Hello again.
Die, die schon länger hier in der Gruppe sind, werden sich vielleicht noch an mich erinnern. Das Höckertier, das durch die Wüste schleicht.
Ich beschritt mit Anfang 30 den ersten ernsthaften Versuch, nach 14 Jahren Alkoholmissbrauch, diesem Gift den Kampf anzusagen. Ich lebte damals noch in einem kleinen Dorf, wo das Bier"CHEN" zum guten Ton und der Frühschoppen zur Nachbarschaftspflege gehörte. Außerdem war ich damals schon im Schichtdienst und niemand wunderte sich, wenn ich dann morgens um 7 mit einem Glas Wein im Vorgarten stand.
Als ich den Entschluss fasste den Alkohol aufzugeben und mich hier anmeldete, war ich voller Elan. Ich hatte mir vorgenommen standhaft zu bleiben und dachte, das Dorfleben und die dazugehörigen Feierlichkeiten, wären der größte Risikofaktor für meine Abstinenz. Was ich vollkommen außer Acht ließ, war jedoch mein privates Umfeld. Dazu kann ich später gerne mehr schreiben, falls es jemanden interessiert. Nur soviel: der Umgang mit mir nahestehenden Menschen war es letztendlich, der meine Gefühlswelt aus der Bahn warf. Ich wurde schwach, woran niemand Schuld war, außer ich selbst. Ich fühlte mich als Opfer, dass auf alles verzichten muss, während andere sich einfach wegballern können. Ich fiel schon nach 2 oder 3 Monaten in alte Muster zurück, trank um zu vergessen, um meine Wut zu unterdrücken und hörte dann auch auf, hier zu schreiben. Ich empfand den Ton manchmal auch zu hart für mich. Ich konnte mit Fragen und Aussagen, die einem den Spiegel vorhalten, nicht gut umgehen.
Nach meinem letzten Absturz an meinem Geburtstag 2011 zog ich die Reißleine. Diesmal richtig. Ich trennte mich, nach 10 Jahren Beziehung, zog in eine Großstadt und wollte mich anfangs in eine WG einmieten, um nicht ganz alleine zu sein.
Ich weiß noch genau wie das Vorstellungsgespräch bei den beiden Studenten verlief. Sie haben die Aussage, dass ich Alkolikerin bin und trocken leben will, zwar anerkennend aufgenommen, dann aber direkt gefragt, wie ich denn damit klarkommen würde, wenn sie Alkohol in ihren Zimmern konsumieren würden oder mal was zu feiern hätten. Ich wollte noch sagen, dass ich mich sowieso die erste Zeit sehr zurückziehen würde und wahrscheinlich den Gemeinschaftsraum (bzw. Wohnzimmer) meiden werde. Doch während ich Luft holte, hörte ich eine innere Stimme in mir, die sagte: "Bist du eigentlich bescheuert? Du brauchst doch einen absolut trockenen Rückzugsort! Keine Parties im Nebenzimmer und Alkoholfahnen deiner Mitbewohnerinnen. Das ist ein Risiko."
Ich stand direkt auf, bedankte mich freundlich und verabschiedete mich. Ohne mit der Wimper zu zucken.
Also schlief ich erstmal in meinem Auto. Zum Glück war Sommer. Ich hatte mich noch am gleichen Tag, als ich in der Stadt ankam, in einer günstigen Fitnessstudio-Kette angemeldet, so dass ich dort täglich duschen konnte. Das war zwar praktisch und günstig, aber mit der Einsamkeit hatte ich doch schon zu kämpfen und ich habe mich quasi von Fastfood und Softdrinks ernährt. Die Gedanken kreisten jede Nacht durch meinen Kopf.
Ich war immer froh, wenn ich auf der Arbeit war und jemanden zum Quatschen hatte. Zwar nur oberflächlich, aber besser als nichts. Meine beste Freundin war damals erst kurz vorher verstorben und meine Eltern... naja, bei denen steht der Alkohol noch heute im Mittelpunkt -also auch keine Option für tiefgründige Gespräche.
Die Treffen der AA waren quasi meine Highlights des Tages. Hier traf ich auch Menschen, die heute meine engsten Freunde sind.
Nach ein paar Wochen konnte ich endlich in eine kleine Wohnung am Stadtrand ziehen. Endlich wieder ein eigenes Reich! Ich habe das ordentlich gefeiert, in dem ich mir einen Online-Angelkurs gegönnt habe. So habe ich mich erstmals so richtig auf andere Gedanken bringen können. Ich lernte. Für den Angelschein, viel über Ernährung und Fitness, die biochemischen Zusammenhänge im Körper. Ich stellte meine Ernährung komplett um und die Erfolge waren schnell sichtbar. Und noch etwas änderte sich radikal: ich war glücklich.
Ich nahm wahr, dass ich nur noch selten Suchtdruck verspürte. Aber irgendwann wurde mir auch klar, dass ich ja auf NICHTS verzichte.
Nicht zu trinken ist kein Verzicht. Man verzichtet ja auch nicht darauf, sich einen Arm abzuschneiden.
Ich will damit sagen (und deswegen die provokant anmutende Überschrft) ich verzichte auf gar nichts. Dieser Begriff ist für mich so grundlegend falsch.
Ich habe dieses Jahr geheiratet. Meine Frau hatte nie ein Problem mit Alkohol und trinkt aber trotzdem nie. Gar nichts. Nicht nur mir zuliebe, sondern weil er ihr von Anfang an egal war.
Mein Leben läuft nun, nach anfänglichen Stolperstrecken, in gerader Spur. Alkohol spielt in meinem Leben keine Rolle mehr. Er ist wie ein alter unangenehmer Bekannter, der auf der anderen Straßenseite vorbeiläuft und wo man einfach auf den Boden schaut um ihn nicht zu grüßen.
Ich verzichte nicht auf ihn. Ich will einfach nichts mehr mit ihm zu tun haben.