Ich habe immer alles aus eigener Kraft mit einer unbendigen Disziplin, Kraft und unendlichem Willen geschafft und mir aufgebaut. Ich habe aber auch ein tiefes Bedürfnis nach Familie und Liebe, wenn ich liebe, gehe ich mit diesem Menschen durch alle Tiefen und Höhen. Ich fühle mich so wertlos, so nicht liebenswert, so benutzt auf eine Art und Weise. Andersrum sage ich mir, er ist krank. Da spricht nicht er selber. Was ist richtig, was ist falsch?! Schätze ich (trockene) Alkoholiker falsch ein? Soll ich ihn beim Wort nehmen und rausschmeissen? Bitte, helft mir weiter. Danke.