Hi!
Ich schreibe aus meiner Sicht, denn ich denke nachschauen und oder lesen, kann eh jeder selber.
Die Traumatherapie bietet mir jene Techniken zur Aufarbeitung an, die ich früher benutzt habe, um zu überleben.
Also zum Beispiel konnte ich mir was mit mir geschah immer schon aus der Distanz ansehen, langsam oder schneller, aus verschiedenen Perspektiven oder es ganz wegsperren, verstecken. Sonst hätte ich meinen Alltag teilweise ja gar nicht auf die Reihe bekommen.
Aber ich wollte mir das dann gar nicht mehr aus der Distanz ansehen, ich wollte ein klares Bild, Nähe zu mir, mit jemandem über alles mal reden, der das aushält.
Es gibt in "Am Anfang war Erziehung" eine kurze Passage, wo Miller einen jungen Mann beschreibt, der über viele Seiten Schimpfwörter für seine Mutter findet und für sich aufschreibt und sie lobt diesen wegen seiner Kreativität.
Das war etwas, was mir bis dahin noch nie begegnet war. Das war etwas, was ich vorher nicht denken konnte. Dem bin ich auch nie sonstwo begegnet.
"Meine Mutter dieser schleimige Lurch von von einem halblinden Axolotel in ihrer Stinkegrube."
Das gab ja schon ein Räuspern von der Gegenseite oder hochgezogene Augenbrauen, oder auch mal, ein ist schon gut oder ein, so redet man nicht über seine Mutter, sie ist immerhin deine Mutter, oder ein, du wärst ja gar nicht du, wenn du nicht all das schlimme erlebt hättest. Irgendsowas.
Mein, geschultes und bezahltes, oder befreundetes, Gegenüber stellte sich dadurch relativ schnell, verbal oder nonverbal auf die Seite meiner Mutter.
Und ich hatte dann irgendwas einzusehen oder anzuwenden.
Miller, je später desto deutlicher, machte das nie. Die steht felsenfest auf der Seite des Kindes und geht da auch nicht weg.
Ihre Worte sind eindeutig, klar, und (mit Ausnahme von Du sollst nicht merken) kommt sie ohne ein einziges Fremdwort aus.
Ich musste nie mein psychologisches Wörterbuch benutzen beim Lesen ihrer Bücher.
Ich wollte mir meine Realität ansehen, meine frühere, ich wollte wissen was passiert ist und davon ein klares Bild haben.
Ich wollte es nur nicht alleine tun, sondern mit jemandem der mich begleitet und schützt, nicht vor mir schützt, sondern vor meinen Eltern bis ich selber dieses Kind schützen kann, dass ich einmal war, bis ich mich selber schützen kann. Bis ich felsenfest auf meiner Seite stehe und nicht dieses Gerede vom Guten mich wieder unsicher und wackelnd machte.
Sie hat ja sehr viele Jahre (gratis) Leserbriefe beantwortet.
Das geht jetzt natürlich nicht mehr.
Aber ihre Bücher kann man natürlich noch lesen.
Liebe Grüße