Mich ändern
Wäre ich doch gegangen, im letzten Jahr, in dem ich so oft aus war, wäre ich doch einfach jedesmal gegangen, wenn mich jemand gelangweilt hat. Hätte ich mir doch nicht gedacht: "Jetzt sei doch nicht so, hör ihnen doch ein bisschen zu, beschäftige dich mit ihnen und ihren Gedanken, sei doch froh, dass sie sich für dich interessieren und sauf sie dir zurecht, wenns denn sein muss."
Sei doch nicht so, sei anders.
Als ich noch bei meinen Eltern leben musste, weil ich ein Kind war, habe ich mich sehr bemüht anders zu sein, denn wäre ich anders, würden sie mich lieben.
Irgendwann kam dann die schmerzhafte und mit viel Hilfe von Alice Miller erarbeitete Erkenntnis, nein, meine Eltern haben mich nicht geliebt, und ich habe sie eigentlich auch nicht geliebt.
Ich sehe mich immer noch dastehen und jedes Gefühl, egal ob es gut oder schlecht war, in mich hineinpressen, ich hab mich so lange gedrückt, bis man mir keines angesehen hat.
Wie toll es doch war, dass ich einen Daumen hatte! Denn den konnte ich mir in den Mund stecken, das beruhigte so schön und niemand konnte mir den wegnehmen, im Gegensatz zum Schnuller. Außer natürlich, der Schneider, den Oma so gerne zitierte, käme - Bauz - bei der Tür herein und schneidet ihn mir ab.
Daumenlutschen musste man also verheimlichen.
Überhaupt gab es viel zu verheimlichen. Deshalb habe ich mir dann auch die Haare am Kopf abrasiert. Damit keiner von meinen Freunden auf die Idee käme mehr von mir zu wollen als Freundschaft. Aber man konnte immerhin "prima" mit mir ausgehen.
Dass ich mich dann auch in einen Mann verliebte, der gerne sagte: "Sag mal, kannst du nicht ein bisschen anders sein?" das war irgendwie klar.
Und ich konnte es auch lange - dünner sein, mich nicht schminken, ordentlicher sein, lustiger sein, nicht so sensibel sein, ich konnte es so lange, bis ich fast an einer Kinderkrankheit gestorben wäre.
Dass mein "grandioser" Plan, als ich wieder ohne Mann wohnte, mein Leben mit ausgehen und Partys zu bereichern, scheiterte, das sieht man an meinem Hier sein.
Ich habe heuer mein erstes Theaterstück insziniert, Regie geführt, gecastet, eingekleidet und statt nachher irgendwie stolz zu sein, habe ich die entstandene Leere mit Alkohol gefüllt.
Also kein Theater mehr für mich? Ja, das bedeutet es wohl.
Auch die Bilder, die ich noch im Kopf habe, werde ich nicht fotografieren, weil ihr recht habt. Die Orte, an denen ich sie machen wollte, sind allesamt zu gefährlich für mich.
Ich freue mich über die körperlichen Veränderungen die nur dadurch, dass ich nicht mehr trinke, stattgefunden haben.
Ich freue mich, dass ich weniger Höhenangst habe.
Ich freue mich, dass ich besser schlafe.
Ich habe vor Freude gesungen, als ich gelesen habe, dass die Gehirnmasse von trockenen Alkoholikern nach 7 Wochen schon um 2 Prozent zunehmen kann.
Ich freue mich über alles was mein Körper wieder gut macht, von den Dingen die ich ihm angetan habe.
Ja, es geht definitiv um mein Leben. Ja, es fällt mir schwer mich von der schönen Scheinwelt, die ich mir parallel zu meinem Leben aufgebaut habe, zu verabschieden. Von der schönen Scheinwelt, die ich schon als Kind gezeichnet habe, nur um dann die Zeichungen wo zu verstecken. Die muss ich loslassen.
Ich habe Angst.
Ich freue mich über mein trockenes Dasein und trozdem habe ich riesengroße Angst davor, dass das was ich ohne all das andere Zeug bin nicht genügt.